Nobelpreise und andere Katastrophen

Oder: Alles Müller oder was?

Herr Nobel war ein Dynamitfabrikant, dem es kurz nach dem Krimkrieg irgendwie ein bisschen peinlich wurde, womit er sein Vermögen gemacht hatte, als ihm – wenn schon nicht in den Straßen Stockholms – so doch im Traum die entsetzlich Verstümmelten entgegen wankten, so dass er spät, vielleicht zu spät, den Altruismus entdeckte.

Aus diesem Grund, vor allem aber zur Förderung der allgemeinen Wohlfahrt, der Hebung der Sitten, des Anstandes und der christlichen Seefahrt etc. etc., nahm Herr Nobel seine Dynamit-Millionen und stiftete eine Auszeichnung. Er versah ihn mit einem ganz freundlichen Preisgeld, seinen positivistisch menschelnden kleinen Menschlichkeits-Oscar aus Schweden.

(Der einem derzeit noch von einer ehemaligen Olympia-Hostess aus München überreicht werden würde, wenn man ihn denn – wie nur Nicht-Hanseaten es tun dürfen – akzeptierte. Und die Überreichung aus königlicher Hostessen-Hand wäre vermutlich auch schon das Beste an der Reise nach Stockholm).

Das alles ist nicht weiter der Rede wert und man tut in der Regel aller Fälle gut, wenn schon nicht die ganze Angelegenheit, so doch ihr Breittreten in der veröffentlichten Meinung völlig zu verschlafen.

Warum also viele Worte darum machen?

Weil in diesem Jahr – vielleicht, nur um sich ein wenig interessant zu machen – das Komitee zum noblen Oscar ein paar Entscheidungen getroffen hat, die es in sich hatten; von Sprengstoff zu reden, verbietet sich mir.

Zum einen dieser sympathisch wirkende junge Mann in Washington, der in Vorwegnahme zukünftiger Ereignisse – die so, aber auch ganz anders kommen können – schon mal eine Auszeichnung bekam.

Da wollte das Nobel-Komitee ein Zeichen setzen, einen positiven Beitrag, ganz positivistisch-positiv, und einer bestimmten Politik vorab ihren dynamitenen Segen erteilen. Gegenwärtige und zukünftige Kriege, angeführt von Nobel-Preis-Gewinnern. Daran wird man sich auch hierzulande messen lassen müssen, wenn der Hindukusch verteidigt wird.

Aber: So weit (Hindukusch) muss man gar nicht gehen. Denn – und da kommt nun die Literatur ins Spiel – es gibt doch: Herta Müller.

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(Titelt BILD: Wir sind geniaaaaal!)

Herta Müller.

Es schadet nichts, wenn man noch nicht von ihr gehört hat. Oder gelesen. Auch steht Frau Müllers literarische Qualität an dieser Stelle nicht zur Disposition. Mir genügt das Wissen, dass elf der achtzehn Juroren des Literatur-Nobel-Preises die Mannschaft des Fußball-Clubs IFK Göteborg stellen.

Was jedoch zur Disposition steht, ist, dass Frau Müller sich ganz und gar nicht erklären kann, dass die Rumäniendeutschen nach dem Überfall auf die Sowjetunion in Teilen Ost-Europas nicht mehr ganz so gern gesehen wurden, wie zuvor.

Um das Müllersche Nicht-Verstehen-, Nicht-Begreifen-Können dieser unaussprechlichen, fast schon undenkbaren – und natürlich durch und durch rumänischen – Gemeinheit und dem Müllerschen Versuch, das Nicht-Sprechbare, Nicht-Denkbare dennoch in Müllersche Worte kleiden zu wollen, kreist viel des Müllerschen Werkes. Tenor: Wie ungerecht die Welt doch ist, wie schlecht der Mensch, insbesondere doch aber wohl der Rumänische, dass er uns arme deutsche Unschuldslämmer so ganz und gar zu Unrecht dahin wünscht, wo die Sonne nicht scheint.

Und das, nachdem die Müller in den Achtzigern noch ganz „kritisch“ mit ihrem Vater ins Gericht ging. Der war nämlich SS-Mann. Aber damals war man eben so, kritisch, höre ich die Müller vor meinem geistigen Ohr sagen. Genauso wie man damals bei der SS war, in diesem anderen, damaligeren Damals. So stellt sich das heute nämlich anscheinend für sie dar.

