Typisch deutsch? Schwule nicht in der Literatur?

„Schwule Nachbarn“ heißt eine Anthologie, die ich bei Männerschwarm herausgebe und die im März erscheint. Heterosexuelle Autoren schreiben Begegnungen mit dem Homosexuellen. Etwas Besonders daran ist nur, weil sie es sonst nicht tun. Wenn ich über mögliche Gründe nachdenke, komme ich auch auf die Frage nach dem Stellenwert, den das Schwule überhaupt in der Literatur hat – besonders in der Deutschen.

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts erschienen Bücher wie Robert Musils „Verwirrungen des Zöglings Törleß“ (1906), Thomas Manns „Tod in Venedig“ (1912) oder Stefan Zweigs „Verwirrung der Gefühle“. Das Thema Homosexualität ist präsent, doch wird es entweder metaphorisch aufgeladen, mit Krankheit, Tod oder auch der „Zwecklosigkeit“ verbunden, oder im Geiste Emanzipationsbewegung pädagogisiert. Anders als der Franzose André Gide, der in seinem Roman „Der Immoralist“ (1902) die Freiheit des Einzelnen in den Mittelpunkt rückt und mit den „Falschmünzern“ (1925) eine Generation beschreibt, die die Konventionen der Eltern radikal über Bord wirft, erzählt Stefan Zweig von einer Beziehung zwischen einem älteren Professor und einem jungen Studenten, von einer Beziehung, die an der gesellschaftlichen Ächtung, an der quälerischen Angst und Selbstverleugnung des Professors scheitert. Um Aufklärung bemüht ist der größte Teil der Literatur dieser Jahre: John Henry Mackays Roman „Der Puppenjunge“ (1926), Bruno Vogels Roman „Alf“ (1929) oder andere. Joseph Breitbachs 1932 erschienener Roman „Die Wandlung der Susanne Dasseldorf“ stellt einen kraftvollen homosexuellen Gärtnerjungen und Boxer in den Mittelpunkt, doch nimmt der Roman genauso die Vorurteile der Zeit auf, wenn Susanne den schwulen Sekretär ihres Bruders mal als „schleichend“, „falsch“ und „weibisch“, mal als „widerlich“ oder nur „gefall- und klatschsüchtig“ beschreibt. Alles keine guten Voraussetzungen für einen „freien“ Umgang mit dem Thema in der Literatur.

Klaus Mann, der in seinem Debütroman „Der fromme Tanz“ (1926) den ersten schwulen Helden schuf, der sich nicht umständlich erklärte und der nichts bereute, sondern der selbstbewusst seinen Weg sucht, hat sich nicht von ungefähr an der französischen Literatur orientiert: unter anderen an Rimbaud und Verlaine, an Jean Cocteau und Rene Crevel – und schließlich an André Gide. Solche Autoren von Rang, die die französische Literatur tatsächlich geprägt haben, auch Marcel Proust oder später beispielsweise Jean Genet, fehlen der deutschen Literatur. Klaus Mann blieb ein Außenseiter. Friedo Lampe, dessen Roman „Am Rande der Nacht“ 1933 kurz nach seinem Erscheinen verboten worden war, wurde im Mai 1945 versehentlich von Rotarmisten erschossen. Als sein Roman 1955 erneut aufgelegt wurde, kürzte und strich der Herausgeber den Roman derartig zusammen, dass den Einwände der Reichschrifttumskammer auch im Nachhinein stattgegeben worden ist – ein Zustand, der erst 1999 durch eine Neuauflage der Erstausgabe beendet wurde. Wolfgang Koeppen blieb literarisch wie in seiner Thematisierung der Homosexualität ein Einzelphänomen.
Wirkt die Geschichte fort, wenn Begegnungen mit dem schwulen Leben, die im Alltag ja ziemlich präsent sind, in der Literatur weitgehend ausgeblendet bleiben? Schauen wir auf die Rolle, die schwule Autoren im Literaturbetrieb spielen. Sicher, es gibt sie – Christoph Geiser, Joachim Helfer, Hans Pleschinski, Markus Brühl, Peter Rehberg, Thomas Niederwieser … Vom Ansehen und von Ehrungen wie ihre Kollegen Michael Cunningham (Pulitzer-Preis und Faulkner-Preis für „Die Stunden“) in den USA oder Alan Hollinghurst (Booker-Prize für „Die Schönheitslinie“) in Großbritannien können sie aber noch immer nur träumen, was mit Sicherheit auch außerliterarische Gründe hat. Oder? Das Fragezeichen meine ich ernst!

