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	<title>Schwule Literatur</title>
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		<title>Alain Claude Sulzers Erfindung der Literaturtapete</title>
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		<pubDate>Tue, 12 Mar 2013 12:26:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joachim Bartholomae</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wer wie ich berufsmäßig damit beschäftigt ist, der Gegenwartsliteratur neue Werke hinzuzufügen (auch wenn es nur durch die Auswahl von Manuskripten geschieht), interessiert sich naturgemäß für den Erfolg oder Misserfolg anderer Autoren, und er wird versuchen, deren Schreibweise zu begreifen &#8230; <a href="http://www.schwule-literatur.de/2013/03/alain-claude-sulzers-erfindung-der-literaturtapete/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wer wie ich berufsmäßig damit beschäftigt ist, der Gegenwartsliteratur neue Werke hinzuzufügen (auch wenn es nur durch die Auswahl von Manuskripten geschieht), interessiert sich naturgemäß für den Erfolg oder Misserfolg anderer Autoren, und er wird versuchen, deren Schreibweise zu begreifen und den Pressereaktionen zu entnehmen, mit welchen Mitteln sie ihren Erfolg erreichen. Aus diesem Grund habe ich mich vor längerem mit den Romanen Joachim Helfers beschäftigt; durch seinen perfekten Kellner wurde dann Alain Claude Sulzer zum Shooting Star und Hätschelkind des Feuilletons. Auf den Kellner von Thomas und Klaus Mann folgte die Familienrecherche Zur falschen Zeit (s. Blog 20.9.2010), und nun (Herbst 2012) das vermeintliche opus optimum Aus den Fugen. Wieder steht die Presse Kopf und wirft mit Beurteilungen um sich, dass es nur so scheppert: „meisterhafte Komposition“, „strahlend üppiger Text“, „ein Kleinod“ und „virtuos erzählt“, na, das macht doch neugierig.<span id="more-462"></span><br />
Da ich spät dran bin mit dieser Stellungnahme, kann ich mir eine detaillierte Inhaltsangabe sparen: Ein berühmter Pianist um die 50 bricht mitten im Satz sein Konzert ab und geht ein Bier trinken. Vor und nach diesem Ereignis wird auch noch erzählt, was zirka zehn andere Menschen, die irgendwie mit dem Pianisten zu tun haben, vor, während und nach dem Konzert so treiben – Sulzer bedient sich damit einer Art von „Standard-Vielstimmigkeit“, die in den letzten Jahren in den USA sehr in Mode gekommen ist und vor allem solchen Lesern gut gefällt, denen es Probleme bereitet, zusammenhängende Texte zu lesen. Die Schlusspointe besteht darin, dass der Pianist, der beiläufig als schwul charakterisiert wurde, dem hoffnungsvollen jungen Musiker Nico begegnet, der Protektion braucht, und sich in ihn verliebt.<br />
Ein solches Romankonzept (denn das Konzept steht hier jederzeit greifbar im Vordergrund) ist nicht gut und nicht schlecht; ohne den Clou des abgebrochenen Konzerts hätte sich allerdings wohl niemand die Mühe gemacht, das Buch zu lesen. Man muss Herrn Sulzer also unbedingt bescheinigen, dass er weiß, wie man die Rezensenten wachrüttelt. Das war ihm bereits im Perfekten Kellner durch den Auftritt Thomas Manns hervorragend gelungen. Davon abgesehen ist dieses Buch von einer überwältigenden, niederschmetternden Bedeutungslosigkeit. Wirklich alles ist ganz genau so, wie jeder einzelne Leser es sich vorstellt: der Künstler, der nur die Kunst und nicht die Menschen liebt, die alternde Frau, die mit ihrem Aussehen hadert, der Konzertagent, der meint, sich alles erlauben zu können – da möchte man sich frei nach Ikea fragen: „Liest du noch, oder schläfst du schon?“ Aus den Fugen beschränkt sich nicht etwa darauf, die Wirklichkeit nachzuahmen, nein, hier wird die Literatur kopiert, längst Vorverdautes zum zweiten Mal gemächlich durchgekaut. Wer das Selberlesen längst zu anstrengend findet, verglichen mit der Bild-Berieselung durch Film und Fernsehen, kann hier beherzt zugreifen: das flutscht wie geschmiert, man kann dabei bestimmt noch bügeln oder autofahren.<br />
Die Leistung des Autors ist insofern in erster Linie psychologischer Art: Er schafft es, diese Fototapete zu entrollen, als wäre es ein altägyptischer Papyrus. Auch sprachlich geht ihm selten etwas daneben, und wenn, dann hätte es ein Lektorat leicht beheben können; nur war man dort wohl auch bereits entschlummert (meine Lieblingsstelle: „… und in dem Maß, wie das Alter zunimmt, abnimmt“). Auch der Verfasser des Klappentexts hatte den Roman wohl nicht zuende gelesen, denn er schreibt, besagter Nico habe sich viel von einer Begegnung mit dem Pianisten versprochen, lande aber im Kino. Warum nur hat ihm niemand verraten, dass es nach dem Kino zur entscheidenden Begegnung kommt? So liegt die Pointe des Klappentexts auf Esther, die zu früh vom Konzert nachhause kommt und feststellt, dass ihr Mann sie betrügt. (Bilderwitze über zu früh nachhause kommende Menschen haben eine große Tradition in der Regenbogenpresse.)<br />
