Hubert Fichte – „abgewickelt“

70. Geburtstag im März 2005, 20. Todestag im März 2006: Hörbücher mit Fichte-Texten erscheinen zum ersten Mal, Nachgelassenes wird veröffentlicht, die Geschichte der Empfindlichkeit endlich abgeschlossen, eine Fülle von Sekundärliteratur… Fast schien es so, als erlebte der schwule Hamburger Autor – wenn auch als Beat-Poet missverstanden – ein kleines Comeback.

Pustekuchen!

Im März 2006 begann der Fischer Verlag mit der Veröffentlichung der Geschichte der Empfindlichkeit im Taschenbuch; „Eine glückliche Liebe“ und der zauberhaft komponierte Marrakesch-Roman „Der Platz der Gehenkten“ erschienen im März letzten Jahres, nach „Explosion“ sollten in diesem Frühjahr „Hamburg Hauptbahnhof“ und „Die Geschichte der Nana“ folgen: Der Verlag hat die Veröffentlichung gekippt. Die Reihe wird nicht fortgesetzt. Außerhalb von Hamburg gibt es keine nennenswerten Vorbestellungen aus dem Buchhandel! Die verkaufte Auflage der bisher erschienenen Taschenbücher war ein Witz! Hubert Fichte interessiert niemanden mehr. Ich weiß nicht, wie hoch bei Fischer die Vorbestellmengen sein müssen, um eine kleine Taschenbuchauflage zu drucken. Es können nur wenige Hundert sein… Das ist leider bittere Realität.

Gewiss wurde die Edition Fichtes im Fischer Taschenbuch etwas lieblos veranstaltet: Schlecht lesbare Faksimile-Nachdrucke der Klassiker („Palette“, „Versuch über die Pubertät“), bei den Romanen aus der Geschichte der Empfindlichkeit muss der Leser schon das Impressum lesen, um zu erfahren, dass es sich um einen Band des Fragment gebliebenen großen Hauptwerk handelt. Die Nachlässigkeiten des Verlags jedoch erklären das Desinteresse nicht.

Im November 2006 (zum 100. Geburtstag) wurde mit Veranstaltungsreihen in Hamburg und München an Klaus Mann erinnert; Neuauflagen und Neuausgaben der Werke Manns (u.a. „Der Wendepunkt“, erstmals vollständig!) sowie eine eine Reihe von Sekundärtiteln wurden veröffentlicht… Liest eigentlich noch jemand Klaus Mann?


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3 Gedanken zu „Hubert Fichte – „abgewickelt“

  1. Beide Autoren haben Lebensentwürfe verkörpert, die von ihren eigenen und den folgenden Generationen nicht weiter verfolgt worden sind. Bis man das wieder prickelnd findet, müssen wahrscheinlich hundert Jahre oder mehr vergehen, heute tippt man sich an die Stirn und sagt „So ein Spinner“, weil man entweder ein schlechtes Gewissen hat oder man sich ägert, dass der Störenfried noch immer nicht vollständig dem Vergessen anheim gefallen ist.
    Die Klaus-Mann-Renaissance vor 20 Jahren erklärt sich durch die Generation der damals 20 bis 30jährigen, mit der die heute 20 bis 30jährigen nichts mehr zu tun haben. Das war ganz einfach Glück. Heute interessiert man sich für Humboldt …

  2. Diese Information war mir neu und die Nachricht ist natürlich sehr bedauerlich. Wirklich verwunderlich ist sie für mich allerdings nicht.
    Seien wir mal ehrlich: Abgesehen von der „Palette“ hatte Fichte auch zu Lebzeiten nie einen Bestseller gelandet. Seine Bücher haben stets nur einen kleinen, feinen Kreis interessiert. Dafür aber sind seine Arbeit umso spannender, weil ergiebiger für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung. Deshalb wohl gibt es so viele Magisterarbeiten, Dissertationen und andere Veröffentlichung zu Fichte nicht nur aus dem literaturwissenschaftlichen Blickwinkel heraus.

    Fichte ist und bleibt auf seine Weise sperrig – zumindest für einen Großteil der Leserschaft. Auch die Erstausgaben der „Geschichte der Empfindlichkeit“ hatten sich – mal abgesehen vom „Kleinen Hauptbahnhof“ und „Hotel Garni“ – nur in wenigen Hundert Exemplaren verkauft. Dass S.Fischer die Edition dennoch zu Ende führte, ist daher sehr löblich.
    Großverlage, das wissen wir, werfen ihre Rotationsmaschinen für Taschenbücher erst an, wenn sie diese in Auflagen von mindestens 5.000 oder 8.000 Exemplaren absetzen können. Ich fürchte, die Absatzzahlen waren ähnlich miserabel wie bei den Hardcoverausgaben. Daher ist die verlegerische Entscheidung nachvollziehbar. Denn lieferbar bleibt Fichte trotzdem. Wer will, erhält zum Beispiel die „Geschichte der Empfindlichkeit“ sogar noch als Erstausgabe regulär im Handel.

  3. Ja, zumindest ich lese Klaus Mann, ich bewundere ihn sehr, sowohl als Schriftsteller und Künstler als auch als Mensch und die Essais, Erzählungen und Aufsätze von ihm, die ich bisher in meinem noch jungen Leben gelesen habe, waren allesamt wundervoll und von solch einer klaren Ehrlichkeit und Richtigkeit, dass sie mich sehr berührt haben. Klaus Mann ist ein Held, ein großes Talent, ein leider auch heutzutage verkannter und zu wenig respektierter Schriftsteller.

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