„Radikal“ – ist Florian eher schwul oder eher arbeitslos

„Florian hat die Nummer 603 und es ist komplett sinnlos, dass er überhaupt hier ist.“

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So beginnt Uwe Szymborskis Roman „Radikal“. Florian ist der Held, und langsam aber sicher lernen wir ihn kennen: Auf dem Arbeitsamt in Magdeburg, in der Stadt, in seinen „rechten“ Kreisen.

Langsam kommt die Geschichte in Schwung, ein Anschlag wird geplant. Florian kommt zu spät, wacht dann im Krankenhaus auf und erinnert sich an kaum etwas. Das geschieht kurz vor der Mitte des 135 Seiten langen Texts. Auf Seite 59 ist Danny, der hübsche Zivi, im Krankenhaus erstmals aufgetaucht, auf Seite 69 beginnt der, sich etwas mehr für Florian zu interessieren.

Soweit so gut. Ein „schwules“ Buch? Oder das Buch über einen Jugendlichen in Magdeburg, der nichts mit dem Leben anzufangen weiß und in falsche Kreise gerät, irgendwie ins Schleudern gerät? Der zufällig auch noch schwul ist? Auf jeden Fall das Buch in einem „schwulen Verlag, der immer wieder darüber nachdenkt, was eigentlich „schwule“ Literatur ist.

SzymborskiMit Abstand noch einmal gelesen, habe ich ein jetzt paar kritische Fragen ans Lektorat gestellt. Vor allem wegen der Struktur des Textes. Die Geschichte wird linear erzählt. Vom Arbeitsamt in die rechte Gruppe zum Anschlag ins Krankenhaus und wieder raus. Da ist kein „Zug“ drin, keine Dynamik – war mein Eindruck. Der Anfang hängt unsere Leser ab, habe ich gesagt. Fängt so ein Roman an? „Alles sinnlos“ und so weiter …

„Danny sitzt im Schwesternzimmer und trinkt Kaffee. Da ist nun dieser Junge in Zimmer acht, der mit den Rippenbrüchen und dem Bein. Der mit den blauen Augen. Der mit dem verlegenen Lächeln.“

Diese Stelle aus der Mitte des Romans hätte ich mir – allerdings auch erst beim zweiten Lesen – gerne als Romananfang gewünscht. Und noch etwas mehr. Eineinhalb Seiten, in denen Danny über Florian nachdenkt, in denen etwas über einen Brandanschlag steht, die Berichte der Bild-Zeitung und die damit enden:

„Na bitte. Damit hat Danny endlich einen Grund, auch ohne dienstlichen Anlass mit Florian ins Gespräch zu kommen.“

Mein Argument: Jetzt hat – mit Danny – auch der Leser einen Grund, sich mit Florian zu beschäftigen. Jetzt kann es losgehen. Wie ist der ins Krankenhaus gekommen und was hat es mit Brandanschlag auf sich? „Nummer 603 auf dem Arbeitsamt …Alles sinnlos … “

Der Lektor war erstaunt. Das hätte man wohl so machen können. Aber das wäre doch ein ganz anderes Buch. Schwule Leser hätte man damit vielleicht eher erwischt. Aber soll das ein „schwules“ Buch sein? Ist es nicht … ?

Stopp. Das bereden wir mal im Blog. Vielleicht macht ja jemand mit!!
Das Buch ist ja auch schon gelesen und rezensiert worden. Im Hinnerk gab es ein Interview mit Uwe Szymborski und Peter Hofmann. Da gibt es doch vielleicht Stoff und Interessenten für eine kleine Diskussion.

Und darum geht’s: Szymborski: Radikal

Über Detlef Grumbach

Detlef Grumbach gehört zum Team von Männerschwarm und arbeitet obendrein als freier Kulturjournalist. Schwule Bücher machen, sie "verkaufen" und Literatur insgesamt beobachten - das soll sich hier niederschlagen.