Über Detlef Grumbach

Detlef Grumbach gehört zum Team von Männerschwarm und arbeitet obendrein als freier Kulturjournalist. Schwule Bücher machen, sie "verkaufen" und Literatur insgesamt beobachten - das soll sich hier niederschlagen.


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6 Gedanken zu „Typisch deutsch? Schwule nicht in der Literatur?

  1. na immerhin hat 1 Schwuler 1 Büchnerpreis gekriegt, nicht wahr? Aber das darf man gar nicht richtig wissen …

    gutes neues Jahr, Detlef!

  2. Oder waren es zwei? Wer weiß?
    Wollen wir Namen nennen? Oder Jahreszahlen?
    Ein gutes Jahr auch, allen!
    Wünscht Detlef.

  3. Hallo Detlef,

    vielleicht tun ’sie‘ es sonst nicht, weil es vorher noch keinen Verleger eines schwulen Verlags gegeben hat, der die heterosexuellen Autoren um einen Beitrag zu einer schwulen Anthologie gebeten hat …

    Ein frohes neues Jahr wünscht
    Norma

  4. Guten Morgen,
    Zum Thema: Geschichten von heterosexuellen Autoren über ihre Begegnungen mit homosexuellen Mitmenschen stelle ich mir ungefähr so spannend vor wie die Lektüre eines amtlichen Telefonbuches. Es kommt natürlich darauf an, wie der jeweilige Autor die Begegnung darstellt; die Vorgabe selbst gibt meiner Meinung nach nicht viel her. Entweder moralinsaure Verständnisheischerei oder moralinsaure Ablehnung, hin und wieder schlichtes Unverständnis, aufgehängt an oberflächlichen Szenebetrachtungen: „Da war dieser kleine schwule Punk, der mir auf dem Blabla Clubbing im angesagtesten Club auf der Herrentoilette nach drei Lines Koks einen blasen wollte. Und ich fühlte mich asozial und spießig, weil ich das nicht wollte.“

    Vielleicht sehe ich das alles auch nur durch meine ureigenen Scheuklappen: Mir erscheint der Weg deutschsprachiger Literatur, an ein Thema heranzugehen, immer ein wenig zu bieder, zu kopflastig, zu bemüht erklärerisch.

    Und warum deutsche schwule Literaten für eines ihrer „schwulen“ Werke noch nie so richtig mit Preisen überhäuft wurden? Das kann uns jeder halbwegs erfahrene Landwirt sagen: Der weiß nämlich, auf welchem Boden was gedeihen kann. Und der Boden im deutschsprachigen Literaturraum trägt nun mal bestimmte Früchte nicht. Da kann man matschkern, was man will. Außerdem scheint es so zu sein, dass amerikanische Verlage nicht nur in der Lage sind, wesentlich mehr „Aufmerksamkeit“ in die Werke ihrer Autoren zu pumpen, sondern dass sie genau das auch machen. Während dt. Großverlage nur noch Lizenzen zu laufen scheinen, tümpeln die Kleinverlage in der Flaute ihrer Möglichkeiten. Und damit auch ihre Passagiere – die Autoren.

    lg/Peter

  5. Also Peter, Du schreibst seitenlang Gedichte darüber, wie ein Schwuler seinen heterosexuellen Hausmeistersohn anschmachtet, weshalb traust Du dem Hausmeistersohn nicht zu, auch eine schöne Geschichte in anderer Richtung zu schreiben? Und wenn der Hausmeistersohn nicht schreiben kann (oder nur türkisch), dann erzählt er seine Erlebnisse und Gefühle eben Martin Walser, der nur darauf gewartet hat. So ist das mit den Heterosexuellen nämlich!
    Ich stimme übrigens auch für zwei Büchnerpreisträger in den letzten drei, vier Jahren, aber vielleicht zählen ja nur lebende, dann doch wieder nur einer.

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