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	<title>Schwule Literatur</title>
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		<title>Stephen Spender und G&#252;nter Grass oder was kann die Poesie</title>
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		<pubDate>Tue, 17 Apr 2012 10:12:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joachim Bartholomae</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der englische Dichter Stephen Spender beschreibt in seinem Roman „Der Tempel“ aus dem Jahr 1931, was gute und was schlechte Lyrik ist. Als Beispiele nimmt er Siegfried Sassoon und Wilfred Owen. Seine Romanfiguren Wilmot (d.i. W.H. Auden) und Paul (d.i. &#8230; <a href="http://www.schwule-literatur.de/2012/04/stephen-spender-und-gunter-grass-oder-was-kann-die-poesie/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der englische Dichter Stephen Spender beschreibt in seinem Roman „Der Tempel“ aus dem Jahr 1931, was gute und was schlechte Lyrik ist. Als Beispiele nimmt er Siegfried Sassoon und Wilfred Owen. Seine Romanfiguren Wilmot (d.i. W.H. Auden) und Paul (d.i. Spender) f&#252;hren als Studenten in Oxford dieses Gespr&#228;ch. Auden beginnt:</p>
<p>	„Siggy TAUGT NICHTS. Seine Kriegsgedichte HAUEN NICHT HIN.“<br />
	Wilmot betonte bestimmte Worte mit fast absurdem Nachdruck, als w&#228;ren sie aus der Heiligen Schrift.<br />
	„Z&#228;hlen Sassoons Gedichte nicht zur modernen Lyrik?“, fragte Paul.<br />
	„Siggy VERK&#220;NDET WAHRHEITEN. Er VERTRITT MEINUNGEN. Ein Gedicht &#252;ber die K&#228;mpfe an der Westfront schlie&#223;t bei ihm mit der Zeile: ‚O Jesus, lass es enden!‘ Das KANN ein Dichter nicht sagen.“<br />
	„Was h&#228;tte er dann schreiben sollen?“<br />
	„Alles, was ein Dichter tun kann, ist, die GELEGENHEIT zu ERGREIFEN, die die Situation ihm bietet, um ein KUNSTWERK AUS WORTEN zu schaffen. Der Krieg ist einfach Material f&#252;r seine Kunst. Ein DICHTER kann den KRIEG NICHT BEENDEN. Alles, was er tun ist, ist ein Gedicht zu machen aus dem MATERIAL, das er ihm liefert. Wilfred hat geschrieben: ‚Alles, was ein Dichter heute tun kann, ist warnen.‘“<br />
	„Wilfred?“<br />
	„Wilfred Owen, der einzige Dichter, der sich eine EIGENE SPRACHE der Westfront geschaffen hat. Wilfred sagt nicht: ‚O Jesus, lass es enden!‘“</p>
<p>Mehr ist zum Thema Grass im Grunde nicht zu sagen. Aber wie Thomas Steinfeld in der SZ ganz richtig sagt, im Grunde hat Grass einen Leserbrief geschrieben und kein Gedicht.<br />
Spenders &#8220;Der Tempel&#8221; wird auf deutsch &#252;brigens im Herbst 2012 neu erscheinen.</p>
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		<title>Kracht gegen Kr&#252;ss oder: ein schwuler Helgol&#228;nder in der S&#252;dsee</title>
		<link>http://www.schwule-literatur.de/2012/03/kracht-gegen-kruss-oder-ein-schwuler-helgolander-in-der-sudsee/</link>
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		<pubDate>Fri, 09 Mar 2012 16:08:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joachim Bartholomae</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Autor beim Verlag Kiepenheuer und Witsch zu sein erweist sich wieder einmal als Abenteuer. Hatte erst vor wenigen Jahren eine anonyme Literaturwissenschaftlerin versucht, Kiepenheuer-Autor Zaimoglu als Plagiator von Kiepenheuer-Autorin &#214;zdamar zu „entlarven“, so wird das Klima nun rauer, indem Kiepenheuer-Autor &#8230; <a href="http://www.schwule-literatur.de/2012/03/kracht-gegen-kruss-oder-ein-schwuler-helgolander-in-der-sudsee/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Autor beim Verlag Kiepenheuer und Witsch zu sein erweist sich wieder einmal als Abenteuer. Hatte erst vor wenigen Jahren eine anonyme Literaturwissenschaftlerin versucht, Kiepenheuer-Autor Zaimoglu als Plagiator von Kiepenheuer-Autorin &#214;zdamar zu „entlarven“, so wird das Klima nun rauer, indem Kiepenheuer-Autor Diez Kiepenheuer-Autor Kracht als rassistischen Herrenmenschen blo&#223;stellt, es dann aber wohl doch nicht so gemeint hat. Nun ja, andere Verlage, andere Sitten.<br />
Nachdem Herr Kracht in seinem „Faserland“ nicht mehr heimisch ist, befindet er sich auf Reisen, und da er Schriftsteller ist, schreibt er dar&#252;ber. Damit das nicht ganz so banal daherkommt, verwendet er seine frisch erworbene Ortskenntnis f&#252;r historische Travestien: „Imperium“ gibt vor, in den pazifischen Besitzt&#252;mern des letzten deutschen Kaiserreichs zu spielen, wo der versponnene Vegetarier Engelhardt die Welt mit Hilfe der Kokosnuss zu retten versucht. Man denkt sofort Mr. Smith, der in Graham Greenes „Comedians“ auf Haiti vegetarische Produkte in Mode bringen will (in der Verfilmung gespielt von Paul Ford). F&#252;r eine Nebenfigur mag das angehen, sich f&#252;r die Hauptfigur Engelhardt zu interessieren f&#228;llt dagegen nicht ganz leicht.<br />
Unter der &#220;berschrift: „Wir wollen nun &#252;ber die Liebe sprechen“, bekommt Engelhardt unverhofften Besuch: Aueckens, ein blonder junger Mann von Helgoland, sehr beziehungsreich, da Helgoland gerade erst gegen Sansibar und andere Inseln von England eingetauscht wurde. Aueckens ist „ein erstklassiger Mistkerl“ und schwul. Sofort erz&#228;hlt er, wie er erfolglos versucht hat, einen jungen Helgoland-Touristen recht rabiat zu vernaschen. Den Misserfolg f&#252;hrt er darauf zur&#252;ck, dieser junge Mann sei ein ungewaschener Jude gewesen. Als er kurz nach seiner Ankunft den malaiischen Boy Engelhardts, Makeli, brutal vergewaltigt, wird er, mit einem runden Gegenstand erschlagen, tot aufgefunden. Makeli verehrt seinen wei&#223;en Herrn seitdem noch inniger.<br />