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9 Gedanken zu „„Radikal“ – ist Florian eher schwul oder eher arbeitslos

  1. Was Detlef vorschwebt, ist so etwas wie die Novelle des frühen 19. Jhdts: auf der ersten Seite brennt ein Schloss (keine Asylanten …), dann geht’s von vorne los, und der Leser weiß schon: O je, das wird böse enden.
    Natürlich kann man das auch heute noch so machen, und viele tun es ja auch. Aber literarisch gesehen macht dieser Aufbau nur dann Sinn, wenn es wichtig ist, dass man die ganze Geschichte im Wissen um den Ausgang liest. Das erinnert mich an meinen Geschichtsunterricht, als wir den Lehrer fragten, warum wir Geschichte nicht „rückwärts“ lernen würden – es wäre doch viel interessanter, lange zurückliegende Ereignisse im Licht der Gegenwart zu lernen, wenn man schon Fragen hat: was war vorm Faschismus, warum wurde das so. Seine Antwort war: da die Folgen noch nicht bekannt waren und es auch nicht zwingend ist, dass aus dem einen das andere folgt, trägt das Spätere nicht zum Verstehen des Früheren bei, im Gegenteil, man versteht das Frühere nicht als das, was es „für sich“ ist, sondern nur reduziert auf die Dimension, die für die weitere Entwicklung eine Rolle gespielt hat.
    Dieses reduzierte Verständnis kann vom Autor eines Romans gewollt sein, aber ich sehe nicht, dass es der richtige Weg wäre, Florians Geschichte zu erzählen. Wenn Florian über die Brandstiftung eingeführt wird, ist er auf die weithin bekannte Figur des Neonazis festgelegt, und man schaut gar nicht mehr richtig hin, was sonst noch über ihn gesagt wird. Ein Grund, dieses Buch zu machen, war es ja gerade, das Klischee von „dem“ Neonazi aufzubrechen, nicht um zu „menscheln“ wie in Berichten über Hitlers Hündin, sondern um zu zeigen, wie vielfältig die Motive sind, die junge Leute in extreme Verhaltensmuster bringen.
    Ein Gesprächspartner aus Frankreich schrieb mir gerade heute, die dort erscheinden schwulen Romane fielen in zwei Kategorien: (1) jemand erlebt irgendwelche belanglosen Abenteuer, (2) jemand meint, sich im Nachhinein endlos über zurückliegende belanglose Abenteuer ausquatschen zu müssen. Ich bin ebenfalls der Meinung, dass ein Großteil der gegenwärtigen Literatur, ob nun schwul oder nicht, die „Abenteuer“, also irgendwelche besonderen Ereignisse, für das Wichtigste hält. Da jeder neue Bestseller-Aspirant dabei die schon vorliegenden außergewöhnlichen Geschichten toppen muss, kommen zunehmend immer belanglosere Ereignisse dabei raus, die sich nur dadurch auszeichnen, dass ihr Plot extrem ausgefallen ist. Die Leistung des Autors besteht also darin, dass er bestimmte naturwissenschaftliche Kenntnisse hat (wie Schätzing im „Schwarm“) oder sich ein irgendwie verblüffendes Setting aus den Fingern saugt, was für den Leser dann notwendiger Weise keinerlei praktische Bedeutung hat. Ob es eine Video-Aufnahme von Jesus gibt oder nicht ist nun wirklich scheißegal, der Roman mag allerdings sehr spannend sein.
    Ich bin überzeugt, obwohl ich mich dabei rein theoretisch irren könnte :-), dass es Uwe Szymborski gelungen ist, seine Hauptfigur als Menschen aus Fleisch und Blut zu beschreiben und von Anfang an Interesse für sein Schicksal zu wecken. Der häufigste Fehler, den ich bei den vielen mir ständig zugeschickten Manuskripten feststelle, ist ja der, dass der Autor meint, auf den ersten zwei Seiten alles wichtige über seinen Helden mitteilen zu müssen. Das ist dramaturgisch gesehen Blödsinn. In „Radikal“ lernt man Florian nach und nach kennen, und wer dazu keine Lust hat, ist evtl. der falsche Leser für dieses Buch. Im Laufe des Kennenlernens erfährt man sowohl von den politischen Ansichten Florians, die es verdienen, dass man ihnen erst einmal zuhört, und auch von seinen sexuellen Wünschen und Vorlieben. Im Kern geht es dabei darum, einen Roman über einen „ganz normalen Menschen“ zu schreiben, also nicht dieser „Ich habe eine ganz außergewöhnliche Geschichte“-Quatsch. Ob das ein gutes Buch wird, hängt davon ab, welche neuen Wahrnehmungen uns der Autor möglich macht. Wie Goethe so schön gesagt hat: „Jedes Ding, recht betrachtet, schließt ein neues Organ in uns auf.“ Ich will Bücher, die irgendwelche, meinetwegen auch belanglose Dinge „recht“, also neu betrachten, weil die gelungene Erzählung eines evt. belanglosen Stoffes gerade nicht ein belangloses Buch wird, wogegen die routinierte Beschreibung eines außergewöhnlichen Stoffes sehr oft ein belangloses Buch ergibt.
    Da soll mir bitte mal einer das Gegenteil beweisen!

