Engel in Amerika revisited

Das Hamburger Thalia Theater bringt mit Tony Kushners „Engel in Amerika“ ein Theaterstück auf die Bühne, das 1993, im Jahr der Erstaufführung, extrem nah am Puls der Zeit war. Im Hamburg war das Stück kurz nach der amerikanischen Erstaufführung am Deutschen Schauspielhaus in der Inszenierung Werner Schroeters zu sehen. Schroeter ist 2010 an den Folgen von Aids gestorben; am Thalia Theater führt Wunderkind Bastian Kraft Regie, der 1993 dreizehn Jahre alt war und den Schrecken von Aids vor Entwicklung der Kombitherapie evtl. aus Schulbüchern kennt (falls die solche Themen behandeln). Warum bringt man dieses Theaterstück nach mehr als zwanzig Jahren noch einmal auf die Bühne? Ich habe es mir angesehen.
Im Thalia Theater bekommt man eine rabiate Strichfassung beider abendfüllender Teile des Stücks zu sehen, aus 7 Stunden wurden 3. Dennoch bemängelt der NDR, in der zweiten Hälfte seien Längen festzustellen (fand mein Begleiter ebenfalls). Und natürlich verfolgen diese Striche eine Tendenz: Die mythische Ebene, der das Stück nicht zuletzt seinen Titel verdankt, tritt zurück zugunsten eines hochemotionalen Ehedramas zwischen Klemmschwester Joe und seiner Frau Harper sowie der publikumswirksamen Rüpeleien Roy Cohns, der als fieser „J.R.“ bestens ankommt. Die eigentliche Hauptfigur des Stücks, Prior Walter, frisch auf Aids diagnostiziert und in seiner Todesangst zu einer Art Prophet verklärt, darf ab und zu als bedauernswerter, aber knuffiger Kumpel über die Bühne laufen. Damit ist klar: wer die Schroeter-Inszenierung kennt, bekommt hier etwas völlig neues geboten.
Damit kein falscher Eindruck entsteht: mir hat die Aufführung gut gefallen, und zwar vor allem aus dem Grund, weil hier ein Theaterstück aufgeführt und kein alberner Regietheater-Klamauk getrieben wird. Die Schauspieler sind allesamt richtig gut, und man merkt: auch der Text ist gut. Soweit zum Handwerk. Was auf diese Weise zur Aufführung kommt, ist ein psychologisches Stück über fünf arme Würmchen; Werner Schroeter zeigte stattdessen eine griechische Tragödie über kosmische Kräfte, für die die Menschen nur Tennisbälle sind, die hin und her geschleudert werden.
Psychologie gegen Mythos, da ist klar, wer heutzutage den Sieg davonträgt: Drei Stunden lang leiden fünf Menschen an Sucht, Verlogenheit und Korruption, gut gespielt kann das nicht schief gehen. Jede dieser Figuren mitsamt ihren Problemen ist jedoch eine Figur der Achtziger Jahre, was können sie uns heute mit unseren Drogen und unseren Problemen sagen? Nun gut, Cäsar und Kleopatra waren viel länger tot, als Shakespeare sie auf die Bühne brachte, aber kann man das vergleichen?
Die beiden Teile von „Engel in Amerika“ tragen die Titel „The Millennium approaches“ und „Perestroika“, und damit sprechen sie von einem Lebensgefühl, an das sich 2016 selbst diejenigen, die es erlebt haben, kaum noch erinnern können. Dieses Gefühl, in dem bisher zum letzten Mal Weltuntergangsstimmung und Hoffnung auf ein neues Zeitalter eine komplexe Verbindung eingegangen sind, archäologisch auszugraben und in Erinnerung zu bringen, wäre nicht ganz sinnlos in einer Zeit, die von der einen Zutat zu viel und von der anderen zu wenig hat. Bei einem solchen Vorhaben hätten Prior Walter, seine Engel und seine prophetische Sendung sicherlich eine größere Rolle gespielt. Weshalb man jedoch ein zwanzig Jahre altes Zeitgeiststück ausgräbt, um den ewigen Geschlechterkampf und die ewige Skrupellosigkeit amerikanischer Anwälte auf die Bühne zu bringen, weiß ich, auch nach einem insgesamt erfreulichen Abend, nicht so recht.

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