Traurige Erinnerung an Joseph Hansen

Gestern jährte sich zum zweiten Mal der Todestag des US-amerikanischen Autors Joseph Hansen. Das alleine stimmt mich schon traurig. Traurig finde ich allerdings auch, wie sich Ungenauigkeiten Fehler in seiner Biografie weiter durch die Berichterstattung schleichen. So musste ich gestern bei den Alligatorpapieren lesen:

„Der Verfasser von knapp 30 Romanen, Dutzenden von Storys und zahllosen Gedichten lebte bis zu seinem Tod mit seiner Gefährtin in einer kleinen Kate nahe Los Angeles.“

Den gleichen Wortlaut findet man auch in der Biografie beim Argument-Verlag, der die Neuauflage von Hansens Brandstetter-Romanen betreut, bislang allerdings nur sechs der insgesamt zwölf veröffentlicht hat.

Obwohl ich Argument schon einmal darauf hingewiesen habe, steht dort leider immer noch, dass Joseph Hansen bis zu seinem Tod mit seiner „Gefährtin“ in einer kleinen Kate bei Los Angles lebte. Das ist schlichtweg falsch.

Hansens Ehefrau Jane starb bereits 1994. Im Jahr davor wurde bei Joseph eine Krebserkrankung diagnostiziert und durch ein Erdbeben im Jahr 1994 verlor Hansen sein Hab und Gut. Nach dem Tod seiner Frau zog er zunächst nach San Diego, seit 1995 lebte er dann bei Freunden in Laguna Beach. Auch die „kleine Kate“ klingt romantischer, als es die wirklichen Umstände waren. Hansen war auf die Hilfe seiner Freunde und Nachbarn angewiesen, denn seine Romane brachten ihm kaum noch Geld ein. Er war verarmt und gesundheitlich angeschlagen.

Zum Beleg hier ein Auszug aus einer E-Mail von Joseph Hansen, die er mir im Juli 2003, kurz vor seinem 80. Geburtstag, schickte:

The Missing Years

Dear Ludger–

Thanks for writing to me. It’s true, my 80th birthday comes this Saturday, but it is not going to be a big event. Very quiet. But thank you for remembering.

(…)

After I wrote the autobiography for „Contemporary Authors“, I wrote „Living Upstairs“. And I had begun work on „The Cutbank Path“, when I got sick. In March of 1993 I had surgery to remove bladder stones. In the process, cancer was discovered. So I went back into hospital in July to have my prostate removed. And while I was recovering, Jane was felled by a major stroke. She went into hospital as I was leaving, and though she lived another 14 months, she never returned home again. During that time, a strong earth-quake shook our house off its foundations. We had
lived there for almost forty years. After Jane died, I sold the old place and moved to San Diego at the invitation of my niece, whose father, my brother Bob, had died about the same time as Jane. But this plan did not work out, and soon I moved again, to Laguna Beach.
That was in October 1995. Old friends of mine from school days lived here, and I settled in. But post traumatic shock syndrome kept me from writing until Martin Greenberg wrote asking me for a story for an anthology he was editing and I decided that if I promised Marty to write it, I would force myself to keep my word. That’s how it emerged. I tried and failed, tried and failed
again, but at last with the deadline approaching, I finished „Widower’s Walk.“ After that I wrote other stories, but worked little on „The Cutbank Path“, until three years ago when I fell and broke my back and was hospitalized for a month: this determined me to finish the novel once I was able to sit at the computer again. So that’s the story. Of course I’ve told it too biskly here.
And left out a lot of details. Still, that’s the chronology.

Mich macht das nicht nur traurig, eigentlich ärgert es mich. Jane war eben nicht seine „Gefährtin“, die beiden waren verheiratet und haben eine gemeinsame Tochter. Joseph hat unter dem Tod seiner Frau sehr gelitten und obwohl er schwul war, hat er sie sehr geliebt. Auch die „kleine Kate“ klingt nach Künstlerromantik, die es in den letzten Lebensjahren von Joseph nicht gegeben hat. Trotz der Armut, trotz einiger Hoffnungen auf den Verkauf von Film- und Fernsehrechten, die sich dann doch zerschlagen haben, trotz seiner angeschlagenen Gesundheit, hat Jospeh Hansen bis zum Schluss für seine Ideen gekämpft und verschiedene Buchprojekte, Kurzgeschichten und Essays geschrieben.

Eigentlich erwarte ich von einem Verlag, der sich zu Recht darüber freut, die deutschen Lizenzen an den Brandstetter-Romanen zu halten, mehr Sorgfalt, Respekt und Ehrlichkeit. So schrieben Tjark Kunstreich und Else Laudan im Nachwort zum ersten Brandstetter-Roman „Fade Out“ (2000 bei Argument erschienen):

„Die Rechte für dieses Projekt (Anm.: Gemeint ist die komplette Neuausgabe der Dave-Brandstetter-Reihe) zu erhalten war ein fast berauschendes Gefühl. So würde sich wohl ein feines, aber kleines unabhängiges Plattenlabel fühlen, wenn es die Ehre hätte, das Gesamtwerk David Bowies herauszubringen, nachdem dies jahrelang vergriffen war.“

Das diese Neuausgabe nun bei Band 6 („Nachtarbeit“) stockt, ist das eine. Der Argument-Verlag hat sich wirklich bemüht, diese Reihe fortzusetzen, obwohl sich die Romane vermutlich nicht so gut verkaufen.

Was allerdings den Umgang mit der Biografie von Joseph Hansens betrifft, kommen doch Zweifel auf. Ist es Zeitmangel? Wohl kaum, denn einen inhaltlich falschen Absatz auf der verlagseigenen Internetseite zu korrigieren, dürfte nicht soviel Zeit in Anspruch nehmen. Die Fakten lassen sich zum Beispiel hier nachlesen. Sie basieren unter anderem auf einem längeren E-Mail-Wechsel zwischen Hansen und mir. Oder soll hier etwas „geschönt“ werden? Ein schwuler Autor, der über vier Jahrzehnte mit einer Frau verheiratet war, der eine Tochter hat, der in bitterer Armut starb, ist vielleicht für schwule Leser nicht so attraktiv, wie ein Künstler, der in einer „kleinen Kate“ zusammen mit einer „Gefährtin“ lebte.


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