„Lolita“ – ein Klassiker wird besichtigt

Moderne Klassiker wie Vladimir Nabokovs Roman „Lolita“ meint jeder irgendwie zu kennen; man hat so oft darüber gelesen oder gesprochen, doch selbst gelesen haben sie nur nur wenige. Ich habe diese Bildungslücke nun geschlossen, und ich muss sagen, ich bin ratlos, was ich davon halten soll. Hätte ich das Buch nur zum eigenen Vergnügen zur Hand genommen, ich hätte es bestimmt nicht zuende gelesen. „Lolita“ – ein Klassiker wird besichtigt weiterlesen

Schublade „homosexuelle Emanzipationsliteratur“

Nach dem großen Erfolg des Romans „Das verlorene Wochenende“ (1944) veröffentlichte Charles Jackson nur zwei Jahre später seinen zweiten Roman. Er hatte dazugelernt: War der Debut-Roman noch thematisch strikt auf die Analyse der Alkoholiker-Psyche ausgerichtet, so nimmt „Die Niederlage“ die Hilflosigkeit der Amerikaner in Geschlechtsdingen ins Visier. Es ist die Rede von erotischer Schwärmerei unter Schülern, rigider Keuschheitserziehung junger Mädchen, die später schwere physische Behinderungen beim Geschlechtsverkehr zur Folge haben, von Macho-Identitäten, die Frauen zu austauschbaren Sex-Automaten erniedrigen, und unterwürfigen Weibchen, die solchen Machos auch noch nachlaufen. Die Liste ließe sich beträchtlich fortsetzen. Doch wenn ein deutscher Rezensent das Buch, das nach 50 Jahren nun endlich auf Deutsch erschienen ist, in die Finger bekommt, landet es in der Schublade „homosexuelle Emanzipationsliteratur“. So z.B. in der heutigen Rezension der FAZ (15.11.16): „Wunsch- und Albtraum“: Schublade „homosexuelle Emanzipationsliteratur“ weiterlesen

Bodo Kirchhoff und die Männer

Da er von der Jury des Dt. Buchpreises 2016 in die engere Wahl der sechs besten Bücher aufgenommen wurde, soll Bodo Kirchhoff auch hier gewürdigt werden. Dazu gibt es nämlich allen Grund: in den finsteren 80er Jahren schrieb Kirchhoff mit „Mexikanische Novelle“ über eine eigenartige Männerbeziehung, und 2007 erschien mit „Eros und Asche“ der Roman einer realen Männerfreundschaft. Bodo Kirchhoff und die Männer weiterlesen

Persönlichkeit versus Powersharing – Der Strukturwandel der Öffentlichkeit geht weiter

In ihrem Aufsatz „Zur Politik der Platzbenennung“ (Invertito 2015, S. 9-47) kritisiert Christiane Leidinger die Überbewertung von Einzelleistungen beim Zustandekommen emanzipatorischer Fortschritte. Statt der Benennung eines Karl-Heinrich-Ulrichs-Platzes zum Beispiel, den mehrere deutsche Städte in den letzten Jahren geschaffen haben, plädiert sie für Benennungen wie „Allee der frühen Homosexuellenemanzipation“ oder „Straße der Abschaffung des § 175“. Damit verlagert sie den Fokus von Taten auf Ereignisse. Persönlichkeit versus Powersharing – Der Strukturwandel der Öffentlichkeit geht weiter weiterlesen

Ein schwules „Clockwork Orange“?

„Lutra Lutra“ heißt Matthias Hirths neuer Roman, und Lutra Lutra ist die zoologische Bezeichnung des Fischotters, der 1999 zum Tier des Jahres erkoren wurde. Der Roman spielt tatsächlich in den Jahren 1999 und 2000, hat aber darüber hinaus mit Fischottern wenig zu tun. Mein Titelvorschlag wäre gewesen: „Wie ich zum Arschloch wurde“ – da klingt „Lutra Lutra“ natürlich besser. Matthias Hirth hat ein ungewöhnliches Buch geschrieben, ein sehr dickes Buch von 730 Seiten, ganz gewiss kein Buch für schwache Nerven – und ein Buch, das zum Streiten einlädt. Ein schwules „Clockwork Orange“? weiterlesen