Kracht mag hier ein wenig durcheinander gekommen sein. Selbst heute, wo in der Tat viele Homosexuelle diese Weltgegend als Sextouristen bereisen, sind die heterosexuellen Europ&#228;er weit in der &#220;berzahl, umso mehr zu Beginn des 20. Jhdts. Man ist es irgendwann leid, dass der B&#246;sewicht, der im Roman kurz sein Unwesen treibt und dann nat&#252;rlich sterben muss, so penetrant und einfallslos ein Schwuler zu sein hat. Und man fragt sich, was die Gegen&#252;berstellung des brutalen Vergewaltigers einerseits, des innig verbundenen Freundespaares Engelhardt-Makeli andererseits wohl zu bedeuten haben mag.<br />
Wer sich f&#252;r deutsche Herrenmenschen im Kolonialdienst S.M. interessiert, dem sei Hans Dieter Schreebs Roman „Hinter den Mauern von Peking“ aus dem Jahr 1999 empfohlen, auch hier ist der Herrenmensch schwul, aber immerhin eine der Hauptfiguren. Kracht ist in Sachen politischer Korrektheit sicherlich nichts vorzuwerfen, daf&#252;r ist sein „Imperium“ ganz einfach zu zahnlos, vor allem, wenn es Vergleiche zu Graham Greene provoziert.</p>
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		<title>Stephen McCauley: Insignificant Others (2010) sind leider wenig signifikant</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Mar 2012 17:59:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joachim Bartholomae</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der Titel ist ein Wortspiel. Armistead Maupin beendete seine „Tales of the City“ mit dem Band „Significant Others“ (dt. „Schluss mit lustig“), da auf dem H&#246;hepunkt der Aidskrise das Zusammenleben der Schwulen eine andere Verbindlichkeit annahm als zuvor. (Nach einer &#8230; <a href="http://www.schwule-literatur.de/2012/03/stephen-mccauley-insignificant-others-2010-sind-leider-wenig-signifikant/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Titel ist ein Wortspiel. Armistead Maupin beendete seine „Tales of the City“ mit dem Band „Significant Others“ (dt. „Schluss mit lustig“), da auf dem H&#246;hepunkt der Aidskrise das Zusammenleben der Schwulen eine andere Verbindlichkeit annahm als zuvor. (Nach einer gro&#223;en Pause gibt es inzwischen zwei Fortsetzungsb&#228;nde der „Tales“.) McCauley, der als Autor mit dem Roman „Object of my Affection“ ber&#252;hmt wurde, benutzt die etwas flapsige Formulierung des „Unbedeutenden Anderen“ als bewusstes Gegenmodell zur gro&#223;en Liebe der jungen Jahre: Der gesetzte, in fester Beziehung lebende Gro&#223;stadthomo kann es sich leisten, hin und wieder etwas Unwichtiges nebenher laufen zu lassen. Damit hat er bei mir die Erwartung geweckt, dass sich im schwulen Mainstream der USA vielleicht eine kleine Gegenbewegung zu dem niederschmetternden Spie&#223;ertum abzeichnen k&#246;nnte, das mit den Romanen David Leavitts begann und durch die Figur des schwulen Michael in der HBO-Soap „Six Feet Under“ abschlie&#223;end zum Ausdruck gebracht wurde. Weit gefehlt, statt eine Lanze f&#252;r die Vielfalt der Lust zu brechen, exerziert McCauley lediglich eine Nullhypothese durch: Die Eingangsthese, eine gute Beziehung k&#246;nne einige „insignifivant others“ durchaus vertragen, wird im Laufe des Romans zur&#252;ckgenommen, die holde Zweisamkeit triumphiert. Die auf gut 200 Seiten &#252;beraus wortwitzig dahinpl&#228;tschernde Handlung ist zudem leider zu leicht und luftig anger&#252;hrt, als dass sie die Fragestellung nebst Aufl&#246;sung mit dem Ma&#223; an Substanz unterlegen k&#246;nnte, das immerhin die innere Auseinandersetzung mit dem Problem zu einem lohnenden Unternehmen machen w&#252;rde.<br />
Worum geht’s?<br />
Ricky und Conrad sind seit langem ein Paar. Ricky arbeitet in einer Software Firma, die mit dem Problem zu k&#228;mpfen hat, dass die j&#252;ngeren Mitarbeiter regelm&#228;&#223;ig nach sehr kurzer Zeit den Job wechseln – eine ganz andere Generation, die ganz anders lebt, weshalb es gerade so wichtig w&#228;re, sie zu integrieren. Ricky hat mit zwei Baustellen gleichzeitig zu tun, bis er schlie&#223;lich lernt, dass Offenheit der beste Weg zu einer L&#246;sung ist, denn die anderen sind zwar nicht vorhersehbar, aber vern&#252;nftiger, als man denkt.<br />
Conrad betreibt zusammen mit Doreen eine Beratungsfirma, die Neureichen dabei hilft, f&#252;r ihre teuren H&#228;user teure Kunstwerke einzukaufen. Seine Klienten leben &#252;berwiegend in Florida und Texas, weshalb er viel auf Reisen ist.<br />
Beide M&#228;nner sind in ihren Vierzigern, aber bestens durchtrainiert und sexuell aufeinander abgestimmt: Ricky ist der Ficker. Beide haben wohl hin und wieder andere Aff&#228;ren und nehmen das nicht so genau. Ricky allerdings ist seit mehreren Jahren mit dem verheirateten Hetero Benjamin befreundet, mit der er gemeinsam ein kleines Appartment gemietet hat, in dem sie sich treffen k&#246;nnen. Er gibt es nicht zu, aber er ist in Ben verliebt. Ben ist st&#228;ndig von schlechtem Gewissen geplagt, was ihrem Sex durchaus gut tut. Nachdem die beiden schlie&#223;lich Schluss gemacht haben, stellt sich heraus, dass Bens pubertierender Sohn ahnt, was sein Vater heimlich treibt, seine Lebensl&#252;ge platzt.<br />