Aus den Fugen ist leider gänzlich fugenloses Formfleisch, das sättigt, ohne dick zu machen, und bestimmt gerade aus diesem Grund bei modernen berufstätigen Frauen beiderlei Geschlechts so beliebt ist. </p>
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		<title>Leuchtspielhaus ohne Film</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Oct 2012 13:36:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joachim Bartholomae</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Das Leuchtspielhaus funkelt in schönen Farben, aber anscheinend wird kein Film gezeigt: statt eines Romans beschreibt Leif Randt unentwegt eine Szenerie ohne Handlung. Auf den ersten Seiten ist sein Neu-Sprech ein verblüffendes Erlebnis: „Ich blicke in zweite Stockwerke hinein. Den &#8230; <a href="http://www.schwule-literatur.de/2012/10/leuchtspielhaus-ohne-film/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Das Leuchtspielhaus funkelt in schönen Farben, aber anscheinend wird kein Film gezeigt: statt eines Romans beschreibt Leif Randt unentwegt eine Szenerie ohne Handlung. Auf den ersten Seiten ist sein Neu-Sprech ein verblüffendes Erlebnis:<span id="more-441"></span> „Ich blicke in zweite Stockwerke hinein. Den oberen Etagen unterstelle ich ambitionierte Teenager. Ich denke, dass sie in ihren kargen Zimmern aus Dosen trinken und neue Schweizer Statements nachstellen, dass sie auf Teppichfliesen kauernd Buntpapierbahnen zu Wolfsköpfen und Delfinen zuschneiden.“ Ich habe mich deshalb, wenn auch zwei Jahre zu spät, geradezu begierig über den Text hergemacht – um dann festzustellen, dass das schon alles war. Zwar purzeln von Satz zu Satz die bunten Steine wie im Kaleidoskop in immer neue Anordnungen, aber es bleiben geometrische Formen ohne weitere Bedeutung. Ihre Schönheit ruht in edler Bescheidenheit in sich selbst.<br />
Man denkt beim Lesen sofort an Philipp Tinglers Debut „Schöne Versuche“, ein Titel, den Randt sicher auch gern genommen hätte, wenn er noch frei gewesen wäre. Der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen, dass die gegenwärtige Misere des Buchmarkts unter anderem die Folge einer belanglosen Literatur sein könnte, die sich nichts sehnlicher wünscht als wie eine zarte Blumenvase auf eine Etagere gestellt zu werden, wo sie den Betrachtern ein kleines „wie hübsch“ entlocken möchte.<br />
Leider lässt sich an „Leuchtspielhaus“(im Vergleich zu Tingler) wieder einmal ablesen, dass hübsche Nichtigkeiten nun einmal das Metier homosexueller Autoren sind, denen es zumeist gelingt (Tingler immerhin im ersten Buch), dem Wortgeklingel ihre typische melancholische Note gewissermaßen als basso continuo zu unterlegen. Heterosexuelle Zickigkeitsversuche bleiben dagegen leicht im Pubertären stecken, wie auch hier.<br />
Trotz allem: ich mag gar nicht böse über „Leuchtspielhaus“ schreiben, weil mich die Lesung Randts im Rahmen von „HAMLIT“ und die ersten fünfzig Seiten so sehr gefreut haben. Aber vielleicht sagt das mehr über die sprachliche Ödnis der Gegenwartsliteratur als über Leif Randt, den man ruhig noch ein wenig im Auge behalten sollte. </p>
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		<title>Außenseiter sind sexy</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Sep 2012 12:29:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joachim Bartholomae</dc:creator>
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				<content:encoded><![CDATA[<p>Soeben ist ein kleiner Essay veröffentlicht worden: „Wie der Keim einer Südfrucht im Norden – Kleist, Kafka und andere Außenseiter der Literatur“. Der Text bezieht in mancher Hinsicht kontrovers Position, und es würde mich sehr interessieren, was andere zu diesem Thema zu sagen haben; deshalb eröffne ich mit diesem Eintrag die Diskussion. Das Buch selbst gibt es gedruckt oder als Ebook zu kaufen, man sollte es möglichst gelesen haben, bevor man sich an der Diskussion beteiligt.<span id="more-436"></span><br />
Eine Funktion von Literatur ist es seit jeher, die Art und Weise des Zusammenlebens zu analysieren, auf innere Widersprüche hinzuweisen, Missstände anzuprangern oder ganz direkt Klage zu führen. Es ist das Privileg der Kunst, auch solche „unerfreulichen“ Themen in sinnliche und geistige Genüsse zu verarbeiten. Jeder Stoff verlangt einen bestimmten Stil und eine eigene Form, deshalb ist thematische Breite auch und gerade ästhetisch ein Gewinn. Neue Stoffe haben es jedoch seit jeher schwer, vom Publikum akzeptiert und geschätzt zu werden. Jede Zeit hat ihre eigenen Vorstellungen davon, worüber gesprochen und geschrieben werden darf und soll, und worüber nicht. So waren z.B. die Zeitgenossen Heinrich von Kleists an so schonungslosen Blicken auf die Verhältnisse, wie seine Erzählungen und Theaterstücke sie werfen, definitiv nicht interessiert. Mit ähnlichem Desinteresse hatten auch nach Kleist viele Autoren zu kämpfen.<br />
