„Homosexueller Cowboy“ ist tot

Die Verfilmung der kleinen Erzählung „Brokeback Mountain“ war ein eigenartiges Medienereignis, das aus schwuler Sicht leider noch nicht analysiert wurde. Bemerkenswert sind auch die Reaktionen des heterosexuellen Publikums, und sie dauern fort. Heath Ledger ist an einer Überdosis Schlaftabletten verstorben, und die Nachrichten würdigen ihn als Darsteller eines „homosexuellen Cowboys“. Auch ohne die generelle Abneigung der Queer Theory gegen klare Identitäten zu teilen, kommt mir das komisch vor.
Zum einen habe ich nie gehört, John Wayne sei ein begnadeter Darsteller heterosexueller Cowboys. Man könnte jetzt böse sein und sagen, klar, heterosexuelle Cowboys hat es schließlich nie gegeben, ebenso wenig wie heterosexuelle Matrosen, insofern kann es sich nur um verlogene und damit wenig verdienstvolle Darstellungen gehandelt haben. Aber das wäre ja gemein, also tun wir es nicht. Das eine nie, das andere aber stets zu erwähnen impliziert, dass die Heterosexualität eines Cowboys keiner Erwähnung bedarf, weil sie selbstverständlich ist. Das ist in Verbindung mit Brokeback Mountain ziemlich dumm, denn Frau Proux zeigt mit ihrer so wunderbar unaufgeregten Geschichte ja gerade, was unter der männlichen Oberfläche dieser Lonesome Riders so alles brodelt. Die beiden Schafhirten sind eines bestimmt nicht: die Ausnahme von der Regel. Wer zu dem Schluss käme, hätte die Erzählung nicht verstanden.
Zum anderen würde ich die Bezeichnung „homosexuell“ für diese Männer zurückweisen – sie verlieben sich ineinander, Punkt. Dass es so etwas wie Homosexualität und Homosexuelle gibt, erfahren sie erst, als sie in den Alltag zurückkehren und ihre Gefühle füreinander verstecken müssen. Die Einfachheit dieser Beziehung wird von der heterosexuellen Rezeption in die Schublade des Exotischen gesteckt und damit gründlich missverstanden.
Und Cowboys, um das zumindest kurz anzusprechen, waren diese Schafhirten nun wirklich nicht, da denkt man nun wirklich an John Wayne und Consorten und an eine andere Zeit. Aber „schwule Landwirte“ wäre natürlich nicht so spektakulär, auch wenn der „Jungbauernkalender“ schon seit Jahren ein Verkaufsschlager (bei wem eigentlich?) ist …


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5 Gedanken zu „„Homosexueller Cowboy“ ist tot

  1. Das erinnert mich wieder an den Essay von Giovanni dall’Orto über das jüdische und das schwule Ghetto. Seine Schlussfolgerung: Wer ist nun im Ghetto? Die Schwulen in ihrer Szene, oder vielleicht eher die Heteros, die nicht aus ihren Konventionen hinaus können?!!

  2. „Die Verfilmung der kleinen Erzählung ‚Brokeback Mountain‘ war ein eigenartiges Medienereignis, das aus schwuler Sicht leider noch nicht analysiert wurde“, meint Joachim Bartholomae.

    So leicht kann man sich irren. Die Analyse des ganz und gar nicht eigenartigen, sondern den Verhältnissen entsprechend verlogenen Medienereignisses „aus schwuler Sicht“ erschien unter dem Titel „Before Stonewall“ bereits im Mai 2006, und zwar in einem politischen Magazin, das Joachim Bartholomae in seinem Laden seit 1999 verkauft: In „Gigi“, Ausgabe 43.

