Kategorie-Archiv: Schwule Klassiker

Von Herman Bang bis Hubert Fichte

Herman Bang – ein schwuler Autor ist erst noch zu entdecken

Am 20. April ist der 150ste Geburtstag des dänischen Autors Herman Bang

Bang„Die Isoliertheit der Kreatur, die Vergeblichkeit des Gefühls“, so Klaus Mann: „Bang hat kein anderes Thema.“ Sein Vater Thomas schreibt, er fühle sich Herman Bang „tief verwandt“, erklärt später, er habe „alles gelesen und viel gelernt“. Die Bewunderung Klaus Manns, die Nähe des Vaters zu Herman Bang, haben neben literarischer Wertschätzung eine tiefe, biographische Ursache: ihre Homosexualität. Bang hat aber – anders als Thomas Mann – seine Homosexualität nie kaschiert, wird auch mit Oscar Wilde in einem Atemzug genannt, machte Skandal. Dafür musste er zahlen. Er wurde als „Fräulein Hermine Bang“ verspottet, in einer Weise öffentlich angeprangert, dass er sogar das Land verlassen musste. In seinen Büchern taucht Homosexualität indessen nur in zartesten Andeutungen auf – in der Art, wie in „Das graue Haus“ ein junger Mann mit seinem „armenischen Diener“ umgeht, wie im selben Roman ein „schlanker Diener“ gezeichnet wird, wie in der Erzählung „Sommerfreuden“ ein Herr Verner mit seinem Begleiter auftaucht, der stets der „Gebräunte“ genannt Herman Bang – ein schwuler Autor ist erst noch zu entdecken weiterlesen

Hubert Fichte – „abgewickelt“

70. Geburtstag im März 2005, 20. Todestag im März 2006: Hörbücher mit Fichte-Texten erscheinen zum ersten Mal, Nachgelassenes wird veröffentlicht, die Geschichte der Empfindlichkeit endlich abgeschlossen, eine Fülle von Sekundärliteratur… Fast schien es so, als erlebte der schwule Hamburger Autor – wenn auch als Beat-Poet missverstanden – ein kleines Comeback.

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Traurige Erinnerung an Joseph Hansen

Gestern jährte sich zum zweiten Mal der Todestag des US-amerikanischen Autors Joseph Hansen. Das alleine stimmt mich schon traurig. Traurig finde ich allerdings auch, wie sich Ungenauigkeiten Fehler in seiner Biografie weiter durch die Berichterstattung schleichen. So musste ich gestern bei den Alligatorpapieren lesen:

„Der Verfasser von knapp 30 Romanen, Dutzenden von Storys und zahllosen Gedichten lebte bis zu seinem Tod mit seiner Gefährtin in einer kleinen Kate nahe Los Angeles.“

Den gleichen Wortlaut findet man auch in der Biografie beim Argument-Verlag, der die Neuauflage von Hansens Brandstetter-Romanen betreut, bislang allerdings nur sechs der insgesamt zwölf veröffentlicht hat.

Obwohl ich Argument schon einmal darauf hingewiesen habe, steht dort leider immer noch, dass Joseph Hansen bis zu seinem Tod mit seiner „Gefährtin“ in einer kleinen Kate bei Los Angles lebte. Das ist schlichtweg falsch.

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Joseph Breitbachs Gärtnerjunge: Ein bisschen bi – oder nicht doch stockschwul?

Breitbach Dasseldorf Joseph Breitbach kennen viele wegen des spektakulären Auftritts des „Joseph-Breitbach-Preises“ im Jahr 1998, der dem Literaturbetrieb wohl sagen wollte: Was ist schon der Büchner-Preis? Wir zahlen mehr!
Breitbach gelesen haben wenige. In einer Neuausgabe mit Materialienband lieferbar ist jetzt „Die Wandlung der Susanne Dasseldorf“. Der Roman handelt von einem Jahr in Koblenz unter amerikanischer Besatzung nach dem Ersten Weltkrieg. Es geht um Interessen der Franzosen und Amerikaner im Nachkriegseuropa, um die soziale Situation der Reichen und der proletarischen Schichten, um „Einquartierungen“, Fraternisierung und Schwarzmarkt und das ständige gegenseitige Belauern der Leute unter diesen Verhältnissen und um einem schwulen Gärtnerjungen Joseph Breitbachs Gärtnerjunge: Ein bisschen bi – oder nicht doch stockschwul? weiterlesen