Das Hollywood-Kino hat seit vielen Jahrzehnten eine Erzählweise etabliert, die in der Mitte des ganz alltäglichen Lebens ihren Anfang nimmt, dann einige Gefährdungen dieser Lebensweise beschreibt und zu einem dezidiert optimistischen Ende gelangt, an dem alles so ist, wie es sein sollte. Dieses Muster ist dann reizvoll, wenn der normative Ausklang als Messlatte für die Realität taugt, mit anderen Worten: wenn der „schöne Schein“ so präzise inszeniert ist, dass er die Kritik an einer weniger schönen Wirklichkeit mit sich führt. Dieses Muster garantiert einen schönen Abend mit starken Empfindungen, verzichtet jedoch von vornherein auf das ureigene Recht der Kunst, Horizonte zu erweitern und ganz andere Möglichkeiten zu zeigen, als im aktuellen Leben verwirklicht sind. Da die meisten Menschen längst viel stärker durch spektakuläre Filme als durch literarische Werke geprägt werden, hat dieses Erzählmuster längst auch auf die Literatur übergegriffen, die den großen Vorbildern des Kinofilms brav hinterherläuft. Man könnte sagen, die Literatur kultiviert die Krise und fürchtet sich vor dem Konflikt wirklicher Alternativen.<br />
Adorno forderte schon in den 1950er Jahren: &#8220;Will der Roman seinem realistischen Erbe treu bleiben und sagen, wie es wirklich ist, so muss er auf einen Realismus verzichten, der indem er die Fassade reproduziert, nur dieser bei ihrem Täuschungsgeschäfte hilft.&#8221; Wenig später wurde folgerichtig der „Tod des Romans“ ausgerufen, und seitdem treten, vor allem in Deutschland, ästhetische Kriterien in der Beurteilung neuer Romanveröffentlichungen stark zurück. Allerdings waren es gerade ästhetische Aspekte, die nonkonformen Perspektiven ein gewisses Maß an Wahrnehmung sicherten. Indem literarische Werke heutzutage fast ausschließlich in Hinblick auf ihren Stoff beurteilt werden, rutscht alles das ins Abseits, was Kritiker wie z.B. Reich-Ranicki mit ihrem apodiktischen „Das interessiert mich nicht“ belegen. Die Folge ist eine stoffliche Verarmung der Literatur einerseits, und durch den Verzicht auf die Treibkräfte der Außenseiter ein Stillstand der literarischen Entwicklung andererseits.<br />
Heinrich Böll hat in seiner Erzählung „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“ die Figur eines Rundfunkintendanten geschaffen, den er mit einem Zoodirektor vergleicht, der eigentlich die Kuscheltiere liebt und nur dem Publikum zuliebe die schrecklichen Löwen zeigt. Ich muss oft im Gespräch mit anderen Verlegern an diesen Zoodirektor denken. Es gibt andere Wonnen als die der Gewöhnlichkeit! </p>
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		<title>Stephen Spender und Günter Grass oder was kann die Poesie</title>
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		<pubDate>Tue, 17 Apr 2012 10:12:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joachim Bartholomae</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der englische Dichter Stephen Spender beschreibt in seinem Roman „Der Tempel“ aus dem Jahr 1931, was gute und was schlechte Lyrik ist. Als Beispiele nimmt er Siegfried Sassoon und Wilfred Owen. Seine Romanfiguren Wilmot (d.i. W.H. Auden) und Paul (d.i. &#8230; <a href="http://www.schwule-literatur.de/2012/04/stephen-spender-und-gunter-grass-oder-was-kann-die-poesie/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Der englische Dichter Stephen Spender beschreibt in seinem Roman „Der Tempel“ aus dem Jahr 1931, was gute und was schlechte Lyrik ist. Als Beispiele nimmt er Siegfried Sassoon und Wilfred Owen. Seine Romanfiguren Wilmot (d.i. W.H. Auden) und Paul (d.i. Spender) führen als Studenten in Oxford dieses Gespräch. Auden beginnt:</p>
<p>	„Siggy TAUGT NICHTS. Seine Kriegsgedichte HAUEN NICHT HIN.“<br />
	Wilmot betonte bestimmte Worte mit fast absurdem Nachdruck, als wären sie aus der Heiligen Schrift.<br />
	„Zählen Sassoons Gedichte nicht zur modernen Lyrik?“, fragte Paul.<br />
	„Siggy VERKÜNDET WAHRHEITEN. Er VERTRITT MEINUNGEN. Ein Gedicht über die Kämpfe an der Westfront schließt bei ihm mit der Zeile: ‚O Jesus, lass es enden!‘ Das KANN ein Dichter nicht sagen.“<br />
	„Was hätte er dann schreiben sollen?“<br />
	„Alles, was ein Dichter tun kann, ist, die GELEGENHEIT zu ERGREIFEN, die die Situation ihm bietet, um ein KUNSTWERK AUS WORTEN zu schaffen. Der Krieg ist einfach Material für seine Kunst. Ein DICHTER kann den KRIEG NICHT BEENDEN. Alles, was er tun ist, ist ein Gedicht zu machen aus dem MATERIAL, das er ihm liefert. Wilfred hat geschrieben: ‚Alles, was ein Dichter heute tun kann, ist warnen.‘“<br />
	„Wilfred?“<br />
	„Wilfred Owen, der einzige Dichter, der sich eine EIGENE SPRACHE der Westfront geschaffen hat. Wilfred sagt nicht: ‚O Jesus, lass es enden!‘“</p>
<p>Mehr ist zum Thema Grass im Grunde nicht zu sagen. Aber wie Thomas Steinfeld in der SZ ganz richtig sagt, im Grunde hat Grass einen Leserbrief geschrieben und kein Gedicht.<br />
Spenders &#8220;Der Tempel&#8221; wird auf deutsch übrigens im Herbst 2012 neu erscheinen.</p>
