Alle Artikel von Detlef Grumbach

Über Detlef Grumbach

Detlef Grumbach gehört zum Team von Männerschwarm und arbeitet obendrein als freier Kulturjournalist. Schwule Bücher machen, sie "verkaufen" und Literatur insgesamt beobachten - das soll sich hier niederschlagen.

Der kleine schwule Bruder: „Das unwirkliche Leben des Sergej Nabokow“

Berlin, 23. November 1943: Die Royal Air Force fliegt ihre Bombenangriffe auf die Hauptstadt des Deutschen Reichs, das Propagandaministerium arbeitet unverdrossen an Durchhalteparolen und Endsieglügen. In der für die Übersetzungen ins Russische verantwortlichen Abteilung erklärt einer der Mitarbeiter plötzlich, dass „England das zivilisierteste Land der Welt“ sei. Er wird sofort nach Hause geschickt; nachdem seine Wohnung durch Bomben zerstört wurde, taucht er unter. Er fürchtet die Gestapo, war schon 1941 wegen homosexueller Handlungen verurteilt worden und steht deshalb bereits unter Beobachtung. Ihm blieben drei Wochen, bis er entdeckt und verhaftet wird. Am 10. Januar 1945 stirbt er im KZ Neuengamme

Der Mann, dessen Geschichnte hier erzählt wird, ist der 1900 geborene Sergej Nabokow, der jüngere Bruder des berühmten Der kleine schwule Bruder: „Das unwirkliche Leben des Sergej Nabokow“ weiterlesen

Ist Odd Klippenvags Roman „Homosexuellen-Literatur“??

Endlich sagt mal jemand etwas Kluges zur Schublade „Homosexuellen-Literatur“!
„Ist das jetzt ein Buch, was in die typische Homoexuellen-Literatur reingehört?“, fragt der Moderator von NDR Kultur die Kritikerin Annemarie Stoltenberg im Gespräch über Odd Klippenvags Roman „Der Stand der Dinge“. Annemarie Stoltenberg darauf:

„Das finde ich nicht. Im Prinzip ist das einfach eine Liebesgeschichte, wo die beiden Helden Männer sind. Aber es wird schon auch darüber gesprochen, wie schwierig das war, sich dazu zu bekennen, es den Eltern zu sagen. Dann, als Simon, der Ältere, sich verliebt hat in den wesentlich jüngeren Annar, auch dessen Eltern das zu sagen, dass er mit einem Mann zusammen leben wird, dass er keine Familie gründen wird, dass diese Eltern dann keine Enkelkinder bekommen werden. Dass ist aber das Thema: Wie schaffe ich es, ich selber zu sein? Wie kann ich wahrhaftig Ist Odd Klippenvags Roman „Homosexuellen-Literatur“?? weiterlesen

Odd Klippenvag auf die Hotlist

Wird der Roman „Der Stand der Dinge“ auf die Hotlist 2010 gewählt?
Online-Abstimmung bei www.Freitag.de.
Jeder Leser hat eine Stimme.
Wir brauchen jede!

Im letzten Jahr erfanden eine Reihe von kleinen Independent Verlagen als Alternative zum deutschen Buchpreis mit Longlist und Shortlist die Hotlist. Sie reagierten damit darauf, dass beim Buchpreis überwiegend die großen Verlage mit den üblichen verdächtigen AutorInnen präsent waren. Sie wollten Aufmerksamkeit auch mal für Bücher, die im großen Feuilleton und in den marktbeherrschen Ladenketten kaum eine Chance haben.

In diesem Jahr wurde die Hotlist erstmals öffentlich ausgeschrieben. 110 Titel wurden insgesamt eingereicht.
Männerschwarm hat Odd Klippernvags „Der Stand der Dinge“ nominiert.
Alle Infos zum Buch gibt es hier: Der Stand der Dinge

50 % der Hotlist werden von einer unabhängigen Jury ausgewählt, 50 % bestimmen die Leser in einer Online-Abstimmung. Die Abstimmung läuft auf der Website des „Freitags“.
Hier gehts zur Abstimmung: www.freitag.de/hotlist 2010.

Klippernvag findet sich ganz unten in der Rubrik „Internationale Belletristik“.

