Persönlichkeit versus Powersharing – Der Strukturwandel der Öffentlichkeit geht weiter

In ihrem Aufsatz „Zur Politik der Platzbenennung“ (Invertito 2015, S. 9-47) kritisiert Christiane Leidinger die Überbewertung von Einzelleistungen beim Zustandekommen emanzipatorischer Fortschritte. Statt der Benennung eines Karl-Heinrich-Ulrichs-Platzes zum Beispiel, den mehrere deutsche Städte in den letzten Jahren geschaffen haben, plädiert sie für Benennungen wie „Allee der frühen Homosexuellenemanzipation“ oder „Straße der Abschaffung des § 175“. Damit verlagert sie den Fokus von Taten auf Ereignisse.

Wer über solche strategischen Fragen nachdenkt, steht zunächst vor der Entscheidung, welchen Zweck er oder sie mit der Benennung von Straßen oder Plätzen verfolgen will: Soll auf die Vorbildfunktion eines Menschen hingewiesen und damit zur „Nachfolge“ motiviert werden, wie es bisher im christlichen Kontext üblich war, oder soll an das Überschreiten historischer Schwellen erinnert werden, um darauf hinzuweisen, dass die heutige Situation das Ergebnis eines langwierigen Prozesses darstellt? Christiane Leidinger entscheidet sich offenbar für eine Art Mittelding: Im Zuge eines „Powersharing“ soll die Überbewertung von Einzelleistungen vermieden und auf die Unverzichtbarkeit des Zusammenwirkens vieler Menschen hingewiesen werden.
Nun hat sicherlich schon vor Bertolt Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ (1935) niemand geglaubt, dass Cäsar seine Siege allein erfochten hätte. Im Zuge der frühen Aufarbeitung des Mitläufertums im Nationalsozialismus‘ wurden in den 1960er Jahren einige sozialwissenschaftliche Modelle entwickelt, die das Zusammenwirken von „Handlung“ (Einzelner) und „Struktur“(Kontextbedingungen) zu analysieren versuchten. So „entthronte“ Norbert Elias die Einzelleistung der Jeanne d’Arc durch die Formulierung eines „Königsmechanismus“, der tatsächlich für die Einigung Frankreichs im 15. Jhdt. verantwortlich war. Umgekehrt haben Analysen der großen Reformprojekte der sozialliberalen Koalition recht deutlich gezeigt, wie ausschlaggebend die Rolle des Theologen Georg Picht und seines Schlagworts der „Bildungskatastrophe“ (1964) als Auslöser der heißumkämpften und gesellschaftspolitisch kaum zu überschätzenden Bildungsreform der 1970er Jahre gewesen ist. Eine berühmte Galionsfigur auf der einen, ein vergessener „Täter“ auf der anderen Seite. Ich vermute, eine Tragödie über „Die Vertreibung der Engländer vom europäischen Festland“ hätte nicht annähernd die Strahlkraft wie Schillers Jeanne d’Arc, und „hinter“ Picht wird man vermutlich überhaupt niemanden finden, der vor ihm ähnliche Ziele vertreten hätte. Gleiches gilt ganz offensichtlich für Ulrichs und Hirschfeld, die die Bewegungen, die sie aus heutiger Sicht repräsentieren, überhaupt erst ins Leben gerufen haben.
Leidinger erörtert anhand einiger Biografien berühmter Lesben oder Feministinnen, dass sogenannte „große Persönlichkeiten“ oft keine weiße Weste haben. Das versteht sich im Grund von selbst, denn schließlich wollten sie politisch wirksam werden, und das ist ein schmutziges Geschäft. Martin Luthers Antisemitismus ist eine Schande, aber kaum ein Grund, seine Lebensleistung zu relativieren. Nicht einmal die christlichen Märtyrer und Heiligen hatten „saubere“ Biografien. Das Problem, „würdige“ Leitfiguren zu finden, scheint mir selbstgemacht und irrelevant. Nixons epochaler Besuch bei Mao wird nicht dadurch relativiert, dass niemand glaubt, Nixons sei ein ehrenwerter Mann gewesen.
Ich denke, Straßen- oder Platzbenennungen sind so etwas wie Briefmarken, die die Benutzer anregen wollen, sich über die gewürdigte Person und ihre Lebensleistung zu informieren. Offensichtlich unterscheiden sich deren Biografien von denen vieler anderer Menschen vor allem dadurch, dass sie zu einem bestimmten Zeitpunkt eine ganz bestimmte Entscheidung getroffen haben. Die Art und Weise, wie ein Mensch gleichrangige Werte gegeneinander abwägt, um sich aus einem Dilemma zu befreien und zur Tat zu gelangen, wird gemeinhin als dessen „Persönlichkeit“ bezeichnet. Während Erich Mühsams Revoluzzer am Dilemma zwischen Revoluzzen und Lampenputzen scheitert, knüpfen Andere Aristokraten an den Laternen auf, und dieser Unterschied verdient es meines Erachtens durchaus, der Nachwelt überliefert zu werden (wobei der Aufruf zur „Nachfolge“ nicht unbedingt das Aufknüpfen, aber eben doch die Suche nach neuen Aktionsformen inspirieren soll).
Ebenfalls – wie Elias und Picht – in den 1960er Jahren schrieb Jürgen Habermas seine Studie über den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, gewissermaßen als erste Vorübung zu seiner monumentalen „Theorie kommunikativen Handelns“. Er zeichnet darin eine Entwicklung nach, und zwar die Ablösung einer diskutierenden, kreativen Öffentlichkeit durch eine Massengesellschaft, die im öffentlichen Raum lediglich mit Meinungen bombardiert wird, anstatt sie gemeinsam hervorzubringen. An die Stelle tief verwurzelter Haltungen treten demnach seit dem Ende des 19. Jhdts. Meinungen, die unter Gruppendruck angenommen und beliebig verändert werden. Mit dem Versuch der Entwertung großer Persönlichkeiten, die das Salz in dieser faden Meinungssuppe waren, läuft Christiane Leidinger Gefahr, den von Habermas diagnostizierten Strukturwandel ein letztes Mal anzuheizen und zu seinem banalen Ende zu führen. Ich bin überzeugt, dass derartige strategische Überlegungen nicht im Sinne einer political correctness, sondern aus der gründlichen Kenntnis des Funktionierens einerseits politischer Veränderungsprozesse, andererseits psychologischer Erinnerungsprozesse heraus angestellt werden sollten.

3 Gedanken zu „Persönlichkeit versus Powersharing – Der Strukturwandel der Öffentlichkeit geht weiter

  1. Bai, vorbesti de funie in casa spanzuratului. Vreau si eu la mare, dar…Offf. Mi-e dor de Vama. Oare ma mai tine minte? Abia astept sa vin la munk sa-mi spui ce mai face Vama draga (desi am auzit cum k nu mai e asa dragutza k inainte) Bine, si de Ardeal mi-e dor. El ce-o mai face?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *