Hinnerk beschützt Hamburger Schwule vor Tony Duvert

Ein seltener Fall: Nachdem der Hamburger Monatsanzeiger „Hinnerk“ den Roman „Als Jonathan starb“ nicht redaktionell besprechen wollte, versuchte der Verlag das Buch durch die Schaltung einer Anzeige im Heft bewerben, einer Anzeige, die den Text einer für die Arbeitsgemeinschaft Schwuler Monatsblätter geschriebenen, aber nicht gedruckten Rezension verwendet. Nachdem die Anzeigenschaltung rechtsgültig vereinbart war, weigerte sich der Herausgeber, die vom Verlag gelieferte Anzeige abzudrucken und auch, die Gestaltungskosten dieser Anzeige zu übernehmen. Als Begründung wurde angeführt, manche Leser des „Hinnerk“ würden auf jede Auseinandersetzung mit Pädophilie im Heft wütend reagieren. Wenn man bedenkt, dass das Blatt von seinen Anzeigenkunden, und nicht von seinen Lesern finanziert wird, wundert man sich über diesen Mangel an Zivilcourage.

Hier der Text der Besprechung:
Eine unmögliche Liebe: Als Jonathan starb

Diese Neuübersetzung des 1978 in Frankreich erschienenen Romans polarisiert. „Als Jonathan starb“ ist ein Roman, der nur in den 1970er Jahren geschrieben werden konnte, als man noch Dinge denken und schreiben durfte, für die man heute an den Pranger gestellt würde oder schlimmeres: Die Geschichte der unschuldigen Liebe eines erwachsenen Mannes zu einem achtjährigen Jungen. Jawohl, Liebe und jawohl: unschuldig, obwohl es (auch) um Sex geht. Vielleicht gerade deshalb. Explizit, aber weder schlüpfrig noch voyeuristisch.
„Als Jonathan starb“ ist kein Plädoyer für Pädophilie – im Gegenteil, Jonathan ist sich aller Fragwürdigkeiten vollkommen bewusst. Was auf dem Spiel steht ist vielmehr die Ganzheit und die Reinheit dieser Freundschaft. Ganzheit, weil Körperlichkeit selbstverständlich zur Nähe dazu gehört, und Reinheit, weil sie das Bild des Autors vom Kind zentral prägt: „Alle Kinder sind Menschen. Wenige Erwachsenen bleiben es.“ So sind vielleicht die atemberaubendsten Szenen des Buches jene, wenn Serge mit einer schmutzigen Gier auf Jonathan zugeht, ihn quasi vergewaltigt – und Jonathan seinerseits für das Kind „nur Ort, Fleisch, Spiegel“ sein will. Abstruse Konstruktionen eines kranken Pädohirns, höre ich jetzt, ein Jahrtausend später, die PsychologInnenriege aufschreien – aber ich rate allen, denen es gelingt, die Schere im Kopf für 220 Seiten mal geschlossen zu halten (und das ist zugegebener Maßen nicht immer leicht), das Buch einfach mal zu lesen. Man mag das Buch kopfschüttelnd ablehnen, man mag es goutieren oder preisen. Man kann es aber auch ganz einfach lesen mit der Neugier dessen, der auch in Zeiten von Odenwaldschul-Bashing und Mirko-Tragödien den Atem anhält beim Lesen einer Geschichte, für die das André Heller-Zitat gesprochen scheint: „Denn ich will, dass es das alles gibt, was es gibt!“ rgk

Tony Duvert, Als Jonathan starb. Gebunden, 224 Seiten, 19,00 €. Bei Männerschwarm.

35 Gedanken zu „Hinnerk beschützt Hamburger Schwule vor Tony Duvert

  1. Ein Anzeigenblättchen (aka schwules Stadtmagazin), dass sich von seinen dümmsten Durchblätterern in vorauseilendem Gehorsam vorschreiben lässt, was es bringen darf und was nicht, beleidigt vorsätzlich die Intelligenz aller seiner übrigen Leser. Ihr seid zu dumm, lautet die verschwiegene (hier aber zum Glück einmal ausgeplauderte) Botschaft, ein selbständiges Urteil zu fällen, das nehmen wir euch im Voraus ab. Im Grunde singt die Redaktion von „Hinnerk“ bloß das alte Lied: Wir wollen uns noch dümmer stellen, als wir glauben, dass unsere Leser ohnehin schon sind, damit die Leutchen sich „wiederfinden“ und uns bloß nicht für anspruchsvoll halten, wir wollen schließlich Werbefläche verkaufen und nicht die Welt verbessern.

    Nun, vielleicht hat man bei „Hinnerk“ sogar Recht mit der fürsorglichen Zensur. Zwischen all dem dämlichen Lifestyle- und Event-Geschwätz nähme sich ein Hinweis auf ernstzunehmende Literatur wohl allzu seltsam aus. Der Leser, an den man sich offensichtlich zu wenden wünscht, will von dem, was er zwischen Buchdeckeln vorfindet, sofern er überhaupt nach sowas greift, vermutlich allenfalls amüsiert, keinesfalls aber herausgefordert werden, schon gar nicht zum Nachdenken.