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		<title>Kracht gegen Krüss oder: ein schwuler Helgoländer in der Südsee</title>
		<link>http://www.schwule-literatur.de/2012/03/kracht-gegen-kruss-oder-ein-schwuler-helgolander-in-der-sudsee/</link>
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		<pubDate>Fri, 09 Mar 2012 16:08:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joachim Bartholomae</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Autor beim Verlag Kiepenheuer und Witsch zu sein erweist sich wieder einmal als Abenteuer. Hatte erst vor wenigen Jahren eine anonyme Literaturwissenschaftlerin versucht, Kiepenheuer-Autor Zaimoglu als Plagiator von Kiepenheuer-Autorin Özdamar zu „entlarven“, so wird das Klima nun rauer, indem Kiepenheuer-Autor &#8230; <a href="http://www.schwule-literatur.de/2012/03/kracht-gegen-kruss-oder-ein-schwuler-helgolander-in-der-sudsee/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Autor beim Verlag Kiepenheuer und Witsch zu sein erweist sich wieder einmal als Abenteuer. Hatte erst vor wenigen Jahren eine anonyme Literaturwissenschaftlerin versucht, Kiepenheuer-Autor Zaimoglu als Plagiator von Kiepenheuer-Autorin Özdamar zu „entlarven“, so wird das Klima nun rauer, indem Kiepenheuer-Autor Diez Kiepenheuer-Autor Kracht als rassistischen Herrenmenschen bloßstellt, es dann aber wohl doch nicht so gemeint hat. Nun ja, andere Verlage, andere Sitten.<br />
Nachdem Herr Kracht in seinem „Faserland“ nicht mehr heimisch ist, befindet er sich auf Reisen, und da er Schriftsteller ist, schreibt er darüber. Damit das nicht ganz so banal daherkommt, verwendet er seine frisch erworbene Ortskenntnis für historische Travestien: „Imperium“ gibt vor, in den pazifischen Besitztümern des letzten deutschen Kaiserreichs zu spielen, wo der versponnene Vegetarier Engelhardt die Welt mit Hilfe der Kokosnuss zu retten versucht. Man denkt sofort Mr. Smith, der in Graham Greenes „Comedians“ auf Haiti vegetarische Produkte in Mode bringen will (in der Verfilmung gespielt von Paul Ford). Für eine Nebenfigur mag das angehen, sich für die Hauptfigur Engelhardt zu interessieren fällt dagegen nicht ganz leicht.<br />
Unter der Überschrift: „Wir wollen nun über die Liebe sprechen“, bekommt Engelhardt unverhofften Besuch: Aueckens, ein blonder junger Mann von Helgoland, sehr beziehungsreich, da Helgoland gerade erst gegen Sansibar und andere Inseln von England eingetauscht wurde. Aueckens ist „ein erstklassiger Mistkerl“ und schwul. Sofort erzählt er, wie er erfolglos versucht hat, einen jungen Helgoland-Touristen recht rabiat zu vernaschen. Den Misserfolg führt er darauf zurück, dieser junge Mann sei ein ungewaschener Jude gewesen. Als er kurz nach seiner Ankunft den malaiischen Boy Engelhardts, Makeli, brutal vergewaltigt, wird er, mit einem runden Gegenstand erschlagen, tot aufgefunden. Makeli verehrt seinen weißen Herrn seitdem noch inniger.<br />
Kracht mag hier ein wenig durcheinander gekommen sein. Selbst heute, wo in der Tat viele Homosexuelle diese Weltgegend als Sextouristen bereisen, sind die heterosexuellen Europäer weit in der Überzahl, umso mehr zu Beginn des 20. Jhdts. Man ist es irgendwann leid, dass der Bösewicht, der im Roman kurz sein Unwesen treibt und dann natürlich sterben muss, so penetrant und einfallslos ein Schwuler zu sein hat. Und man fragt sich, was die Gegenüberstellung des brutalen Vergewaltigers einerseits, des innig verbundenen Freundespaares Engelhardt-Makeli andererseits wohl zu bedeuten haben mag.<br />
Wer sich für deutsche Herrenmenschen im Kolonialdienst S.M. interessiert, dem sei Hans Dieter Schreebs Roman „Hinter den Mauern von Peking“ aus dem Jahr 1999 empfohlen, auch hier ist der Herrenmensch schwul, aber immerhin eine der Hauptfiguren. Kracht ist in Sachen politischer Korrektheit sicherlich nichts vorzuwerfen, dafür ist sein „Imperium“ ganz einfach zu zahnlos, vor allem, wenn es Vergleiche zu Graham Greene provoziert.</p>
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		<title>Stephen McCauley: Insignificant Others (2010) sind leider wenig signifikant</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Mar 2012 17:59:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joachim Bartholomae</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der Titel ist ein Wortspiel. Armistead Maupin beendete seine „Tales of the City“ mit dem Band „Significant Others“ (dt. „Schluss mit lustig“), da auf dem Höhepunkt der Aidskrise das Zusammenleben der Schwulen eine andere Verbindlichkeit annahm als zuvor. (Nach einer &#8230; <a href="http://www.schwule-literatur.de/2012/03/stephen-mccauley-insignificant-others-2010-sind-leider-wenig-signifikant/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Der Titel ist ein Wortspiel. Armistead Maupin beendete seine „Tales of the City“ mit dem Band „Significant Others“ (dt. „Schluss