Charles Jackson Roman „Die Niederlage“ und die Rezeption in Amerika

In diesen Tagen erscheint Charles Jacksons Roman „Die Niederlage“ aus dem Jahr 1946 zum ersten Mal auf Deutsch. Es handelt sich dabei um einen der ersten in den USA veröffentlichten Romane, die das Thema „männliche Homosexualität“ in das Zentrum der Handlung stellen. Ich habe deshalb einmal nachgeschaut, wie die amerikanische Literaturwissenschaft diesen Roman behandelt, und das Ergebnis war einigermaßen überraschend. Charles Jackson Roman „Die Niederlage“ und die Rezeption in Amerika weiterlesen

Böhmermann und Mossmann

Warum Pimmel und Eier? Böhmermann spottet über Erdogan, und alles, was ihm einfällt, sind sexuelle Unterstellungen: Ziegenficker, Kinderficker, kleiner Pimmel, trockene Eier. Wenn man den ordinären Wortschatz und die Flüche der europäischen Länder betrachtet, dann findet man ein derart überwältigendes Porno-Repertoire vor allem in Italien und Spanien. In Deutschland hat das keine Tradition. Es gab keine Sexwitze über Kohl, dem man sonst wohl so gut wie alles unterstellt hat; auch nicht über Schmidt und Schröder, und schon gar nicht über Merkel. Ist es ein Entgegenkommen, wenn südländische Potentaten im südlichen Stil beschimpft werden? Damit sie sich heimisch fühlen? Böhmermann und Mossmann weiterlesen

Engel in Amerika revisited

Das Hamburger Thalia Theater bringt mit Tony Kushners „Engel in Amerika“ ein Theaterstück auf die Bühne, das 1993, im Jahr der Erstaufführung, extrem nah am Puls der Zeit war. Im Hamburg war das Stück kurz nach der amerikanischen Erstaufführung am Deutschen Schauspielhaus in der Inszenierung Werner Schroeters zu sehen. Schroeter ist 2010 an den Folgen von Aids gestorben; am Thalia Theater führt Wunderkind Bastian Kraft Regie, der 1993 dreizehn Jahre alt war und den Schrecken von Aids vor Entwicklung der Kombitherapie evtl. aus Schulbüchern kennt (falls die solche Themen behandeln). Warum bringt man dieses Theaterstück nach mehr als zwanzig Jahren noch einmal auf die Bühne? Ich habe es mir angesehen. Engel in Amerika revisited weiterlesen

Rachel Salamander und die Bücher

Der Börsenverein des deutschen Buchhandels hat Rachel Salamander mit der Plakette „Förderin des Buches“ auszgezeichnet. Ich kenne sie (nicht persönlich) eher als Verhinderin: Sie weigerte sich, deutsche Ausgaben zweier israelischer Autoren, die in unserem Verlag erschienen sind, in ihrer auf „jüdische Literatur“ spezialisierten „Literaturhandlung“ anzubieten – schwul und jüdisch ist wohl nicht ihr Ding. Aber manchmal – zumindest im Fall von Yossi Avni („Der Garten der toten Bäume“) und Benny Ziffer („Ziffer und die Seinen“) – kommt große Literatur dabei heraus. Das war ihr scheißegal.

„David Berger ist Volksverhetzer, hat einen kleinen Schwanz und einen IQ wie Knäckebrot.“

Ich habe keine Ahnung, ob das stimmt, aber anscheinend spielt die deutsche Medienlandschaft gerade das Spiel „Verleumde Deinen Nächsten“, und da würde ich gern mitspielen. Die Regeln gehen so: Man denkt sich irgend etwas Skandalöses aus, schreibt darüber in der Huffington Post, die anscheinend keinen der sonst üblichen journalistischen Standards folgt und jeden Mist druckt, und dann fangen erst andere Internetportale, schließlich sogar gedruckte Medien an, den Unsinn aufzugreifen – natürlich, ohne sich in irgend einer Weise mit den aus der Luft gegriffenen Vorwürfen auseinanderzusetzen. „David Berger ist Volksverhetzer, hat einen kleinen Schwanz und einen IQ wie Knäckebrot.“ weiterlesen