Nicht „von dieser Welt“ – James Baldwins Debutroman revisited

James Baldwins Debutroman „Go, tell it on the mountain“ spielt an nur einem Tag und einer Nacht, der Nacht zum Sonntag, in der sich die „heiligen“ Gemeindemitglieder der Kirche der Feuergetauften in ihrer Kirche in Harlem versammeln und auf den Sonntagsgottesdienst einstimmen. Es ist eine schwarze, evangelikale Erweckungskirche, und das heißt: nachdem die Gemeinde sich in einen Trance-Zustand gesungen und geklatscht hat, redet der Prediger seinen Schäfchen mit mächtigen Worten ins Gewissen, bis die reuigen Sünder sich heulend und betend vor dem Altar niederwerfen und ihre Sünden bekennen. Der Sünder durchschreitet in seiner Fantasie ein läuterndes Feuer, wobei er vom Gebet der Gemeinde unterstützt wird. Dann erblickt er das Gesicht Gottes und wird erlöst. Nach diesem Ereignis gehört er zu den Erlösten oder Heiligen und ist „nicht von dieser Welt“. (Worauf mag der deutsche Titel „Von dieser Welt“ anspielen?)

John ist (unehelicher) Sohn der Familie Grimes, die praktizierende Gemeindemitglieder der Kirche der Feuergetauften ist; Johns Stiefvater ist Laienprediger. Wer dieser Kirche nicht angehört, ist ein Sünder, der trinkt, raucht und der Fleischeslust frönt. John hat kein enges Verhältnis zur Kirche, doch er bewundert den 17jährigen Elisha, den Neffen des Pfarrers, der bereits als Lehrer und Prediger für die Gemeinde arbeitet:
„Während des gesamten Unterrichts starrte Joshua zu Elisha hinüber, bewunderte das Timbre seiner Stimme, die viel tiefer und männlicher war als seine eigene, und den schlanken, anmutigen, starken und dunklen Körper im Sonntagsanzug. Er fragte sich, ob er auch einmal so heilig sein würde, wie Elisha es war. Dem Unterricht folgte er dabei kaum, und wenn Elisha ab und zu einhielt und ihm eine Frage stellte, schämte sich John und war verwirrt. Seine Handflächen wurden feucht und sein Herz klopfte wie ein Hammer. Dann lächelte Elisha und wies ihn sanft zurecht, und der Unterricht ging weiter.“ (13)
Deutlicher wird Baldwin nicht, doch es ist offensichtlich, dass der junge John in den etwas älteren Elisha verliebt ist.

Es ist Johns Geburtstag, er ist jetzt 14 Jahre alt, und doch weiß er bereits, dass er ein Sünder ist:
„Er hatte gesündigt. Obwohl die Heiligen, seine Mutter und sein Vater ihn von frühester Jugend davor gewarnt hatten, hatte er mit den Händen gesündigt; eine Sünde begangen, die schwer zu vergeben war. Wenn er daran dachte, wie die anderen Jungs, die älter, größer und stärker waren als er, auf der Schultoilette darum wetteiferten, wer im höchsten Bogen pinkeln konnte, ging etwas in ihm vor, worüber er niemals reden würde.“ (16f)
„Er betrachtete Elisha, einen jungen Mann in der Gnade des Herrn, dem nach der Regel des Melchizedek Macht verliehen war über Tod und Hölle. Der Herr hatte ihn erhoben, umgekehrt, und seine Füße auf den leuchtenden Weg gestellt. Welche Gedanken überkamen ihn, wenn es Nacht wurde und er allein war, wo kein Auge ihn sah und keine Zunge Zeugnis ablegen konnte, außer der Zunge des Herrn, die wie eine Trompete ertönte? Waren seine Gedanken, sein Bett, sein Körper verdorben? Was waren seine Träume?“ (60)

Am Nachmittag seines Geburtstags macht John einen Spaziergang. Er besteigt einen Hügel im Central Park und schaut auf die Skyline von New York. Dort liegt die Welt, die er erobern will, aber er weiß, dass er dann sündig leben wird und das ewige Leben niemals erlangen kann. Abends wischt er die Kirche, und allmählich beginnt die in der Gemeinde übliche Nachtwache. In dieser Nacht widerfährt es John zum ersten Mal, dass er selbst in Ekstase gerät und vor dem Altar die spirituelle Feuertaufe durchlebt. Elisha wacht betend über ihn, während John heulend und stammelnd am Boden liegt, und die Vermutung liegt nahe, dass nur seine Liebe zu Elisha John die Kraft gibt, sich in die Höhle seines zornigen Gottes zu begeben.
„‘Elisha‘, sagt er, ‚was auch aus mir wird, wohin ich auch gehe und was die Menschen über mich reden, denk daran – denk bitte daran -, ich wurde erlöst. Ich bin dort gewesen.‘“ (220)
Und genau dies ist Baldwins eigene Wendung in einer sonst nicht allzu originellen Geschichte: Obwohl er erlöst wurde, ist die Entscheidung, über die er am Nachmittag nachgedacht hat, die Wahl zwischen weltlichem Glück und ewigem Leben, noch längst nicht gefallen. John setzt bis auf weiteres seine Gratwanderung fort und hält am Glauben fest, obwohl er dessen Anforderungen nicht erfüllen kann.

