Original und Fälschung

Oder: In diesem Bild hat sich ein Fehler versteckt!
(Nicht da, wo Sie jetzt vielleicht denken…)

Da blättere ich so in meiner ideologiefreien Monatszeitschrift und: Plaff – das Cover der „Titanic“ (s.u.).

OK. Ich hab gelacht. Eine ganze Weile. Guido mit diesem Gesichtsausdruck, den man von ihm kennt. Soll Selbstzufriedenheit ausdrücken, kommt aber immer auch ein wenig panisch rüber. Als hätte ihm einer was Beängstigendes nachgerufen. Irgendwas Unflätiges.

OK, denke ich, die Erklärung mag zutreffen: Banane. Guido kann das ja auseinander halten, anders als die Zonen-Gaby, die vor 20 Jahren (Jubel, Beifall, etc.) an derselben Stelle die gepellte grüne Gurke hochhielt (was trotzdem irgendwie viel witziger war – vierzig Jahre lang belogen und betrogen, und nun auch noch das: Gurke als Banane verkauft).
Sprich: Guido wird wohl zur Banane gegriffen haben. Frei nach dem Barden: Es war die Nachtigall, und nicht die Gurke.

Aber – die Qualität des Ganzen?

Natürlich hat es das vor Jahren schon mal auf Bushaltestellenreklamen gegeben, als ein hiesiges Schankbier zwei Transen als Osterhäsinnen zeigte und meinte, auf diesem Bild hätten sich vier Eier versteckt. Ich fand das damals sehr witzig – und nun derselbe Witz noch mal mit Guido (Banane: Nicht im Bild). OK, denke ich, kann sein dass Dichter Nebel seinen Freund Reiner Zufall getroffen hat, unmöglich ist das nicht.

Aber die Qualität dieser Witz-Idee?

Das Pennälerhaft-Peinliche dieses Covers ist: der rosa Hintergrund. Als ob Menschen, die hier seit zehn oder fünfzehn Jahren die Wechselfälle in der Inszenierung der politischen Klasse mitschneiden, nicht von allein wissen, wie der Guido gepolt ist. Ich muss allerdings zugestehen, dass die Altpennäler aus Frankfurt/Main ihre Leser bestimmt viel besser kennen, als ich.

Der rosa Hintergrund – für mich: der erklärte Witz. Und ein Klischee, dass in dieser Universalität (Rosa = Homo) nur innerhalb der engen Grenzen unseres deutschen Tellerrandes zutrifft. Das sucht man andernorts vergebens, und selbst in männlichkeitsfixierten Gesellschaften ist rosa eine sozial völlig akzeptable Farbe für den Herrn.

Provinziell gedacht hat, wer meint, schwule Politiker vor einem rosa Hintergrund „satirisch“ inszenieren zu müssen , denn wer im Ausland die Westerwelle nicht kennt (und die Story, die dazu gehört), der/dem helfen alle rosa Hintergründe dieser Welt nicht viel. Grund: Die dumpfbacken-deutsche Assoziation (Rosa = Homo) funktioniert dort nicht.

Und den Hiesigen soll die Steinzeit-Formel Rosa = Homo aus einem Homo (Guido) ALLE Homos machen. Das pars pro toto, die Identitätslogik, die dieser Gleichung zugrunde liegt, ist das Ideologische in den Hirnreflexen der verhinderten Witzbolde aus Frankfurt/Main. Und: Dass sie sich mal wieder völlig affirmativ am nationalen Mustopf sattfressen (um, derart darauf angesprochen, es nicht gewesen sein wollen, oder nichts davon gewusst haben werden wollen, was sie da fraßen, während sie sich rülpsend und furzend auf ihren Sofas wälzen).

Wer wissen möchte, wie politisch (und ideologiefrei) Witz im Jahr 2009 sein kann und über ausreichende Spanisch-Kenntnisse verfügt, möge sich bitte die Revista Barcelona ansehen, zu finden am gutsituierten Kiosk und im Internet.
Humor ist, wenn man trotzdem lacht!


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3 Gedanken zu „Original und Fälschung