    „Hinnerk“ sieht offensichtlich sein Zielpublikum so, wie alle Welt die Schwulen von heute gern sieht, als konsumistisch, konformistisch, oberflächlich, unpolitisch, harmlos. Mutig und unverdrossen tritt man in den Medien der „community“ für reaktionäre Allerweltsthemen ein (Heute schon geheiratet? Heute schon ein Antidiskriminierungsgesetz vermisst? Heute schon jung und schön und in Partylaune gewesen?), aber sobald sich auch nur die allerkleinste Möglichkeit auftut, zwischen all der angepassten Regenbogenscheiße den Lesern auch mal was Intelligentes, Kritisches, ihren ästhetischen Horizont womöglich Erweiterndes anzubieten, zuckt man wahlweise ängstlich, empört oder verständnislos zurück.

    Das Nachsehen haben alle, die vielleicht mangels anderer Informationsquellen wegen dieses dummen kleines Zensuraktes nie erfahren, dass sie mit Tony Duverts „Als Jonathan starb“ ein wunderschönes Buch hätten lesen können, das sie vielleicht provoziert, erschüttert, in Frage gestellt, beglückt, aufgeregt usw. hätte.

    Die Weigerung von „Hinnerk“, das Buch auch nur in einer bezahlten Anzeige erwähnt sein zu lassen (von der verweigerten unbezahlten Rezension gar nicht zu reden), vermehrt aus meiner Sicht nur die literarhistorische Glorie Duverts — und steigert noch meinen Respekt vor Verlag und Verleger, die, Widerstände voraussehend, sich verdienstvollerweise dennoch nicht scheuten, sich auf das ebenso mutige wie zum Teil wohl demütigende Wagnis einzulassen, einen bedeutenden Text der Öffentlichkeit NICHT vorzuenthalten.

  2. Ich kann Hinnerk gut verstehen. Die Rezension liest sich wie die verklausulierte Besprechung eines Romans für Pädophile.
    – „Jawohl, Liebe und jawohl: unschuldig, obwohl es (auch) um Sex geht. Vielleicht gerade deshalb. Explizit…“
    – „Was auf dem Spiel steht ist vielmehr die Ganzheit und die Reinheit dieser Freundschaft. Ganzheit, weil Körperlichkeit selbstverständlich zur Nähe dazu gehört…“
    – „…wenn Serge mit einer schmutzigen Gier auf Jonathan zugeht, ihn quasi vergewaltigt…“
    Mein Güte!

    Hätte für die Anzeige nicht das Cover gereicht und dazu ein Verweis auf eine ausführliche Besprechung im Internet?
    Oder ist die Aufregung nur ein Vorwand, das Buch in diesem Blog zu bewerben (Rezension + Hinweis auf Buchtitel), obwohl die Thematik doch schon in einer früheren Diskussion umfassend abgehandelt wurde?

    Weshalb regt die Ablehnung der Anzeigenveröffentlichung in Hinnerk so auf? Handelt es sich doch um ein Stadtmagazin, das (mit Verlaub, Herr Broniowski) ‚offensichtlich sein Zielpublikum so sieht, wie alle Welt die Schwulen von heute gern sieht, als konsumistisch, konformistisch, oberflächlich, unpolitisch, harmlos.‘
    Wie kann also der Männerschwarmverlag erwarten, daß die Redaktion von Hinnerk bei einem vorgegebenen Profil seiner Publikation ‚zwischen all der angepassten Regenbogenscheiße den Lesern auch mal was Intelligentes, Kritisches, ihren ästhetischen Horizont womöglich Erweiterndes anbieten‘ will. Man kann Hinnerk schlecht vorwerfen, daß es ist, was es ist. Das war dann wohl ganz einfach die falsche Adresse.

    Nebenbei:
    Kann man ‚atemberaubend‘ steigern? Also erst einmal normale Szenen, dann kommen atemberaubende, dann noch einige atemberaubendere und zur endgültigen Steigerung wenige ‚am atemberaubendste Szenen‘. Aber wenn es mehrere atemberaubendste Szenen sind, der Superlativ also nicht singulär ist, dann ist es wohl schon wieder egal und die Atemlosigkeit bleibt aus.
    Und mit der Zeitrechnung scheint es auch nicht zu passen. ‚Ein Jahrtausend später‘ lese ich als eintausend Jahre später, das wäre also 2978. Dabei sind es nur 33 Jahre seit Erstveröffentlichung. Das hört sich aber natürlich nicht so beeindruckend an.

    George

  3. Mit Verlaub, Herr McGregor: Haben Sie das zur Rede stehende Buch überhaupt gelesen? Es macht so ganz und gar nicht diesen Eindruck, denn sonst wären Sie nicht auf die absurde Idee gekommen, die als Anzeigentext vorgesehene Besprechung könne „verklausulierte Besprechung eines Romans für Pädophile“ verstanden werden. Warum um alles in der Welt soll „Männerschwarm“ ein Buch bewerben, dass der Verlag gar nicht im Angebot hat, zumindest nicht in Gestalt von Duverts „Als Jonathan starb“!

