Ein Bad im virtuellen Tümpel

Ich habe es jetzt mehr oder weniger geschafft, meine literarische Webaktivität auf zwei Foren zu konzentrieren, wobei ich zur Zeit www.spruchreif.net den Vortritt gebe. Das liegt in erster Linie daran, dass mir zur Zeit der Draht zur Poesie fehlt.

Die Abnabelung von allen anderen Verbindlichkeiten habe ich quasi mit Jahreswechsel vollzogen, oft nach wochenlangem nachdenken und abwägen. www.gedichte.com ist sicher eines der interessantesten Lyrikforen im deutschsprachigen Raum, wird derzeit aber leider wieder von Fakern und Gedichteklauern heimgesucht. Überdies scheint dort der Druck zu wachsen, Kommentare abzugeben, speziell unter „altgedienten“ Usern. Nach dem Motto: Ich hab Deinen Text kommentiert, jetzt mach Du mal hin…

Was ich besonders unangenehm finde, ist die auf manchen Kurzgeschichten- und Verlagsforen gelebte Produktionsmasche. Ist eigentlich ganz einfach: Man hat ein Forum, in dem junge Autoren ihre Texte ins Web stellen Können. Man stellt einen Wettbewerb zu einer Anthologie in Aussicht, der dann auch durchgeführt wird. Die Geschichten werden ausgewählt, das Buch wird gesetzt, gedruckt und fertiggestellt. Das Buch kommt in den Handel. Meist allerdings nicht in das Barsortiment eines Buchhändlers, sondern kann ausschließlich bei Internetportalen wie: Amazon, Bol, buch.de uä. bestellt werden. Und selbstverständlich wird es auf der Forenwebsite des Verlags zum Verkauf angeboten. Dort am „dringendsten“ Auf einigen dieser Foren wird der Eindruck wach, dass das Buch ausschließlich in diesem Forum beworben wird – und zwar mit äußerster Penetranz. Das gesamte Marketing scheint daraus zu bestehen, sich im Forum zu beklagen, wie schlecht der Umsatz sei, dass etwa 1000 Gäste, und angemeldete User pro Tag das Forum besuchen würden, und wenn nur ein Bruchteil dieser Gäste und User das Buch kaufen würden … aber schrecklich, es haben ja nicht mal alle im Buch vertretenen Autoren das Buch gekauft!

Wuuuhhhsaaa!

Ist ja auch wirklich ein Skandal, ist es nicht? Wenn man den Autoren schon die Möglichkeit gibt, kostenlos in einer Kurzgeschichtensammlung präsent zu sein, dann haben diese undankbaren Bälger wenigstens das Buch zu kaufen, verdammt! Am besten aus devoter Dankbarkeit gleich alle aus diesem Verlag!
Merkwürdig: Jedes Pimperlliteraturforum im Web bringt seine eigenen, auf BOD basierenden Anthologien heraus und die einzigen, die als Käufer angesprochen werden, sind die Members und die Autoren des Forums. Usus scheint dabei zu sein, dass die Autoren sich am Projekt finanziell beteiligen oder aber zumindest nichts dafür bekommen, eine Geschichte geschrieben zu haben. Selbst ein Autorenexemplar ist nur nach viel Gemurre und Gebrumm drin. Somit entsteht eine Art inzestuöse Literaturszene, die nur aus sich selbst und für sich selbst lebt. Die ungustiöse Selbstverliebtheit dieser Szene erledigt dann den Rest des Interesses, dass man vielleicht mal gehabt hat. Allmählich kommt es mir so vor, als würde man sich dreckig machen, wenn man eigene Texte in einem Literaturforum veröffentlicht. Warum ich es doch noch mache? Weil es eine handvoll Boards gibt, wo noch konstruktiv gearbeitet wird, wo der Ton stimmt und wo man von Zeit zu Zeit noch an Autoren gerät, denen man etwas abgewinnen kann. Zum Beispiel die Freude, sie immer wieder zu lesen. Und weil ich eine kleine, eitle Nutte bin, die hin und wieder ein bisschen zärtliche Eierkraulerei braucht :-)

Inzestboards haben das nicht zu bieten, ganz und gar nicht.


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Ein Gedanke zu „Ein Bad im virtuellen Tümpel

  1. Das Versprechen einer Anthologie ist quasi die Werbung für das Projekt, damit möglichst viele Autoren am Wettbewerb teilnehmen. Und die Betreiber von Literaturforen werden in den seltensten Fällen bewandert in Marketing und Werbestrategien sein. Also bleiben sie halt auf ihren Anthologien sitzen, die sie zur Erfüllung ihres Versprechens produziert haben. Eine strategisch günstige Platzierung des Produkts auf dem Buchmarkt ist im ‚Geschäft‘ zwischen dem Herausgeber einer solchen Anthologie und den Autoren gar nicht vorgesehen, denke ich.

    In meiner Naivität ging ich bei meinen Geschichtenwettbewerben einen anderen Weg. Ich habe kleine Geld- und Sachpreise ausgelobt. Der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach, dachte ich mir. Falsch gedacht! Autoren wollen ihre Anthologieprojekte, andernfalls lassen sie sich gar nicht dazu herab, ihre wertvollen Geschichten aus der Schublade zu ziehen und einzureichen.

    Viele Autoren haben den Ehrgeiz, in möglichst vielen Anthologien vertreten zu sein, damit sie bei den Verlagen ‚etwas vorzuweisen haben‘, wenn sie dann Mal einen Roman einreichen wollen. Es schmeichelt der Eitelkeit, wenn man in einem Buch vertreten ist und sei es auch nur mit einer Geschichte. Ich selbst tendiere eher zu der Ansicht, dass es nicht schadet, in einer oder vielen Anthologien vertreten zu sein, aber auch nicht hilft. Lebensläufe von Autoren, die akribisch die vielen Anthologien auflisten, in denen der Autor schon vertreten ist, lassen mich kalt. Sie langweilen mich sogar. Ich habe a.) nicht die Zeit, eine solche Liste zu lesen und b.) zählt für mich immer die konkret bei mir eingereichte Geschichte und diese kann grottenschlecht sein, auch wenn der Autor schon in zwanzig Anthologien vertreten ist. In solchen Fällen frage ich mich, ob der Autor im Laufe der Zeit denn überhaupt etwas dazugelernt hat.

    Anthologien mit Geschichten nur eines Autors finde ich gar nicht Mal so schlecht. Die Geschichten sollten dann aber einen roten Faden haben, ein Oberthema, eine Hauptperson, die in jeder Geschichte vorkommt oder einen Ort, an dem alle Geschichten spielen (Beispiel aus dem Fernsehen: Traumschiff).
    Aber auch solche Anthologien sind nur selten finanziell erfolgreich, zeigen aber im Idealfall, dass der Autor in der Lage ist, sich auf ein größeres, zusammenhängendes Buchprojekt zu konzentrieren und vielleicht sogar künstlerisch damit zu überzeugen. Den Verleger neugierig machen, heißt die Devise. Und mit einer Liste von 20 Geschichten in zwanzig verschiedenen Anthologien langweilt man eher.

    Am Ende möchte ich noch sagen, dass ich es nicht unlogisch und auch nicht ehrenrührig finde, wenn ein Internetforum sein Glück beim Vertrieb einer Anthologie oder eines selbst produzierten Romans im Internet versucht, also bei Amazon, bol, buch.de und anderen.

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