mit lustig“), da auf dem Höhepunkt der Aidskrise das Zusammenleben der Schwulen eine andere Verbindlichkeit annahm als zuvor. (Nach einer großen Pause gibt es inzwischen zwei Fortsetzungsbände der „Tales“.) McCauley, der als Autor mit dem Roman „Object of my Affection“ berühmt wurde, benutzt die etwas flapsige Formulierung des „Unbedeutenden Anderen“ als bewusstes Gegenmodell zur großen Liebe der jungen Jahre: Der gesetzte, in fester Beziehung lebende Großstadthomo kann es sich leisten, hin und wieder etwas Unwichtiges nebenher laufen zu lassen. Damit hat er bei mir die Erwartung geweckt, dass sich im schwulen Mainstream der USA vielleicht eine kleine Gegenbewegung zu dem niederschmetternden Spießertum abzeichnen könnte, das mit den Romanen David Leavitts begann und durch die Figur des schwulen Michael in der HBO-Soap „Six Feet Under“ abschließend zum Ausdruck gebracht wurde. Weit gefehlt, statt eine Lanze für die Vielfalt der Lust zu brechen, exerziert McCauley lediglich eine Nullhypothese durch: Die Eingangsthese, eine gute Beziehung könne einige „insignifivant others“ durchaus vertragen, wird im Laufe des Romans zurückgenommen, die holde Zweisamkeit triumphiert. Die auf gut 200 Seiten überaus wortwitzig dahinplätschernde Handlung ist zudem leider zu leicht und luftig angerührt, als dass sie die Fragestellung nebst Auflösung mit dem Maß an Substanz unterlegen könnte, das immerhin die innere Auseinandersetzung mit dem Problem zu einem lohnenden Unternehmen machen würde.<br />
Worum geht’s?<br />
Ricky und Conrad sind seit langem ein Paar. Ricky arbeitet in einer Software Firma, die mit dem Problem zu kämpfen hat, dass die jüngeren Mitarbeiter regelmäßig nach sehr kurzer Zeit den Job wechseln – eine ganz andere Generation, die ganz anders lebt, weshalb es gerade so wichtig wäre, sie zu integrieren. Ricky hat mit zwei Baustellen gleichzeitig zu tun, bis er schließlich lernt, dass Offenheit der beste Weg zu einer Lösung ist, denn die anderen sind zwar nicht vorhersehbar, aber vernünftiger, als man denkt.<br />
Conrad betreibt zusammen mit Doreen eine Beratungsfirma, die Neureichen dabei hilft, für ihre teuren Häuser teure Kunstwerke einzukaufen. Seine Klienten leben überwiegend in Florida und Texas, weshalb er viel auf Reisen ist.<br />
Beide Männer sind in ihren Vierzigern, aber bestens durchtrainiert und sexuell aufeinander abgestimmt: Ricky ist der Ficker. Beide haben wohl hin und wieder andere Affären und nehmen das nicht so genau. Ricky allerdings ist seit mehreren Jahren mit dem verheirateten Hetero Benjamin befreundet, mit der er gemeinsam ein kleines Appartment gemietet hat, in dem sie sich treffen können. Er gibt es nicht zu, aber er ist in Ben verliebt. Ben ist ständig von schlechtem Gewissen geplagt, was ihrem Sex durchaus gut tut. Nachdem die beiden schließlich Schluss gemacht haben, stellt sich heraus, dass Bens pubertierender Sohn ahnt, was sein Vater heimlich treibt, seine Lebenslüge platzt.<br />
Zunächst führt es jedoch zu Komplikationen, dass Ricky eine SMS auf Conrads Handy liest, die von einem Clarke stammt, der das nächste Treffen mit Conrad kaum noch erwarten kann. Es stellt sich heraus, dass Clarke ein Mann Anfang sechzig ist, der in Ohio lebt und recht wohlhabend ist. Clarke möchte gern mehr von Conrad haben, und Conrad fährt für längere Zeit nach Ohio, Ricky und Conrads Geschäftspartnerin Doreen bleiben jeweils „verwitwet“ zurück. In Conrads Abwesenheit begreift Ricky, dass es falsch war, aus der Gewöhnung der langjährigen Beziehung heraus die Lösung bei anderen Männern zu suchen, anstatt diese Energie in die Beziehung zu stecken, und da auch bei Benjamin die Schuldgefühle überhand nehmen, trennen die beiden sich. Conrad kommt früher als erwartet aus Ohio zurück, erklärt, dass das nicht das richtige gewesen sei, und dass sie doch beide ihre Affären bleiben lassen sollten. Ricky sagt ihm, er habe seine schon beendet. Friede, Freude, Eierkuchen.</p>
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		<title>&#8220;Fag Love&#8221; von Peter Rehberg revisited</title>
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		<pubDate>Wed, 04 Jan 2012 12:24:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joachim Bartholomae</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Peter Rehbergs Roman „Fag Love“ ist im Frühjahr 2005 bei Männerschwarm erschienen, insofern ist es schon ein „altes“ Buch, das aus der zeitlichen Distanz neu betrachtet werden kann. Es handelt sich um einen hemmungslos subjektiven Text, gewissermaßen einen lyrischen Roman, &#8230; <a href="http://www.schwule-literatur.de/2012/01/fag-love-von-peter-rehberg-revisited/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Peter Rehbergs Roman „Fag Love“ ist im Frühjahr 2005 bei Männerschwarm erschienen, insofern ist es schon ein „altes“ Buch, das aus der zeitlichen Distanz neu betrachtet werden kann. Es handelt sich um einen hemmungslos subjektiven Text, gewissermaßen einen lyrischen Roman, in dieser Hinsicht mit Hervé Guiberts späten Büchern zu vergleichen, nur um eine Richtung anzugeben. Heute, knapp sieben Jahre später, ist die Bedeutung dieses Romans womöglich noch gewachsen, denn literarisch anspruchsvolle Werke schwuler Autoren sind in letzter Zeit nur wenige erschienen.<span id="more-422"></span><br />