    Es ist ja eines, die Käufer und Leser des Buches, denen es gefallen hat, für Idioten zu halten und womöglich für Perverse. (Ich habe zwar da ein andere Sicht auf mich und die Gründe, warum mich der Text begeistert hat, doch nun gut.) Aber dem Verlag zu unterstellen, er wolle durch „Verklausulierung“ der Leserschaft ein Buch unterjubeln, das im Grunde nichts als Pädo-Porno sei, ist irrwitzig! Mein Bild vom „Männerschwarmverlag“ ist das nicht. Warum ist es Ihres?

    Ich gebe zu, auch ich finde den Anzeigentext nicht völlig befriedigend. Zu sehr darauf aus, mögliche Vorurteilen im Voraus zu begegnen, gerät ihm die eigentliche Stärke von Duverts Roman etwas aus dem Blick. Nun gut, „Als Jonathan starb“ ist kein Plädoyer für Pädophilie, aber was ist es dann? Ich meine: Nicht zuletzt eine radikale Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen, besonders an dem, was die Erwachsenen den Kindern antun, indem sie sie „erziehen“. Wer in der erzählten Geschichte mit wem Sex hat, spielt nur eine ganz beiläufige Rolle.

    Unbedingt Recht hatte der Rezensent freilich damit, das Wort Liebe hervorzuheben. Dass die bloße Erwähnung einer Liebe zwischen einem Jungen und einem Mann schon solche Abwehr hervorruft, ist erschreckend, und erinnert die, die noch einen Rest historischen Bewusstseins und literarischer Bildung ihr Eigen nennen können, unweigerlich an Zeiten, in denen von love that dare not say its name die Rede war …

    Wie auch immer. In Wahrheit geht es gar nicht darum, wie man zu welchen Spielarten der Liebe oder des Sex steht. Es geht um Fragen des Anstandes, also der Politik. Es ist nämlich eine Sache, ein Buch abzulehnen, weil man es für schlecht geschrieben hält oder für unmoralisch oder für politisch unangebracht. In diesen Fällen kann es Argumente geben, es können Gegenargumente vorgebracht werden und deren Wechselspiel ergäbe eine Diskussion. Ein Buch aber totzuschweigen bzw. verleumden, obwohl man es gar nicht gelesen hat und also gar nicht beurteilen kann (sondern nur auf irgendwelche Gerüchte reagiert und irgendwelche Ressentiments antizipiert), ist dumm und wohl auch niederträchtig.

    Warum mich derlei bei „Hinnerk“ aufregt, obwohl doch eigentlich nichts anderes zu erwarten war, kann ich Ihnen erklären, Herr McGregor. Erstens gebe ich fast nie ganz die Hoffnung auf das Gute in den Menschen auf. Trotz allem Schund, den sie sonst verbreiten, bringen auch schwule Stadtmagazine ab und zu Hinweise auf Relevantes. Und zweitens kann und will ich einer entpolitisierenden Logik nicht folgen, die beispielsweise (die Dimensionen sind zugegebenermaßen andere) darauf hinausliefe, sich auch über die Verhaftung Ai Weiweis nicht aufzuregen, weil man doch schon im Voraus wusste, dass Chinas kommunistisches Regime Menschen- und Bürgerrechte mit Füßen tritt.

    „Als Jonathan starb“ ist ein gutes Buch. Möglichst viele Menschen sollten es lesen. Wer es nicht gelesen hat, soll den Mund halten und nicht andere daran hindern wollen, es zu lesen. Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen.

    (Eines noch, Herr McGregor. Vielleicht schlagen Sie mal im Wörterbuch unter Hyperbel nach. Oder sie googeln danach, falls Sie es mit Büchern generell nicht so haben. Möglicherweise verstehen sie dann, dass rgk mit „ein Jahrtausend später“ offensichtlich nicht 1000 Kalenderjahre meinte, sondern mit dem gewaltigen zeitlichen Abstand metaphorisch auf den Wandel der gesellschaftlich normierten Wertvorstellungen verweisen wollte. Meine Güte, können die Leute denn wirklich schon die einfachsten sprachlichen Bilder nicht mehr kapieren?)

  4. Der Grund der Aufregung ist natürlich der, dass hier der Zugang zur Öffentlichkeit verrammelt wird: sowohl redaktionell wie gewerblich. Um das nicht so leicht zu machen, verpflichten sich Zeitungen und Zeitschriften in der Regel, Anzeigen aller Art anzunehmen. In diesem Fall verwies der Herausgeber darauf, die Anzeige sei „nicht zumutbar“, obwohl er das Produkt, für das geworben werden sollte, mit Sicherheit gar nicht kennt. Eine solche Haltung ist ganz einfach provokant.

  5. @ Herrn Broniowski
    Sinn der Werbung für ein Buch – und darum geht es hier – ist gemeinhin, einen Leser anzusprechen (und zum Kauf zu bewegen), der das Buch noch NICHT kennt. In diesem Fall konnte die Werbung noch nicht einmal plaziert werden, ein möglicher, interessierter Leser wird gar nicht erst erreicht. Es wäre wohl Sache des Verlags, sein Werbekonzept zu hinterfragen.
    Ich habe durchaus mitbekommen, worum es in Jonathan geht und ich unterstelle dem Verlag nichts. Aber wichtig ist nicht, wie die Werbung gemeint ist, sondern wie die Werbung beim Beworbenen ankommt bzw. ankommen kann, und das habe ich oben aufgezeigt.
    (Ist Werbung, die zum Verständnis ein Handbuch verlangt, eine gute Werbung?)