  2. Ehrlich gesagt wundert mich diese Debatte sehr. Dass ihr als ausgebuffte Verlagsprofis nicht weniger theoriebelastet an ein Manuskript herangeht! Als Mensch mit naturwissenschaftlicher Ausbildung hätte ich ja während des Studiums die Literaturwissenschaft zweifelsohne ohne zu Zögern als „Laberfach“ abqualifiziert. Diese verkopfte Herangehensweise ist für mich immer noch nur schwer nachvollziehbar.

    Im Ernst: Was will denn der Leser? Gehe ich von mir aus, so erwarte ich zunächst von einem Buch, dass ich es gern lese und mich nicht zwingen muss, es zu lesen. Das dürfte nicht zu viel verlangt sein. Vielleicht gehört dazu so etwas wie ein Spannungsbogen und eine verständliche Sprache. Ich weiß nicht genau, wie man das jetzt genau benennen soll, schließlich bin ich kein Literaturwissenschaftler. Als nüchterner Faktenmensch habe ich es bisher nur zum Autoren von ein paar Sachbüchern gebracht, die von meinem Lektor dennoch als „Schmöker“ bezeichnet wurden (was immer das nun wieder ist).

    Gehen wir doch mal sachlich an Uwe Szymborskis Buch heran (wie der Zufall so spielt, habe ich es grad kürzlich gekauft). Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen, was schon mal für das Buch spricht. Bis zum Brandanschlag wirkt es irgendwie ziemlich authentisch. Die Frage nach autobiografischen Elementen will ich hier nicht erörtern (das werden wohl alle guten Autoren immer gefragt). So Sprüche wie das mit dem „Fotzenschleim“ finde ich schon derbe naturalistisch (wo hat ein schwuler Autor das her?). Kannte mal einen Kerl, der hatte auch immer solche Sprüche drauf (aber das gehört hier nun wirklich nicht in dieses Forum).
    Die Zeit im Krankenhaus kommt mir dann etwas konstruierter vor. Es ist auch schwer nachvollziehbar, warum Florian ausgerechnet aus reiner Berechnung im Krankenhaus mit dem geretteten Jungen spielt. Schließlich ist doch wohl die Rettungsaktion beim Brand auch nicht aus Berechnung passiert, sondern sollte doch eine spontane moralische menschliche Handlung sein!? Wie wir alle neuerdings wissen, sind wir ja genetisch determiniert, moralisch zu handeln (der große Sieg der Naturwissenschaften über die „Laberfächer“?).
    Dass Florian am Ende den Zivi Danny kriegt, wünscht man sich als Leser ja insgeheim und freut sich dann auch dafür, dass es klappt. Wobei: Ist nicht eigentlich ein solches Happy-End ein Kennzeichen trivialer Literatur? Eben, deswegen bekommen zum Schluss die Gutmenschen dann noch mal ihr Fett weg. Das gefällt mir auch wieder ganz gut, weil es dem ganzen Plot ein bisschen den Bierernst nimmt. Und ich muss gestehen: In dem Alter hätte ich persönlich vermutlich wie Danny gehandelt.

    Fazit: Ich hab es gern gelesen, würde es wieder lesen und jedem den Kauf empfehlen. Was wollt ihr eigentlich mehr?

