Shakespeare und Wilde

Aus Anlass eines runden Geburtstags wird derzeit wieder viel über Shakespeare geschrieben und gesprochen. Vielen dieser Saisonfeuilletonisten scheint nicht bewusst zu sein, wie sehr Oscar Wilde in seinem dramatischen Werk von Shakespeare beeinflusst war, und wie fundiert und geistreich er sich immer wieder über Shakespeare geäußert hat.

So schreibt er in seinem Großessay „Der Künstler als Kritiker“:
„Gewöhnliche Menschen verhalten sich reichlich «sorglos in Zion». Sie wollen Arm in Arm mit den Dichtern wandeln und plappern daher, «Warum sollten wir lesen, was über Shakespeare und Milton geschrieben wurde? Wir können selbst die Stücke und die Gedichte lesen. Was braucht es mehr?» Doch ein Verständnis Miltons lässt sich, wie der verstorbene Rektor des Lincoln College bemerkte, nur als Ertrag gründlicher Studien erlangen. Und wer Shakespeare wirklich verstehen will, muss begreifen, in welchem Verhältnis zur Renaissance und zur Reformation, zur Ära Königin Elisabeth I. und König James‘ er gestanden hat; ihm muss der Kampf um Vorherrschaft vertraut sein, der zwischen den alten, klassischen Formen und dem neuen Geist der Romantik ausgefochten wurde, die Auseinandersetzungen zwischen der Schule Sidneys, Daniels und Johnsons und der Schule Marlowes und seines älteren Sohnes, er muss wissen, welche Materialien Shakespeare zur Verfügung standen und wie er sich ihrer bediente, und welchen Bedingungen Theateraufführungen des 16. und 17. Jahrhunderts unterlagen, welche Begrenzungen zu beachten waren und welche Freiheiten sie genossen. Die Literaturkritik aus Shakespeares Zeit muss ihm vertraut sein, ihre Ziele, Methoden und Kriterien, die Entwicklung der englischen Sprache und die verschiedenen Formen von Blankvers und gereimten Versen. Er muss das griechische Theater kennen und die Beziehungen zwischen dem Schöpfer Agamemnons und dem Schöpfer Macbeths, in einem Wort, er muss das elisabethanische London zum Athen des Perikles in Verbindung setzen können und Shakespeares Stellung im Theater Europas und der Welt verstehen. Wenn der Kritiker ein Werk interpretiert, dann lüftet er nicht das Geheimnis einer Sphinx, deren seichte Rätsel ein humpelnder Wanderer, der seinen Namen nicht kennt, zu lösen vermag. Stattdessen wird der Kritiker die Kunst wie eine Göttin behandeln, deren Geheimnis es zu vertiefen gilt und deren Majestät durch seine Worte noch wundervoller hervortreten soll.“
Wildes eigene beachtliche Expertise ist in zwei wunderbaren Texten nachzulesen: „Die Wahrheit von Masken“ und „Das Porträt des Mr. W. H.“, beide zusammen mit „Der Künstler als Kritiker“ in einem kleinen Hamburger Verlag erschienen. In „Die Wahrheit von Masken“ beschreibt Wilde auf geradezu akademische Weise Shakespeares eigene Inszenierungspraxis. „Das Porträt des Mr. W. H.“ wiederum ist ein augenzwinkernder Beitrag über den geheimnisvollen Widmungsträger der Shakespeare-Sonette, „To the Only Begetter of these Insuing Sonnets Mr. W. H. all Happiness …“, in dem Wilde ein Feuerwerk aus unglaublich kenntnisreichen, aber völlig unsinnigen Argumenten abfackelt.
Wildes Aufsatz „Die Wahrheit von Masken“ war übrigens die Antwort auf einen Aufsatz des Vizekönigs von Indien, der in der Zeitschrift „19. Century“ die Ansicht vertreten hatte, man solle die Kostümfrage nicht so wichtig nehmen. Kolonialpolitiker, die sich um Shakespeare streiten, findet man heute leider nur noch selten.


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