Taking Woodstock – Die Woodstock-Therapie

Nach viel zu viel Valium nahmen mehrere Generationen Amerikaner plötzlich etwas ganz anderes zu sich – ein Festival junger Blumenkinder und lauter Musiker. Egal ob Polizisten, Bauern oder Teilnehmer, für alle hat sich die Welt in diesen drei Tagen in ihren Grundzügen verändert, und der Auslöser vor Ort war offenbar ein Homosexueller – na also! Nach der „Harvey-Milk-Revolution“ wurde nun auch Woodstock zum Gegenstand eines Hollywoodfilms aus der Werkstatt des großen Ang Lee, der endlich mal eine positive Geschichte erzählen wollte.
Das hat er getan, und wie! Gegenüber dem filmisch spröden Originalfilm über das Festival vor den Toren New Yorks walzt Lee eine erstaunlich sentimentale und streckenweise ziemlich kitschige Geschichte vor seinen Zuschauern aus. Liebenswürdig, witzig, tränendrüsig, und unglaublich pädagogisch-belehrend. Zwar: man erfährt nichts über die Zeitumstände, aber man sieht, wie der sterbende russisch-jüdische Dad neue Lebensfreude gewinnt. Mensch, was waren die Bürger damals blöd, Mensch, was waren die Hippies bekifft!
Ja und? Es ist ohne Zweifel eine filmische Großleistung, die Lee vollbracht hat, nur leider ist das Drehbuch auf Lindenstraßen-Niveau. (Wenn ich mich zu einem solchen Urteil versteige, kann man fast sicher sein, dass das Drehbuch einen Oscar bekommt … seufz) Ich versteh’s nicht: warum erzählt man heute die Ereignisse von damals so, als würde man nicht wissen, wohin sie geführt haben? Oder zumindest: was es war, das dazu geführt hat? Die reine Dokumentation haben wir schon, und ihr kann Lee leider nicht das Wasser reichen. Fand er es wirklich ausreichend, ganz einfach dasselbe nochmal zu machen, nur eben etwas mehr zu menscheln und in besserer Fotoqualität? So, wie den Remake von Pelham 123? Ich denke, die Antwort lautet ja.


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2 Gedanken zu „Taking Woodstock – Die Woodstock-Therapie

  1. weißt du, wozu Woodstock ‚geführt‘ hat, abgesehen von Altamont? Ich nicht. Und das ist schon arg fies, wenn du das ein Remake nennst, Wadleigh filmt in allererster Linie das Konzert, und Ang Lee erzählt eben diese Woodstock-*minus*-Woodstock-Geschichte, und ich finde, das macht er sehr nett, bisschen harmlos, okay, aber mir hat’s gefallen.

  2. Nö, ich weiß nicht, wozu es geführt hat, aber dass es zu etwas geführt hat scheint mir unausweichlich. Ich bin ein altmodischer Mensch und denke, dass Literatur über Dinge redet, die sie nicht versteht. Sie hat das Privileg, ihre Fragen so in Szene zu setzen, dass das Denken des Publikums ein wenig Struktur bekommt. Und das gilt gleichermaßen für Buch wie Film wie Bühne.
    Lee zeigt mit der Holzhammermethode einen Aufbruch OHNE DIE SCHMERZEN, die jedem Aufbruch vorangehen oder folgen. Und er fragt sich ganz offenbar nicht: „Welche Rolle spielt die Tatsache, dass es W. gab, in meinem Leben?“ (= das wäre ein Teil dessen, wozu es geführt hat)
    Im übrigen ist das nicht „schön“, sondern großartig gemacht, und genau deshalb bin ich traurig über verschenkte Chancen. Schlechte Filme braucht man ja nicht zu kritisieren.

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