Äußerer Anlass, sich diesen Roman noch einmal vorzunehmen, ist eine Korrespondenz, die ich aus Anlass des Kleist-Todestages mit Stefan Broniowski führte. Dort habe ich probeweise die These aufgestellt:<br />
„1809 &#8211; Kleists Außenseiter bekennen sich aus unbeirrtem Rechtsempfinden zu ihrem Außenseitertum, können daran aber nichts ändern.<br />
1917 &#8211; Kafkas Außenseiter empfindet seine Situation als in jeder Hinsicht unerträglich, er kann so nicht leben, kann seine Lage jedoch unter großen persönlichen Opfern verändern: Der Affe lernt es, Mensch zu sein.<br />
Was ist dann 2011? &#8211; Peter Rehbergs Außenseiter sehen sich als den Heterosexuellen kulturell und sozial weit überlegen. Diese Selbsteinschätzung wird von den heterosexuellen Mitmenschen nicht geteilt, sie ist diesen Menschen nicht einmal bewusst: eine Kommunikation zwischen den Lebensformen findet nicht statt.&#8221;<br />
Da stellte sich heraus, dass Peter Rehberg, der in den letzten zehn Jahren drei Bücher veröffentlicht hat, unter belesenen Schwulen tatsächlich noch kein Name ist, „den man kennt“. Mein Korrespondent fasste das als Bildungslücke auf und hat das Buch gelesen. Um es vorwegzunehmen: Es hat ihm nicht gefallen. Seine Einschätzung folgt als erster Kommentar auf diesen Eintrag.<br />
Zur Einstimmung möchte ich zwei der zahlreichen, überwiegend ausgesprochen positiven Besprechungen des Buches zitieren. Damals wurden literarische Texte noch in der schwulen Monatspresse rezensiert, was heute leider zu einer Seltenheit geworden ist.<br />
Nr. 1, Christoph Dompke im Hamburger „Hinnerk“:<br />
… Felix lebt in New York, verliebt sich in Berlin, doch als er seines Freundes wegen dorthin zurückkehrt, geht die Beziehung in die Brüche. In Chicago geht das Leben weiter. Diesen plötzlichen Umschwüngen vom Glück in die Traurigkeit, von gemeinsamen in einsame Stunden, gibt Rehbergs manchmal bewusst rauer, unebener Sprachfluss eine starke Unmittelbarkeit, vergleichbar den intensiven Handkamerabildern der Dogma-Filme. Die Reise ins Innere der Liebe, der Lust und des Lebens zwischen Sex, Beziehung und moderner Lebensgestaltung wird kontrapunktisch mit diversen Popsongs durchsetzt: Ein Lied kann eine Brücke sein. Für alle Leser, die wie der Rezensent ihre schwule Sozialisation mittels Operette und Anneliese Rothenberger erlebt haben, gibt der Appendix weitere Auskünfte zu den zitierten Liedern. Doch auch, wer von Popmusik überhaupt keine Ahnung hat, kann „Fag Love“ mit Vergnügen lesen, denn – das ist das Wunder dieses Romans – er „kann alle Farben spielen“, er „kann vieles sein“ (Marianne Rosenberg): Paraphrase der Kitsch- und Camp-Diskussion, kulturgeschichtlicher Beitrag über mentale Unterschiede der US-amerikanischen und deutschen Schwulenszenen und Bildungsroman der postmodernen Popkultur. Und wer sich für all dies gar nicht interessiert, für den bleibt es ein intensiver, anrührender Lebens- und Liebesroman, mit furiosem Schwung geschrieben, das Ohr immer am Beat der Zeit. …<br />
Nr. 2, Siegfried Straßner in der „Nürnberger Schwulenpost“ (sel. Angedenkens):<br />
… Nach „Play“ im Jahr 2002 ist „Fag Love“ Peter Rehbergs zweites Buch im Hamburger Männerschwarm Verlag. Und wieder ist es die außergewöhnliche Intensität seines im gegenwärtigen Moment verknappten Schreibstils, der den Leser bei der Lektüre in Windeseile packt. Logbuchartig teilt der Text das augenblicklich Geschehende, Gedachte, Erlittene mit, in Sätzen und Worten des schwulen Alltags, oft unvollständig, dahingeschrieben wie Unterhaltung zwischen Frühstückstisch und abendlichem Tresen. Doch gerade in diesem scheinbar Unprätentiösen der Sprache gelingt Rehberg, Jahrgang 1966, ein intensiver Einblick in alle Eigentümlichkeiten des Lebensgefühls einer ganzen schwulen Generation diesseits und jenseits des Atlantiks. …<br />
Nun erhält Stefan Broniowski das Wort, danach werde dann ich auf einige seiner Argumente eingehen.</p>
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		<title>Gehackt</title>
		<link>http://www.schwule-literatur.de/2011/10/gehackt/</link>
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		<pubDate>Mon, 24 Oct 2011 10:03:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joachim Bartholomae</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Liebe Blogleser, böse Menschen haben diesen Blog gehackt und irgendwelchen Unfug damit angestellt, jedenfalls führte das dazu, dass schwule-literatur.de abgeschaltet wurde, ohne dass wir das gemerkt haben. Jetzt ist er wieder da, er sieht anders aus, aber inhaltlich ist alles &#8230; <a href="http://www.schwule-literatur.de/2011/10/gehackt/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Blogleser,<br />