Zun&#228;chst f&#252;hrt es jedoch zu Komplikationen, dass Ricky eine SMS auf Conrads Handy liest, die von einem Clarke stammt, der das n&#228;chste Treffen mit Conrad kaum noch erwarten kann. Es stellt sich heraus, dass Clarke ein Mann Anfang sechzig ist, der in Ohio lebt und recht wohlhabend ist. Clarke m&#246;chte gern mehr von Conrad haben, und Conrad f&#228;hrt f&#252;r l&#228;ngere Zeit nach Ohio, Ricky und Conrads Gesch&#228;ftspartnerin Doreen bleiben jeweils „verwitwet“ zur&#252;ck. In Conrads Abwesenheit begreift Ricky, dass es falsch war, aus der Gew&#246;hnung der langj&#228;hrigen Beziehung heraus die L&#246;sung bei anderen M&#228;nnern zu suchen, anstatt diese Energie in die Beziehung zu stecken, und da auch bei Benjamin die Schuldgef&#252;hle &#252;berhand nehmen, trennen die beiden sich. Conrad kommt fr&#252;her als erwartet aus Ohio zur&#252;ck, erkl&#228;rt, dass das nicht das richtige gewesen sei, und dass sie doch beide ihre Aff&#228;ren bleiben lassen sollten. Ricky sagt ihm, er habe seine schon beendet. Friede, Freude, Eierkuchen.</p>
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		<title>&#8220;Fag Love&#8221; von Peter Rehberg revisited</title>
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		<pubDate>Wed, 04 Jan 2012 12:24:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joachim Bartholomae</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Peter Rehbergs Roman „Fag Love“ ist im Fr&#252;hjahr 2005 bei M&#228;nnerschwarm erschienen, insofern ist es schon ein „altes“ Buch, das aus der zeitlichen Distanz neu betrachtet werden kann. Es handelt sich um einen hemmungslos subjektiven Text, gewisserma&#223;en einen lyrischen Roman, &#8230; <a href="http://www.schwule-literatur.de/2012/01/fag-love-von-peter-rehberg-revisited/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Peter Rehbergs Roman „Fag Love“ ist im Fr&#252;hjahr 2005 bei M&#228;nnerschwarm erschienen, insofern ist es schon ein „altes“ Buch, das aus der zeitlichen Distanz neu betrachtet werden kann. Es handelt sich um einen hemmungslos subjektiven Text, gewisserma&#223;en einen lyrischen Roman, in dieser Hinsicht mit Hervé Guiberts sp&#228;ten B&#252;chern zu vergleichen, nur um eine Richtung anzugeben. Heute, knapp sieben Jahre sp&#228;ter, ist die Bedeutung dieses Romans wom&#246;glich noch gewachsen, denn literarisch anspruchsvolle Werke schwuler Autoren sind in letzter Zeit nur wenige erschienen.<span id="more-422"></span><br />
&#196;u&#223;erer Anlass, sich diesen Roman noch einmal vorzunehmen, ist eine Korrespondenz, die ich aus Anlass des Kleist-Todestages mit Stefan Broniowski f&#252;hrte. Dort habe ich probeweise die These aufgestellt:<br />
„1809 &#8211; Kleists Au&#223;enseiter bekennen sich aus unbeirrtem Rechtsempfinden zu ihrem Au&#223;enseitertum, k&#246;nnen daran aber nichts &#228;ndern.<br />
1917 &#8211; Kafkas Au&#223;enseiter empfindet seine Situation als in jeder Hinsicht unertr&#228;glich, er kann so nicht leben, kann seine Lage jedoch unter gro&#223;en pers&#246;nlichen Opfern ver&#228;ndern: Der Affe lernt es, Mensch zu sein.<br />
Was ist dann 2011? &#8211; Peter Rehbergs Au&#223;enseiter sehen sich als den Heterosexuellen kulturell und sozial weit &#252;berlegen. Diese Selbsteinsch&#228;tzung wird von den heterosexuellen Mitmenschen nicht geteilt, sie ist diesen Menschen nicht einmal bewusst: eine Kommunikation zwischen den Lebensformen findet nicht statt.&#8221;<br />
Da stellte sich heraus, dass Peter Rehberg, der in den letzten zehn Jahren drei B&#252;cher ver&#246;ffentlicht hat, unter belesenen Schwulen tats&#228;chlich noch kein Name ist, „den man kennt“. Mein Korrespondent fasste das als Bildungsl&#252;cke auf und hat das Buch gelesen. Um es vorwegzunehmen: Es hat ihm nicht gefallen. Seine Einsch&#228;tzung folgt als erster Kommentar auf diesen Eintrag.<br />
Zur Einstimmung m&#246;chte ich zwei der zahlreichen, &#252;berwiegend ausgesprochen positiven Besprechungen des Buches zitieren. Damals wurden literarische Texte noch in der schwulen Monatspresse rezensiert, was heute leider zu einer Seltenheit geworden ist.<br />
Nr. 1, Christoph Dompke im Hamburger „Hinnerk“:<br />
… Felix lebt in New York, verliebt sich in Berlin, doch als er seines Freundes wegen dorthin zur&#252;ckkehrt, geht die Beziehung in die Br&#252;che. In Chicago geht das Leben weiter. Diesen pl&#246;tzlichen Umschw&#252;ngen vom Gl&#252;ck in die Traurigkeit, von gemeinsamen in einsame Stunden, gibt Rehbergs manchmal bewusst rauer, unebener Sprachfluss eine starke Unmittelbarkeit, vergleichbar den intensiven Handkamerabildern der Dogma-Filme. Die Reise ins Innere der Liebe, der Lust und des Lebens zwischen Sex, Beziehung und moderner Lebensgestaltung wird kontrapunktisch mit diversen Popsongs durchsetzt: Ein Lied kann eine Br&#252;cke sein. F&#252;r alle Leser, die wie der Rezensent ihre schwule Sozialisation mittels Operette und Anneliese Rothenberger erlebt haben, gibt der Appendix weitere Ausk&#252;nfte zu den zitierten Liedern. Doch auch, wer von Popmusik &#252;berhaupt keine Ahnung hat, kann „Fag Love“ mit Vergn&#252;gen lesen, denn – das ist das Wunder dieses Romans – er „kann alle Farben spielen“, er „kann vieles sein“ (Marianne Rosenberg): Paraphrase der Kitsch- und Camp-Diskussion, kulturgeschichtlicher Beitrag &#252;ber mentale Unterschiede der US-amerikanischen und deutschen Schwulenszenen und Bildungsroman der postmodernen Popkultur. Und wer sich f&#252;r all dies gar nicht interessiert, f&#252;r den bleibt es ein intensiver, anr&#252;hrender Lebens- und Liebesroman, mit furiosem Schwung geschrieben, das Ohr immer am Beat der Zeit. …<br />
