Genet wird hundert – zu recht!

Jede Generation hat bestimmte Bücher, an denen man sich mit 17, 18 Jahren abarbeitet, und parallel dazu hat jede Generation homosexueller Männer bestimmte Bücher, die in der Zeit des Coming-out besonders wichtig gewesen sind. Josef Winkler hat im „Zöglingsheft des Jean Genet“ beschrieben, wie so etwas funktioniert. Ebenso wie James Baldwin, der wenig später diese prägende Funktion übernahm, ist Genet den heute Zwanzig- oder Dreißigjährigen vollkommen unbekannt. Seine Welt und seine Problemstellungen ist heutigen Lesern fremd, doch noch nicht fremd genug, um seine Romane wie diejenigen Thomas Manns oder Musils „im Plusquamperfekt der tiefsten Vergangenheit“ zu lesen. Man kann sich daran reiben, und man kann andere damit ärgern.
Wer Genet ließt, muss sich auf ein Weltbild einlassen, in dem sexuelle Verhaltensweisen eine soziale Bedeutung haben. Sichere Verhütung (bei Heteros) und Straflosigkeit haben diese ewige Wahrheit inzwischen abgeschafft. Beim Lesen Genets dagegen kann die Schönheit der Männer mystische Züge annehmen, Liebe und Verrat gehören zusammen, Sperma wird auf Brotscheiben aufbewahrt und der stärkste Bauarbeiter kann jederzeit in das Selbstgefühl eines Schulmädchens versinken. Ob er will oder nicht steht Genet in der Tradition de Sades, der sich mit bürokratischer Unermüdlichkeit die kompliziertesten Verfahren ausdachte, um im Koitus ein Maximum an Sakrilegen zu begehen. Die Kulturnation definiert sich schließlich durch ihre Wertordnungen, die dem Bürger Sicherheit und dem Revolutionär eine Angriffsfläche bieten. Dass Sexualität etwas sei, das man nebenbei zum Vergnügen betreibt, wäre sicherlich keiner von Genets Charakteren verständlich zu machen gewesen. Andererseits war seine Aufladung perverser Sexualität mit weitreichenden Bedeutungen die Voraussetzung dafür, dass ein bürgerliches Publikum bereit war, sich mit seinem Werk auseinanderzusetzen.
Lange her, das alles, hundert Jahre alt, und davon schon 24 Jahre tot.


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7 Gedanken zu „Genet wird hundert – zu recht!

  1. Wir hatten in der Oberstufe einen Deutschlehrer, der nebenbei über den Picaro-Roman promovierte. Für den Unterricht hieß das: Jeder Schüler musste einen Roman lesen und der Klasse vorstellen. Nicht, dass wir ihm haben zuarbeiten müssen – ihm passte es wohl nur ganz gut in seine Arbeit. Der Zufall wollte es: Ich habe das „Tagebuch eines Diebes“ abbekommen. Der Roman hat mich – das muss 1972/73, mit 17 oder 18, gewesen sein – total aufgewühlt. Ich wusste, er geht mich etwas an, aber ich wusste noch nicht, was. Das war ein ganz heißes Leseerlebnis, Literatur, die auf ein Empfinden bei mir traf, auf eine Stimmung. Die Inszenierung (?) des Paria? Das zelebrieren des Außenseitertums? Kein Buch habe ich so gelesen wie damals diesen Roman. Und ich bin wohl nie so rot geworden, wie als ich ihn vorstellte, über Homosexualität sprach und die halbe Klasse schmunzelte. Sie wusste vielleicht mehr über mich als ich.
    Ich habe dann später im Studium alles von Genet gelesen, aber ich bin mir auch ziemlich sicher: Ich würde das nicht wieder tun. Warum nicht? Auch Sartre habe ich in meiner Schulzeit und später verschlungen, er hat mich mit seinem – sehr verkürzt in meiner Lesart: – „Tu was du willst, aber tu es gründlich“ ebenso aufgewühlt, aber heute? War das damals eine Zeit, in die das (noch) passte? War es die Pubertät? Ich weiß es nicht, aber es ist schon seltsam, dass es für das eigene Leben sehr wichtige Bücher gibt, die ich immer als für mich wichtig bezeichnen würde, die ich aber kaum noch einmal lesen wollte.

    Ob einer zu Recht oder zu Unrecht 100 wird, weiß ich nicht, zumal er es ja gar nicht wirklich wird. Ob Genet heute noch etwas bedeuten kann – die Frage bleibt offen.

    Kein hilfreicher Kommentar, eher ein rumgrummeln.

  2. Hilfreich würde es, wenn du herausfinden würdest, weshalb das heute weniger interessant erscheint als damals. Spannender als Franzen sind Genet oder Sartre doch auf jeden Fall, vor allem deshalb, weil sie sich selbst noch als Literatur verstehen und nicht als Geschichtenerzähler!

