Der Roman des 21. Jahrhunderts

Ich finde, man soll ab und zu darüber nachdenken, welche Bücher man sich wünscht, die aber bisher nicht geschrieben wurden.
Mein Wunsch wäre ein Roman, der den Zusammenhang von Sex und (sonstigem) Leben endlich mal literarisch aufarbeitet, weil sich da in den Epochen „70er vor Aids“ – „Aidsschock/ Wichsparties“ – „neue Lockerheit mit Internet“ entsetzlich viel getan hat.
Auf „Super Paradise“ ist hinten drauf ein Cartoon, auf dem Paul sagt: „Ich will jung sein, gesund sein, Spaß haben und ficken!! Und das in alle Ewigkeit!!! Ist das etwa zuviel verlangt?!!“ Heute sieht es so aus, als ginge es, aber was für ein Leben wird das werden, wenn der Großteil der Schwulen sein Leben um Botox, Ekstasy und Viagra organisiert? Und welche Schattierungen gibt es innerhalb dieser Tendenz? Ich will sofort ein neues „Buddenbrooks“ mit diesem Thema.

15 Gedanken zu „Der Roman des 21. Jahrhunderts

  1. Für dieses Buch hatte ich Dir vor ein paar Monaten mal ein Expose zugesagt, es aber nie geschickt *schäm*.

    Nennt sich „Schlampenfieber“ *lol*.

  2. Joachim schreibt:
    Heute sieht es so aus, als ginge es, aber was für ein Leben wird das werden, wenn der Großteil der Schwulen sein Leben um Botox, Ekstasy und Viagra organisiert?

    Meine Frage: Ist das so? Mir kommt das nicht so vor. Die Schwulen die ich kenne, in meiner Altersgruppe, die zentrieren ihr Leben um ganz andere Dinge, gewichten ganz anders. Man darf doch bitte nicht von den Botoxtrümmertunten im Yumbo Center auf Gran Canaria auf alle Schwulen schließen. Mag sein, dass quasi alle gay-related Magazine über die „Szene“ schreiben, über die Discomäuse, WC-Enten und wie verrucht, über die rumänischen Bahnhofsstricher und deren visakartenbesitzenden Kunden.

    Vielleicht hätte ich gerne als Zwanzigjähriger mehr solche Romane gelesen: Über Speed und Kos schnüffeldne Teenager, die irgendwelchen Fetischen verfallen und auf den feuchtschwülen Toiletten diverser Indiscos hemmungslos perverse Spiele treiben, ehe sie am nächsten verkatert und erledigt ihrem Job als Friseur, Verkäufer, Designer, Tischler wasweißich nachgehen.

    Vielleicht hab ich Dich auch schlicht und einfach falsch verstanden, Joachim. heute würden mich eine geschichte über zwei Tischler, die irgendwo am Land ihre Existenz durchsetzen, wesentlich mehr interessieren, als die Szenenherumkasperei um Botox, Exstasy und Dresscode.

    Liebe Grüße,
    Peter

  3. Ich bin ja eine altmodische Person und meine, dass Literatur einen Beitrag dazu leisten sollte, das Alltagsleben besser zu verstehen. Sich eine ländliche Tischler-Idylle vorzustellen mag ja ganz nett sein, aber quantitativ spielt ein solcher „Fall“ innerhalb einer boomenden schwulen Partykultur zumindest in den großen Städten kaum eine Rolle. Stattdessen bedrohen Chaträume die Kneipenkultur. Partydrogen und ähnliches werden in enormem Ausmaß konsumiert. Das ist ganz einfach neu, und es wird „die Welt verändern“, die wir gewohnt sind.
    Sowohl ich, der ich keine Erfahrungen mit Ekstasy oder Viagra habe, bin neugierig darauf zu erfahren, was daran anders ist, und ich denke, ein Mensch, der all das einwirft, könnte auch neugierig darauf sein, ein Bild von sich und seinem Leben gezeigt zu bekommen. (Und das Bild von mir ändert sich nebenbei ja ebenfalls, weil mein Leben in einer veränderten Umgebung notwendiger Weise eine andere Bedeutung bekommt. Was vor zwanzig Jahren „normal“ war, ist jetzt antiquiert. Wegen solcher Veränderungen müssen ja immer wieder neue Bücher geschrieben werden – Bilder veralten!)
    Es geht dabei überhaupt nicht um irgendwelche Wertungen, sondern ganz einfach darum, auch solche Teile der Wirklichkeit aufzugreifen, die es vor zehn oder zwanzig Jahren noch nicht gegeben hat. Nicht sensationslüstern, sondern neugierig eben.

  4. Schande über mich.

    Mail mir doch mal, was Du Dir genau vorstellst, dann schau ich, obs passt – okay?

  5. Servus Joachim,

    So wie Du das jetzt in Deinem zweiten Posting verdeutlichst, wäre das doch ideal in einer Anthologie abzuhandeln, oder?

    Schwule Romane um Kids, die sich zu Szenenhuschen mausern und zwischen Koks, Drinks und Bareback versuchen, die davontreibenden Felle ihres Lebens zusammenzuhalten, gibts doch eh wie Sand am Meer.