Nr. 2, Siegfried Stra&#223;ner in der „N&#252;rnberger Schwulenpost“ (sel. Angedenkens):<br />
… Nach „Play“ im Jahr 2002 ist „Fag Love“ Peter Rehbergs zweites Buch im Hamburger M&#228;nnerschwarm Verlag. Und wieder ist es die au&#223;ergew&#246;hnliche Intensit&#228;t seines im gegenw&#228;rtigen Moment verknappten Schreibstils, der den Leser bei der Lekt&#252;re in Windeseile packt. Logbuchartig teilt der Text das augenblicklich Geschehende, Gedachte, Erlittene mit, in S&#228;tzen und Worten des schwulen Alltags, oft unvollst&#228;ndig, dahingeschrieben wie Unterhaltung zwischen Fr&#252;hst&#252;ckstisch und abendlichem Tresen. Doch gerade in diesem scheinbar Unpr&#228;tenti&#246;sen der Sprache gelingt Rehberg, Jahrgang 1966, ein intensiver Einblick in alle Eigent&#252;mlichkeiten des Lebensgef&#252;hls einer ganzen schwulen Generation diesseits und jenseits des Atlantiks. …<br />
Nun erh&#228;lt Stefan Broniowski das Wort, danach werde dann ich auf einige seiner Argumente eingehen.</p>
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		<title>Gehackt</title>
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		<pubDate>Mon, 24 Oct 2011 10:03:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joachim Bartholomae</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Liebe Blogleser, b&#246;se Menschen haben diesen Blog gehackt und irgendwelchen Unfug damit angestellt, jedenfalls f&#252;hrte das dazu, dass schwule-literatur.de abgeschaltet wurde, ohne dass wir das gemerkt haben. Jetzt ist er wieder da, er sieht anders aus, aber inhaltlich ist alles &#8230; <a href="http://www.schwule-literatur.de/2011/10/gehackt/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Blogleser,<br />
b&#246;se Menschen haben diesen Blog gehackt und irgendwelchen Unfug damit angestellt, jedenfalls f&#252;hrte das dazu, dass schwule-literatur.de abgeschaltet wurde, ohne dass wir das gemerkt haben. Jetzt ist er wieder da, er sieht anders aus, aber inhaltlich ist alles beim alten.<br />
By the way: wer immer die Lust versp&#252;rt, hier eigene Themen zu verfolgen, ist herzlich dazu eingeladen. Einfach eine Mail an grumbach@maennerschwarm.de senden, dann werden Autorenrechte erteilt.</p>
]]></content:encoded>
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		<title>Von Kleist lernern hei&#223;t verlieren lernen (zum 200. Todestag)</title>
		<link>http://www.schwule-literatur.de/2011/09/von-kleist-lernern-heisst-verlieren-lernen-zum-200-todestag/</link>
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		<pubDate>Wed, 21 Sep 2011 11:09:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joachim Bartholomae</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Aus Anlass seines Todestags 8 Thesen zur Au&#223;enseiterthematik bei Kleist: 1. Kleist hat zu Homosexualit&#228;t und schwulem Leben nichts zu sagen, wenn man unter schwuler Literatur die Er&#246;rterung von Wertkonflikten, Pers&#246;nlichkeitsentwicklungen und besonderen Herausforderungen versteht, die sich aus dem Leben &#8230; <a href="http://www.schwule-literatur.de/2011/09/von-kleist-lernern-heisst-verlieren-lernen-zum-200-todestag/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Aus Anlass seines Todestags 8 Thesen zur Au&#223;enseiterthematik bei Kleist:<br />
1.	Kleist hat zu Homosexualit&#228;t und schwulem Leben nichts zu sagen, wenn man unter schwuler Literatur die Er&#246;rterung von Wertkonflikten, Pers&#246;nlichkeitsentwicklungen und besonderen Herausforderungen versteht, die sich aus dem Leben homosexueller Menschen ergeben.<br />
2.	Kleist schreibt vielmehr &#252;ber Au&#223;enseiter, f&#252;r die die universellen Versprechen von Staat, Gesellschaft und famili&#228;rem Zusammenleben nicht gelten. Insofern thematisiert er nicht wie in der antiken Dramentradition die Austragung von Konflikten, sondern vielmehr den Ausschluss bestimmter Personen von den etablierten Konfliktl&#246;sungsmechanismen sowie die Art und Weise, wie die solcherart diskriminierten Personen darauf reagieren.<span id="more-414"></span><br />
3.	Da ein Betroffener schreibt, sucht er nach Rechtfertigung f&#252;r das Scheitern bzw. das problematische Verhalten seiner Au&#223;enseiter. Einerseits sind sie gesetzestreu, andererseits sind sie f&#252;r ihr Au&#223;enseitertum nicht verantwortlich, sie handeln entweder unter Zwang oder aufgrund von nahezu unvermeidlichen Irrt&#252;mern.<br />
4.	Seine Stoffe sind fast ausnahmslos vollkommen abwegig, sie sind so verr&#252;ckt, dass Lessing, Schiller oder Goethe im Vergleich auf geradezu gruselige Weise bieder und &#246;de wirken. Eine Adlige sucht per Annonce den Mann, der sie geschw&#228;ngert hat, eine Kriegerin zerrei&#223;t den geliebten Mann mit ihren Z&#228;hnen, ein B&#252;rgerm&#228;dchen wird von Engeln besch&#252;tzt und enpuppt sich als Tochter des Kaisers &#8211; damit k&#228;me man heute allenfalls in eine Nachmittagstalkshow im Privatfernsehen. Kleist brauchte solche Szenarien, um seine Fragestellungen au&#223;erhalb der &#252;blichen Erz&#228;hl- und Denkmuster aufstellen zu k&#246;nnen. Im Umkehrschluss k&#246;nnte man &#252;berspitzt sagen, dass Lessing, Schiller und Goethe in ihrer Biederkeit von vornherein nur solche Themen in den Blick bekommen, die bereits aus der Sicht des Establishments formuliert sind.<br />
