Alain Claude Sulzers Erfindung der Literaturtapete

Wer wie ich berufsmäßig damit beschäftigt ist, der Gegenwartsliteratur neue Werke hinzuzufügen (auch wenn es nur durch die Auswahl von Manuskripten geschieht), interessiert sich naturgemäß für den Erfolg oder Misserfolg anderer Autoren, und er wird versuchen, deren Schreibweise zu begreifen und den Pressereaktionen zu entnehmen, mit welchen Mitteln sie ihren Erfolg erreichen. Aus diesem Grund habe ich mich vor längerem mit den Romanen Joachim Helfers beschäftigt; durch seinen perfekten Kellner wurde dann Alain Claude Sulzer zum Shooting Star und Hätschelkind des Feuilletons. Auf den Kellner von Thomas und Klaus Mann folgte die Familienrecherche Zur falschen Zeit (s. Blog 20.9.2010), und nun (Herbst 2012) das vermeintliche opus optimum Aus den Fugen. Wieder steht die Presse Kopf und wirft mit Beurteilungen um sich, dass es nur so scheppert: „meisterhafte Komposition“, „strahlend üppiger Text“, „ein Kleinod“ und „virtuos erzählt“, na, das macht doch neugierig.
Da ich spät dran bin mit dieser Stellungnahme, kann ich mir eine detaillierte Inhaltsangabe sparen: Ein berühmter Pianist um die 50 bricht mitten im Satz sein Konzert ab und geht ein Bier trinken. Vor und nach diesem Ereignis wird auch noch erzählt, was zirka zehn andere Menschen, die irgendwie mit dem Pianisten zu tun haben, vor, während und nach dem Konzert so treiben – Sulzer bedient sich damit einer Art von „Standard-Vielstimmigkeit“, die in den letzten Jahren in den USA sehr in Mode gekommen ist und vor allem solchen Lesern gut gefällt, denen es Probleme bereitet, zusammenhängende Texte zu lesen. Die Schlusspointe besteht darin, dass der Pianist, der beiläufig als schwul charakterisiert wurde, dem hoffnungsvollen jungen Musiker Nico begegnet, der Protektion braucht, und sich in ihn verliebt.
Ein solches Romankonzept (denn das Konzept steht hier jederzeit greifbar im Vordergrund) ist nicht gut und nicht schlecht; ohne den Clou des abgebrochenen Konzerts hätte sich allerdings wohl niemand die Mühe gemacht, das Buch zu lesen. Man muss Herrn Sulzer also unbedingt bescheinigen, dass er weiß, wie man die Rezensenten wachrüttelt. Das war ihm bereits im Perfekten Kellner durch den Auftritt Thomas Manns hervorragend gelungen. Davon abgesehen ist dieses Buch von einer überwältigenden, niederschmetternden Bedeutungslosigkeit. Wirklich alles ist ganz genau so, wie jeder einzelne Leser es sich vorstellt: der Künstler, der nur die Kunst und nicht die Menschen liebt, die alternde Frau, die mit ihrem Aussehen hadert, der Konzertagent, der meint, sich alles erlauben zu können – da möchte man sich frei nach Ikea fragen: „Liest du noch, oder schläfst du schon?“ Aus den Fugen beschränkt sich nicht etwa darauf, die Wirklichkeit nachzuahmen, nein, hier wird die Literatur kopiert, längst Vorverdautes zum zweiten Mal gemächlich durchgekaut. Wer das Selberlesen längst zu anstrengend findet, verglichen mit der Bild-Berieselung durch Film und Fernsehen, kann hier beherzt zugreifen: das flutscht wie geschmiert, man kann dabei bestimmt noch bügeln oder autofahren.
Die Leistung des Autors ist insofern in erster Linie psychologischer Art: Er schafft es, diese Fototapete zu entrollen, als wäre es ein altägyptischer Papyrus. Auch sprachlich geht ihm selten etwas daneben, und wenn, dann hätte es ein Lektorat leicht beheben können; nur war man dort wohl auch bereits entschlummert (meine Lieblingsstelle: „… und in dem Maß, wie das Alter zunimmt, abnimmt“). Auch der Verfasser des Klappentexts hatte den Roman wohl nicht zuende gelesen, denn er schreibt, besagter Nico habe sich viel von einer Begegnung mit dem Pianisten versprochen, lande aber im Kino. Warum nur hat ihm niemand verraten, dass es nach dem Kino zur entscheidenden Begegnung kommt? So liegt die Pointe des Klappentexts auf Esther, die zu früh vom Konzert nachhause kommt und feststellt, dass ihr Mann sie betrügt. (Bilderwitze über zu früh nachhause kommende Menschen haben eine große Tradition in der Regenbogenpresse.)
Aus den Fugen ist leider gänzlich fugenloses Formfleisch, das sättigt, ohne dick zu machen, und bestimmt gerade aus diesem Grund bei modernen berufstätigen Frauen beiderlei Geschlechts so beliebt ist.


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Ein Gedanke zu „Alain Claude Sulzers Erfindung der Literaturtapete

  1. Ich habe das Buch angefangen zu lesen. Leider hat es mich nicht „hineingezogen“ und so habe ich es wieder weggelegt. Offensichtlich gefällt es aber vielen Heteros! 😉

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