„Go, tell it on the mountain“ ist ein Roman über protestantische Fundamentalisten in den 1950er Jahren, über Glaubenseiferer, deren Nöte und deren Grausamkeiten sich und anderen gegenüber. Die Hautfarbe ist hier nur von sekundärer Bedeutung, Rassengegensätze scheinen allenfalls am Rand auf. Dass die als Sklaven in die USA verbrachten Schwarzen sich als derart anfällig für diese menschenverachtende Ideologie erwiesen, ist ein tragischer Zufall. Literarisch zeigt Baldwin bereits in diesem Debut seine große Kraft und ein Ausmaß an Anschaulichkeit, das Bewunderung verdient. Weshalb die Neuauflage dieses Buches die Feuilletons des Jahres 2018 jedoch derart in Erregung versetzt hat, ist schwer zu begreifen. Der europäische Leser kommt aus dem Kopfschütteln nicht heraus und ist froh, dass die Neue Welt rechtzeitig entdeckt wurde, um uns diese Leute vom Leib zu halten. Die Neuauflage beschert allenfalls insofern ein Aha-Erlebnis, als den heutigen islamistischen Fundamentalisten eine Kontrollgruppe gegenübergestellt wird, die sich gewaschen hat.

Der Verlag hat die Journalistin Verena Lueken um ein Vorwort gebeten, das sehr werblich daherkommt und das eine und andere zu Baldwin, jedoch recht wenig zu diesem Roman sagt. Lueken betont die große Bedeutung der Sprache für Baldwins Erfolg, weshalb es umso erstaunlicher ist, dass die wörtliche Rede, die bei Baldwin in grammatikalisch entstellter Umgangssprache verfasst ist, im deutschen Text in Durchschnittsdeutsch geglättet wurde – aus Niggern in Harlem werden so Kleinbürger in Barmbek. Und das breit angelegte Sittenbild des schwarzen Glaubenswahns in Harlem, das nur knapp die Hälfte seines Umfangs dem Schicksal des jungen John widmet, wird im Klappentext als eine Art Coming-of-Age-Roman verkauft: „Als am Tag von Johns vierzehntem Geburtstag sein Bruder Roy von Messerstichen schwer verletzt nach Hause kommt, wagt John einen mutigen Schritt, der nicht nur sein eigenes Leben verändern wird.“ Wer das geschrieben hat, hat zwar den Roman nicht gelesen, aber offenbar viel dazu beigetragen, ihn geschickt zu vermarkten. Ich hoffe, Übersetzerin Miriam Mandelkow ist nachts nicht schreiend aufgewacht aus Angst vor der Rache Gottes – dafür, 220 Seiten evangelikale Gehirnwäsche ertragen zu haben, verdient sie Sonderurlaub in Las Vegas oder den Sündenpfuhlen Asiens.

PS: 15 Jahre nach Baldwin beschreibt ein anderer amerikanischer Schriftsteller ein ganz anderes Erweckungserlebnis: In Richard Amorys „Song of the Loon“/ „Lied des Sterntauchers“ flieht der Trapper Ephraim vor dem schwulenfeindlichen Prediger Montgomery ins Indianergebiet, und am Ende seiner Reise schickt ihn ein Schamane auf die Visionssuche. Diese Suche gipfelt in der Begegnung mit dem Prediger innerhalb der Vision: Ein Baum im Wald erschießt ihn, und sowohl Ephraim wie Montgomery sind erlöst. Der Schamane erklärt ihm: „Für dich ist Montgomery tot. Er hat keine Bedeutung mehr. Auch sein altes Selbst ist tot, erschossen und getötet vom Geist der Kiefer. Er wurde neu geboren. Du wirst ihm begegnen und es erkennen.“ Auch Baldwins John wünscht sich, seinen predigenden Stiefvater zu töten, doch leider hatte er nur Christen, und keine Schamanen zu Verbündeten.

(Baldwin-Zitate nach der Ausgabe Dell Publ., New York 1965)

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