Die erste „Prairie-Fairy“ der Literaturgeschichte

Der Ire Sebastian Barry hat mit „Days without end“ eine sehr berührende Liebesgeschichte im Wilden Westen geschrieben: Noch als Kinder lernen sich der mädchenhafte Thomas McNulty und der drei Jahre ältere John Cole kennen. In einem gottverlassen Kaff sucht ein Kneipenwirt „saubere Jungs“, und die beiden bewerben sich um die Stelle. Zu ihrer Überraschung werden sie in Mädchenkleider gesteckt, um mit den Bauern zu tanzen und so einen Funken Schönheit in ihr tristes Leben zu bringen. Tatsächlich bleibt es beim Tanzen, die Anwesenheit der jungen Damen verwandelt die rauen Burschen in fast vollendete Gentlemen.

Als sie aus ihren Mädchenkleidern herauswachsen, gehen sie zum Militär und kämpfen gegen die Indianer. Der Autor findet für ihr Zusammenleben unsentimentale und unmissverständliche Worte. Abends gehen sie ins Zelt, „fickten leise und schliefen ein.“ Nach dem Krieg meldet sich der Wirt wieder bei ihnen. Er bietet ihnen an, in seinem Lokal so etwas wie Lebende Bilder aufzuführen, Thomas als bildschöne Frau, John als bildschöner Mann. Das kleine Indianermädchen Winona, das sie zu sich genommen haben, nachdem seine ganze Familie von Soldaten ermordet wurde, tritt als angemalte Negerin auch mit auf. Sie reden ein wenig und singen vielleicht auch ein Lied, und die frauenlosen Siedler schmelzen beim Betrachten dieses Idylls dahin.
Der Bürgerkrieg bricht aus, und ihr alter Major fordert sie auf, wieder zur Truppe zurückzukehren. Es folgen grauenhafte Jahre, die sie zum Skelett abgemagert so gerade überleben. Sie helfen einem Kriegskameraden dabei, seine Farm wieder in Schwung zu bringen, wobei sie sich als Mann und Frau niederlassen und sogar vor einem halbblinden Priester die Ehe schließen. Leider ist das noch nicht das Happy End.
„Days without end“ ist manchmal vielleicht ein wenig zu detailverliebt, aber eine wirklich packende und wie gesagt berührende Lektüre. Harte Kritik verdient der britische Verlag Faber&Faber, der auf dem Klappentext Liebe und Travestie mit keinem Wort erwähnt. Winona, deren Eltern von Thomas‘ und Johns Einheit ermordet wurden, „crosses their path“. Das ist so zynisch, als würde man behaupten, einige unglückliche Juden hatten Eichmanns Weg gekreuzt. Schade, dass der Autor sich gegen diese saublöde Vermarktung nicht zur Wehr gesetzt hat.
Die deutsche Ausgabe soll Wikipedia zufolge 2018 im Steidl Verlag erscheinen.

Ein Gedanke zu „Die erste „Prairie-Fairy“ der Literaturgeschichte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *