Liberace, „Sopranos“ und die Dash-Werbung

Der furiose Liberace-Film „Behind the Candelabra“ markiert in mehreren Hinsichten eine Zeitenwende. Für das schwule Publikum ist es noch immer eine neue Erfahrung, wenn ein Schwuler „ganz normal“ als Widerling dargestellt wird.
Die Älteren erinnern sich noch an den Aufschrei in schwulen Medien, als in der Dash-Werbung eine unglaubliche männliche Dummtusse auftrat, die den „frischen Geruch“ der Wäsche so sehr liebte, dass sie jeden Tag alles frisch waschen musste, bis eine Nachbarin erklärte, dass Dash der Wäsche einen anhaltend frischen Geruch verleihe. Damals haben wir gelernt, was heterosexuelle Hausfrauen, Großeltern und Familienväter schon lange wussten: dass nämlich die Werbung Zerrbilder des realen Lebens produziert. Ohne Frage war es ein wichtiger Schritt schwuler „Emanzipation“, als ganz normaler Trottel gezeigt zu werden.
Personengruppen, die bisher als irgendwie „unnormal“ galten, einer ganz normalen Betrachtung auszusetzen, scheint zum Markenzeichen der Fernsehproduktionsfirma HBO zu werden. Die Mafia-Familienserie „Die Sopranos“ war ein erstes Meisterwerk dieser unaufgeregten, dafür aber umso genaueren Betrachtungsweise, mit Liberace wurde nun erneut bewiesen, wie ergiebig diese Methode tatsächlich ist.
Wohlgemerkt: die „unaufgeregte, ganz normale“ Betrachtung Toni Sopranos oder Walter Liberaces ist keineswegs liebenswürdig, ja nicht einmal freundlich. Diese Widerlinge werden wie Fliegen aufgespießt, um dem interessierten Publikum zu zeigen, was für lächerliche Verrenkungen sie unternehmen. Michael Douglas darf dem ekligen Pseudokünstler erst im Sterben ein wenig Würde verleihen. Der Epochenschritt liegt jedoch darin, dass der Film keinen „schmierigen Schwulen“ zeigt, sondern ein fieses Arschloch, das nun mal zufällig schwul ist (so könnte man sich auch mit Roy Cohn auseinandersetzen). Ich habe wirklich überhaupt keine Ahnung, wie Drehbuch und Regie (oder ganz einfach die Meisterschaft der Schauspieler?) dieses Wunder hingekriegt haben: einen (genauer: zwei) Schwulen zu zeigen, der in jeder Hinsicht abstoßend wirkt, ohne dieses Abstoßende auf sein Schwulsein zurückzuführen. (Im Gegenteil: im Darkroom hinter dem Pornoladen, in dem sich Liberace nach dem Tod seiner Mutter austobt, wirkt er für einen Moment „wirklich“ fröhlich.)
Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe läuft gerade die Ausstellung „Böse Dinge“, wenn auch zufällig die perfekte Begleitveranstaltung zum Liberace-Film. HBO könnte die gesamte Filmausstattung nahtlos dieser Sammlung gruseliger Kitschobjekte einverleiben. Auch damit scheint der Film eine Epochenschwelle überschritten zu haben: mit einer äußerst aufwändigen Ausstattung, die insgesamt komplett nichts als scheußlich ist und auch sein soll. Natürlich waren Hollywood-Ausstattungen auch sonst scheußlich, aber sie sollten es doch immerhin nicht sein! Sehr aufschlussreich daran finde ich, dass all dieses „böse“ Glitzerzeug Liberaces eben gerade kein Ausdruck von „Fabulousness“ (John M. Clum) ist – man vergleiche die Casa Liberace nur einmal mit Graceland! Rainer Werner Fassbinder hatte in „Faustrecht der Freiheit“ (1974) die perverse Fantasie, dass die bürgerlichen Schnorrer den schlichten, von ihm selbst gespielten Lottogewinner Franz Bieberkopf durch den Kauf scheußlicher Möbel gezielt im den Verstand bringen wollen (nachdem man ihn erfolgreich geschröpft hat, werden die Monstrositäten sofort wieder abgestoßen); in dieser Hinsicht waren Liberaces Gespielen offenbar sehr viel härter im Nehmen – aber immerhin mussten sie ja schon stark genug sein, den Anblick Liberaces zu ertragen. Dadurch bekamen Weicheier von vornherein keine Chance. – Ich muss sagen, mir war am Ende des Films richtig schlecht, und das passiert mir nicht häufig.


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