    George

  6. Herr McGregor, ein Handbuch braucht ja wohl nur, wer so simple Metaphern wie „tausend Jahre“ für „lange Zeit (in der sich viel verändert hat)“ auch im sehr deutlichen Kontext nicht versteht, sondern nachrechnet und nur auf 33 Jahre kommt. Ich traue da den Lesern mehr zu als Sie und Ihnen.

    Vielleicht geht die werbende Botschaft des Textes deshalb an Ihnen vorbei, weil Sie es so wollen. Wenn Sie sich an Sätzen wie „Jawohl, Liebe und jawohl: unschuldig, obwohl es (auch) um Sex geht“ stoßen und darin Werbung für einen Pädo-Roman erkennen wollen, obwohl der Rezensent explizit das Gegenteil sagt, wird das wohl an Ihren Vor-Einstellungen liegen. Anscheinend ist Ihnen jeder Satz zu „Als Jonathsn starb“ zu viel.

    Literatur ist doch keine Ware wie jeder andere auch. Sie macht ein besonderes Erlebnisangebot. Die beste Werbung für sie ist, denke ich jedenfalls, darum nicht die, der es wie einem Coca-Cola-Werbespot bloß um Aufmerksamkeit und Markensignale geht, sondern die, die selbst schon etwas Erlebnishaftes anbietet. In diesem Fall etwas zum Nachdenken. Wen das nicht „umwirbt“, dem ist ohnehin nicht zu helfen.

    Lesen Sie, Herr McGregor, doch bitte den Roman, ich empfehle es Ihnen nachdrücklich, und haben Sie erst dann eine Meinung zu Werbung und Buch. Wenn Sie nicht im Voraus schon beschließen, Duverts Werk schlecht zu finden, werden Sie, das verspreche ich Ihnen, eine literarische Entdeckung machen können.

  7. Die Frage ist, verstehe ich Joachim+Johanna nicht falsch, grundsätzlich rechtlicher Natur. Wer, bitteschön, stellt fest, ob der Text einer Anzeige zumutbar ist oder nicht? Der Herausgeber des Blattes, in dem inseriert werden soll, das gesunde Volksempfinden, oder gibt es dafür klare gesetzliche Kriterien?
    Kann man beispielsweise in einem christl. Wochenblatt Werbung für ein Werk von Richard Dawkins machen, oder in einem feminist. Magazin ein Buch bewerben, das eine gewisse Ikone der Frauenbewegung herunterputzt? Kann der Herausgeber solche Inserate jeweils ablehnen, indem er sich darauf beruft, sie würden seine Leserschaft schockieren oder auch nur vergraulen? Liegt es also im Ermessen eines Herausgebers, was letzten Endes geschäftsschädigend ist – bei von Anzeigenkunden finanzierten Blättern wirkt sich weniger Leserschaft beiläufig auf die Tarife aus – oder braucht es dafür ein Gerichtsurteil?

    Zum allgemeinen Thema „Homosex und Zivilcourage“ bleibt natürlich noch unendlich viel zu sagen, und ich will ein wenig abschweifen.

    Wir hatten hier am Samstag die Pride 2011, und wieder einmal hat die CSD-Magie funktioniert, denn man konnte plötzlich feststellen, dass auch außerhalb des dafür vorgesehenen Viertels mit seiner geklonten Roboterschaft so etwas wie Schwulsein existiert. Es ist jedes Jahr dasselbe: dank des landesweiten, sehr massiven Event-Tourismus und ungeachtet der wie immer skandalösen Unterrepräsentierung des muslimischen Bevölkerungsanteils zeigten sich an diesem Wochenende auch an von der eigentlichen Parade weit entfernten Stellen, ja bis in die Vorstädte hinein, viele Menschen endlich so, wie sie sind. Es war das rosa Chanukka.

    Bei der Parade selbst ging es u. a. um Eheschließung und Adoption. Dieser Tag ist hierzulande aber leider auch der einzige, an dem man das nicht-normative Pärchen mit der eigentlich zu erwartenden Häufigkeit händchenhaltend oder ansatzweise schmusend sieht. Wer an diesem Jubeltage so lauthals das Recht zu Eheschließung und Kinderhaben einfordert, besitzt das restliche Jahr über offenbar nicht die Traute, in unserer „Hauptstadt der Liebe“, vor der vom Frühling bis zum Winter so wunderbaren Kulisse von Notre-Dame oder auf einer der bei allen Wetterlagen so unendlich romantischen Seine-Brücken, hin und wieder, mehr verlangt man ja gar nicht, sein kleines öffentliches Bekenntnis vermittels einer jener mehr oder weniger flüchtigen Zärtlichkeitsbekundungen abzugeben, wie sie hier zwischen andersgeschlechtlich Liebenden seit Urzeiten üblich sind. Da wir niemals einen „Schwulenparagrafen“ hatten, erlaubt das sogar die Polizei. Diese individuelle Traute hat in den letzten Jahrzehnten, denen des Konsums und der Vervollkommnung des Konsumtempels Marais, der immer größeren Sichtbarkeit DER PERSONEN, so scheint es mir, aber nicht zu-, sondern möglicherweise sogar abgenommen. Ist das ein weiteres Ergebnis der unablässig fortschreitender Emanzipation, etwa der Preis dafür, mittlerweile einen „offen“ schwulen Bürgermeister, einen „offen“ schwulen Kulturdezernenten, einen „offen“ schwulen Kultusminister usw. zu haben, deren Schirmherrschaft die jährliche Gay Pride zu einer staatstragenden Veranstaltung macht?