Wer jetzt noch nicht kapiert, bedenke folgendes:

Hat die Müller ihren Preis auch in Vorwegnahme zukünftiger Ereignisse bekommen, so wie der Obama? Siebenbürgen jedenfalls berührt doch die Oder-Neiße-Grenze nicht!

Ist ein Literatur-Nobel-Preisträger oder eine Literatur-Nobel-Preisträgerin einem Friedens-Nobel-Preisträger oder einer Friedens-Nobel-Preisträgerin darin gleich gestellt, das er/sie jeden beliebigen Krieg anfangen darf, den er/sie will? Sanktioniert durch Schweden?

Fahren wir bald wieder mit der Bagdad-Bahn nach Temeschburg, um Kulaken zu kujonieren? Und was macht das mit dem Dynamit-Geschäft der Firma Nobel?

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Fragen wie diese kann der Müller vielleicht diese andere deutsche Ost-Expertin beantworten, wenn die beiden Damen (mit Hüten auf!) sich gelegentlich mal zum Tee treffen, zum Tee bei Erika Steinbach, bei der die Schatten der Vergangenheit ebenfalls sehr weit in die Zukunft weisen (noch ist Polen nicht verloren).

Da wird die Müller dann der Steinbach erst mal ein paar Schmink-und-Fön-Tipps geben, um ihr dann aus ihrem neuen Werk zu rezitieren, bis beide selig seufzen: Ob es jemals wieder so schön sein wird in Temeschburg, so schön wie damals?

Nachtrag (9. November 2009)

Im Text ihrer Nobel-prämierten „Atemschaukel“ hört sich Frau Müller folgendermaßen an:

„Wir waren alle Deutsche und wurden von zuhause abgeholt… Wir waren alle in keinem Krieg, aber für die Russen waren wir als Deutsche schuld an Hitlers Verbrechen.“

Na, die Russen nun wieder – kommen kurz vorm Endsieg von hinterm Ural vorgekrochen und suchen immer noch Streit mit uns Deutschen. Zwanzig Millionen Tote waren denen wohl nicht genug, jetzt sollen wir uns dafür auch noch schuldig fühlen!

(Sarkasmus aus)

Nichtsdestotrotz: Das Werk hat dem Nobel-Komitee wohl gut gefallen, denn in seiner Begründung lobt es die Anmut, mit der Frau Müller ihre „Landschaften der Heimatlosigkeit“ auspinselt.

Mir persönlich hat es insbesondere dieser geschickte kleine Genitiv angetan, mit dem Frau Müller in ihrer „Atemschaukel“ das Leiden und den Tod von Millionen wahr und wahrhaftig Unschuldiger einfach zum Verschwinden bringt, indem sie es zur Privatangelegenheit eines Einzeltäters deklariert: „Hitlers Verbrechen“.

Mit diesem feinen Zaubertrick verschwindet, ganz nebenbei, ein ganzer Weltkrieg aus der bereits besagten „Landschaft der Heimatlosigkeit“ und taucht in veränderter Form, in einer ganz anderen Kategorie, wieder auf: unter „Verbrechen“, im Vermischten, als wär‘s ein simpler Ladendiebstahl.

Im Ergebnis sind dann alle fein raus, so ähnlich wie zu Zeiten Adenauers, als die „Entnazifizierung“ Täter zu Opfern machte und man allgemein so tat, als wäre man zum Faschismus lediglich von einem verrückten Einzeltäter wenn nicht gezwungen, so doch zumindest verführt worden. Eines Einzeltäters, der seine Gnade zudem dadurch bewies, dass er die Anmut hatte, bereits tot zu sein.

Na, wenn das der Führer wüsste…

Zur so genannten Vergangenheitsbewältigung fällt mir ein Satz ein, den Hannah Arendt gesagt hat: „Niemand hat das Recht, zu gehorchen.“

Hannah Arendt sagte dies, soweit ich mich ad hoc richtig erinnere, im Zusammenhang des Prozesses gegen Eichmann. Also eines Menschen, der an maßgeblicher Stelle einen maßgeblichen Beitrag zu „Hitlers Verbrechen“ (Müller, 2007) geleistet hat. Eichmanns „Fehler“ – wenn man das überhaupt so nennen kann – bestand aus Sicht derer, die ihn kannten, aber nicht gleichermaßen gerecht zur Verantwortung gezogen wurden, angeblich vor allem darin, dass er „zu perfekt sein“ wollte.