5.	Da Kleists Helden nicht dazugeh&#246;ren, aber durch ihren inneren Zwang oder metaphysische Einfl&#252;sse &#252;beraus charakterfest auftreten, kann ihr Sch&#246;pfer an ihnen das universelle Problem der doppelten Kontingenz in Extremf&#228;llen durchexerzieren: sie m&#252;ssen einerseits sich selbst erfinden, und andererseits aus dieser f&#252;r andere naturgem&#228;&#223; schwer nachvollziehbaren Situation heraus mit diesen anderen handeln, was denn auch in der Regel  misslingt. Wenn Toni sich &#252;berraschend als Wei&#223;e definiert, ist es kein Wunder, dass August das nicht begreift. Wenn Achilles sich Penthesileas Muster der Gattensuche unterwirft, ist es kein Wunder, dass sie ihn nicht versteht. Positive L&#246;sungen f&#252;r seine extremen Versuchsanordnungen findet er nur im M&#228;rchen.<br />
6.	Da ein Betroffener schreibt, kann er das unausweichliche Scheitern seiner Helden nicht einfach hinnehmen. Die zumeist v&#246;llig &#252;berzogenen Rachefantasien sind in der Tat Fantasien eines Autors, der seinen Helden ein Happy End verschaffen wollte, es aber aus Redlichkeit nicht konnte.<br />
7.	Aufgrund all dessen ist es kein Wunder, dass zu Lebzeiten niemand seine St&#252;cke sehen wollte, au&#223;er ein paar &#214;sterreichern vielleicht. Auch heute ist das heterosexuelle Publikum nicht daran interessiert, sich die Welt einmal aus einer verschobenen Perspektive zeigen zu lassen &#8211; dabei ist das ein Anspruch, der l&#228;ngst zum Mainstream der Literaturtheorie geh&#246;rt (oder in den 70er Jahren dazu geh&#246;rt hat).  Schwule Autoren k&#246;nnen insofern nur dann erfolgreich werden, wenn sie den Au&#223;enseiterblick ablegen, wie sich sehr &#252;berzeugend an der Rezeption von Joachim Helfer und Hans Pleschinski zeigt.<br />
8.	Der 1999 verstorbene Dichter Detlev Meyer schrieb ein Jahr vor seinem Tod das Gedicht &#8220;Zwei W&#252;nsche&#8221;. Es geht so:<br />
Ich m&#246;chte Elvis Presley<br />
meinen stahlharten Schwanz in die<br />
geile Fresse rammen,<br />
und ich m&#246;chte mit dem<br />
Petrarca-Preis geehrt werden.<br />
Die Ver&#246;ffentlichung des ersten<br />
Wunsches mag die Erf&#252;llung des<br />
zweiten hinausz&#246;gern.<br />
Zweihundert Jahre nach Kleists Tod haben die Unvereinbarkeiten zwischen Au&#223;enseitern und Establishment ein wenig andere Formen angenommen, aber im Kern hat sich eigentlich nichts ge&#228;ndert.   </p>
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		<title>Die TAZ, Jan Feddersen und der CSD</title>
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		<pubDate>Mon, 29 Aug 2011 11:06:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joachim Bartholomae</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wer eine Warze hat, geht zu geheimnisvollen alten Frauen, um sie besprechen zu lassen. Danach geht es dem Patienten in vielen F&#228;llen besser. Wenn Jan Feddersen Schwules bespricht, treten bei manchen Lesern Beschwerden auf, die sie vorher noch nicht hatten. &#8230; <a href="http://www.schwule-literatur.de/2011/08/die-taz-jan-feddersen-und-der-csd/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wer eine Warze hat, geht zu geheimnisvollen alten Frauen, um sie besprechen zu lassen. Danach geht es dem Patienten in vielen F&#228;llen besser. Wenn Jan Feddersen Schwules bespricht, treten bei manchen Lesern Beschwerden auf, die sie vorher noch nicht hatten. Oft liegt das  daran, dass der Rezensent die Buchver&#246;ffentlichung lediglich zum Anlass nimmt, um sich selbst zum Thema zu &#228;u&#223;ern. Man wei&#223; dann nicht genau, ob er das Buch &#252;berhaupt gelesen hat. <span id="more-408"></span><br />
Konkreter Fall: der Bildband &#8220;Schwullesbische Sichtbarkeit&#8221; von Chris Lambertsen. Der Band dokumentiert die Ver&#228;nderung der CSD-Paraden im Verlauf der letzten drei&#223;ig Jahre. Durch die Auswahl und die Anordnung der Bilder ergeben sich dabei immer wieder erstaunliche Einsichten, wie Hinnerk-Chefredakteur Stefan Mielchen bei der Er&#246;ffnung der Ausstellung zum Buch sehr anschaulich <a href="http://www.maennerschwarm.de/Verlag/htdocs/schwul_lesbische_sichtbarkeit.html" target="_blank">zum Ausdruck gebracht hat</a>:<br />
Voraussetzung einer solchen Besprechung ist eine intensive Auseinandersetzung mit ihrem Gegenstand, dem Buch. In der TAZ wird man stattdessen zum wiederholten Mal mit bestimmten Vorurteilen des Rezensenten konfrontiert: als strammer KB&#8217;ler hatte Jan Feddersen weder damals noch heute Verst&#228;ndnis daf&#252;r, dass Schwule ihre biederen Mitmenschen durch schrilles Auftreten verschrecken.<br />
<a href="http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ku&amp;dig=2011%2F08%2F02%2Fa0011&amp;cHash=afa70c98d0" target="_blank">Das liest sich dann so:</a><br />
