Alle Artikel von Axel Schock

„Anderes Ufer, andere Sitten“ – eine „Sendung mit der Maus“ über Schwule und Lesben zum Lesen

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Schwule und Lesben sind bekanntlich in der Mitte der Gesellschaft angelangt. So liegt’s denn nahe, dass die Buchpremiere Ariane und Björn Grundies‘ „Gebrauchsanleitung“ zum Umgang mit Homosexuellen just an einem Platz stattfand, der mittiger nicht sein kann. Der Münzsalon ist ein typischer Berlin-Mitte-Club. Members only, unweit der Hackeschen Höfe, schick und trendy. Der Saal ist voll, allesamt geladene Gäste, die alle auch sehr nach Mitte-People ausschauen.

Das Geschwisterpaar Grundies (sie diplomierte Absolventin des Deutschen Literaturinstituts Leipzig und Autorin u. a. des Romans „Am Ende ich“), er bis 2003 Ensemblemitglied des Hamburger Thalia-Theaters und nun bei Film und Fernsehen – „Alphateam“ zuhause) lesen einige Häppchen aus ihrem Häppchen-Werk: Wie Schwule und Lesben sich erkennen. Ob man Homosexualität heilen kann. Was der Unterschied zwischen einer tunte und einer Transe ist. Wie man sich als Hetero in einer Homobar verhält.

Die Geschwister Grundies spielen mit Klischees, entlarven sie bisweilen, zementieren sie aber auch und nicht immer ist man sich als PC-Polizei so genau sicher, ob der gemeine also unwissende Hetero die mitschwingende Ironie auch zu erkennen weiß oder alles für bare Münze nimmt, weil’s ja nun aus der Feder bekennender Betroffener stammt. Das ist alles locker-flockig geschrieben und mit einigem Witz. Die Menschen im Münzsalon lachen allenthalben laut auf. Heteros eher zaghafter wie mir scheint. Die anwesenden Lesben scheinen sich wesentlich herzhafter über die Selbsterkenntnis bzw. Darstellung homosexueller Lebensweisen amüsieren zu können. Was man an diesem Abend nicht sieht, ist die schöne Gestaltung dieser „Gebrauchsanleitung“ durch den Grafiker Daniel Müller, der das Bändchen im Retrolook eines 50er-Jahre-Benimm-Buches mit Illustrationen versehen hat.

Ariane und Björn Grundies: „Anderes Ufer, andere Sitten. Eine Gebrauchsanleitung“ (Deuticke im Zsolnay Verlag, 192 S., 15,90 Euro)

Vergangenes und zu Erwartendes von Max Goldt

Kürzlich im Berliner Ensemble, wo sich, wie alle paar Monate aufs neue, sich auch nun die Fangemeinde von Max Goldt versammelte, um der märchenonkelhaften Stimme des Meisters zu lauschen. Ein Lesepult, von vier, nicht gerade dezenten Scheinwerfern (von dem einer während der Lesung auch noch knallend den Geist aufgab) in sanftes Licht getaucht.
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Hier saß der inzwischen auch etwas feister gewordene Max Goldt und las, zwischendurch immer wieder große Schlucke Wasser trinkend, vor allem neuere Texte – Vorboten seines für Mitte März angekündigten Kolumnenbandes „QQ“. Goldt ist ein Pfennigfuchser – oder einfach nur sparsam und umweltbewußt. Nur so läßt sich erklären, warum er seine Texte auf irgendwelchen Fehlkopien und anderem Altpapier ausgedruckt hat. Als Zuschauer ist man ständig versucht zu erkennen, was sich auf der Rückseite seiner Zettel befindet. Irgendwelche großformatigen Lettern, chinesische Schriftzeichen, Tabellen und Bildchen. Vergangenes und zu Erwartendes von Max Goldt weiterlesen

Geschichten, die das Leben schreibt

Ob Schwule die spannenderen Dinge erleben? Oder haben sie einfach nur den Mut, all ihre Peinlichkeiten öffentlich auszusprechen? David Sedaris etwa hat es vorgemacht und Buch um Buch bestsellertauglich seine komplette Biografie wohldosiert in Kurzgeschichten zum Besten gegeben.

_burroughs-2006.jpgAugusten Burroughs hat für den Anfang erst einmal seine reichlich verkorkste Kindheit hingeklotzt. „Krass!“ wurde mittlerweile sogar in China und Japan veröffentlicht und inzwischen verfilmt. Diesen Monat kommt „Running with Scissors“, produziert von Brad Pitt und u. a. mit Annette Bening, Alec Baldwin, Joseph Fiennes und Gwyneth Paltrow in den Hauptrollen, in unsere Kinos.

Wirklich gelungen ist die Leinwandadaption von Ryan Murphy (Erfinder der TV-Serie „Nip/Tuc“) allerdings nicht. runn
Zu sehr zerfällt sie in bizarre Episoden, ohne einen durchgängigen Ton oder ein wirkliches Zentrum zu entwickeln. Vor allem aber geht der spezielle, über das eigentlich Schreckliche triumphierende Humor verloren und weicht einer eher lähmenden Melancholie.
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Anabolika-haltige Literatur

Dass dieser Roman ausgerechnet ein Zitat aus Mary Shelleys „Frankenstein“ voranstellt, mag auf den ersten Blick überraschen. Am Ende der Lektüre aber angekommen, wird sich diese Analogie geradezu aufdrängen. Denn wie in „Frankenstein“ wird auch in „Der Fremde in mir“ mit großem Aufwand Menschenmaterial zu einem höheren Zweck geformt – und mutiert letztlich doch zu einem Monster. Im Falle des dritten Romans des Berliner Autors Markus Dullin wird mittels Hanteln und Anabolika aus dem Ich-Erzähler Franz ein Muskelberg und Bodybuilding-Champion. Das hässliche Entlein verwandelt sich in den allseits begehrten Hunk.

