Stephen Spender und Günter Grass oder was kann die Poesie

Der englische Dichter Stephen Spender beschreibt in seinem Roman „Der Tempel“ aus dem Jahr 1931, was gute und was schlechte Lyrik ist. Als Beispiele nimmt er Siegfried Sassoon und Wilfred Owen. Seine Romanfiguren Wilmot (d.i. W.H. Auden) und Paul (d.i. Spender) führen als Studenten in Oxford dieses Gespräch. Auden beginnt:

„Siggy TAUGT NICHTS. Seine Kriegsgedichte HAUEN NICHT HIN.“
Wilmot betonte bestimmte Worte mit fast absurdem Nachdruck, als wären sie aus der Heiligen Schrift.
„Zählen Sassoons Gedichte nicht zur modernen Lyrik?“, fragte Paul.
„Siggy VERKÜNDET WAHRHEITEN. Er VERTRITT MEINUNGEN. Ein Gedicht über die Kämpfe an der Westfront schließt bei ihm mit der Zeile: ‚O Jesus, lass es enden!‘ Das KANN ein Dichter nicht sagen.“
„Was hätte er dann schreiben sollen?“
„Alles, was ein Dichter tun kann, ist, die GELEGENHEIT zu ERGREIFEN, die die Situation ihm bietet, um ein KUNSTWERK AUS WORTEN zu schaffen. Der Krieg ist einfach Material für seine Kunst. Ein DICHTER kann den KRIEG NICHT BEENDEN. Alles, was er tun ist, ist ein Gedicht zu machen aus dem MATERIAL, das er ihm liefert. Wilfred hat geschrieben: ‚Alles, was ein Dichter heute tun kann, ist warnen.‘“
„Wilfred?“
„Wilfred Owen, der einzige Dichter, der sich eine EIGENE SPRACHE der Westfront geschaffen hat. Wilfred sagt nicht: ‚O Jesus, lass es enden!‘“

Mehr ist zum Thema Grass im Grunde nicht zu sagen. Aber wie Thomas Steinfeld in der SZ ganz richtig sagt, im Grunde hat Grass einen Leserbrief geschrieben und kein Gedicht.
Spenders „Der Tempel“ wird auf deutsch übrigens im Herbst 2012 neu erscheinen.

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