Max Aue – das Stereotyp vom Schwulen Nazi?

Puh – ich hab Littells Roman „Die Wohlgesinnten“ gelesen. Und viele Fragen – auch Meinungen … Hier aber erstmal nur eins. Erfüllt Protagonist und Ich-Erzähler Max Aue das Stereotyp des „Schwulen Nazis“ – wie Joachim hier behauptet. Ich sage dazu erstmal: „Nein“! Und dann setze ich das Fragezeichen gleich dahinter: ?

Und schreibe das nicht als Kommentar zu Joachims Eintrag – es ist doch wieder etwas ausführlich geworden. :-)

Dass Max Aue keine psychologisch durchgearbeitete Figur ist, hat Joachim schon dargestellt. Ein Entwicklungsroman ist das nicht. Aber was für ein Roman ist es? Was für eine Figur ist Max Aue? Immerhin endet der Prolog mit einem Satz, der einen ähnlichen Absolutheitsanspruch formuliert wie die ganze Faktenhuberei über das Funktionieren des Judenmords.
Er sagt ganz einfach: „Ich bin ein Mensch wie ihr. Hört mal, wenn ich es euch doch sage: Ich bin wie ihr!“

Wenn der Weg der Erkenntnis „literarisch, künstlerisch, ästhetisch“ andere Wege geht als der wissenschaftliche, muss man fragen: Welchen literarischen „Mehrwert“ (oder alternativen Wert) hat Littells Roman gegenüber der historischer Fachliteratur mit Blick? (Oder ihm den literarischen Wert einfach absprechen – das ist mir zu einfach!) In Blick auf die Fakten hat er womöglich keinen, aber was dann? Zur Beantwortung dieser Frage muss man Max Aue etwas genauer fassen, obwohl das schwer ist. Vielleicht ist dieses literarische Konstrukt eher fassbar, wenn man es sich im Verhältnis zu anderen, zentralen Figuren anschaut. Ist er wie die? Ist er anders?

Max Aue und Thomas
Thomas Hauser ist so etwas wie Aues „Zwillingsbruder“. Seine Karriere verläuft parallel zu der Aues, wobei Thomas aber die Nase immer etwas vorne hat und Max Aue in zentralen Situationen rettet, rauspaukt, protegiert. Am Ende bringt Max Thomas um.
Ihr erster gemeinsamer Auftrag führt sie nach Paris, wo sie Stimmungsberichte aus der Bevölkerung schreiben sollen. Thomas denkt sich: Was interessiert jetzt Frankreich? Polen ist das Problem! Weil sich die Nazi-Maschinerie auf Polen konzentrieren muss, lügt er die Verhältnisse in Frankreich schön. Max Aue schreibt die Wahrheit. Das Ergebnis: Thomas wird gelobt und befördert, Max gerät ins Abseits.
Da haben wir also den Opportunisten Thomas und den an der Wahrheit interessierten Max (dieses Muster wiederholt sich des öfteren). Für seine Offenheit und Wahrheitsliebe prädestiniert ihn seine gewisse rational-kritische „Ferne“ (er ist in Frankreich aufgewachsen) vom NS-Systems und seine Tätigkeit für den Sicherheitsdienst der SS.
Nachdem Max in Stalingrad einen Kopfdurchschuss überlebt, bezeichnet er das Loch im Kopf als sein „drittes Auge“. Damit schaut man hinter die Dinge. Was sieht er? Thomas, der ihn mal wieder gerettet hat, meint später mal entnervt sinngemäß: Ich dachte wenigstens, das Loch im Kopf hätte dich zur Vernunft gebracht. Hat es aber nicht – nicht im Sinne Thomas‘ Vernunft. Max sieht den Unsinn des „Systems“, die Korruption in den Lagern, die „Verschwendung“ jüdischer Arbeitskraft, die unsinnige Kriegsstrategie, er sieht alles, was zum Untergang führt! Ohne jede moralische Empörung oder gar Protest. Er sieht – ganz nüchtern und absolut systemimmanent – die Unvernunft!
Thomas ist der Hitzkopf, der Ideologe.

Max Aue und seine Zwillingsschwester Una
Bestimmend für viele Dinge in seinem Leben ist die Inzest-Geschichte zwischen Max und Una. Er hat in seinem Leben nur einmal einen Menschen geliebt, sagt er, und meint sie. Ihr hat er ewige Liebe und Treue geschworen. Als sie erwischt werden, werden sie getrennt, kommen beide in Internate. Dort wird er vergewaltigt, dort findet er einen älteren Freund, der ihn „beschützt“. So lernt er schwulen Sex kennen.
Seiner Schwester hatte er ewige Liebe und Treue versprochen. Sie verspricht ihm nichts. Für sie ist alles eine Kinderei – und aus und vorbei. Sie lernt ihren Mann kennen, einen Komponisten, der Nazi ist und trotzdem Zwölftonmusik liebt, und heiratet, …
Übrigens lernt Max Aue Thomas in dem Augenblick kennen, in dem Una ihren Mann kennen lernt.
Max wird homosexuell. Wenn es später an Frauen denkt, weiß er: Es ist nicht die Schwester, die er liebt. Weil er die Schwester nicht wieder bekommen kann, will er „sie“ sein, die ihn nicht liebt. Und alle anderen sollen „er“ sein“, der sie liebt. Sollen ihn also ficken – deshalb hält er den Arsch hin. Das ist sicher eine Menge Küchenpsychologie
Hier finde ich aber erst mal etwas Banales wichtig: Una spricht stets von ihrem „kleinen Bruder“. Damit meint sie nur vordergründig, dass sie ein paar Minuten älter ist als er. Im Kern sagt sie: Für mich war unsere Liebe Kinderkram. Ich bin erwachsen geworden. Du bist ein Kind geblieben.
Im letzten Kapitel reist Max zum Landsitz Unas irgendwo im Osten, sie ist nicht da. Das ist beinahe eine Flucht. Und dort holt ihn – zum Finale – Thomas wieder ein, der ihn ins „Herz der Finsternis“ nach Berlin bringen soll – zum Rapport. Doch daraus wird nichts, daraus wird nur die Flucht vor den Russen, aber auch aus dieser Una-„Vergangenheit“ heraus!

Max Aue und seine Mutter
Das „Kind“ Max hasst seine Mutter. Der Vater hat sich früh aus dem Staub gemacht, die Mutter hatte einen Liebhaber, einen Franzosen auch noch, lässt den Vater für tot erklären und heiratet erneut. Es gibt auch den Verdacht, dass die Mutter sich prostituiert hat, den Vater betrogen hat. Außerdem hat sie Max ins Internat gesteckt, von seiner Schwester getrennt. Für das alles hasst Max seine Mutter, für ihn hat sie den Vater getötet, dafür tötet er später sie und ihren Mann. Er kann sich danach aber an nichts erinnern. Damit sind wir bei Orest und den „Wohlgesinnten“. Der Mord an der Mutter – nebst Rachegöttinnen in Gestalt zweier nervender Polizisten, die ihn unbedingt überführen wollen – verfolgt ihn über alle Widrigkeiten bis zum Schluss, wo alles in Scherben fällt. Bis beide Rächer tot sind. Der eine von den Russen getötet, der andere von Thomas. Dann tötet Max seinen „Freund“ Thomas. Damit – so der Schlusssatz – haben die Wohlgesinnten seine Spur wieder aufgenommen. Nachdem die Polizisten=Racheengel also erledigt sind und er aus seiner Una-Vergangenheit flieht? Was bedeutet das? Ich bin in der griechischen Mythologie leider nicht sattelfest!

Max Aue, der schwule Nazi?
Das Kind, der Sohn, der naiv von unten darauf Blickende, was die oben über ihm treiben, funktionieren, aber mit innerer Distanz. Liegt hier eine Nähe zum „Schelmenroman“, in dem der Held auch neugierig und künstlich „naiv“ von unten auf das Treiben der Mächtigen schaut, durch seine Haltung in allerhand absurde und gefährliche Abenteuer gerät und diese auf sonderbare Weise überlebt?? In dem es auch unterm Strich nicht um individuelle Fragen von Schuld und Sühne, sondern um die überindividuelle Macht der Vergänglichkeit (Kindler über Simplizissimus) geht? Aue ist Nationalsozialist. Was für einer?