Und selbst bei diesem Griff in die Mottenkiste der politischen Auseinandersetzung stimmt kaum etwas: bei den revoltierenden G&#228;sten der Bar &#8220;Stonewall Inn&#8221; in der Christopher Street handelte es sich nicht um &#8220;Schwule und Transsexuelle&#8221;, sondern um Latino-Tunten. Die braven amerikanischen Homo-Clones (und ihre deutschen Nachahmer) haben allen Grund, ihren effeminierten Br&#252;dern und Schwestern dankbar zu sein. Nat&#252;rlich kann Feddersen das nicht schreiben, da er sich gerade lang und breit &#252;ber Tunten lustig gemacht hat. Und &#8220;zehntausende&#8221; haben in Hamburg nun wirklich noch  nie an einer CSD-Parade teilgenommen, das sind heute wie damals vielleicht 2.000 Personen, wenn es hochkommt. Durch Karnevalswagen sieht es nat&#252;rlich mehr aus, die nehmen Platz weg. Und au&#223;erdem stehen viele Leute am Stra&#223;enrand, aber die wurden weder bei Paraden noch Demonstrationen jemals mitgez&#228;hlt. Der Hamburger &#8220;Klappenskandal&#8221;, der nach Meinung des Rezensenten h&#228;tte erw&#228;hnt werden sollen, hat mit dem CSD nichts zu tun, und nat&#252;rlich sind die Textbeitr&#228;ge im Buch auch nicht &#8220;des Lobes voll&#8221; (worauf denn auch?), sie vermitteln vielmehr, wie Schwule mit unterschiedlichen Interessenlagen den CSD einst und jetzt erlebt haben.<br />
Es ist schade, dass der TAZ zum Thema &#8220;30 Jahre CSD&#8221; so gar nichts einf&#228;llt. Da w&#228;re es um einiges origineller gewesen, wenn man das gro&#223;e Interview mit Homo-Gesch&#228;ftsmann Bruno Gm&#252;nder an diesem Tag ver&#246;ffentlicht h&#228;tte: &#8220;Schwul und links geht nicht.&#8221; Bruno kommt wenigstens auf den Punkt.</p>
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		<title>&#8220;Ich bin kein Date!&#8221; &#8211; oder: der zauberhafte Dr Watson</title>
		<link>http://www.schwule-literatur.de/2011/07/ich-bin-kein-date-oder-der-zauberhafte-dr-watson/</link>
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		<pubDate>Wed, 27 Jul 2011 15:01:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joachim Bartholomae</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Eine neue Verfilmung der BBC erkl&#228;rt, wie man heutzutage das Verh&#228;ltnis von Sherlock Holmes und Dr Watson auffassen w&#252;rde, und das Ergebnis ist eine reine Freude. &#8220;Ein Fall von Pink&#8221;, der erste Film einer Miniserie, war nun auch im deutschen &#8230; <a href="http://www.schwule-literatur.de/2011/07/ich-bin-kein-date-oder-der-zauberhafte-dr-watson/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eine neue Verfilmung der BBC erkl&#228;rt, wie man heutzutage das Verh&#228;ltnis von Sherlock Holmes und Dr Watson auffassen w&#252;rde, und das Ergebnis ist eine reine Freude. &#8220;Ein Fall von Pink&#8221;, der erste Film einer Miniserie, war nun auch im deutschen Fernsehen zu sehen und ist geradezu ein Lehrst&#252;ck daf&#252;r, wie man eine ungew&#246;hnliche M&#228;nnerfreundschaft inszenieren kann, ohne wie sonst zumeist hinter vorgehaltener Hand zu kichern.<span id="more-406"></span><br />
Als die beiden ihre gemeinsame Wohnung in der Baker St. beziehen, meint die Vermieterin, &#8220;oben&#8221; g&#228;be es auch noch ein zweites Schlafzimmer, &#8220;falls Sie das brauchen sollten.&#8221; Dr Watson ist auf putzige Weise emp&#246;rt, warum sollten sie das denn wohl nicht brauchen? Aber die Vermieterin meint nur, &#8220;hier gibt es doch alles, zwei H&#228;user weiter zum Beispiel &#8230;&#8221; &#8211; aber dann passiert schon wieder etwas aufregendes und der Klatsch &#252;ber die Nachbarschaft wird uns vorenthalten.<br />
Abends geht Holmes mit Watson in seine Stammkneipe, und der Wirt fragt, &#8220;was darf ich Ihrem Date bringen?&#8221; Dass Watson &#8211; leicht emp&#246;rt &#8211; betont, er sei kein Date, ist dem Wirt ganz egal. Sofort kommt er mit einer Kerze und meint, &#8220;So ist es romantischer&#8221;.<br />
Indem die alte Geschichte konsequent und sehr intelligent in die Gegenwart &#252;bertragen wurde, ist es letztlich unvermeidbar, dass eine solche Art von Zusammensein von anderen offen angesprochen wird. Dass die wohlmeinenden Mitmenschen dabei schon mehr wissen als die zuk&#252;nftig Verliebten selbst, ist ein dramaturgischer Kunstgriff, aber dass sie nat&#252;rlich vollkommen recht haben, verdient eine kurze &#220;berlegung.<br />
Ein in unserem Verlag erstver&#246;ffentlichtes biografisches Lexikon tr&#228;gt den Untertitel &#8220;Freundesliebe und mannm&#228;nnliche Sexualit&#228;t&#8221; &#8211; so weit muss man den Bogen spannen, um dem Sachverhalt gerecht zu werden, der mit dem Begriff &#8220;Homosexualit&#228;t&#8221; nun einmal sehr unzureichend bezeichnet wird. Dass Watson Holmes liebt, scheint mir au&#223;er Frage zu stehen, und daf&#252;r gibt es auch ein fast objektives Kriterium: er l&#228;sst sich immer wieder darauf ein, Dinge &#8220;f&#252;r Holmes&#8221; zu tun &#8211; er reagiert fast reflexhaft auf pers&#246;nliche W&#252;nsche des Freunds. Das f&#228;llt auf, denn so etwas tun sonst nur Paare. Da er keine genitalen Fantasien hat, tut sich Watson schwer damit, seine Lage zu begreifen. Gespannt bin ich darauf, ob die weiteren Filme mehr Klarheit dar&#252;ber bringen werden, was sich Holmes eigentlich dabei denkt.<br />
Mir geht es ganz bestimmt nicht darum, Holmes und Watson oder Ernie und Bert zu &#8220;outen&#8221;. Interessant ist vielmehr, dass uns hier eine Form der M&#228;nnerfreundschaft ins Ged&#228;chtnis gerufen wird, die &#8211; seit der Einf&#252;hrung der Ko-Edukation? &#8211; aus der Mode und aus dem &#246;ffentlich Wahrnehmbaren verschwunden ist. Bei Evelyn Waugh kann man noch ganz unbefangen davon reden, dass zwei M&#228;nner sich lieben, ohne dabei an Schw&#228;nze, Ã„rsche und dgl. zu denken. Ich wei&#223; wirklich nicht, ob das w&#252;nschenswert ist, aber im Falle Watson-Holmes Ã  la BBC ist es auf jeden Fall richtig poetisch. Und Watson ist so schnuckelig &#8230;</p>