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9 Gedanken zu „Nobelpreise und andere Katastrophen

  1. Oh je….haben Sie überhaupt schonmal das Werk von Herta Müller gelesen? Und zwar nur das Werk, und nicht irgendwelche politischen Hintergründe? DIe sind nämliche sehr abwesend in ihren Büchern, was viele nicht mögen, es kann auch durchaus diskutiert werden, aber bitte nicht so. Literarisch gesehen erreicht diee Frau Höhen, die manch andere heutigen Schriftsteller nicht erreichen. Die sogenannten Blogger, die bald wieder vom Fenster verschwinden werden, sowieso nicht. Oder hat es Sie einfach genervt, dass kein schwuler Autor den Nobelpreis bekommen hat? Damit unsere wunderbare absolut kulturell versierte Community einmal einS teckenpferd bekommt?
    Mir fällt da keiner ein.

    Müller war eine gute Entscheidung. Vielleicht nicht die Beste (was ist das schon), aber eine gute.

  2. Was hier – wie gesagt – an keiner Stelle zur Disposition stand, ist Frau Müllers literarische Qualität. Es geht allein um die politische Qualität dieser Entscheidung. Ich könnte also ganz einfach sagen: husch husch, zurück in Dein Elfenbeintürmchen, lieber Literaturstudent. Aber ich möchte Ihnen eine kleine Geschichte mit auf den Weg geben, die Ihnen vielleicht nützt, in der Literatur und im Leben.

    Ich habe neulich einmal in einem Gespräch über die Neu-Einstudierung des „Siegfried“ gefragt, wie jüdisch man denn den Mime allgemein fand. Mein Gesprächspartner gab vor, meine Frage nicht zu verstehen. Ich fand das vielleicht nicht politisch von ihm (denn anderenfalls hätte ich ihn ohrfeigen müssen), aber doch sehr ideologisch, so wie das vorgeblich Unpolitische immer ideologisch ist.

    Sie sollten darüber mal nachdenken, lieber Literaturstudent, vielleicht würde Ihnen das sogar helfen :-)

  3. Ich bin ja kein Literaturwissenschaftler oder so, aber beim Lesen des obigen Artikels hatte ich schon das Gefühl, dass der Verfasser einer sehr merkwürdigen Form der Onanie fröhnt.

    Denn jemand anderem als seinem eigenen, aufgeblasenen Ego nützlich erscheinen.
    Ehrlich, ich habe selten ein eitleres und unwesentlicheres Geschwätz gelesen, dass sich selbst so gut gefällt, das es begeistert von Zeile zu Zeile stolpert und nur deshalb zu einem Ende kommt, weil im Autor vielleicht doch noch ein Rest Anstand steckt.

  4. @ Martin:
    Ich persönlich finde Beiträge, die mit „Ich bin ja kein…“ (zutreffendes bitte einsetzen) anfangen, einfach super! Die sagen nämlich nichts weiter als: „Ich habe keine Ahnung, davon aber jede Menge, und möchte dennoch etwas über etwas mitteilen, von dem ich keine Ahnung hab“. Nun haben Sie sich zu Ihrer Ahnungslosigkeit bekannt und das – wenn Sie mir diesen Lapsus verzeihen – ist auch gut so. Im Lichte Ihres Bekenntnisses werde ich Sie und Ihre Äußerungen verstehen.

    Immerhin schmeißen Sie in Ihrem Textbeitrag recht ausführlich mit Vokabeln um sich, die Themen berühren, von denen Sie vermutlich etwas mehr verstehen. Vielen Dank für Ihre Klarheit und auch an Sie ein persönlicher Tipp: Verfestigen Sie Ihre Kenntnisse dort, wo bereits gute Grundlagen bestehen!