  3. Lieber Rolf Redlin,
    genau um solche Rückmeldungen ging es uns mit unserer Debatte. Wenn wir uns im Verlag mit den Autoren über ihre Manuskripte unterhalten, geht es natürlich genau darum, Erwartungen wie die von Dir beschriebenen so weit als möglich zu erfüllen. Und sicher kann man verschiedener Auffassung darüber sein, welcher Aufbau der Geschichte am besten funktioniert. Ich hatte das Manuskript als Lektor betreut, und als mein Kollege dann das Ergebnis gelesen hat, war er der Meinung, dass die Geschichte anders hätte erzählt werden sollen. Wir haben uns dann entschieden, die Debatte öffentlich zu führen.
    Es mag sein, dass in den Literaturwissenschaften viel gelabert wird. Unsere Auseinandersetzung soll im Gegensatz dazu nicht akademisch, sondern ganz pragmatisch erörtern, wie man am besten zu einem guten Schmöker kommt. Das, was Du als Deine Erwartung an ein gutes Buch definierst, sagt sich zwar leicht, ist aber in der Umsetzung oft schwer zu erreichen. Wenn Du nun schreibst, dass der erste Teil bis zur Einlieferung ins Krankenhaus Dir besonders gut gefallen hat, ist das Wasser auf meine Mühle; Detlef Grumbach ist da anderer Ansicht und begründet die in seinem Eintrag ja auch. „Richtig“ und „Falsch“ gibt es hier nicht, das macht Literatur ein wenig komplizierter als ein naturwissenschaftliches Experiment, aber immerhin bin ich beruhigt (und der Autor sicher auch), dass wir hier keinen Mist gebaut haben.

  4. Moin Joachim,
    hoffentlich habe ich mich mit meiner direkten Art nicht wieder unbeliebt gemacht. Mag es halt gern, die Dinge mal ein bisschen auf den Punkt zu bringen, manchmal vielleicht ein bisschen zu sehr.

    Was macht denn nun überhaupt ein gutes Buch aus? Gibt es so einfache Mindestanforderungen wie jene, die Martin Walser seinem „Kritiker“ André Ehrl-König in den Mund legt? Nicht über 400 Seiten, keine beschränkten Weibspersonen im Inhalt. Nichts gegen Martin Walser, aber irgendwie habe ich es nicht geschafft, seinen „Tod eines Kritikers“ vollständig durchzulesen. Da reicht wohl meine Intellektualität dann doch nicht aus. Diese hübschen gedrechselten Satzschlangen, nur um der Satzschlangen willen. Puh!

    Und wo ich grad beim Schimpfen bin (Du merkst schon: eine meiner Lieblingsbeschäftigungen), will ich hier noch kurz auf ein Buch eingehen, dass ich jüngst in einer Zeitung besprochen fand. Wie der Zufall (besser: das Marketing) es so wollte, stand es in der Woche darauf in meinem Buchladen in der Bramfelder Chaussee. „Komm, gehen wir“ heißt der Band (Arnold Stadler) und die Buchbesprechung machte mir Hoffnung, dass ich mich in der Geschichte ein wenig wiederfinden würde. Sachlich gesehen geht es um ein gemischtgeschlechtliches Paar und einen dritten Mann. Ja, mit viel Anstrengung habe ich es durchgelesen. Worum es geht, weiß ich leider immer noch nicht. Der Protagonist verfällt der Liebe zu dem anderen Mann, die nicht oder wenigstens nicht richtig erwidert wird. Oder doch? Eine Erzählung voller Verlierer. Wenig Spannung, dafür aber mit viel Verliebtheit in die Sprache erzählt. Bei soviel Detailversessenheit fällt allerdings auf, dass manches nicht sicher recherchiert wurde. 1978 hatten wir eben noch keine Plastikflaschen, in Italien schon mal überhaupt nicht, und erst recht keine Calvin-Klein-Unterwäsche. Vielleicht werde ich das Buch über Amazon wieder verkaufen, mein Bücherschrank ist ohnehin schon recht voll.

    Nun sind wir damit bei der schon endlos diskutierten Frage angelangt: Warum gelten in Deutschland Sprache und Stil alles, der Plot und dessen Umsetzung nichts? Bei Filmen ist das ja ähnlich: Man nehme zwei Schauspieler, setze diese in ein Auto, lasse sie damit sinnlos umherfahren, filme das in schönen Bildern ab und fertig ist ein von der Kritik bejubeltes Roadmovie, das nach einer Woche aus den Kinos verschwindet.