dullincoverWenn sich Vergangenheit und Gegenwart eingeholt haben, entlädt sich die Spannung schließlich im Vollzug eines perfiden Racheplans.
„Der Fremde in mir“ ist aber erst in zweiter Linie ein Psychokrimi; im Vordergrund steht für Dullin zweifellos die auf verschiedenen Ebenen diskutierte Auseinandersetzung mit dem Traum von ewiger Jugend und Körperkult. Was passiert, wenn sich Identität allein über – körperliche – Äußerlichkeiten definiert? Was heißt es, wenn das Selbstwertgefühl sich ausschließlich über de Umfang des Bizeps speist? dullin Dullin ist dabei keineswegs moralisierend, liefert aber jede Menge kritische Anmerkungen für dieses, gerade die schwule Welt so prägenden Phänomene, ohne dabei den Erzählfluss ins Stocken geraten zu lassen.

Literatur-Cruising in München: Auf den Spuren der Manns

Für den bildungsbürgerlichen Schwulen gehört diese Adresse gewissermaßen zum Pflichtprogramm einer München-Sightseeing-Tour: Poschinger Straße 1, inzwischen nach seinem berühmten Bewohner umbenannt in Thomas-Mann-Allee. Hier, dicht an den Isarauen, hatte sich Mann für seine junge Familie 1913/14 eine Villa bauen lassen. Die Kinder Elisabeth und Michael kamen hier zur Welt; hier entstanden der „Zauberberg“ und die beiden ersten „Joseph“-Romane. Und 1929 ereilte Thomas Mann hier die Mitteilung, dass ihm der Nobelpreis für Literatur zugesprochen worden war.

Haus
In der Nachbarschaft wohnte die Familie Hallgarten, in dessen Sohn Ricki sich Klaus Mann verliebte. Und um die Ecke lebten die Wedekinds, mit deren Tochter Pamela sich Klaus als 18-Jähriger verloben sollte. Bis zur Emigration 1933 war diese Villa das Heim der Manns. Danach erlebte die Immobilie eine wechselhafte Geschichte und wurde etwa von Heinrich Himmlers Rasseorganisation „Lebensborn genutzt. US-Amerikanische Fliegerbomben machten das Haus 1994 schließlich unbewohnbar.
Haus 1925

Ein Förderkreis regte gemeinsam mit Manns jüngster Tochter Elisabeth Mann-Borgese an, auf dem Grundstück eine Gedenkstätte für den berühmten Schriftsteller zu einzurichten. Doch der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) hielt nicht viel von einem „künstlichen Ersatz“ für die einstige Villa. Alexander Dibelius, Deutschland-Chef einer amerikanischen. Investmentbank, hielt von solchen Bedenken nichts. Literatur-Cruising in München: Auf den Spuren der Manns weiterlesen

Scham und Schande – Auch Buchcover können beleidigend sein

Wer sich beruflich mit schwuler Literatur beschäftigt, liest ja nicht immer nur zum Vergnügen. Man möchte schließlich ein wenig den Überblick behalten und auch mal über den Tellerrand des persönlichen Lesegeschmacks hinausschauen. uch Und so findet man sich plötzlich mit gutem Vorsatz und so genannter Unterhaltungslektüre in der Hand wieder. Das lässt sich schnell mal im Bus oder in der U-Bahn weglesen. Die Pflicht ist erfüllt, die Weiterbildungsmaßnahe absolviert und man hat nicht mal zuviel Zeit verschwendet. Denkt man.
Dann aber sitzt man da in aller Öffentlichkeit und schämt sich. Nicht wegen der schlechten Prosa. Da kriegen die anderen Passagiere glücklicherweise nicht mit. Aber wegen der Cover.
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Eitelkeiten – F.J. Raddatz vs. Philipp Tingler

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Keine Angst, auch wenn das Bändchen „Mein Sylt“ betitelt ist: Fritz J. Raddatz hat nicht die ganze Insel gekauft. Nur ein kleines Fleckchen ,2 Meter auf 80 Zentimeter. Da möchte dereinst der Feuilletonist und Ex-„Zeit“-Redakteur die ewige Ruhe finden. Wie er sich an den örtlichen Pfarrer ranschmeißt, um als Nicht-Syltianer dennoch einen der raren Begräbnisplätze auf der Insel zu bekommen, erscheint mir sehr Raddatz-typisch. Vor allem, weil er selbst hier am Ende alles Irdischen und kurz vor Ende des Buches nicht umhin kann, noch einmal vorzuführen. wie bedeutsam er doch ist: Angesichts seiner letzten Ruhestätte (natürlich „mit Wattblick“) zieht ihm im Geiste eine Trauergemeinde vorbei, all

„die Hunderte(n) von Künstlern … die ich in meinem Leben bewirtet hatte, lauter schluchzende Günter Grass und Susan Sontag, Paul Wunderlich und Alberto Moravia, Hubert Fichte, Henry Miller, Jean-Paul Sartre oder Margret Atwood neben Stefan Heym und Stephan Hermlin.“

Wenig verwunderlich, dass man sich angesichts dieses Namedroppings unangenehm an Raddatz‘ Autobiografie „Unruhestifter“ erinnert fühlt. Philipp Tingler erklärt uns, Eitelkeiten – F.J. Raddatz vs. Philipp Tingler weiterlesen