    Doch was, bitteschön, sollen Kinder mit Eltern anfangen, die beim sonntäglichen Parkspaziergang nach wie vor so tun, als seien sie Schwager oder Schwägerinnen?

    Ich weiß wirklich nicht, wie Anzeigen aussehen sollen, die dieses schwule Massenpublikum NICHT schockieren. Es war jedenfalls naiv zu glauben, allein durch euphorisches „Raus aus dem Klosett!“ paradiesischen Zuständen näher zu kommen. Wir haben sie uns nur anzuschauen, die verbreiterte Basis, und was da so alles aus den halb aufgesperrten Schränken herauspurzelte und dennoch hübsch versteckt blieb.

    Ach, und das noch. Hat noch weniger mit „Hinnerk“ und Courage zu tun.
    Kürzlich hatte ich einen kleinen Parkplatzkonflikt mit einem neu zugezogenen jungen Nachbarn im Möchtegern-Afrolook, den Blondschopf zu Dreadlocks verflochten und auch sonst sehr angesagt, der mir, als ich ihn stehen ließ, nachbrüllte, er würde jetzt die Polizei rufen. Ein authentischer Afrikaner kam vorbei, hörte den Satz, langte sich an den Kopf und rief zurück – ich übersetze frei: „Junge, nicht die Polizei holen, eigenes Gehirn benutzen!“ Es gibt eben die echten und die falschen, unter den Afrikanern und auch sonstwo, und von hergestylten Trittbrettfahrern ist stets das Schlimmste zu befürchten.

  8. Zur rechtlichen Seite: wenn der Herder Verlag auch atheistische Buchhandlungen beliefern MUSS, so nur aus Gründen einer „Wettbewerbsgerechtigkeit“. Das geht so weit, dass seinerzeit Bruno Gmünder wegen gesetzlich verbotenen Versands von Pornografie nicht etwa von der Staatsanwaltschaft, sondern von einem „Mitbewerber“ (=Pro Fun) verklagt wurde, da sich Gmünder durch seinen Gesetzesverstoß gegenüber dem gesetzestreuen Konkurrenten einen Wettbewerbsvorteil verschafft hat. Das ist im Grunde wohl nicht wirklich zu verstehen. Jedenfalls sind Verlage verpflichtet, alle Kunden gleich – und GLEICHZEITIG – zu beliefern, und wenn das nicht geht, muss ein formales Kriterium wie PLZ o.ä. angewandt werden. So wird in Deutschland (EU?) Antidiskriminierung zum guten Teil über das Wettbewerbsrecht geregelt, der Kapitalismus kann doch immer wieder überraschen. Wenn der Hinnerk also andere Verlagswerbung veröffentlicht und unsere nicht, kann ich ihn abmahnen, solange unsere Produkte nicht evtl. gegen Gesetze verstoßen. So weit, dass man beim Hinnerk BÜCHER SCHLECHTHIN als unzumutbar einstuft, sind wir ja sicher noch nicht. Aber die Frage der Zumutbarkeit ist durchaus ein weiches Kriterium, das der richterlichen Auslegung bedarf. Oder eben der des eigenen Kopfes, um den netten Schwatten zu zitieren.

  9. Zum Thema „Wettbewerbsgerechtigkeit“:

    Hier in Frankreich war übrigens bis vor wenigen Jahrzehnten Buchwerbung – gemeint ist die Werbung für ein bestimmtes Buch – weitgehend verboten, d. h. außerhalb der Fachpresse und des Buchhandels, falls ich mich nicht täusche, und zwar aus nachvollziehbaren Gründen. Verlagswerbung war erlaubt, Verlage durften überall für ihr Programm werben, aber nicht für einzelne Titel, da man davon ausging, dass nur ganz wenige massiv beworben würden und das zu einer weiteren Verzerrung des Marktes führen würde, dass also diejenigen Neuerscheinungen, denen es ohnehin vorbestimmt war, zu Bestsellern zu werden, deren Autoren in die Medien bugsiert wurden und damit rechnen konnten, von den maßgeblichen Kritikern besprochen zu werden, durch eine auf sie zugeschnittene Anzeigenwerbung das restliche Programm noch stärker in Vergessenheit geraten lassen würden. Seit hier Anzeigen und Plakate für ein bestimmtes Buch erlaubt sind, werden tatsächlich stets die Werke derselben Autoren beworben, und fast grundsätzlich mit dem möglichst vorteilhaft fotografierten Konterfei des Schreibers. Man muss mittlerweile also auch noch besonders fotogen sein.