Wir wünschen unserem Autor viel Erfolg!!!

Schwule Jugendromane in Amerika

Dass es so etwas gibt, stellt heute ganz erstaunt die Süddeutsche Zeitung anhand eines aktuellen Beispiels („Will Grayson, Will Grayson“ von John Green und David Levithan))fest, „genauer: Es hat zwei Protagonisten, die denselben Namen tragen, aber sexuell unterschiedlich orientiert sind.“ Und die SZ wundert sich darüber, dass das Buch sogar Leser findet, einigermaßen erfolgreich ist.

Aber Amerika, da gibt es eben immer alles etwas eher, besser, bemerkenswerter … Schwule Jugendromane in Amerika weiterlesen

Kraussers Kulturkonflikte

Wir hatten hier gelegentlich die Frage aufgeworfen, ob überhaupt und wie Schwule aus der Perspektive der heterosexuellen Literatur und ihres Personals wahrgenommen werden. Alltagserfahrungen, die „wir“ und somit unsere heterosexuellen Gegenüber (in der U-Bahn, beim Einkaufen, auf der Straße) oft machen und aus „unserer“ Perspektive in „unserer“ Literatur auch vorkommen, fehlen ja aus anderen Perspektiven weitgehend. Und der Migrantenszene geht es ähnlich. Wo liest man schon mal was über das ungehobelte Benehmen mancher Jugendclique, die glaubt, die Straße gehöre ihr? (Das ist zwar nicht die Regel, aber es kommt doch vor!)

Jetzt habe ich gerade ein gutes Buch Kraussers Kulturkonflikte weiterlesen

v. Cramm und (!!) Bill Tilden

Der Amerikaner Marshall Jon Fisher hat jetzt die Geschichte, Vorgeschichte und das ganze Drumherum des Davis-Cup-Herren-Einzel-Finale 1937 ausgebreitet. „Ich spiele um mein Leben“ lautet der deutsche Titel, der Untertitel: „Gottfried von Cramm und das beste Tennismatch aller Zeiten“. Während hierzulande – wohl wegen des Marketings – auch durch die Covergestaltung beinahe der Eindruck erweckt wird, es handele sich um eine Biographie von Cramms, rückt der Originaltitel drei Spieler gleichberechtigt ins Zentrum. Cramm, seinen Gegner Don Budge und seinen Freund/Trainer Bill Tilden. Die Verschiebung der Perspektive hat Folgen, die eine Frage aufwerfen.
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von Cramm: Bereits 1934 und 1936 hatte von Cramm die Französischen Meisterschaften gewonnen, 1935, 1936 und 1937 in Wimbledon das Endspiel im Herreneinzel erreicht – und jedes Mal verloren. Seine Frau hatte sich inzwischen scheiden lassen, sein Freund, der jüdische Schauspieler Manasse Herbst v. Cramm und (!!) Bill Tilden weiterlesen

Kinderpornographie bei Männerschwarm?

„Mangels pornografischer Qualität
nicht hinreichend verdächtig“

Eine Amtsrichterin spricht Klartext und brüskiert übereifrige Staatsanwaltschaft

Der Vorwurf, Kinderpornografie herzustellen und zu verbreiten, ist gravierend. Träfe er zu, sollte schnell reagiert werden. Träfe er nicht zu, sollte auch das schnell geklärt werden, um den Betroffenen die Last des Verfahrens abzunehmen. Doch fast anderthalb Jahre arbeiteten der Autor Fabian Kaden („Davids Sommer“, „Leonardos Reise“, „Murats Traum“) und seine Männerschwarm-Verleger unter dem Damoklesschwert eines Strafverfahrens, das immerhin, von der gesellschaftlichen Ächtung einmal zu schweigen, mit einer fünfjährigen Gefängnisstrafe hätte enden können. Und das, obwohl sie sich auch nach gewissenhafter Selbstprüfung keiner Schuld, keines Versäumnisses bewusst waren.