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		<title>Hinnerk besch&#252;tzt Hamburger Schwule vor Tony Duvert</title>
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		<pubDate>Fri, 24 Jun 2011 11:15:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joachim Bartholomae</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ein seltener Fall: Nachdem der Hamburger Monatsanzeiger &#8220;Hinnerk&#8221; den Roman &#8220;Als Jonathan starb&#8221; nicht redaktionell besprechen wollte, versuchte der Verlag das Buch durch die Schaltung einer Anzeige im Heft bewerben, einer Anzeige, die den Text einer f&#252;r die Arbeitsgemeinschaft Schwuler &#8230; <a href="http://www.schwule-literatur.de/2011/06/hinnerk-beschuetzt-hamburger-schwule-vor-tony-duvert/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein seltener Fall: Nachdem der Hamburger Monatsanzeiger &#8220;Hinnerk&#8221; den Roman &#8220;Als Jonathan starb&#8221; nicht redaktionell besprechen wollte, versuchte der Verlag das Buch durch die Schaltung einer Anzeige im Heft bewerben, einer Anzeige, die den Text einer f&#252;r die Arbeitsgemeinschaft Schwuler Monatsbl&#228;tter geschriebenen, aber nicht gedruckten Rezension verwendet. Nachdem die Anzeigenschaltung rechtsg&#252;ltig vereinbart war, weigerte sich der Herausgeber, die vom Verlag gelieferte Anzeige abzudrucken und auch, die Gestaltungskosten dieser Anzeige zu &#252;bernehmen. <span id="more-402"></span>Als Begr&#252;ndung wurde angef&#252;hrt, manche Leser des &#8220;Hinnerk&#8221; w&#252;rden auf jede Auseinandersetzung mit P&#228;dophilie im Heft w&#252;tend reagieren. Wenn man bedenkt, dass das Blatt von seinen Anzeigenkunden, und nicht von seinen Lesern finanziert wird, wundert man sich &#252;ber diesen Mangel an Zivilcourage. </p>
<p>Hier der Text der Besprechung:<br />
Eine unm&#246;gliche Liebe: Als Jonathan starb</p>
<p>Diese Neu&#252;bersetzung des 1978 in Frankreich erschienenen Romans polarisiert. &#8220;Als Jonathan starb&#8221; ist ein Roman, der nur in den 1970er Jahren geschrieben werden konnte, als man noch Dinge denken und schreiben durfte, f&#252;r die man heute an den Pranger gestellt w&#252;rde oder schlimmeres: Die Geschichte der unschuldigen Liebe eines erwachsenen Mannes zu einem achtj&#228;hrigen Jungen. Jawohl, Liebe und jawohl: unschuldig, obwohl es (auch) um Sex geht. Vielleicht gerade deshalb. Explizit, aber weder schl&#252;pfrig noch voyeuristisch.<br />
&#8220;Als Jonathan starb&#8221; ist kein Pl&#228;doyer f&#252;r P&#228;dophilie &#8211; im Gegenteil, Jonathan ist sich aller Fragw&#252;rdigkeiten vollkommen bewusst. Was auf dem Spiel steht ist vielmehr die Ganzheit und die Reinheit dieser Freundschaft. Ganzheit, weil K&#246;rperlichkeit selbstverst&#228;ndlich zur N&#228;he dazu geh&#246;rt, und Reinheit, weil sie das Bild des Autors vom Kind zentral pr&#228;gt: &#8220;Alle Kinder sind Menschen. Wenige Erwachsenen bleiben es.&#8221; So sind vielleicht die atemberaubendsten Szenen des Buches jene, wenn Serge mit einer schmutzigen Gier auf Jonathan zugeht, ihn quasi vergewaltigt &#8211; und Jonathan seinerseits f&#252;r das Kind &#8220;nur Ort, Fleisch, Spiegel&#8221; sein will. Abstruse Konstruktionen eines kranken P&#228;dohirns, h&#246;re ich jetzt, ein Jahrtausend sp&#228;ter, die PsychologInnenriege aufschreien &#8211; aber ich rate allen, denen es gelingt, die Schere im Kopf f&#252;r 220 Seiten mal geschlossen zu halten (und das ist zugegebener Ma&#223;en nicht immer leicht), das Buch einfach mal zu lesen. Man mag das Buch kopfsch&#252;ttelnd ablehnen, man mag es goutieren oder preisen. Man kann es aber auch ganz einfach lesen mit der Neugier dessen, der auch in Zeiten von Odenwaldschul-Bashing und Mirko-Trag&#246;dien den Atem anh&#228;lt beim Lesen einer Geschichte, f&#252;r die das AndrÃ© Heller-Zitat gesprochen scheint: &#8220;Denn ich will, dass es das alles gibt, was es gibt!&#8221; rgk</p>
<p>Tony Duvert, Als Jonathan starb. Gebunden, 224 Seiten, 19,00 â‚¬. Bei M&#228;nnerschwarm. </p>
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		<title>Duvert und Lindgren und der Sprung in ein besseres Leben</title>
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		<pubDate>Fri, 03 Jun 2011 09:48:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joachim Bartholomae</dc:creator>
				<category><![CDATA[Cruising]]></category>

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		<description><![CDATA[Wer Tony Duverts Roman &#8220;Als Jonathan starb&#8221; liest, bekommt auf eine ganz entscheidende Frage keine Antwort: Wann ist Jonathan denn nun gestorben? Durch den Hinweis des Lesers Stefan Broniowski wissen wir nun, dass sich die Antwort darauf vielleicht bei Astrid &#8230; <a href="http://www.schwule-literatur.de/2011/06/duvert-und-lindgren-und-der-sprung-in-ein-besseres-leben/">Continue reading <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wer Tony Duverts Roman &#8220;Als Jonathan starb&#8221; liest, bekommt auf eine ganz entscheidende Frage keine Antwort: Wann ist Jonathan denn nun gestorben? Durch den Hinweis des Lesers Stefan Broniowski wissen wir nun, dass sich die Antwort darauf vielleicht bei Astrid Lindgren findet, genauer gesagt in ihrem Roman &#8220;Die Br&#252;der L&#246;wenherz&#8221;. Wir &#252;berlassen es anderen, herauszufinden, ob Duvert diesen Roman gekannt hat oder h&#228;tte kennen k&#246;nnen, und pr&#228;sentieren ganz einfach nur die Fakten. Sollte keine Kausalit&#228;t vorliegen, so gibt es immerhin eine verbl&#252;ffende Koinzidenz.<span id="more-396"></span></p>