  5. Mhmmm, ich will mich mal für meine Rechtsschreibfehler entschuldigen, als Literaturstudent sollte einem das ja nicht passieren…ich habe das Gefühl, dass der ganze Beitrag und auch die von uns hier gegebenen Kommentare, wie so vieles im Internet, ziemlich sinn- und ziellos sind. Kann das sein?
    Ich könnte auch über meine Zahnprobleme schreiben. Oder, wohl besser, über meine Analdehnungsfähigkeit. Sex kommt im Netz ja immer gut an. Na ja.
    Also, Gert Liskow, was wollten Sie mit diesem Beitrag nochmal ausdrücken? Welche politische Entscheidung des Nobelpreiskommitees? Ich frage nur, weil die äußerst fragwürdige Behandlung Herta Müllers aufgrund eines Vaters, der in der SS war,wie sie das andeuten, an sich schon einfach nicht hinnehmbar wäre. Des Weiteren denke ich nicht, dass das rumänische Regime deswegen Leute ausspioniert und bedroht.

    Na ja, lieber Gert, mir scheint du bist einer von den ganz engagierten Linken, die immer alles irgendwie irgendwann politisieren und radikalisieren müssen. Auch da, wo es eigentlich nicht angebracht ist.

  6. Lieber Literaturstudent:
    Um über Ihre und anderer Leute „Gefühle“ zu reden, gibt es geeignete Orte. Dieser ist es nicht.
    Ich will Ihnen zunächst mal das mit der Kommunikation erklären. Das geht so: Ich sage, was ich sagen will. Und Sie sagen, was Sie sagen wollen. Aber Sie sagen mir nicht, was ich sagen will – genausowenig wie ich Ihnen sagen würde, was Sie sagen wollen. Capice?
    Alles, das ich zu diesem Thema zu sagen habe, habe ich gesagt. Es steht auf dieser Seite, und alle, die das wollen, können es lesen. Wer es nicht will, kann es lassen. Ganz einfach, ganz zwanglos – auch wenn das manchem hier vielleicht befremdlich erscheint.
    Wenn Sie meinen, mich nicht zu verstehen, oder nicht verstehen wollen, oder was Sie verstehen, sinnentstellt widergeben, dann kann ich Ihnen nur Recht geben: Dann hat das Gespräch mit Ihnen in der Tat keinen Sinn.
    Im übrigen geht es hier nicht um den Beruf des Vaters von Frau Müller. Der ist im Gesamtzusammenhang nur ein Detail.
    Was jedoch die Fragwürdigkeit menschlichen Tuns und Lassens im allgemeinen angeht, finde ich eine Tätigkeit bei der SS schon ziemlich weit oben auf der Liste aller theoretisch und praktisch möglichen Fragwürdigkeiten. Aber es steht Ihnen frei, das anders zu sehen.
    Wenngleich mich Ihre Text- und Lesekompetenz hinsichtlich des von Ihnen offenbar angestrebten Studiengegenstandes wenig optimistisch stimmt: Nicht alles zu wissen, nicht alles zu verstehen, ist Ihr Privileg als Student.

  7. Liebe Diskutanten,
    haben wir Vollmond, oder ist es das Jubliäum des Mauerfalls? Da treffen sich wirklich drei Leute, die allesamt sofort sehr viel Spaß an Schlägen unter die Gürtellinie haben. Herumzicken ist eine oft unterschätzte Ausdrucksform, aber sie soll doch bitte sehr unterhaltsam sein!

    Ich denke, wer andere Menschen politisch unsauberer Gesinnungen verdächtigt, soll das auch begründen. In Gerrits Texten finde ich immerhin ein kurzes Zitat; so aus dem Zusammenhang gerissen kann man damit nichts beweisen, das ist klar. Nun wäre es an mir, aus der Kenntnis von Herta Müllers Werk heraus, klare Indizien gegen Gerrits Vorwurf zusammenzutragen, nur leider kenne ich nur die Atemschaukel. Wäre nicht schon so viel kommentiert worden, würde ich erst einmal ganz harmlos zurückfragen: liebe Grit, ist dieser Satz alles, was Du hast? Wenn nicht: gib mehr! Die Frage kommt jetzt irgendwie zu spät, aber eigentlich würde ich sie dennoch gern stellen.

