Böhmermann und Mossmann

Warum Pimmel und Eier? Böhmermann spottet über Erdogan, und alles, was ihm einfällt, sind sexuelle Unterstellungen: Ziegenficker, Kinderficker, kleiner Pimmel, trockene Eier. Wenn man den ordinären Wortschatz und die Flüche der europäischen Länder betrachtet, dann findet man ein derart überwältigendes Porno-Repertoire vor allem in Italien und Spanien. In Deutschland hat das keine Tradition. Es gab keine Sexwitze über Kohl, dem man sonst wohl so gut wie alles unterstellt hat; auch nicht über Schmidt und Schröder, und schon gar nicht über Merkel. Ist es ein Entgegenkommen, wenn südländische Potentaten im südlichen Stil beschimpft werden? Damit sie sich heimisch fühlen?

Oder hat sich Herr Böhmermann vom multikulturellen Berliner Gossenjargon inspirieren lassen? Ich war bisher ganz froh, dass ich, wenn ich es denn unbedingt wollte, einen Menschen beschimpfen konnte, ohne seine Mutter als Hure zu bezeichnen. Doch vielleicht erleben wir auch beim Schimpfen den Effekt der Globalisierung. Davon abgesehen pöbelt Herr Böhmermann mit Stil; man merkt, dass er sich lediglich Worte ausgedacht hat, aber selbst nicht glaubt, was er sagt. Das ist gut so: man soll sich nicht selbst in die Falle gehen.
Was mich gewundert hat, ist sein eigenartiger Vorspann zum Genre des Schmähliedes. Anscheinend kann sich in seiner Redaktion niemand mehr an Walter Mossmann erinnern, und das ist wirklich schade. Der hat, als anarchistischer Barde der Anti-AKW-Bewegung, ein wunderbares Schmählied auf Gerhard Stoltenberg, damals Ministerpräsident von Schlesweg-Holstein, gedichtet, das zwar nicht unter die Gürtellinie zielte, aber im brutalstmöglichen „germanischen Stil“ einen ehrenwerten Mann in den Schmutz zog. Die erste Linie seines Liedes lautete: „Stoltenberg, Stoltenberg, CDU Gelichter, Technokrat und Gartenzwerg, haut man ihn, dann bricht er.“ Als man ihn juristisch bedrohte, verwies er auf die altdeutsche Tradition des Spottlieds, in dem auch die abwegigsten Unterstellungen vorkamen. Wüsste er das, wüsste Herr Böhmermann auch, dass er wohl kaum etwas zu befürchten hat. (Obwohl, vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand …) Aber mit Handschellen zu kokettieren ist natürlich sehr viel medienwirksamer. Ich fand’s schade, dass der neue Rechtsexperte der ARD, der insgesamt seinem Vorgänger alle Ehre macht, den Präzendenzfall Mossmann nicht zu kennen schien, als er seine Prognose auf ein mögliches Verfahren stellte. Im Internet ist dazu allerdings auch kaum etwas zu finden. Und so ist man als älterer Mitbürger mit Erinnerungsvermögen dann doch noch zu etwas nutze.

3 Gedanken zu „Böhmermann und Mossmann

  1. Ich fand nicht, dass Böhmermann „mit Stil pöbelt“, sondern fand ihn einfach nur geschmacklos und unter der Gürtellinie. Aber so verschieden sind die Auffassungen. Trotzdem ein sehr schöner Blog, den ich jetzt erst entdeckt habe!

  2. @ Reiner: offenbar ein Missverständnis. Mit „Stil“ meinte ich lediglich, dass er nicht aus echter Wut pöbelt, sondern als „Kunstform“. Diese Kunstform war dann definitiv geschmacklos und unter der Gürtellinie.

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