<p>Astrid Lindgren l&#228;sst in ihrem 1973 im Original erschienenen Roman den j&#252;ngeren von zwei B&#252;dern, Karl oder Kr&#252;mel, von seinem heldenhaften Bruder Jonathan erz&#228;hlen. Kr&#252;mel selbst war urspr&#252;nglich totkrank, und sein drei Jahre &#228;lterer Bruder tr&#246;stete ihn mit einem Leben nach dem Tod im sch&#246;nen Land Nangijala, in dem er ganz gesund sein wird. Als das Haus, in dem Karl und Jonathan mit ihrer Mutter leben, aus ungekl&#228;rtem Grund niederbrennt, rettet Jonathan seinen kleinen Bruder, indem er mit Karl auf dem R&#252;cken aus dem Fenster springt. Karl &#252;berlebt, Jonathan ist tot. Wenig sp&#228;ter stirbt auch Karl, und die Br&#252;der sind in Nangijala wieder vereint. Allerdings erweist sich dieses ferne Land hinter den Sternen nicht als so friedvoll wie gedacht, Jonathan und Kr&#252;mel m&#252;ssen gegen b&#246;se M&#228;chte k&#228;mpfen, und als er einen b&#246;sen Feuerdrachen besiegt, infiziert sich Jonathan und wird gel&#228;hmt. Nun muss der kleine Bruder den gr&#246;&#223;eren auf den R&#252;cken nehmen und mit ihm in den Abgrund springen, um durch den erneuten Tod in das dann hoffentlich wirklich gl&#252;ckliche Land Nangilima zu gelangen, wo Jonathan nicht mehr gel&#228;hmt sein wird.</p>
<p>Das klingt ein wenig wirr, und der zweifache Sprung legt die Vermutung nahe, dass Astrid Lindgren an die &#8220;Owl Creek Bridge&#8221; gedacht haben mag und die Erlebnisse in Nangijala lediglich Jonathans Kampf gegen die Flammen des brennenden Hauses und seinen daraus resultierenden Tod allegorisch darstellen, sodass Jonathans Sprung aus dem Fenster und Karls Sprung in den Abgrund ein und dasselbe Ereignis sind. Trotzdem ist es erstaunlich, dass in einem Kinderbuch ein solcher &#8220;infiniter Regress&#8221; der besseren Welten er&#246;ffnet wird. Wie auch immer. Hier geht es um einen Sprung bei Lindgren und einen Sprung bei Duvert. Sie lesen sich so:</p>
<p>Dann fiel die Nacht mit ihrer Dunkelheit &#252;ber Nangijala, &#252;ber Berge und Fluss und Land. Und ich stand mit Jonathan am Abgrund. Ich trug ihn, er hatte die Arme fest um meinen Hals geschlungen, und ich sp&#252;rte seinen Atem an meinem Ohr. Ganz ruhig atmete er. Nicht wie ich &#8230; Jonathan, mein Bruder, warum bin ich nicht so mutig wie du?<br />
Ich sah die Tiefe unter mir nicht, doch ich wusste, dass sie da war. Und ich brauchte nur einen Schritt ins Dunkle zu tun, dann war alles vor&#252;ber. Es w&#252;rde ganz schnell gehen.<br />
&#8220;Kr&#252;mel L&#246;wenherz&#8221;, sagte Jonathan, &#8220;hast du Angst?&#8221;<br />
&#8220;Nein &#8230; doch, ich habe Angst! Aber ich tue es trotzdem, Jonathan, ich tue es jetzt &#8230; jetzt &#8230; Und dann werde ich nie wieder Angst haben. Nie wieder Angst ha&#8230;&#8221;</p>
<p>&#8220;Oh, Nangilima! Ja, Jonathan, ich sehe das Licht! Ich sehe das Licht!&#8221;</p>
<p>***</p>
<p>Serge stand pl&#246;tzlich auf und trat mit dem Fu&#223; gegen die Tasche. Sie rutschte in den Graben. Der Flaschen&#246;ffner klirrte gegen die kleine Colaflasche. Das Kind stellte sich an den Rand der Stra&#223;e. Der Regen war jetzt ganz kalt. Jetzt &#8212; die Autos im Auge behalten, bis eines ganz allein und ganz schnell kommt. Dann ganz fest zwischen die beiden Scheinwerfer gucken und sich dagegenwerfen, ganz schnell, in dem Augenblick, wenn ihr Glanz am st&#228;rksten ist. Steif und unbeweglich, den Blick leicht verschwommen, lie&#223; Serge mehrere Wagen vorbei, ehe er den sah, den er erwartete.</p>
<p>(Astrid Lindgren: Die Br&#252;der L&#246;wenherz, SaltrÃ¥kan 1973, dt. Hamburg 1974, &#252;bersetzt von A.-L. Kornitzky<br />
Tony Duvert: Als Jonathan starb, Paris 1978, dt. 2011, &#252;bersetzt von J. Bartholomae)</p>
<p>Und bevor Serge springt, geht ihm dies durch den Kopf:</p>
<p>Wenn ein Wagen Serge mitgenommen h&#228;tte, w&#228;re er dieses letzte St&#252;ck zu Fu&#223; gegangen, vielleicht w&#228;re er dann um elf Uhr oder um Mitternacht bei den zwei etwas abseits vom Dorf gelegenen H&#228;uschen angekommen und h&#228;tte Jonathans Gartentor aufgesto&#223;en. Es war nie abgeschlossen. Jonathan schlief schon, Serge k&#228;me durch die K&#252;che rein, er w&#252;rde Licht anmachen, vielleicht k&#246;nnte er noch eine Maus vom Herd runterspringen sehen, er w&#252;rde leise ins Schlafzimmer hochgehen und Jonathan sanft wecken, oder er w&#252;rde sich einfach so neben ihn legen, wenn es kalt w&#228;re, oder er w&#252;rde vorher etwas essen, wenn er Hunger h&#228;tte. Jonathan w&#252;rde sich nicht wundern, sie w&#252;rden sich lange k&#252;ssen, Serge w&#252;rde ihm von seiner Reise, von dieser mutigen Reise erz&#228;hlen, und dann w&#252;rden sie in dem gro&#223;en Bett einschlafen, noch in dieser Nacht, und von da an immer.</p>
<p>Und wo sonst sollte sich dieser Traum erf&#252;llen als im Land Nangilima?</p>
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