Wilde und Shaw

Oscar Wilde wird gern als Boulevardschriftsteller abgetan, aber man muss sich nur ein Stück des selten aufgeführten G.B. Shaw ansehen, um seine Meisterschaft zu erkennen. In Hamburg gibt das English Theatre derzeit „Mrs Warren’s Profession“, das sicher zu Shaws Highlights gezählt werden kann. Da die Inszenierung leider vollkommen ideenlos heruntergehaspelt wird, bleibt einem die Einsicht nicht erspart: Das ist politisch engagiert, aber herzlich langweilig. Ich mache kein Geheimnis daraus, ein spezieller Fan von „Importance of Being Earnest“ zu sein, und natürlich erkenne ich in der selbstgerecht-dominanten Frau Warren sofort ein ähnliches Potenzial wie bei Lady Bracknell, der alberne Dorfpfarrer erinnert schmerzlich an Dr. Chasubel, und sein Sohn ist eine heterosexuelle Taschenausgabe (und im Grunde ein Zitat) des wunderbaren Algernon Montcrief. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich Wildes schillernde Seifenblasen manchmal für etwas seicht gehalten habe, aber gemessen an Shaw ist seine Figurenzeichnung einfach genial. Ich bin Herrn Shaw insofern wirklich dankbar, dass er mir ex negativo die Augen geöffnet hat.
Und überhaupt: was ist das für eine bescheuerte Idee, eine wohlanständige, sozial engagierte Person einer verdorbenen Schlampe vorwerfen zu lassen, nicht aus Überzeugung verdorben zu sein? Wenn hier jemand Lebensweisheiten verkünden darf, dann doch wohl die verdorbene Schlampe! Wo kämen wir denn da hin!


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