böse Menschen haben diesen Blog gehackt und irgendwelchen Unfug damit angestellt, jedenfalls führte das dazu, dass schwule-literatur.de abgeschaltet wurde, ohne dass wir das gemerkt haben. Jetzt ist er wieder da, er sieht anders aus, aber inhaltlich ist alles beim alten.<br />
By the way: wer immer die Lust verspürt, hier eigene Themen zu verfolgen, ist herzlich dazu eingeladen. Einfach eine Mail an grumbach@maennerschwarm.de senden, dann werden Autorenrechte erteilt.</p>
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		<title>Von Kleist lernern heißt verlieren lernen (zum 200. Todestag)</title>
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		<pubDate>Wed, 21 Sep 2011 11:09:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joachim Bartholomae</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Aus Anlass seines Todestags 8 Thesen zur Außenseiterthematik bei Kleist: 1. Kleist hat zu Homosexualität und schwulem Leben nichts zu sagen, wenn man unter schwuler Literatur die Erörterung von Wertkonflikten, Persönlichkeitsentwicklungen und besonderen Herausforderungen versteht, die sich aus dem Leben &#8230; <a href="http://www.schwule-literatur.de/2011/09/von-kleist-lernern-heisst-verlieren-lernen-zum-200-todestag/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Aus Anlass seines Todestags 8 Thesen zur Außenseiterthematik bei Kleist:<br />
1.	Kleist hat zu Homosexualität und schwulem Leben nichts zu sagen, wenn man unter schwuler Literatur die Erörterung von Wertkonflikten, Persönlichkeitsentwicklungen und besonderen Herausforderungen versteht, die sich aus dem Leben homosexueller Menschen ergeben.<br />
2.	Kleist schreibt vielmehr über Außenseiter, für die die universellen Versprechen von Staat, Gesellschaft und familiärem Zusammenleben nicht gelten. Insofern thematisiert er nicht wie in der antiken Dramentradition die Austragung von Konflikten, sondern vielmehr den Ausschluss bestimmter Personen von den etablierten Konfliktlösungsmechanismen sowie die Art und Weise, wie die solcherart diskriminierten Personen darauf reagieren.<span id="more-414"></span><br />
3.	Da ein Betroffener schreibt, sucht er nach Rechtfertigung für das Scheitern bzw. das problematische Verhalten seiner Außenseiter. Einerseits sind sie gesetzestreu, andererseits sind sie für ihr Außenseitertum nicht verantwortlich, sie handeln entweder unter Zwang oder aufgrund von nahezu unvermeidlichen Irrtümern.<br />
4.	Seine Stoffe sind fast ausnahmslos vollkommen abwegig, sie sind so verrückt, dass Lessing, Schiller oder Goethe im Vergleich auf geradezu gruselige Weise bieder und öde wirken. Eine Adlige sucht per Annonce den Mann, der sie geschwängert hat, eine Kriegerin zerreißt den geliebten Mann mit ihren Zähnen, ein Bürgermädchen wird von Engeln beschützt und enpuppt sich als Tochter des Kaisers &#8211; damit käme man heute allenfalls in eine Nachmittagstalkshow im Privatfernsehen. Kleist brauchte solche Szenarien, um seine Fragestellungen außerhalb der üblichen Erzähl- und Denkmuster aufstellen zu können. Im Umkehrschluss könnte man überspitzt sagen, dass Lessing, Schiller und Goethe in ihrer Biederkeit von vornherein nur solche Themen in den Blick bekommen, die bereits aus der Sicht des Establishments formuliert sind.<br />
5.	Da Kleists Helden nicht dazugehören, aber durch ihren inneren Zwang oder metaphysische Einflüsse überaus charakterfest auftreten, kann ihr Schöpfer an ihnen das universelle Problem der doppelten Kontingenz in Extremfällen durchexerzieren: sie müssen einerseits sich selbst erfinden, und andererseits aus dieser für andere naturgemäß schwer nachvollziehbaren Situation heraus mit diesen anderen handeln, was denn auch in der Regel  misslingt. Wenn Toni sich überraschend als Weiße definiert, ist es kein Wunder, dass August das nicht begreift. Wenn Achilles sich Penthesileas Muster der Gattensuche unterwirft, ist es kein Wunder, dass sie ihn nicht versteht. Positive Lösungen für seine extremen Versuchsanordnungen findet er nur im Märchen.<br />
6.	Da ein Betroffener schreibt, kann er das unausweichliche Scheitern seiner Helden nicht einfach hinnehmen. Die zumeist völlig überzogenen Rachefantasien sind in der Tat Fantasien eines Autors, der seinen Helden ein Happy End verschaffen wollte, es aber aus Redlichkeit nicht konnte.<br />
7.	Aufgrund all dessen ist es kein Wunder, dass zu Lebzeiten niemand seine Stücke sehen wollte, außer ein paar Österreichern vielleicht. Auch heute ist das heterosexuelle Publikum nicht daran interessiert, sich die Welt einmal aus einer verschobenen Perspektive zeigen zu lassen &#8211; dabei ist das ein Anspruch, der längst zum Mainstream der Literaturtheorie gehört (oder in den 70er Jahren dazu gehört hat).  Schwule Autoren können insofern nur dann erfolgreich werden, wenn sie den Außenseiterblick ablegen, wie sich sehr überzeugend an der Rezeption von Joachim Helfer und Hans Pleschinski zeigt.<br />