  5. Hallo Rolf,
    ich habe diesen neuen Eintrag leider erst jetzt entdeckt, warum auch immer.
    Leider stimmt es nicht, dass in Deutschland Sprache und Stil alles gelten, zumindest sehe ich das nicht so. Wenn Autoren für ihre Sprache gelobt werden, sind es in aller Regel mehr oder weniger tumbe Epigonen, die sich altertümlicher Formen bedienen. Aus Anlass der Büchnerpreis-Verleihung habe ich gerade ein wenig Mosebach gelesen, und ich muss sagen, da hätte ich aber munter drin herumgestrichen! Ich müsste schon eine Weile nachdenken, bis mir vielleicht ein Rezensent einfällt, auf dessen „Sprachlob“ man etwas geben kann.
    Es ist wohl eher so, dass die Leser und Rezensenten einen „gehobenen Ton“ toll finden – dann haben sie beim Lesen das Gefühl: Kultur! Ja, gib’s mir! Und ich bin sicher, dass viele Autoren ganz tief von dieser Erwartungshaltung durchdrungen sind, so dass sie wahrscheinlich gar nicht mehr merken, wie sie sie in bester Kunsthandwerksmanier bedienen.
    Die Bücher, die ich bisher von Stadler gelesen habe, haben mir durchweg sehr gut gefallen; „Komm, gehn wir“ kenne ich allerdings noch nicht, ich habe aber vor es zu lesen; dann gebe ich hier bestimmt meinen Senf dazu ab.
    Was ein gutes Buch ist, kann (und sollte?) man nicht allgemeinverbindlich definieren. Wilhelm Busch hat geschrieben: „Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, das man lässt.“ In meiner Lektoratsarbeit bin ich nach all den Jahren noch immer verblüfft, wenn ich erlebe, wie nach einigen Strichen von missglückten Sätzen der sonstige Text noch „besser“ wirkt als vorher schon. Wenn man das verallgemeinert, kann man sagen: je nach der Entscheidung, was bleibt und was gestrichen wird, können aus einem Ausgangsmanuskript völlig verschiedene Bücher gemacht werden (das ist wie beim Wein …). Und darum ging es übrigens in der Auseinandersetzung von Detlef und mir, die am Anfang dieser ganzen Kommentararie stand.

  6. Hallo Joachim,
    nun wird es wohl doch langsam Zeit zu antworten. Gern würd ich mal wieder den Bogen zu „Radikal“ schlagen. Meines Erachtens ist es eine bemerkenswerte Leistung des Autors, dass er den rechtsradikalen Hintergrund Florians glaubhaft schildert. Und wenn es tatsächlich stimmt, dass Uwe Szymborski keine praktische Erfahrung mit der Szene hat, so hat er zumindest recherchiert und das plausibel umgesetzt. Weiter oben hast Du Schätzing und den „Schwarm“ erwähnt. Hier wie dort gilt das gleiche. Schätzing hat nachgelesen und das Ergebnis in eine spannende Story verpackt. Das finde ich schon mal (vom handwerklichen Standpunkt) bemerkens- und beneidenswert.
    Vermutlich wird jetzt irgendjemand laut „Halt“ rufen und verlangen, dass auch der Inhalt seine Bedeutung hat. Du hast das ja weiter oben auch schon getan. Den meisten Verlagen ist vermutlich wirklich schietegal ob es ein Video von Jesus gibt, Hauptsache die Auflage stimmt. Doch das ist wohl der Lauf der Welt und eine Frage des Anspruchs die jeder an sich selbst stellt. Selbst an meiner TV-Fernbedienung habe ich ja die Wahl zwischen 3SAT und RTL2.
    Und um nochmal auf „Radikal“ zurückzukommen: Szymborski hat zum Glück auch nicht versucht, irgendein Problem zwischen Florians Schwulsein und seiner Gesinnung zu konstruieren. Das wäre auch irgendwie zu platt und naheliegend gewesen. Florian ist einfach Glatze und außerdem schwul. Der Widersprich tut sich ganz woanders auf. Das gefällt mir übrigens auch. Und wenn Florian manchmal in der Clique aneckt, dann doch wohl eher wegen seines Verkopftseins und weniger wegen des Schwulseins (obwohl das ja häufig miteinander einher geht).