  10. Um ehrlich zu sein, verstehe ich die Empörung mancher Herren hier nicht: Wenn sich jeder Verlag so empören würde, dass ausgerechnet sein Buch von Zeitung X oder Zeitschrift Y besprochen wird, dann wäre die ganze Welt ein einziges Raunen. Warum soll HINNERK nicht selbst entscheiden, welche Bücher man für rezensierenswert erachtet? Soweit ich die Auswahl überblicken kann,hat man da in der Redaktion bislang ein gutes Händchen gehabt und sehr wohl auch literarisch anspruchsvolles und streitbares vorgestellt.
    Dass ein Verlag, weil er sich beleidigt fühlt, seine Besprechung gleich selbst ins Blatt hievt, würde ich mir auch verbitten. Löblich, dass Hinnerk auf diese Einnahmen verzichtet hat!
    Wenn ich mir dann allerdings den als Rezension getarnten Werbetext ansehe, kann ich Hinnerks Ablehnung nur zu gut verstehen: „Odenwaldschul-Bashing“ – wie kann man nur so fahrlässig mit einem solch diffizilen Thema hantieren.
    Ja, da gebe ich dem Hinnerk-Verleger recht: eine solche Anzeige ist nicht zumutbar! Die Missbrauchsopfer müssen das Kotzen kriegen, wenn sie so etwas lesen. Und sorry, ich hab in Duverts Roman hingelesen und es ist: eine abgeschmackte Fantasie eines Pädophilen über Sex mit einem Kind. Darüber kann man literaturkritisch diskutieren, man muss das aber einem Magazin wie Hinnerk nicht aufdrücken. Das Heft versteht sich schließlich als Schwulenmagazin und nicht als Pädoblatt. Soviel Pressefreiheit und freie redaktionelle Entscheidungsgewalt muss sein. Sonst könnten demnächst auch irgendwelche Faschos oder sonstigen Irrköpfe die redaktionelle Wahrnehmung ihrer Veröffentlichungen einklagen.

  11. Ich habe eben erst die Besprechung zu Tony Duverts Roman auf queer.de entdeckt. Da ist kaum mehr etwas hinzuzufügen und mir ist immer weniger verständlich, warum der Männerschwarm Verlag einen solchen Roman für politisch so wichtig hält, vor allem aber, war er „Hinnerk“ geradezu zwingen will, dafür Reklame zu machen – sei es via einer Besprechung oder einer Anzeige:

    http://www.queer.de/detail.php?article_id=14016
    *****
    *Kommentar bearbeitet von Ludger.
    Lieber Konrad Beese, liebe Mitstreiter,

    bitte beachtet die Urheberrechte. Vollständige Besprechungen von urheberrechtlich geschützten Texten – wie hier im Fall von queer.de – dürfen hier in den Kommentaren nicht gepostet werden. Der vollständige Text kann natürlich bei queer.de gelesen werden. Wenn Ihr Zitate (das sind in der Regel einzelne Sätze) einfügt, beachtet bitte die Quellenangabe.

    Danke!

  12. Kaum mehr etwas hinzuzufügen?

    Es scheint ein Missverständnis vorzuliegen. Haben nicht eher die totalitären Ideologien, denen zufolge alle künstlerische Produktion den gerade herrschenden gesellschaftlichen Standards zu entsprechen hat, ausgedient, als etwa jene Werke, die sich solchem Diktat nicht unterwerfen mögen?

    Gerade herrschende gesellschaftliche Standards, durchaus, keine ewigen, naturrechtlichen, darauf müssen wir, was die europäische Kultur- und Sittengeschichte angeht, leider bestehen. Sonst hat auch beispielsweise das Buch V der Palatinischen Anthologie – der Band, der die erotischen Epigramme des Straton von Sardis aus dem 2. Jahrhundert enthält – ausgedient.

    Was von Herrn Algieri mehr oder weniger offen gefordert wird, ist wieder einmal Kunst im Dienste eines allgemeinen (bzw. allgemein vertretbaren) Ziels und das Verbot oder Totschweigen derjenigen, die, falls denn überhaupt welche, dann ihre ganz eigenen, kaum fassbaren, Ziele hat. Wer so denkt, also nur Harmlosigkeiten toleriert oder Werke, in denen die ihm (oder den maßgeblichen gesellschaftlichen Kräften) genehmen Ansichten „vertreten“ werden, wer einen Roman AUFGRUND VON THEMA UND TENOR in den Orkus des Vergessens verbannt haben möchte – oder zumindest die darin beschriebenen möglicherweise strafrechtlich relevanten Vorgänge vom Verleger auf dem Waschzettel denunziert – steht Goebbels näher als ihm lieb sein dürfte.