Fabian Kadens Roman „Murats Traum“ erfülle den Straftatbestand der Kinderpornographie, so glaubt ein durch die zumeist undifferenzierte Kinderpornographie bei Männerschwarm? weiterlesen

Staub in der Szene? Etikettenschwindel andersrum

Schwule Themen verkaufen sich schlecht. Das – so bislang mein Eindruck – glauben viele Verlage. Denn immer wieder kommt es vor, dass sie den schwulen Aspekt von Büchern, die sie verlegen, kaschieren, verschweigen, verheimlichen. Anscheinend aus Angst, das Kaufpublikum könne Berührungsangst haben.
Ganz anders jetzt der auf Krimis spezialisierte Grafit-Verlag im Falle von Ernst Solérs Roman „Staub im Schnee“. Prominent weist er in Vorschau und Klappentext auf die „Kontakte zur Zürcher Schwulenszene“ hin, die das prominente Mordopfer habe. Wer das als Hinweis liest, dass es in dem Buch auch nur im Ansatz um diese Kontakte und damit also um die Zürcher Schwulenszene gehen würde, wird aber arg enttäuscht. Staub, Held einer kleinen Serie, ermittelt in der Spielbank Baden-Baden, in der Basler Lotto-Zentrale, in den Zürcher Studiogebäuden des Schweizer Fernsehens und auf dem Dorf. Der schwule Aspekt der Geschichte beschränkt sich auf eine kleine Dreiergeschichte inklusive Eifersucht. Auch dass einer von Staubs Kollegen schwul ist, wird zwar erwähnt, aber einen „schwulen Blick“ auf den Fall und die Zürcher Verhältnisse, geschweige denn eine vielleicht erhellende Konfrontation von „schwulen“ und „heterosexuellen“ Blickwinkeln, bietet der Krimi nicht. Der Fall hat eben auch nichts „Schwules“, das Buch ist durchaus spannende Konfektionsware mit einer Prise rosa Würzmischung …

Max Aue – das Stereotyp vom Schwulen Nazi?

Puh – ich hab Littells Roman „Die Wohlgesinnten“ gelesen. Und viele Fragen – auch Meinungen … Hier aber erstmal nur eins. Erfüllt Protagonist und Ich-Erzähler Max Aue das Stereotyp des „Schwulen Nazis“ – wie Joachim hier behauptet. Ich sage dazu erstmal: „Nein“! Und dann setze ich das Fragezeichen gleich dahinter: ?

Und schreibe das nicht als Kommentar zu Joachims Eintrag – es ist doch wieder etwas ausführlich geworden. :-)

Dass Max Aue keine psychologisch durchgearbeitete Figur ist, hat Joachim schon dargestellt. Ein Entwicklungsroman ist das nicht. Aber was für ein Roman ist es? Was für eine Figur ist Max Aue? Immerhin endet der Prolog mit einem Satz, der einen ähnlichen Absolutheitsanspruch formuliert wie die ganze Faktenhuberei über das Funktionieren des Judenmords.
Er sagt ganz einfach: „Ich bin ein Mensch wie ihr. Hört mal, wenn ich es euch doch sage: Ich bin wie ihr!“

Wenn der Weg der Erkenntnis „literarisch, künstlerisch, ästhetisch“ andere Wege geht als der wissenschaftliche, muss man fragen: Welchen literarischen „Mehrwert“ Max Aue – das Stereotyp vom Schwulen Nazi? weiterlesen

„Zu viel des Guten: Ein Polizist mit schwulem-Coming-out!“

seghers3Jan Seghers heißt eigentlich Matthias Altenburg und zieht sich diesen Namen, wie einmal sagte, nur an, wenn er Krimis schreibt, so wie seine Gummistiefel zur Gartenarbeit. Das sollte den Krimi nicht herabsetzen, sondern zeigen, dass es praktisch ist, in verschiedenen Rollen auch unterschiedlich aufzutreten, inklusive eigener Haltung zu dem, was man da gerade tut.

In seinem neuen,dem dritten Krimi mit Kommissar Marthaler, „Partitur des Todes“, hat nun einer der Polizisten, der so eifrige Petersen, sein Coming-out. Und das wird ihm jetzt angekreidet. Rainer Moritz, Leiter des Hamburger Literaturhauses, „Zu viel des Guten: Ein Polizist mit schwulem-Coming-out!“ weiterlesen