Literatur-Cruising in München: Auf den Spuren der Manns

Für den bildungsbürgerlichen Schwulen gehört diese Adresse gewissermaßen zum Pflichtprogramm einer München-Sightseeing-Tour: Poschinger Straße 1, inzwischen nach seinem berühmten Bewohner umbenannt in Thomas-Mann-Allee. Hier, dicht an den Isarauen, hatte sich Mann für seine junge Familie 1913/14 eine Villa bauen lassen. Die Kinder Elisabeth und Michael kamen hier zur Welt; hier entstanden der „Zauberberg“ und die beiden ersten „Joseph“-Romane. Und 1929 ereilte Thomas Mann hier die Mitteilung, dass ihm der Nobelpreis für Literatur zugesprochen worden war.

Haus
In der Nachbarschaft wohnte die Familie Hallgarten, in dessen Sohn Ricki sich Klaus Mann verliebte. Und um die Ecke lebten die Wedekinds, mit deren Tochter Pamela sich Klaus als 18-Jähriger verloben sollte. Bis zur Emigration 1933 war diese Villa das Heim der Manns. Danach erlebte die Immobilie eine wechselhafte Geschichte und wurde etwa von Heinrich Himmlers Rasseorganisation „Lebensborn genutzt. US-Amerikanische Fliegerbomben machten das Haus 1994 schließlich unbewohnbar.
Haus 1925

Ein Förderkreis regte gemeinsam mit Manns jüngster Tochter Elisabeth Mann-Borgese an, auf dem Grundstück eine Gedenkstätte für den berühmten Schriftsteller zu einzurichten. Doch der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) hielt nicht viel von einem „künstlichen Ersatz“ für die einstige Villa. Alexander Dibelius, Deutschland-Chef einer amerikanischen. Investmentbank, hielt von solchen Bedenken nichts. Literatur-Cruising in München: Auf den Spuren der Manns weiterlesen

Buchmesse-Nachlese – Fred Kroll über Klaus Mann

Noch bin ich etwas erschöpft von der Messe – die Nachlese wird hier in den nächsten Tagen Häppchenweise kommen.
Nur soviel ganz kurz heute: Es gibt ein Literaturcafe, dass als Messe-Podcast wunderbare Interviews von der Messe hörbar ins Haus bringt. Bei Männerschwarm am Stand wurde Fred Kroll interviewt.

Fred Kroll auf der Buchmesse
Er und vieles andere, vor allem aber „Jenseits der Nische“, unter

Literatur-Cafe.de

und da zum Buchmesse-Podcast und etwas Scrollen.
Hört sich gut an.

Karl May revisited

Im Antiquariat habe ich gerade „Weihnachten im Wilden Westen“ von Karl May wiederentdeckt, ein zu Unrecht viel zu unbekanntes Werk des großen deutschen Volksschriftstellers, und damit wurden unglaubliche Erinnerungen wach: Wie ich im zarten Alter von 10 Jahren die Grundschule verließ und Frl. Godejohann, meine Klassenlehrerin, mir zum Abschied dieses Buch geschenkt hat. Damals fand ich das blöd und hätte viel lieber den „Ölprinz“ oder „Durchs wilde Kurdistan“ gelesen, aber als ich es dann Jahre später wieder las, war das ganz anders. Von der Germanistik als „Höhepunkt der Trivialliteratur des 19. Jhdts.“ klassifiziert, kann man an diesem Werk lernen, wie effektiv sich falsche Gefühle in der Literatur vermarkten lassen. Man stelle sich vor: ich habe Tränen geweint, obwohl mir völlig klar war, dass gerade die Verlogenheit des Schreibens diese Gefühle auslöste. Karl May revisited weiterlesen