  7. Der Inhalt kann mal mehr, mal weniger neugierig machen, lieber Rolf, aber davon hängt weder Qualität noch Erfolg eines Buchs ab. Ich halte es meistens für ein Armutszeugnis, wenn ein Autor zu ausgefallene Stoffe wählt; schließlich sagt er damit indirekt, dass er das auch „braucht“. Uwes Bücher (neben „Radikal“ ja auch „Keine Helden“) gefallen mir so gut, weil sie mit beiden Beinen auf dem Boden des Alltags stehen, keine Flutwelle, kein Bild von Jesus, nicht einmal ein Kind von Jesus (Dan Brown). Obwohl ich sagen muss, dass mich Uwes Frage, was ich davon halte, einen Roman über einen Skin zu schreiben, der „aus Versehen“ ein Asylantenkind aus einem brennenden Haus rettet, schon sehr elektrisiert hat. Elektrisiert aber vor allem aus dem Grund, weil ich der Meinung war (und bin), dass sich aus dieser Ausgangslage viel machen, sprich: erzählen lässt.
    Übrigens: der neue Stadler („Komm, wir gehen“) erscheint mir tatsächlich „prätenziöser“ als seine früheren Bücher. Mein erster Eindruck war allerdings, dass die Hürden, die er in den Text einbaut, eine bestimmte Lesart zu erzwingen versuchen, und das scheint mir nicht verkehrt. Ich werde das Buch im Urlaub hoffentlich ganz lesen können. Demnach bist Du also ein Leser, der sich vom Autor nicht zu viel „sagen“ lässt. Bist Du nicht neugierig darauf, was passiert/ was Du vielleicht erlebst, wenn Du Dich diesem „Übergriff“ des Autors aussetzt?

  8. Hallo Joachim, vielleicht hast Du damit recht. Ich lasse mir ungern etwas „sagen“. Trotzdem denke ich, dass anders herum ein Schuh draus wird. Ich möchte doch eintauchen in die Welt die der Autor mir da entwirft, will mich entführen und fesseln lassen (natürlich nur im übertragenen Sinne, bei eurem Verlag muss Mann das vorsichtshalber erwähnen). Doch was soll ich davon halten, wenn dieser Effekt partout nicht eintreten will? Hinter mir im Schrank steht Peter Weiss‘ „Ästhetik des Widerstands“, da hab ich vor gut 20 Jahren nach 1/3 aufgegeben. Und das, obwohl mein Verstand das Buch unbedingt lesen wollte! Dagegen war ich vor 35 Jahren vermutlich der einzige Schüler in unserer Klasse, der die „Buddenbrooks“ mit höchstem Vergnügen in einem Zug durchgelesen hat. Da bin ich vielleicht altmodisch oder nicht intellektuell genug, aber für mich gibt’s halt Bücher wo ich beim besten Willen keine Geschichte erkennen kann.
    Doch nochmal zurück zu den ungewöhnlichen Plots an ungewöhnlichen Schauplätzen: Trifft das nicht ein klein wenig auch auf „Radikal“ zu? Nun wissen wir ja, das draußen scharenweise Schwule in Skinhead-Verkleidung herumlaufen, doch davon werden sie ja leider gottseidank keine „echten“ Glatzen. Da befriedigt doch diese Story auch ein ganz ganz kleines bisschen die schwule Neu- und/oder Sensationsgier? Das finde ich auch überhaupt nicht schlimm, denn latent aggressive jugendliche Subkulturen haben ja zu allen Zeiten auf Schwule attraktiv gewirkt. Da kann man wohl leicht einen Bogen über die „Westside-Story“, dann die Rocker der 70er Jahre (unsere harten Lederkerle) bis eben zu den Glatzen von heute spannen. Als ich den Film „Oi! Warning!“ im Hamburger UFA-Kino gesehen habe, war der Saal zu 100% schwul.

  9. Lieber Rolf,
    dieses Mal kann ich nur zustimmen, auch ich komme bei vielen Büchern an den Punkt, dass ich das einfach nicht weiter lesen kann und will, und dann ist Schluss. Den Stadler habe ich gerade im Kurzurlaub gelesen und schreibe dazu einen eigenen Eintrag, das Buch ist tatsächlich ziemlich komisch, ich war enttäuscht. Und was Du zu „Radikal“ schreibst, freut mich sehr.

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