Ein Sommertag in der Fischbeker Heide

Leseprobe aus: Olav Meyer-Sievers, „Diffuses Licht“

An einem heißen Sommertag fuhren wir in Richtung Harburg, aber nicht in die ,Berge‘, sondern zur Fischbeker Heide. Eine Landschaft, die ich besonders mochte: kleine, helle Sandwege zwischen dunkelgrünem oder violett blühendem Heidekraut, Kiefern, Birken, Blaubeersträucher, sonnige Täler und schattig bewaldete Hügel. Als ich klein war, vor der Einschulung, fuhren meine Eltern manchmal mit mir hierher, am Wochenende, in unserer grauen Arabella. Meine Mutter setzte sich unter einem Baum auf eine Decke, zündete sich eine Zigarette an und begann zu lesen. Mein Vater durchstreifte mit mir das Gelände, zeigte mir mitten im Wald tiefe, runde Kuhlen und erklärte, dies seien Bombentrichter aus dem Zweiten Weltkrieg. Dann erklommen wir steile Hänge, die mir als Kind endlos hoch erschienen, und kamen auf ein Hochplateau, auf dem Segelflieger starteten. Ich konnte stundenlang zusehen, wie die leichten weißen Flugzeuge von einer Winde hoch in die Luft gezogen wurden, wie dann das Zugseil ausgeklinkt wurde und an einem kleinen Fallschirm zu Boden sank. Besonders mochte ich den Moment, wenn der Motor der Winde verstummte und man nur noch das Geräusch des am Himmel gleitenden Fliegers hörte. Ein Sommertag in der Fischbeker Heide weiterlesen

Rachel Salamander und die Bücher

Der Börsenverein des deutschen Buchhandels hat Rachel Salamander mit der Plakette „Förderin des Buches“ auszgezeichnet. Ich kenne sie (nicht persönlich) eher als Verhinderin: Sie weigerte sich, deutsche Ausgaben zweier israelischer Autoren, die in unserem Verlag erschienen sind, in ihrer auf „jüdische Literatur“ spezialisierten „Literaturhandlung“ anzubieten – schwul und jüdisch ist wohl nicht ihr Ding. Aber manchmal – zumindest im Fall von Yossi Avni („Der Garten der toten Bäume“) und Benny Ziffer („Ziffer und die Seinen“) – kommt große Literatur dabei heraus. Das war ihr scheißegal.

„David Berger ist Volksverhetzer, hat einen kleinen Schwanz und einen IQ wie Knäckebrot.“

Ich habe keine Ahnung, ob das stimmt, aber anscheinend spielt die deutsche Medienlandschaft gerade das Spiel „Verleumde Deinen Nächsten“, und da würde ich gern mitspielen. Die Regeln gehen so: Man denkt sich irgend etwas Skandalöses aus, schreibt darüber in der Huffington Post, die anscheinend keinen der sonst üblichen journalistischen Standards folgt und jeden Mist druckt, und dann fangen erst andere Internetportale, schließlich sogar gedruckte Medien an, den Unsinn aufzugreifen – natürlich, ohne sich in irgend einer Weise mit den aus der Luft gegriffenen Vorwürfen auseinanderzusetzen. „David Berger ist Volksverhetzer, hat einen kleinen Schwanz und einen IQ wie Knäckebrot.“ weiterlesen

Walter Foelske ist tot

Walter Foelske ist am 3. Mai 2015 im Alter von 81 Jahren verstorben. Er leistete einen bedeutenden Beitrag zur deutschen Gegenwartsliteratur, die sich dieser Tatsache jedoch, wie so vieler anderer Dinge auch, leider nicht bewusst ist. Vielleicht wird man seine Schreibweise eines Tages als surrealistischen Realismus bezeichnen. Als er 1997 den ersten Kontakt zu mir aufnahm, formulierte er nur eine Vorbedingung für das Lektorat: „auf keinen Fall irgendein Alltagsgequatsche“. Trotzdem kam Foelske dem Alltag und den quatschenden Menschen so nah wie nur wenige. Walter Foelske ist tot weiterlesen

Agentenpoker um Isherwood: A Single Man –

– und eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme des Hoffmann und Campe Verlags.

Klassiker, auch moderne Klassiker, müssen von Zeit zu Zeit neu übersetzt werden, das steht außer Frage. Im Fall von Isherwoods „Einzelgänger“ wurde nun allerdings eine vorliegende deutsche Ausgabe recht rabiat vom Markt verdrängt, um eine Neuausgabe zu veranstalten, die in vielem Wortgleich zur 9 Jahre älteren Übersetzung ist. Agentenpoker um Isherwood: A Single Man – weiterlesen

Lost in Translation – wie Foucaults Texte durch die deutsche Übersetzung entstellt werden.

Michel Foucaults Schriften liegen in Deutschland zum Teil als sinnloses Kauderwelsch vor, und weder der Suhrkamp Verlag, noch das Feuilleton interessiert sich dafür. Was ich durch Zufall herausfand, habe ich aus Anlass von Foucaults 30. Todestag seinem deutschen Verlag mitgeteilt. Als keine Antwort kam, habe ich die hier folgende Sammlung beliebiger Textstellen der Süddeutschen Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen und der Zeit zugeschickt: keinerlei Antwort. Am 30. September ist der Namenstag des Hl. Hieronymus, des Schutzheiligen der Übersetzer. Wer gute Übersetzungen will, muss schlechte anprangern. Lost in Translation – wie Foucaults Texte durch die deutsche Übersetzung entstellt werden. weiterlesen

„Deutschland von Sinnen“ – das Problem hinter Pirinçcis und Sarrazins Polemiken

„Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“, so lautet die Polemik des Zuwanderers Pirinçci im Untertitel. Er schlägt damit in eine Kerbe, die der aus Thüringen zugewanderte Thilo Sarrazin schon gut vorbereitet hat. Dem schwulen Leser fällt eine verblüffende Parallele auf. Wie hießen doch gleich die drei Teile von Hans Mayers Standardwerk „Außenseiter“: Judith und Dalila, Sodom und Shylock, mit anderen Worten: Frauen, Homosexuelle und (jüdische) Zuwanderer. Im Gegensatz zu Sarrazins und Pirinçcis Geschreibsel ist dieses Buch derzeit nicht lieferbar – Suhrkamp hat wohl andere Sorgen. „Deutschland von Sinnen“ – das Problem hinter Pirinçcis und Sarrazins Polemiken weiterlesen

„Die Rasenden“ – Karin Beiers „Vorzeitsfamilienmordgemälde“

Wie der unvergessene Liedermacher Ulrich Roski so treffend sang, „Selbst der allergrößte Mist/ zahlt sich irgendwann für irgendjemand aus.“ Nachdem ich einen deprimierenden Abend bei Karin Beiers „Rasenden“ im Deutschen Schauspielhaus verbracht habe, gibt mir dieser „allergrößte Mist“ doch immerhin den Vorwand, auf ein wunderbares Buch hinzuweisen, und, wie ich am 18. Januar merken musste, ein höchst prophetisches. „Die Rasenden“ – Karin Beiers „Vorzeitsfamilienmordgemälde“ weiterlesen