    Auch in den 70ern haben beiläufig nur Idioten Tony Duvert auf irgendein angeblich revolutionäres Element reduziert. Wer ein klein wenig auf dem Laufenden ist, weiß, wie allergisch dieser so um geistige Unabhängigkeit bemühte Autor auf jeden Vereinnahmungsversuch reagierte. Er gehörte keiner „Szene“ an, keiner Bewegung, vertrat nichts und niemanden als sich selbst, und wenn es einer genauer wissen möchte, kann er dank Internet auch heute noch nachlesen, wie unendlich wenig dieser Eigenbrötler vom „gewöhnlichen Pädophilen“ (oder wie man diesen Typus nennen möchte) und dem Zeitgeist jener Jahre überhaupt hielt. Es steht das alles in einem ausführlichen Interview der Zeitung Libération, meines Wissens dem einzigen, das er jemals gab. Der erwähnte Rezensent hat es offenbar nicht gelesen und weiß auch sonst nicht viel. Aber ist er tatsächlich des Lesens kundig?

    Insofern künstlerische Produktion, befreit von der Kontrolle einer Reichsschriftumskammer oder reichsschriftumskammerähnlichen Instanz, keinen unmittelbaren Nützlichkeitsnachweis mehr zu erbringen hat, literarische Werke demnach mehr sein dürfen als bessere Flugblätter oder Manifeste, Gemälde mehr als Wahl- oder Werbeplakate, Opernarien mehr als Anfeuerungshymnen im Fußballstadion – kann sich ihre Nützlichkeit auch nicht erschöpft haben, können sie auch nicht AUSGEDIENT haben. Wer künstlerischen Werken „Überhöhung“ (beispielsweise eines „Lasters“, religiösen oder sonstigen Wahns, einer Monomanie usw.) untersagen möchte, wer von ihnen Funktionen erwartet, Besänftigendes, Ausgleichendes, etwa Ratschläge für die Opfer von Internatserziehung, und andernfalls in ihnen höchstens gnädig Zeitdokumente sieht, hat zu künstlerischen Werken keinen Zugang. Man kann ihm nur raten, statt Nabokov oder Duvert künftig die Neueinträge im Bundesgesetzblatt zu rezensieren.

  13. Es ist doch interessant, dass heterosexuelle Männer durchaus davon schwärmen dürfen, als 13jährige erwachsene Frauen penetriert haben zu wollen…
    Entweder ist Analverkehr schon der Missbrauch, oder das Opfer ist immer der/die Penetrierte.
    Ich erinnere ausserdem daran, dass Schriftsteller auch die Freiheit zur „Ficktion“ haben. Wer detaillierte Schilderungen über sexuellen Übergriffe in Zeitungen lesen kann und sich daran delektiert, der sollte nicht ein solches Buch zensurieren! Denn körperliche Gewalt an Kindern ist heute noch eine Selbstverständlichkeit, auch wenn sie nicht mit Genitalien ausgeführt wird, aber aus zutiefst (antihomo-)sexuellen Motiven.
    Zum Schluss: Wieso vergessen alle immer, dass es auch Gerontophilie gibt?

  14. @JJ Schlegel: Ich habe diese Diskussion hier mit großem Erstaunen verfolgt. Da lehnt ein Magazin eine Werbung aufgrund eines Anzeigentextes ab, weil dieser nicht in das Blatt passt. Das ist das gute, verbürgte Recht eines jeden Herausgebers. Die Pressefreiheit erlaubt es dem Männerschwarm Verlag oder anderen ihre Anzeigen, Bücher oder Werbetexte gerne andernorts nach Belieben zu veröffentlichen.
    Warum, frage ich mich, beklagt sich Männerschwarm nicht bei „Blu“, „Siegessäule“ oder „Schwulissmo“, bei taz, FR oder „Zeit“ darüber, dass dort Duvert nicht besprochen wurde?
    Das schwule Magazin Hinnerk will also einen Roman über eine pädosexuelle Beziehung rezensieren und keine – in der Tat sehr missverständlichen Werbetext – ins Blatt nehmen. Warum sollten die das denn MÜSSEN? Hier gleich die Zensurkeule zu schwingen, ist nun wirklich übertrieben. Und dann auch noch mit Goebbels zu wedeln, genauso.

  15. Dass man in Deutschland schnell aufgebracht reagiert, wenn jemand Keulen schwingt oder mit Klumpfüßen wedelt, ist mir bekannt. Schwule Deutsche hätten ein Interesse daran, nicht ganz so aufgebracht zu reagieren und sich mithin ein klein wenig von der reizbaren Mehrheit abzusetzen, oder sich zumindest zu fragen, warum man in Deutschland meist so aufgebracht reagiert, wenn jemand Keulen schwingt oder mit Klumpfüßen wedelt. Der Rest meines Beitrags wurde offenbar nicht verstanden. Ebenfalls wurde nicht verstanden, dass Zeitschriften vertraglich vereinbarte Anzeigen nicht nachträglich ablehnen dürfen (s. das oben erwähnte Wettbewerbsrecht), und der geplante Anzeigentext tatsächlich nichts Unzumutbares enthält.

