Raddatz quasselt

In der TAZ schreibt Elmar Kraushaar über die Memoiren von Fritz Jott R. und langt richtig zu: in seiner Klatschsucht räche sich der homosexuelle Mann für seine reale Machtlosigkeit und opfere die Wahrheit gern für den billigen Effekt. Klar, FJR will mit Provokation Umsatz machen und sich den nächsten Porsche finanzieren, wie man das halt so macht, wenn Geld eigentlich längst keine Rolle mehr spielt. Ist das typisch schwul? Eitelkeit und Geldgeilheit sicher nicht, aber vielleicht der Tonfall. Nachdem es literarisch ja leider nie so recht geklappt hat, ist zumindest denkbar, dass im Nähkästchen dann doch noch Preziosen verborgen waren. Fichtes Indiskretionen zum Kulturbetrieb in „Die zweite Schuld“ sind sicher mehr als Tratsch, und Guiberts Selbstentblößungen in den letzten Romanen sogar große Kunst. Nur weil Raddatz schwul ist, muss er nicht notwendig ein Plaudermöschen sein, oder? Jetzt muss ich mir das Buch wohl mal anschauen – oder stößt jemand Warnrufe aus?


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3 Gedanken zu „Raddatz quasselt

  1. Raddatz muss man lesen.
    Johanna hat Kraushaars Kolumne in der taz gründlich missverstanden. Ich habe sie gelesen und jetzt immerhin 150 Seiten Tagebücher hinter mir und bin begeistert. Kraushaar schreibt: „Der Schriftsteller und Literaturkritiker Fritz J. Raddatz ist ein Experte des gehobenen Klatsches, seine gerade erschienenen Tagebücher sind sein Meisterwerk: Spannender als die meisten Krimis, aufschlussreicher als irgendeine soziologische Analyse deutscher Befindlichkeit, von höherem Erkenntnisgewinn als jede literaturwissenschaftliche Dissertation.“

    Da kann ich partiell zustimmen. Raddatz zeigt sich als ziemlich präzise beobachtender Anti-Bürger, der vielleicht vor allem deshalb Anti-Bürger geworden ist, weil er schwul ist, weil ihm immer wieder, mal subtil, mal etwas deutlicher, signalisiert wurde: Du gehörst nicht dazu. Zumindest wird deutlich, dass Raddatz dass so empfunden hat. Und ein schwuler Anti-Bürger leistet sich natürlich gerne auch ein kleines bisschen Glamour, Eitelkeit und einen Porsche. Aber das macht doch nichts.

    So sind seine Tagebücher nicht nur mal klatschsüchtige, mal analysierende „Zeit“-Kritik, sondern auch das Dokument eines Schwulen, der von seiner Position eigentlich hätte dazugehören müssen, dem das aber trotz seiner Spitzenposition verweigert wird. Diese Verweigerung macht ihn auf herrliche Weise boshaft. Er entlarvt die (klein-)bürgerliche Doppelbödigkeit und ist eben auch sich selbst gegenüber am Ende ziemlich respektlos.

    Und am Ende nochmal Kraushaar: „Er ist dabei in guter Gesellschaft. Die Liste der schwulen Schriftsteller mit ähnlich böser Zunge ist prominent besetzt: Hubert Fichte und Truman Capote, Jean Cocteau und Roger Peyrefitte, Tennessee Williams und André Gide. Dennoch bleibt die Anerkennung ihres besonderen Talents als eigenständiges literarisches Genre aus. Dabei stehen sich die Herren Klatschtanten am meisten selbst im Weg, ihnen mangelt es an gegenseitigem Respekt voreinander.“ So verweist Kraushaar darauf, wie sie auch noch gegenseitig übereinander herfallen, was aber kein Grund sein kann, jetzt plötzlich Fichte so über Raddatz zu stellen, wie Johanna das tut.

    Ich lese weiter – eventuell gibt es hier mal wieder einen Zwischenbericht.

  2. Demnach ist „gehobener Klatsch“ dann wirklich nicht die richtige Bezeichnung, da sie dem Charakter der Tagebücher offenbar nicht gerecht wird. Praunheims Klatsch ist Klatsch und sonst gar nichts, hier scheint es sich um etwas anderes zu handeln.

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