8.	Der 1999 verstorbene Dichter Detlev Meyer schrieb ein Jahr vor seinem Tod das Gedicht &#8220;Zwei Wünsche&#8221;. Es geht so:<br />
Ich möchte Elvis Presley<br />
meinen stahlharten Schwanz in die<br />
geile Fresse rammen,<br />
und ich möchte mit dem<br />
Petrarca-Preis geehrt werden.<br />
Die Veröffentlichung des ersten<br />
Wunsches mag die Erfüllung des<br />
zweiten hinauszögern.<br />
Zweihundert Jahre nach Kleists Tod haben die Unvereinbarkeiten zwischen Außenseitern und Establishment ein wenig andere Formen angenommen, aber im Kern hat sich eigentlich nichts geändert.   </p>
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		<title>Die TAZ, Jan Feddersen und der CSD</title>
		<link>http://www.schwule-literatur.de/2011/08/die-taz-jan-feddersen-und-der-csd/</link>
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		<pubDate>Mon, 29 Aug 2011 11:06:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joachim Bartholomae</dc:creator>
				<category><![CDATA[Cruising]]></category>

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		<description><![CDATA[Wer eine Warze hat, geht zu geheimnisvollen alten Frauen, um sie besprechen zu lassen. Danach geht es dem Patienten in vielen Fällen besser. Wenn Jan Feddersen Schwules bespricht, treten bei manchen Lesern Beschwerden auf, die sie vorher noch nicht hatten. &#8230; <a href="http://www.schwule-literatur.de/2011/08/die-taz-jan-feddersen-und-der-csd/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wer eine Warze hat, geht zu geheimnisvollen alten Frauen, um sie besprechen zu lassen. Danach geht es dem Patienten in vielen Fällen besser. Wenn Jan Feddersen Schwules bespricht, treten bei manchen Lesern Beschwerden auf, die sie vorher noch nicht hatten. Oft liegt das  daran, dass der Rezensent die Buchveröffentlichung lediglich zum Anlass nimmt, um sich selbst zum Thema zu äußern. Man weiß dann nicht genau, ob er das Buch überhaupt gelesen hat. <span id="more-408"></span><br />
Konkreter Fall: der Bildband &#8220;Schwullesbische Sichtbarkeit&#8221; von Chris Lambertsen. Der Band dokumentiert die Veränderung der CSD-Paraden im Verlauf der letzten dreißig Jahre. Durch die Auswahl und die Anordnung der Bilder ergeben sich dabei immer wieder erstaunliche Einsichten, wie Hinnerk-Chefredakteur Stefan Mielchen bei der Eröffnung der Ausstellung zum Buch sehr anschaulich <a href="http://www.maennerschwarm.de/Verlag/htdocs/schwul_lesbische_sichtbarkeit.html" target="_blank">zum Ausdruck gebracht hat</a>:<br />
Voraussetzung einer solchen Besprechung ist eine intensive Auseinandersetzung mit ihrem Gegenstand, dem Buch. In der TAZ wird man stattdessen zum wiederholten Mal mit bestimmten Vorurteilen des Rezensenten konfrontiert: als strammer KB&#8217;ler hatte Jan Feddersen weder damals noch heute Verständnis dafür, dass Schwule ihre biederen Mitmenschen durch schrilles Auftreten verschrecken.<br />
<a href="http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ku&amp;dig=2011%2F08%2F02%2Fa0011&amp;cHash=afa70c98d0" target="_blank">Das liest sich dann so:</a><br />
Und selbst bei diesem Griff in die Mottenkiste der politischen Auseinandersetzung stimmt kaum etwas: bei den revoltierenden Gästen der Bar &#8220;Stonewall Inn&#8221; in der Christopher Street handelte es sich nicht um &#8220;Schwule und Transsexuelle&#8221;, sondern um Latino-Tunten. Die braven amerikanischen Homo-Clones (und ihre deutschen Nachahmer) haben allen Grund, ihren effeminierten Brüdern und Schwestern dankbar zu sein. Natürlich kann Feddersen das nicht schreiben, da er sich gerade lang und breit über Tunten lustig gemacht hat. Und &#8220;zehntausende&#8221; haben in Hamburg nun wirklich noch  nie an einer CSD-Parade teilgenommen, das sind heute wie damals vielleicht 2.000 Personen, wenn es hochkommt. Durch Karnevalswagen sieht es natürlich mehr aus, die nehmen Platz weg. Und außerdem stehen viele Leute am Straßenrand, aber die wurden weder bei Paraden noch Demonstrationen jemals mitgezählt. Der Hamburger &#8220;Klappenskandal&#8221;, der nach Meinung des Rezensenten hätte erwähnt werden sollen, hat mit dem CSD nichts zu tun, und natürlich sind die Textbeiträge im Buch auch nicht &#8220;des Lobes voll&#8221; (worauf denn auch?), sie vermitteln vielmehr, wie Schwule mit unterschiedlichen Interessenlagen den CSD einst und jetzt erlebt haben.<br />
Es ist schade, dass der TAZ zum Thema &#8220;30 Jahre CSD&#8221; so gar nichts einfällt. Da wäre es um einiges origineller gewesen, wenn man das große Interview mit Homo-Geschäftsmann Bruno Gmünder an diesem Tag veröffentlicht hätte: &#8220;Schwul und links geht nicht.&#8221; Bruno kommt wenigstens auf den Punkt.</p>
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