  6. Wie Sand am Meer? Ich kenne ehrlich gesagt nichts Ernst zu nehmendes, die Klassiker „Tänzer der Nacht“ (80er Jahre!) und „Verglüht“ stehen ziemlich allein, vielleicht kann man noch die Erzählungen von Marcus Brühl, „Lars“, dazurechnen. Selbst „Fag Love“ von Rehberg bringt den Junkie und Rumtreiber Anton nur als Hassnummer, seine Befindlichkeit wird nicht erkundet. Wahrscheinlich liegt das daran, dass die Disco-Huschen keine Bücher schreiben (oder lesen), und Nicht-Disco-Huschen sich entweder nicht dafür interessieren (sondern für Tischler auf dem Land) oder nix davon verstehen. Aber Anthologie ist grundsätzlich eine gute Idee – obwohl, Anthologien verkaufen sich leider nicht.
    Paul, konkreter kann ich nicht werden, als Verlag kann ich allenfalls ein Thema anregen, aber was den Autoren dazu einfällt, müssen sie schon selbst wissen!

  7. Bitte wer ist Paul *g* ?
    Dass Dein Posting eine Anregung war, hab ich schon so verstanden. Und dass Autoren selbst wissen müssen, was ihnen dazu einfällt, ist auch selbstredend.

    Äh, nachdem ich gerade in der Wiederholung Robert Redford in „Der Pferdeflüsterer“ gesehen habe, wie wärs denn mal mit einem elegischen Roman über einen schwulen Pferdeflüsterer auf einer Farm in Montana? *duckundweg*

    Statt Pferde zuzureiten könnte er ja szene- und botoxgeschädigte Stilikonen wieder vermenschlichen 😀 – und dann zureiten.

  8. Wie wärs mit nem schwulen Polizisten, der nebenher noch schwierige Fälle löst, sich durch die Szene vögelt, mit allen möglichen Hilfsmittelchen nachhilft und dabei immer wieder krampfhaft versucht, seine letzte Beziehung zu verdrängen, während er um eine neue ringt?

    😉

  9. an Peter: Paul ist ein weiterer Blog-Kommentierer (Text vor Deinem).
    an Peter und Wolfram: Ich bin kein Freund von allzu abwegigen Geschichten, die Wirklichkeit ist schließlich irre genug, man muss nur genau hinschauen!

  10. Lieber Joachim,

    Der Pferdeflüsterer war ein Witz, nagut. Kein guter, aber trotzdem.
    Ich kann mir ziemlich genau vorstellen, was Du lesen möchtest: Vielleicht eine zeitgemäße Variante der Stadtgeschichten Maupins, zb in Hamburg oder Berlin?

  11. Weil Joachim keinen Sand am Meer resp. keinen schwulen Techno/Drogen/Sex-Roman fand, hier ein Hinweis: Brane Mozetic: „Die verlorene Geschichte“. Spielt zwar in Ljublana, könnte genauso aber auch in Frankfurt/Main, Berlin oder München spielen und ist ins Deutsch übertragen und in einem kleinen, österreichischen Verlag (Sisiphus Verlag) erschienen.

  12. Also, mich hat zwar „Junge von nebenan“ von Lutz Büge nicht vom Hocker gerissen, aber, Joachim, ist das nicht genau das Thema, das du meinst? Ich fand jedenfalls, dass Lutz damit ein bestimmtes Stück schwuler Kultur heutzutage treffend abgebildet hat.

  13. Ich habe jetzt sehr lange nachgedacht über all diese Kommentare. Und irgendwie bin ich zu der Ansicht gelangt, dass der schwule Leser etwas recht Sonderbares sein muss. Ich lese gerade Peter Hofmanns „Wo norden ist“ – bin noch nicht allzu weit – und finde genau hier wieder etwas, was mich sehr stutzig macht: Verhaltenes Tempo kombiniert mit einem Hin- und Her aus hochtrabender Philosophiererei und alltäglichem Nichts.
    An dieser Stelle möchte ich festhalten, dass mir das Buch durchaus gefällt und ich auch den Büge sehr toll fand. Aber was ich doch sehr vermisse, ist der Roman zwischen diesen beiden Extremen. Was ist mit einem großartigen Sci-Fi-Roman wie „Genetics“? Warum muss immer gleich vollkommen auf Spannung verzichtet werden? Wieso muss sich die tatsächliche Alltäglichkeit hochgejubelt in den Büchern wiederfinden?
    Und an dieser Stelle frage ich mich: Gibt es nur zwei Sorten schwuler Leser? Einhandliteratur und gewollt Literarisches stehen sich ja beinahe Übergangslos gegenüber. Was ist mit Handlung? Wird die denn gar nicht mehr gewünscht in Romanen? Hat ein ganz normaler Spannungsroman überhaupt eine Chance auf Veröffentlichung, wenn er auf der einen Seite auf Pornographie verzichtet, auf der anderen aber keinen literarischen Anspruch aufweisen kann und möchte?
    Ich will hier keineswegs die oben genannten Bücher schlecht machen. Der neue Büge hat viel Spaß gemacht und der neue Hofmann scheint auch eine ganz nette Lektüre zu werden. Aber wenn ich das so lese muss ich ja Angst haben, dass ich mit gewöhnlicher Unterhaltungsliteratur vollkommen auf dem Holzweg bin …

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