    Ich habe die Analyse selbst verfaßt, und zwar mit einer Wut, die für Schwule nicht der schlechteste Ratgeber ist. Der Beitrag begann mit dem Zwischentitel „Das fast durchweg überschwengliche Presselob für Ang Lees Brokeback Mountain entspringt einem homophoben Reflex“, demaskierte das nette Geschwafel von der „Lovestory“ und endete beim „Sendemanuskript des Hessischen Rundfunks, wo man sich von dem, worum es im Film tatsächlich geht, auch eher angeekelt zeigt: ‚Brokeback Mountain ist ein überzeugender Liebesfilm, in dem die Homosexualität der Protagonisten eher das nachgeordnete Problem darstellt.‘ – Eine selbsterfüllende Prophezeihung: Homosexualität ist nicht das nachgeordnete Problem, sondern sie wird mehr oder minder bewußt nachgeordnet durch die ordnende Hand des Vorurteils. – Eines Vorurteils, das die Gesellschaft ihren Perversen genauso antrainiert hat wie den Cowboys Jack Twist und Ennis Del Mar, weshalb auch die gesamte hiesige Homo-Presse die Lüge vom Liebesfilm in vorauseilendem Gehorsam und aus anerzogenem Selbsthaß mitlog. Denn wie gesagt, ‚Brokeback Mountain‘ ist ein Film über den Haß. Der Brokeback ist überall, und am Ende ist Jack Twist tot.“

  3. Wenn Günter Schramm wütend wird, ist das fast immer aufschlussreich, bei anderen Autoren trifft das nicht unbedingt im gleichem Maße zu. Gigi könnte eine wichtige Ergänzung der schwulen Presselandschaft sein, wenn sie nicht permanent in Hysterie verfiele, was ich ganz einfach anstrengend finde. Da ich mit dieser Einschätzung wohl nicht allein dastehe, kann eine wie auch immer geistreiche Betrachtung in dieser Zeitschrift leider nicht die Funktion einer Auseinandersetzung des schwulen Publikums mit einem bestimmten Thema erfüllen, schade.

  4. Im Internet wurde viel über die Einschätzung des Films aus schwuler Sicht debattiert, und es kristallisierten sich zwei gegensätzliche Positionen heraus, die sich z.B. in den beiden folgenden Zitaten spiegeln.
    Brad Altfest schreibt in einer Kritik unter dem Titel ‚Bareback Mountain'(kurzer Auschnitt):

    „In fact, „Brokeback Mountain” is like Vaudeville where whites wore black face. Hollywood makes gays „acceptable” to the mainstream by ensuring only heterosexual actors play gay characters.
    Sex, drugs and disco is no where to be found in the 1960’s pastoral setting of „Brokeback Mountain”, Hollywood’s latest depiction of homosexuality. While good to see Hollywood depicting gay men as something other than drug using, panty wearing, promiscuous party-boys; exploration of self-loathing men who happen to have sex with other men is not the gay positive image I would qualify as „progressive,“ „groundbreaking,“ or any of the other number of ways in which this movie has been packaged as a revolution for gays. Written by two straight women, Brokeback is really more of a Feminist deconstruction of the male ego than gay men or gay life.“

    Einer der Kommentatoren erwidert:
    “ In short, this reviewer believes the perfect should be the enemy of the good.
    A similarly moronic review appeared in Salon by one StephanieZ. This kind of über-gay mentality will set back (arguably *has*) set back „the movement“ by a generation by its insistence on political correctness of the worst sort.
    The story is set in 1963. That how things were, and outside these two reviewers‘ fantasies and ghettoes, still are to some extent. The characters, especially Ennis, were repressed beyond what we can believe today, and that repression often exploded into violence. To call the first sex scene „rape“ is completely to misunderstand the signals that have passed between the characters prior, and to misunderstand even more completely the tipping of Ennis‘ repression into lust.
    As for using straight actors, get a grip on yourself. This movie, for better or worse, is marketed to women. Those women want recognizable actors they find „hot“, and very much heterosexual. A movie that gets people talking, one that recognizably shows gay people in love (just like the viewer), and that appeals to BROAD audience will do much more good for us all.
    In short, the perfect–a world in which gay people are just people and actors can be gay without losing their audience–is being made the enemy of the good–a traditional film that will change the minds of at least some people.“

    Die Diskussion ist hier zu finden:
    http://www.indybay.org/newsitems/2006/01/07/17943821.php?show_comments=1#comments

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