    Für unsere Taschenbuch-Neuauflage der „Schlimmen Engel“, die 1957 erstmals auf französisch erschienen sind, habe ich gerade das Pressezitat zum Hardcover von Dirk Naguschewski aus dem Hinnerk gefunden: „Jourdan beschreibt Momente körperlicher und emotionaler Sehnsüchte, die für den aufgeklärten Menschen von heute kaum mehr vorstellbar sind, aber als Prüfsteine des eigenen Erlebens dienen.“ Das ließe sich wortwörtlich auch über Genet sagen. Wenn und insofern solche Sehnsüchte Teil der conditio humana sind, ist es verdammt wichtig, dass sie nicht in Vergessenheit geraten.

  3. Ich habe – „als Deutscher“ – kürzlich versucht, ein paar fassbinderbegeisterten jüngeren Franzosen über die Sechziger und Siebziger in der damaligen BRD zu erzählen, so von Ohnesorg bis zu Schleyer unter besonderer Berücksichtigung des durch die „Springerpresse“ vermittelten Weltbildes, hab dabei noch versucht, anhand der einen oder anderen bekannten Anekdote den Unterschied zwischen der westdeutschen Wehrmachtselterngeneration und der ganz anders reaktionären französischen gaullistischen oder ordnungskommunistischen erkennen zu lassen. Ich vermute ja, man kann auch Filme besser verstehen, wenn man eine gewisse Ahnung von den Zeitläuften hat, Beziehungen erkennt. Ich hatte jedoch den Eindruck, ich rede vom Mond herunter, und was ich da verzapfe, interessiert kein Schwein, die Leute hören nur höflich zu, weil man eben in Gesellschaft eine Weile höflich zuhört, diese Geduld hat man. Ich hatte einigen Beaujolais nouveau intus und redete unter diesen Umständen trotzdem noch ein bisschen weiter; es waren ja um Himmelswillen nur eingeworfene Bemerkungen, kein unerbetener Vortrag, bis hin zu Kenneth Anger trieb ich die Analyse jedenfalls nicht. Es kam dann aber doch Unruhe in der französischen Fassbindergemeinde auf, und ich musste einsehen, dass ich das Thema verfehlt hatte und besser verstummte. Man kann also offenbar auf Petra von Kant, das Jahr mit 13 Monden usw. auch heute noch wild abfahren und sich dabei einen feuchten Kehricht um Hintergründe und Bedingungen der Entstehung scheren. Das ist mittlerweile einfach so – womöglich stört der blöde Kontext ja einen Genuss… Gut, ich gehe auch mit Begeisterung in asiatische Filme, die mir unlösbare Rätsel aufgeben, und verzichte dabei zuweilen auf das Lesen der Untertitel. Wohl der Preis des Überlebens: dass man außer schönen bunten Bildern der Nachwelt eigentlich nichts mehr zu bieten hat, also quasi auch nur noch „Geschichten erzählt“. Geschichte *gemacht* hat man. Einmal. Zweimal geht das natürlich nicht.

    Wenn jedenfalls, wie es oben sehr richtig heißt, die „Aufladung perverser Sexualität mit weitreichenden Bedeutungen“ die Voraussetzung dafür war, dass sich seinerzeit auch ein bürgerliches Publikum mit Werken wie denen von Genet auseinandersetzte, scheinen sich die Dinge fast gedreht zu haben: ein Kunstwerk scheint beim größeren Publikum nur dann noch eine Chance zu haben, wenn die weitreichenden Bedeutungen möglichst nebulös bleiben. Insistiert man ein klein wenig, wird entnervt abgewunken. Ein Brocken wie Sartres Studie würde einem heutigen Genet eher schaden. Aber wer sollte so etwas auch schreiben? Michel Onfray vielleicht? Richtig gelesen hat man den Saint Genet selbstverständlich auch damals nicht, aber zumindest lieferte er allenthalben Stoff für kultivierte Tischgespräche, das war ja auch schon etwas, und wohl tatsächlich die Voraussetzung, dass sich die Verhältnisse so tiefgreifend ändern konnten. Der Wind bläst momentan aus einer anderen Richtung, aber was soll’s?

    Das soll jetzt alles nur als Aufforderung verstanden werden, unentwegt Neuauflagen zu wagen.

  4. Und wieder fühle ich mich als Mondkalb. Ein intimes Bekenntnis: Mir vergeht kein Tag ohne Genet. Nun gut, das heißt nicht, jeden Tag seine Texte lesen zu müssen. Aber die Existenz dieses Oeuvres und seines Schöpfers ist mir so selbstverständlich und unabdingbar wie im Musikalischen vielleicht „Bach“ oder ein ähnliches Kaliber. Man hört auch nicht jeden Tag die Matthäuspassion, aber unter Zeitgenossen leben zu sollen, denen diese Musik – analog: das Werk Genets – nichts bedeutet, wäre (oder ist) unzumutbar. Ende des Bekenntnisses.

    Ich kann JJ Schlegel also nur Recht geben: Neuauflagen wagen. Überhaupt: mehr Genet wagen. Vielleicht wäre auch ein möglichst auffällig vermarkteter Sammelband, der Erfahrungen mit Genet mitteilte (also literarische wie sekundäre Texte) hilfreich, um auf diesen unverzichtbaren Autor die Aufmerksamkeit des zerstreuten Publikums zu lenken.

    Was kommt hier als nächste Horrormeldung? Dass keiner mehr Burroughs liest?

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