Walter Foelske ist tot

Walter Foelske ist am 3. Mai 2015 im Alter von 81 Jahren verstorben. Er leistete einen bedeutenden Beitrag zur deutschen Gegenwartsliteratur, die sich dieser Tatsache jedoch, wie so vieler anderer Dinge auch, leider nicht bewusst ist. Vielleicht wird man seine Schreibweise eines Tages als surrealistischen Realismus bezeichnen. Als er 1997 den ersten Kontakt zu mir aufnahm, formulierte er nur eine Vorbedingung für das Lektorat: „auf keinen Fall irgendein Alltagsgequatsche“. Trotzdem kam Foelske dem Alltag und den quatschenden Menschen so nah wie nur wenige.
Walter Foelske wurde 1985 mit dem Bertelsmann Literaturpreis ausgezeichnet, 1986 erhielt er ein Arbeitsstipendium des nordrheinwestfälischen Kultusministeriums; aus dieser Zeit existiert ein Briefwechsel mit Heinrich Böll und anderen großen Schriftstellerkollegen. Doch jede Aussicht auf eine vielversprechende Laufbahn wurde durch eine persönliche Lebenskrise zunichte, den Teufelskreis von Schlaflosigkeit und Tablettensucht, aus dem sich Foelske erst zehn Jahre später befreien konnte: In seinem Hauptwerk „Im Wiesenfleck“ verarbeitet Foelske seine Kriegskindheit und Nachkriegsjugend und zog sich damit an den eigenen Haaren aus dem Elend. Leider hat dieser Roman bisher nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die er verdient.
Im „Wiesenfleck“ ist bereits nachzulesen, wie Foelskes weiteres Leben verlaufen wird: Das einzige Mittel, um das schreiende Chaos in seinem Kopf vorübergehend zum Schweigen zu bringen, ist – neben der Versenkung in die Musik – das Schreiben. Ganz ungeachtet einer etwaigen Mitteilungsfunktion ist das Schreiben für Foelske Therapie, mit seiner Hilfe setzt er dem Chaos die Gestalt seiner Texte entgegen – in denen, wie könnte es anders sein, das pure Chaos herrscht. In seinem einzigen „normalen“ Roman, „Cousin Cousin“ (1997), rennt das gesamte Personal ununterbrochen herum, als würde es von Furien gejagt. Einer der wenigen (der einzige?) Ruhepol ist eine zehnseitige Liebesszene, die allein in der Sprache stattzufinden scheint.
Walter Foelskes Schreibwut brachte Texte der unterschiedlichsten Art und von unterschiedlicher Qualität hervor. Hervorzuheben ist jedoch der 2001 erschienene Roman „Eiszeit“, den ich als Foelskes bedeutendstes Werk einschätze. Foelske bedient sich hier Thomas Manns Erzählmuster des „Dr. Faustus“, und lässt die Lebensgeschichte der verschwundenen Hauptfigur durch einen Freund erzählen – bei Mann trägt dieser Mann den sprechenden Namen Zeitblom, bei Foelske heißt er ebenso sprechend Flaut. War es im „Wiesenfleck“ um die biografische Herausbildung schwer erträglicher sexueller Obsessionen gegangen, so treibt Foelske in „Eiszeit“ das Ausmaß dieser Obsessionen hier an die letzte denkbare Grenze und verwendet zugleich sein ganzes literarisches Können darauf, das ganze Ausmaß des Schreckens, den diese Obsession unweigerlich hervorrufen muss, im Hirn des Lesers zu erzeugen. „Eiszeit“ ist ein schwer erträgliches, in der deutschen Literatur einzigartiges Werk.
Walter Foelske hat sein ganzes Leben in derselben Wohnsiedlung, ja fast im selben Haus verbracht. Seit den achtziger Jahren lebte er mit Reinhard Knoppka zusammen. Walter Foelske hat die Welt bereichert; ich bin glücklich, ihn gekannt zu haben.

(„Anatomie eines Gettos“, Erzählungen; „Im Wiesenfleck“, Roman; „Das innere Zimmer“, Erzählungen; „Cousin Cousin“, Roman; „Wahnsinn und Wut“, Erzählungen; „Eiszeit“, Roman)

3 Gedanken zu „Walter Foelske ist tot

  1. andauernd wird überall und dauernd über alles berichtet – fuck shit , nur vom Tot von Walter Foelske erfuhr ich erst heute. Ein großer Autor ist von uns gegangen , danke Walter Foleske !! es war ein Abenteuer dich zu lesen und zu verstehen. Ich werde Dich besuchen, wie ich es immer wollte.
    A.

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