Das Buch zeichnet sich dadurch aus, dass immer wieder langwierige Debatten zu politischen, theoretischen Fragen eingeschoben werden. „Schulfunk“ nenne ich das immer. Joachim hat beim Beblättern die Passagen beiseite geschoben, ich finde sie wichtig. Da gibt es Debatten über den richtigen und den falschen Nationalsozialisten. Thomas ist der richtige! Voller Leidenschaft, folgt er nicht nur dem Gesetz, sondern spürt in jedem Augenblick, was der Führer will. Egal, was er tut, auch wenn er sich mal über ein Gesetz hinwegsetzt, kann er deshalb nie das Falsche tun. Max Aue ist alles andere als ein „glühender Nationalsozialist“, ist nicht leidenschaftlich, sondern rational, stellt deshalb auch mal in Frage, was der Führer will. Ob es um Kriegsführung oder Tötung von Juden geht, er sucht den rationalen Kern. Damit stellt er sich in eine gewisse, keineswegs oppositionelle(!), Distanz zu einem ganz wichtigen Aspekt des Systems, zu dem, was einen „glühenden Nationalsozialisten“ ausmacht: der Leidenschaft, der Begeisterung, auch dem Fiesen, Brutalen, Sadistischen. Das alles ist für ihn keine Triebkraft.

Und dieser Max Aue ist schwul. Zu Beginn liest er – Faktenhuberei(!?) – die Dissertation von Rudolf Klare über „Homosexualität und Strafrecht“. Den Auftrag bekommt er als „Wink mit dem Zaunpfahl“ – er soll das mal lesen und sich dann doch bitte entsprechend vorsehen. Er soll die Ideen Klares ernst nehmen. Doch Max Aue: „Ich fand sie eher komisch.“ Und verlustiert sich anschließend im Tiergarten, wird geschnappt und muss seine erste polizeiliche Untersuchung über sich ergehen lassen. Bis Thomas – selbstverständlich – ihn aus der misslichen Lage herauspaukt.
Seine eigenen Ideen von Homosexualität entfaltet Aue in einer „Schulfunk-Passage“, in der sich einem schwulen SS-Mann nähert. Um ihn rumzukriegen, ohne dass es für ihn gefährlich werden kann, will er ihn überzeugen. Erstmal redet er viel über heterosexuelle Kontakte der Soldaten in den besetzten Gebieten und Geschlechtskrankheiten, erläutert also deren Gefährlichkeit. Dann gibt er im „Das Gastmahl“ zu lesen. Schließlich nennt er die Verurteilung der Homosexualität einen „halb verstandenen Nationalsozialismus“, rückt er Homosexuellenfeindlichkeit nahe ans katholische Milieu, und „wenn ich katholisch sage, meine ich jüdisch, jüdische Gesinnung. Richtig verstanden, gibt es nichts in unserer Weltanschauung, was gegen die Männerliebe spricht. Ganz im Gegenteil, und ich kann es dir beweisen.“ Dann folgt Blüher usw.

Ist das das Stereotyp vom Schwulen Nazi, das in dem Zusammenhang auftaucht?? Nicht ganz zumindest. Wenn Homosexualität und Nationalsozialismus in eins gesetzt werden, wird auf die grausamen, sadistischen, fiesen Seiten des Nationalsozialisten hingewiesen, auf seine Bestialität. Ich sage nur Röhm! Erinnere an die „schwulen Nazis“ in der Literatur, egal ob in Ludwig Renns „Vor großen Wandlungen“ oder in Heinrich Bölls „Der Zug war pünktlich“. Das Stereotyp vom fiesen, ja grausamen Nazi ist aber eher Thomas, den Max am Ende umbringt, sind die Leute in den Lagern, die KZ-Häftlingen kein anständiges Essen geben, was er selbst ausdrücklich fordert. Die Fiesen sind Heteros. Max diffamiert Schwules und Effeminiertes, wenn er es an fiesen Nationalsozialisten feststellt. Heydrich, den er in vielen Punkten ablehnt, macht auf ihn einen „verwirrend effeminierten Eindruck, was ihn nur noch unheimlicher wirken ließ.“ Solche Stellen gibt es viele im Buch.

Max Aue ist homosexuell und bringt es in Einklang mit seiner „vernünftigen“ nationalsozialistischen Weltanschauung. Auch liebt er zwischendurch immer wieder jüngere Männer, sogar mal einen jüdischen Klavierspieler, dem er Noten besorgen will. Einmal wird ihm ein sexuelles Verhältnis nachgesagt zu einem Mann (Voss), den er einfach nur sehr nett findet, mit dem er endlos interessante und halbwegs intellektuelle Gespräche führen (was sonst kaum möglich ist) und mit dem er deshalb viel zusammen ist. Auf die Denunziation und die „üble Nachrede“ folgt eine schon Don Quichote’sche Duellgeschichte und die Versetzung nach Stalingrad.

Gegen Ende des Romans taucht immer wieder die Aufforderung auf, er solle heiraten. Wenigstens eine Frau schwängern: Lebensborn. Der Führer braucht Soldaten. Max entzieht sich systematisch, verweigert sich, nimmt dafür Unbill in Kauf.

Kann es sein, dass die Homosexualität ihre literarische Funktion unter anderem darin hat, diesem Max innerhalb des mörderischen NS-Systems ein „Alleinstellungsmerkmal“ zu verleihen, wie es heute so schön heißt. Ihn von den anderen abzuheben, ihm eine Eigenschaft zu verleihen, die ihn dazu in die Lage versetzt, gerade kein „glühender Nationalsozialist“ zu sein. Obwohl er – aber auch wieder ganz „vernünftig“, seine Homosexualität versucht, mit dem NS-System in Einklang zu bringen.
Bis auf ein paar deftige Szenen (das kommt nur den Leuten so viel vor, die sich darauf konzentrieren und sonst eher flüchtig lesen – im Verhältnis zu den gut 1300 Seiten sind es wenige!) und der viel zitierten Stelle, wo er sich mit Sperma im Arsch zur SS gemeldet hat, ist er zwar ein schwuler Nazi, aber so ziemlich das Gegenteil von dem, was das Stereotyp meint. Das sind ganz andere Kaliber!

Max Aue und seine Bezüge zur Mythologie
Nun haben wir noch diese Orest-Geschichte, zu der es tatsächlich viele Parallelen gibt. Aber auch eine Orpheus-Geschichte! Am Ende, im Haus des Schwagers und der Schwester, kurz bevor er von Thomas von dort nach Berlin zurückgeholt werden soll, bevor also seine Flucht aus dem Lebensbereich der Schwester und vor den Russen beginnt, bevor er die bevor die beiden Polizisten sterben müssen und er Thomas umbringt, sagt er: „Ich dachte überhaupt nicht mehr an die Vergangenheit, ich war jetzt überhaupt nicht mehr in der Versuchung, mich nach Eurydike umzudrehen, ich hielt die Augen unverwandt nach vorn gerichtet, auf die unzumutbare Gegenwart, die sich endlos ausdehnte, … und ich wusste mit unverbrüchlichem Vertrauen, dass sie mir folgte, Schritt für Schritt, wie mein Schatten.“
Sie folgt ihm auf der mörderischen Flucht durch Eis und Schnee und russische Linien, auf der er immer noch Zeit hat, ein Buch zu lesen. Ein Buch, das in die Oder fällt und wieder getrocknet wird, das nicht kaputtzukriegen ist, und er liest und liest: Flauberts „Lehrjahre des Gefühls“.

Wenn mir jetzt jemand die Verbindungen des Orest-Bilds mit Orpheus und den Flaubert zeigt, werde ich klüger. Oder ist das alles nur „in die Vollen gegriffen“, zusammengeklaubt, was gerade irgendwo passt, ohne Sinn und Verstand?

Über Detlef Grumbach

Detlef Grumbach gehört zum Team von Männerschwarm und arbeitet obendrein als freier Kulturjournalist. Schwule Bücher machen, sie "verkaufen" und Literatur insgesamt beobachten - das soll sich hier niederschlagen.


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