He knows he shouldn’t kill and he knows he always will

Ein paar Gedanken über „Die Eignung“ (Michael Sollorz)

Irritierend und zugleich erhellend sei der Roman, so liest es der Käufer auf dem Umschlag, und brillant geschrieben sei er obendrein. Tatsächlich habe ich das Buch in einem Stück durchgelesen. Für ein Buch ohne vordergründige Handlung ist das schon ziemlich bemerkenswert.

Der Protagonist Lars Hagner ist Hausmeister in einer Plattenbausiedlung und verfasst einen Bericht, eben diesen Roman. Hausmeister, ist das nicht der Archetyp des Ewiggestrigen, des Law-and-Order-Manns, des Blockwarts?
Zuerst befürchte ich, alles würde auf eine dieser weinerlichen „Die-Stasi-ist-immer-noch-unter-uns“-Geschichten hinauslaufen. „Wir hatten ja nüscht…“ Diese Art Geschichten, von denen wir Wessies nichts mehr wissen mögen. Aber nichts dergleichen.
Der junge Lars dient als VP-Anwärter in einer Polizeikaserne. Er ist Perfektionist und will immer 100 Prozent geben. Ein guter Mann. Was die Kameraden darüber denken ist ihm egal.
Wäre mir in dem Alter auch egal gewesen. Schnell ertappe ich mich beim Lesen, wie ich mich mit dem Protagonisten identifiziere. Habe ich so um 1978 nicht auch „Die Abenteuer des Werner Holt“ und „Die Krähe ist ein Frühlingsvogel“ verschlungen? Eben.

Bei so viel Identifikation bin ich schon nahe daran mich zu fragen, wann es endlich mit den versprochenen Irritationen losginge, als Lars plötzlich bei seinem ersten Einsatz ohne Not zwei Menschen erschießt.
Oh…
Nein, Lars ist keine Person aus „Full Metal Jacket“. Der Leser erlebt keine Erziehung zur Killermaschine. Dies ist kein Entwicklungsroman. Lars ist einfach so. Ordentlich, pedantisch. Preußisch? Befehle müssen ausgeführt werden. Er will so sein, das ist sein Leben. Er gibt auf seinen Körper acht. Und verehrt seinen Vorgesetzten. Oberleutnant Bossert ist ihm in jeder Hinsicht überlegen, körperlich und geistig.
He’s the Universal Soldier…
Klar, 1978 mochte ich Donovans Lied nicht (das ja im Original von Buffy Sainte-Marie ist). Fand es unpolitisch. Schließlich kam es mir zu jener Zeit auch immer darauf an, wer wen.
Denkste!

Der Zerfall der DDR lässt Lars Hagner orientierungslos zurück und der Leser fängt an ihn wieder symphatisch zu finden. Unter den neuen Herren weiter zu dienen kommt für ihn überhaupt nicht in Frage. Doch kein Universal Soldier?
Lars schlüpft bei Schwulen im Westteil der Stadt unter und lässt sich von ihnen das Leben dort erklären. Lars ist angewidert von ihnen, aber nicht wegen ihrer Homosexualität, sondern weil sie in seinen Augen allesamt nicht erwachsen sind. Typische Fälle von prolongierter Adoleszenz. Leben von Transferleistungen, wie man das heute nennt. Und wieder wächst mir Lars ans Herz.
Selbstverständlich hat Lars auch Sex. Mit sich selbst, mit Männern, mit Frauen. Scheinbar hat er da keine Präferenzen. Notwendigen Körperfunktionen muss eben gelegentlich nachgegeben werden.

Er träumt von der Zugehörigkeit zu einer verschworenen Gemeinschaft. Und obwohl er einsam lebt, durchdringt ihn dieser Korpsgeist völlig. Sein ehemaliger Vorgesetzter weiß dies auszunutzen. Und der Autor lässt uns die ganze Zeit klammheimliche Sympathie mit Lars empfinden. In der U-Bahn bricht Lars einem jugendlichen Kriminellen mit Migrationshintergrund das Handgelenk. Und ich bin jetzt mal ganz ehrlich, ich finde das sogar noch großartig. „Ein Mann sieht rot“ in der Berliner U-Bahn: Lars ist ein guter Mann.

Leider enthält uns der Autor die bittere Wahrheit lange Zeit vor. Lars ist zum Killer geworden und tötet im Auftrag. Ich will das erst nicht glauben und dann ist es doch wahr. Etliche Opfer gehen auf sein Konto. Oberleutnant Bossert lässt Lars die ganze Zeit glauben, er diene unter konspirativen Bedingungen irgendeiner geheimen diffus-sozialistischen Sache. Wie romantisch! Doch am Ende dient Lars schlicht Bosserts Eigennutz.
Lars bleibt nur noch der Traum von einem Geheimbund und den liefert ausgerechnet die Erinnerung an den schwulen Großvater. Das will ich hier nicht näher ausführen, weil man das Buch ja noch lesen soll. Aber die Frage darf erlaubt sein: Gab es in den Zeiten der Illegalität unter Schwulen etwas Geheimbündlerisches? Einen beinahe elitären Korpsgeist? Ein durchaus faszinierender Aspekt.

Nachtrag:
Um irgendwelchen Spekulationen vorzubeugen: Ich habe nicht gedient. Sie wollten mich nicht. Da kann man nichts machen. Ich selbst hätte auch nicht gewollt. Verschwieg bei der Eignungs- und Verwendungsprüfung arglistig meine Russisch-Kenntnisse (das war 1977 im Westen ein Alleinstellungsmerkmal), obwohl explizit danach gefragt wurde.
Aber damit man mich nicht falsch versteht: Rein menschlich komme ich mit „Gedienten“ häufig besser zurecht. Ob das an deren Verlässlichkeit und Berechenbarkeit liegt?


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Ein Gedanke zu „He knows he shouldn’t kill and he knows he always will

  1. Auch wenn’s ein blöder Onkel-Satz ist: Wenn doch nur mehr Leser so präzise über ihre Lese-Erlebnisse berichten würden, hätten Autoren und Verlage endlich ein paar verlässliche Kriterien an der Hand. Insofern meinen herzlichen Dank! Nichts ist enttäuschender als die Veröffentlichung eines Romans, dessen Wirkung dann vollständig nebulös bleibt bzw. von irgendwelchen Feuilleton-Fuzzis in Rezensentenlyrik eingenebelt wird.
    Es ist übrigens schon eine Besprechung in der FAZ erschienen („Partisanen im Traum“, 8.9.08), die Rolf Redlins Eindruck in weiten Strecken genau entgegengesetzt ist. Von Larmoyanz ist die Rede, mangelndem Ehrgeiz und Gegenwartsverweigerung. Das spannende daran: auch dieser Rezensent hat auf seine Weise Recht. „Die Eignung“ ist wie eine Plastik, die man von vorn, von links und von rechts anschauen kann (ja, auch von hinten …), und die aus jeder Perspektive anderes zu bieten hat. Mal gucken, was noch kommt!

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