  1. Eine formal-polyglotte Humorkritik, das ist was neues hier im blog. Ich möchte ein wenig ergänzen. Wo ist der Witz?
    (1) Schwule stecken sich Gegenstände in den Arsch. Darauf wird angespielt und auf sonst nichts, und die Titanic meint, dass eine Anspielung auf diesen Sachverhalt von ihren Lesern komisch gefunden wird. Das ist erstaunlich behämmert und ganz bestimmt nicht ideologiefrei.
    In den 1980er Jahren hatten in Deutschland für kurze Zeit die Comics von Anton Reiser aus Frankreich Furore. Auf einer Zeichnung sieht man einen völlig genervten Arzt, der am Montag seine Praxis eröffnet und zur Sprechstundenhilfe sagt: „Mal sehen, was sie sich am Wochenende wieder alles in der Arsch gesteckt haben.“ – und draußen steht eine endlose Schlange von Menschen beiderlei Geschlechts, denen irgendwelche abstrusen Gemüse oder Geräte aus dem Arsch herausgucken. DAS ist komisch, weil nicht diskriminierend.
    Oder nehmen wir „Traumschiff Surprise“. Hier steckt sich Bully als Tunte von Vulkan ein Thermometer in den Arsch. Das ist ein fortgeschrittener Fall, aber hier muss man sagen, dass die Vulkanette so durch und durch als Klischee, aber gleichzeitig durch und durch liebens- und ehrenwert dargestellt wird, dass dem Thermometer im Arsch keine andere Bedeutung zukommt als der Vorliebe für Käsekuchen. D.h., der Heterokomiker Bully Herbig hat es geschafft, dieses uralt-bartwickelmaschinentaugliche Klischee vom arschvollstopfenden Schwulen vollkommen ins Leere laufen zu lassen. Dafür sei ihm gedankt, und deshalb umso mehr Schande auf die leeren Heteroärsche der Titanic. „Guck mal, der hat nix im Arsch! Zum Schießen!“
    (2) Das ganze Bild stimmt überhaupt nicht. Ohne Zweifel glaubt niemand in der Titanic, Guido könne sich an seine „erste Banane“ auch nur noch annähernd erinnern. Es ist völlig abwegig, die neue Ministerwürde mit einer Banane im Arsch in Verbindung zu bringen – komisch wäre gewesen, wenn Guido, der sein Leben lang Bananen oder Gurken oder was auch immer im Arsch hatte, nun etwas viel Nobleres zur Prostatareizung verwendet. Ohne Nachzudenken fällt mir „Mein erster Arschkriecher“ ein, das wäre bestimmt viel komischer. Und außerdem besteht der Witz mit der ersten Banane darin, dass es keine Banane ist, sondern etwas vergleichsweise wertloses, eine Gurke. Das lässt sich auf Guido nun allerdings gar nicht mehr anwenden. Hier ginge ja allenfalls so etwas wie „mein erster Chefsessel“, und das müsste dann das Gesicht oder was immer eines Staatssekretärs sein. Man sieht: dieses völlig sinnlose Bild funktioniert nur insofern, als es sich den Witz von der Zonengaby borgt; wer die nicht kennt, versteht gar nichts. Und damit sind wir wieder bei eins: die Titanic setzt auf plumpe Diskriminierung als Mittel der Komik. Als nächstes dann Neger mit Schuhkreme und Juden mit Hakennasen?? Titanics sind solche Arschlöcher – wer würde da schon was reinstecken wollen!

  2. Gerritt Liskow verweist auf das argentinische Satiremagazin „Barcelona“. Ich möchte hier nur beiläufig erwähnen, dass dessen Redaktion vor Jahren einmal massiv angegriffen wurde – nach einem Titelbild, das Condoleezza Rice mit Ehud Olmert zeigte und den folgenden Text trug: „Toleranz: Eine Negerin und ein Jude entscheiden über das Schicksal der Menschheit!“ Nun ist eine amerikanische Außenministerin sicherlich sehr mächtig, aber entscheiden denn auch die Premierminister von Kleinstaaten über das Schicksal der Menschheit? Bzw. in welchen Köpfen ist gerade dieser eine so unverhältnismäßig einflussreich? Ob diejenigen, die „Barcelona“ damals Antisemitismus vorwarfen, überempfindlich reagierten oder nicht, sei dahingestellt – es geht wohl jeder Zeitschrift hin und wieder ein Titel daneben – nur: ein ideologiefreies Gegenbeispiel zur „Titanic“ ist „Barcelona“ garantiert nicht.

  3. Überrascht bin ich, JJ Schlegel, von Ihrer profunden Kenntnis. Ich selbst war ebenfalls erstaunt (der Engländer in mir würde sagen: appaled) angesichts des von Ihnen zitierten „Barcelona“-Covers. Die Satire war in diesem Fall subtil. Aber: Wer sich mit Ideologien („falschem Bewußtsein“) auskennt, mag finden, dass es Sinn macht, den Antisemitismus im (Sub-)Text eines verkürzten Anti-Imperialismus so genannter „nationaler Befreiungsbewegungen“ (als solche geriert sich unter anderem auch der Peronismus, wenn „links“ noch ein paar Stimmen fehlen…) mal in einer „Schlag-Zeile“ (Semantik!) auf den Titel zu bringen. Im von Ihnen zitierten Beispiel ist das aus meiner Sicht geglückt – und im Zusammenhang der gesellschaftlichen Umstände ist dieses Cover eben nicht ideologisch. Andererseits gab es da ein viel „schlimmeres“ Ding, das Ihnen entgangen sein dürfte und das ich nur der Vollständigkeit halber erwähnen möchte: „Cárcel Devoto: Ahora, habla el Sidoso que se la pone a Etchecolatz“ (zu deutsch in etwa „Gefängnis von Devoto: Jetzt redet der Aids-Kranke, der ihn Etchecolatz hinten reinschiebt“). Etchecolatz wurde in der selben Woche für die Mitorganisation des Genozids während der letzten argentinischen Militärdiktatur (1976-83) zur Verantwortung gezogen. Womit wir sehen: In der „Barcelona“ ist das mit dem Analen fast noch schlimmer als bei der „Titanic“ … Im Weiteren muss ich jedoch die Meinung der direkt von „Barcelona“ Betroffenen gelten lassen, die dieses bisemanale Druckerzeugnis inzwischen als einzig verbliebene „politische“ Veröffentlichung des von ihnen bewohnten Operettenstaates anerkennen.

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