Buchmesse in Kleinanzeigen

Zum zweiten Mal bietet die FAZ in diesem Jahr den Messebesuchern eine kostenlose Messezeitung, die an den Eingängen verteilt wird. Es ist verdammt schwer, etwas irgendwie wahres über den höchst eigenartigen Kommerzrummel der Buchmesse zu sagen, deshalb hat es mir dieses mal an meinen drei Messetagen die Laune gerettet, diese erstaunlich freche und kluge Zeitung zu lesen. Wie sehr es mich gefreut hat dokumentiere ich dadurch, dass ich allen Ernstes eine Reihe falscher Kleinanzeigen abgetippt habe, um sie hier zu verewigen. Continue reading

Bauklötze aus Pferdeäpfeln

Mario Fuhse über Peer Hultberg – Selbstbiographie und Brief

Tief hinein in den hintersten Winkel des Gartens hat sich der junge Peer zum autistischen Spiel zurückgezogen. Sein Versteck birgt ihn und die von ihm gesammelten und getrockneten Pferdeäpfel, welche er, nach langem mehrseitigem Beschleifen zu Bausteinen geworden, ganz kreativer Baumeister, zu einer neuen Welt türmt, einer Welt aus Totenhäusern.
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Raddatz quasselt

In der TAZ schreibt Elmar Kraushaar über die Memoiren von Fritz Jott R. und langt richtig zu: in seiner Klatschsucht räche sich der homosexuelle Mann für seine reale Machtlosigkeit und opfere die Wahrheit gern für den billigen Effekt. Klar, FJR will mit Provokation Umsatz machen und sich den nächsten Porsche finanzieren, wie man das halt so macht, wenn Geld Continue reading

“Zur falschen Zeit” geschrieben: der neue Roman von A. C. Sulzer

Der neue Roman von Alain Claude Sulzer heißt “Zur falschen Zeit” und erzählt eine Liebesgeschichte, die mit dem Tod der beider Liebenden endet, die sich dummerweise in den 1950er Jahren liebten. Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen. Das vorige Buch von Alain Claude Sulzer hieß “Der perfekte Kellner” und erzählte vom Scheitern des Versuchs, in den dreißiger Jahren schwul zu leben. Wird sein nächster Roman in den 60er Jahren spielen und von der Unmöglichkeit einer schwulen Liebe handeln? Continue reading

Heiße Schokolade oder weißes Fleisch? Rachid O. endlich auf deutsch

Die Erzählung um einen Jungen im Alter zwischen dreizehn und sechzehn Jahren gibt ganz unverkrampft Auskunft über arabische Emotionalitäten, deshalb sind ihr viele Leser zu wünschen.
Alles beginnt mit einem nahezu kontextfreien Verständnis von Glück, wie er im christlichen Abendland vor schon sehr langer Zeit einmal existiert hat. Wenn so charmant erzählt wird, solange man glücklich sei, brauche man eigentlich gar nichts anderes, denkt der Leser zuerst, hä? Und wozu dann der “persuit of happiness”, Continue reading

Pädo und Verlegermut

Tony Duverts Roman “Als Jonathan starb” (Quand mourut Jonathan) ist sicher eine der wichtigsten literarischen Beiträge zur schwulen Kultur, erschienen 1978 und vergriffen 2010. Eine Neuauflage liegt zunächst einmal nah, aber vorher habe ich den Roman noch einmal gelesen, um mein dreißig Jahre altes Urteil zu überprüfen. Das Ergebnis ist eine Katastrophe. Continue reading

Ist Odd Klippenvags Roman “Homosexuellen-Literatur”??

Endlich sagt mal jemand etwas Kluges zur Schublade “Homosexuellen-Literatur”!
“Ist das jetzt ein Buch, was in die typische Homoexuellen-Literatur reingehört?”, fragt der Moderator von NDR Kultur die Kritikerin Annemarie Stoltenberg im Gespräch über Odd Klippenvags Roman “Der Stand der Dinge”. Annemarie Stoltenberg darauf:

“Das finde ich nicht. Im Prinzip ist das einfach eine Liebesgeschichte, wo die beiden Helden Männer sind. Aber es wird schon auch darüber gesprochen, wie schwierig das war, sich dazu zu bekennen, es den Eltern zu sagen. Dann, als Simon, der Ältere, sich verliebt hat in den wesentlich jüngeren Annar, auch dessen Eltern das zu sagen, dass er mit einem Mann zusammen leben wird, dass er keine Familie gründen wird, dass diese Eltern dann keine Enkelkinder bekommen werden. Dass ist aber das Thema: Wie schaffe ich es, ich selber zu sein? Wie kann ich wahrhaftig Continue reading