    Falls „Literaturstudent“ (der sehr viel älter klingt??) und Martin über weiter reichende Kenntnisse verfügen, sollten Sie andere daran teilhaben lassen; falls sie nicht darüber verfügen, sollten sie die Schläge in Gerrits Unterleib unterlassen. Herta Müller zu verteidigen mag ja ritterlich sein, aber so ganz ohne Argumente nützt es wenig, oder? Und dass einem Gerrits Stil nicht passt, ist kein Argument.
    Bitte, Ihr Lieben: wir wollen uns hier streiten, aber doch nicht beleidigen!

  8. Hannchen, große Friedensgräfin! :-)

    Machen wir doch ein Spiel draus, an dem sich alle beteiligen können! Herta Müller: Literaturmaske des Revanchismus – ja oder nein? 😉 Das schönste Zitat gewinnt etwas!

    Aber: Liebes, auch an Dich ein kleiner Tipp. Brockhaus! Weil: An einem 9. November ist nicht nur der so genannte „Mauer“-Fall gewesen. (I know you know, doch trotzdem…)

  9. mittlerweile ist die aktualität dieses threads ein bisschen verblasst, aber ich möchte dennoch kurz einhaken, nachdem mich gerrit liskows pauschalurteil ziemlich verärgert hat. nicht nur deshalb, weil sein vortragston bis zur unerträglichkeit zynisch und selbstgefällig ist, sondern vor allen dingen vor allen dingen deshalb, weil man nur zu dem schluss kommen kann, dass gerrit liskow herta müllers bücher, weder „atemschaukel“ noch eines der zuvor veröffentlichten, gelesen hat.

    lassen wir also, wie sich das herr lieskows wünscht, die literarische qualität von müllers texten beiseite und betrachten wir, was sie in ihren büchern verhandelt:

    1. „Atemschaukel“ (ein Buch, das auf Erinnerungen des leider vor Erscheinen des Buches verstorbenen Oskar Pastior beruht) wird aus der Perspektive eines 17-Jährigen, der nach dem Krieg als Rumäniendeutscher in ein Arbeitslager deportiert wird, erzählt. Der von Gerrit Liskow als mehr oder weniger revisionistisch verurteilte Satz („Wir waren alle Deutsche und wurden von zuhause abgeholt… Wir waren alle in keinem Krieg, aber für die Russen waren wir als Deutsche schuld an Hitlers Verbrechen.“) ist also nicht die Meinung der Autorin Herta Müller, sondern die Äußerung einer Erzählerfigur. Ganz abgesehen davon, entspricht es ja historischen Tatsachen – und niemand wird das verleugnen -, dass die im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg erfolgten Vertreibungen, Deportationen etc. in vielen Fällen Unschuldige (zum Beispiel Jugendliche, wie in Oska Pastios Fall) Menschen traf. Soviel dazu.

    Herta Müller hat darüber hinaus nie die Greuel der Nationalsozialisten relativiert oder beschönigt. Ganz im Gegenteil. Wer ihr erstes Buch „Niederungen“ kennt, in dem sie ihre Kindheit in einem rumäniendeutschen Dorf zum Thema macht, wird erkennen, wie kritisch sie die repressive Enge einer deutschtümelnden Dorfgemeinschaft betrachtet. Herta Müller hat Zeit ihres Lebens fast ausschließlich Kritik für die Rumäniendeutschen übrig gehabt, weil diese, ähnlich wie die mit Deutschland verbündeten Rumänen, nach Ende des Kriegs wenig Sinn davon gezeigt haben, sich ihrer Vergangenheit und ihrer historischen Verantwortung zu stellen.

    Im Übrigen ist „Atemschaukel“ das erste Buch von Herta Müller, das in der Nachkriegszeit spielt. Alle anderen Bücher machen das Leben in einer kommunistischen Überwachungsdidaktur zum Gegenstand, deren Opfer Herta Müller viele Jahre lang war.

    Herta Müller ist eine Autorin – und ich kenne ausnahmlose alle Bücher von ihr -, die immer wieder beschrieben hat, wie autoritäres Regime Menschen vernichtet.

    „Atemschaukel“ hat einen Teil europäischer Geschichte zum Gegenstand, dessen Thematisierung, genauso wie die literarischen Zeugnisse von Opfern der Nationalsozialisten, seine Berechtigung hat. „Atemschaukel“ relativiert niemandes Leid und niemandes Greuel.

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