Ein schwules „Clockwork Orange“?

„Lutra Lutra“ heißt Matthias Hirths neuer Roman, und Lutra Lutra ist die zoologische Bezeichnung des Fischotters, der 1999 zum Tier des Jahres erkoren wurde. Der Roman spielt tatsächlich in den Jahren 1999 und 2000, hat aber darüber hinaus mit Fischottern wenig zu tun. Mein Titelvorschlag wäre gewesen: „Wie ich zum Arschloch wurde“ – da klingt „Lutra Lutra“ natürlich besser. Matthias Hirth hat ein ungewöhnliches Buch geschrieben, ein sehr dickes Buch von 730 Seiten, ganz gewiss kein Buch für schwache Nerven – und ein Buch, das zum Streiten einlädt. Ein schwules „Clockwork Orange“? weiterlesen

Charles Jackson Roman „Die Niederlage“ und die Rezeption in Amerika

In diesen Tagen erscheint Charles Jacksons Roman „Die Niederlage“ aus dem Jahr 1946 zum ersten Mal auf Deutsch. Es handelt sich dabei um einen der ersten in den USA veröffentlichten Romane, die das Thema „männliche Homosexualität“ in das Zentrum der Handlung stellen. Ich habe deshalb einmal nachgeschaut, wie die amerikanische Literaturwissenschaft diesen Roman behandelt, und das Ergebnis war einigermaßen überraschend. Charles Jackson Roman „Die Niederlage“ und die Rezeption in Amerika weiterlesen

Böhmermann und Mossmann

Warum Pimmel und Eier? Böhmermann spottet über Erdogan, und alles, was ihm einfällt, sind sexuelle Unterstellungen: Ziegenficker, Kinderficker, kleiner Pimmel, trockene Eier. Wenn man den ordinären Wortschatz und die Flüche der europäischen Länder betrachtet, dann findet man ein derart überwältigendes Porno-Repertoire vor allem in Italien und Spanien. In Deutschland hat das keine Tradition. Es gab keine Sexwitze über Kohl, dem man sonst wohl so gut wie alles unterstellt hat; auch nicht über Schmidt und Schröder, und schon gar nicht über Merkel. Ist es ein Entgegenkommen, wenn südländische Potentaten im südlichen Stil beschimpft werden? Damit sie sich heimisch fühlen? Böhmermann und Mossmann weiterlesen

Engel in Amerika revisited

Das Hamburger Thalia Theater bringt mit Tony Kushners „Engel in Amerika“ ein Theaterstück auf die Bühne, das 1993, im Jahr der Erstaufführung, extrem nah am Puls der Zeit war. Im Hamburg war das Stück kurz nach der amerikanischen Erstaufführung am Deutschen Schauspielhaus in der Inszenierung Werner Schroeters zu sehen. Schroeter ist 2010 an den Folgen von Aids gestorben; am Thalia Theater führt Wunderkind Bastian Kraft Regie, der 1993 dreizehn Jahre alt war und den Schrecken von Aids vor Entwicklung der Kombitherapie evtl. aus Schulbüchern kennt (falls die solche Themen behandeln). Warum bringt man dieses Theaterstück nach mehr als zwanzig Jahren noch einmal auf die Bühne? Ich habe es mir angesehen. Engel in Amerika revisited weiterlesen

Rachel Salamander und die Bücher

Der Börsenverein des deutschen Buchhandels hat Rachel Salamander mit der Plakette „Förderin des Buches“ auszgezeichnet. Ich kenne sie (nicht persönlich) eher als Verhinderin: Sie weigerte sich, deutsche Ausgaben zweier israelischer Autoren, die in unserem Verlag erschienen sind, in ihrer auf „jüdische Literatur“ spezialisierten „Literaturhandlung“ anzubieten – schwul und jüdisch ist wohl nicht ihr Ding. Aber manchmal – zumindest im Fall von Yossi Avni („Der Garten der toten Bäume“) und Benny Ziffer („Ziffer und die Seinen“) – kommt große Literatur dabei heraus. Das war ihr scheißegal.

„David Berger ist Volksverhetzer, hat einen kleinen Schwanz und einen IQ wie Knäckebrot.“

Ich habe keine Ahnung, ob das stimmt, aber anscheinend spielt die deutsche Medienlandschaft gerade das Spiel „Verleumde Deinen Nächsten“, und da würde ich gern mitspielen. Die Regeln gehen so: Man denkt sich irgend etwas Skandalöses aus, schreibt darüber in der Huffington Post, die anscheinend keinen der sonst üblichen journalistischen Standards folgt und jeden Mist druckt, und dann fangen erst andere Internetportale, schließlich sogar gedruckte Medien an, den Unsinn aufzugreifen – natürlich, ohne sich in irgend einer Weise mit den aus der Luft gegriffenen Vorwürfen auseinanderzusetzen. „David Berger ist Volksverhetzer, hat einen kleinen Schwanz und einen IQ wie Knäckebrot.“ weiterlesen

Walter Foelske ist tot

Walter Foelske ist am 3. Mai 2015 im Alter von 81 Jahren verstorben. Er leistete einen bedeutenden Beitrag zur deutschen Gegenwartsliteratur, die sich dieser Tatsache jedoch, wie so vieler anderer Dinge auch, leider nicht bewusst ist. Vielleicht wird man seine Schreibweise eines Tages als surrealistischen Realismus bezeichnen. Als er 1997 den ersten Kontakt zu mir aufnahm, formulierte er nur eine Vorbedingung für das Lektorat: „auf keinen Fall irgendein Alltagsgequatsche“. Trotzdem kam Foelske dem Alltag und den quatschenden Menschen so nah wie nur wenige. Walter Foelske ist tot weiterlesen

Agentenpoker um Isherwood: A Single Man –

– und eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme des Hoffmann und Campe Verlags.

Klassiker, auch moderne Klassiker, müssen von Zeit zu Zeit neu übersetzt werden, das steht außer Frage. Im Fall von Isherwoods „Einzelgänger“ wurde nun allerdings eine vorliegende deutsche Ausgabe recht rabiat vom Markt verdrängt, um eine Neuausgabe zu veranstalten, die in vielem Wortgleich zur 9 Jahre älteren Übersetzung ist. Agentenpoker um Isherwood: A Single Man – weiterlesen

Lost in Translation – wie Foucaults Texte durch die deutsche Übersetzung entstellt werden.

Michel Foucaults Schriften liegen in Deutschland zum Teil als sinnloses Kauderwelsch vor, und weder der Suhrkamp Verlag, noch das Feuilleton interessiert sich dafür. Was ich durch Zufall herausfand, habe ich aus Anlass von Foucaults 30. Todestag seinem deutschen Verlag mitgeteilt. Als keine Antwort kam, habe ich die hier folgende Sammlung beliebiger Textstellen der Süddeutschen Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen und der Zeit zugeschickt: keinerlei Antwort. Am 30. September ist der Namenstag des Hl. Hieronymus, des Schutzheiligen der Übersetzer. Wer gute Übersetzungen will, muss schlechte anprangern. Lost in Translation – wie Foucaults Texte durch die deutsche Übersetzung entstellt werden. weiterlesen