  16. @JJ Schegel:
    Eine kleiner juristischer Hinweis: Es ist durchaus erlaubt in Deutschland eine Anzeige abzulehnen. Der Vertrag mit Hinnerk wurde ja offensichtlich abgeschlossen, bevor Hinnerk das Anzeigenmotiv (in diesem Falle den Text) geliefert bekam und dementsprechend erst dann prüfen konnte. Und dass dieser Text zumindest missverständlich ist, hat Stefan Broniowski weiter oben ja schon klar dargelegt. Guten Grund also, dass Hinnerk auf diese Anzeige in dieser Form verzichtet.

    Die unten stehende Passage des Werbetextes ist genau so formuliert, wie in den 70er und 80er Jahren von Pädogruppen der Sex mit Kindern gerechtfertigt wurde. Da sollte man in Zeiten, da man mehr und genaueres über die Folgen von sexuellem Missbrauch weiß, doch etwas überlegter formulieren. Für einen Leser (wohlgemerkt der Anzeige, nicht folgerichtig auch des Buches) kann da nur hängen bleiben: Hier wird verschwiemelt für einen Roman geworden, der in erster Linie eine Pädo-Sex-Phantasie ist und den Sex zwischen einem Kind und einem Erwachsenen gutheißt.
    Und ganz nebenbei: Warum soll das bitteschön ausgerechnet in einem schwulen Magazin besprochen werden? Nennen Sie mich gerne ausgrenzend, aber ich fühle deshalb als schwuler Mann, weil ich auf Männer stehe. Pädophilie hat mit Homosexualität nichts zu tun.

    „Die Geschichte der unschuldigen Liebe eines erwachsenen Mannes zu einem achtjährigen Jungen. Jawohl, Liebe und jawohl: unschuldig, obwohl es (auch) um Sex geht. Vielleicht gerade deshalb. Explizit, aber weder schlüpfrig noch voyeuristisch.“

  17. Ein kleiner Nachtrag aus Sicht des Verlags:
    (1) natürlich kann Hinnerk besprechen und nichtbesprechen, was er will;
    (2) ich habe mich darüber erregt, dass auch die Veröffentlichung einer Rezension – die wohl gemerkt im Münchner Blatt „Leo“ als redaktioneller Beitrag erschienen ist (bevor der „Hinnerk“ den „Leo übernommen hat) – als Anzeige abgelehnt wurde. Wer generell Verlagsanzeigen veröffentlicht, sollte keine Selektion nach persönlichem Geschmack vornehmen, erst recht nicht, wenn er das fragliche Buch gar nicht kennt.
    (3) Eine Öffentlichkeit, die bestimmte Themen per se nicht mehr thematisiert, ist beängstigend. Die idiothischen Kommentare auf queer.de sind beängstigend.
    (4) Ein Medium, das seine Buchbesprechungen nicht an der Qualität des Werks, sondern an dessen Mainstreamtauglichkeit ausrichtet, setzt sich der Kritik aus. (Die hohe Qualität von Duverts Roman wurde bisher nicht infrage gestellt, die geäußerte Kritik ist rein ideologisch.) Über eine solche Kritik sollte man sich sachlich verständigen, gern auch im Heft selbst.

  18. @Joachim + Johanna:
    eine kleine Replik:
    1. da sind wir uns ja alle einig.
    2. Verleger haben sehr wohl das recht Anzeigen abzulehnen und die ganz oben zitierte Begründung des Hinnerk-Chefs (die Leser „würden auf jede Auseinandersetzung mit Pädophilie im Heft wütend reagieren“) ist doch nachvollziehbar und für mich sehr wohl ein guter Grund, die Anzeige abzulehnen. Hinnerk muss in diesem Falle nicht das Buch, sondern die Anzeige und deren Wirkung/Aussage beurteilen. Hinnerk fand die nicht passend und hat sie deshalb abgelehnt. Der Werbetext war, wie schon erläutert, nun mal ziemlich „unglücklich“ formuliert!
    3. Über Pädosexualität ist in den vergangenen Monaten sicherlich mehr als genügend thematisiert worden. Offensichtlich hat Ihrem Werbetexter („Odenwaldschulen-Bashing“ und Ihnen dabei der vorrangige Tenor wohl missfallen. Das ist dann aber Ihr Problem. Und Ihre Verlagswebsite zitiert ja einige Rezensionen zu Duvert. Das Buch selbst wird also auch diskutiert. Dass die Besprechungen vielleicht nicht so ausfallen (siehe queer.de, MÄNNER) wie man sich das als Verleger wünscht, ist dann eben mal Verlegerpech. So ist es einigen Verlegern vor Ihnen auch schon so ergangen und das wird anderen nach Ihnen ebenso ergehen.
    4. Hier widersprechen Sie Ihrem eigenen Punkt 1. Hinnerk entscheidet das Buch nicht zu rezensieren. So ergeht es sicherlich sehr vielen anderen Büchern auch. Vielleicht fand die Redaktion das Buch unwichtig oder uninteressant, dann mag das Sie als Verleger ärgern, aber weder Hinnerk noch ein anderes Medium ist verpflichtet jedes Buch zu rezensieren, das das Licht der Welt erblickt – zumal es sich bei Duvert „nur“ um eine Neuausgabe und keine Erstveröffentlichung handelt. Hinnerk deshalb aber gleich „Mainstreamtauglichkeit“ zu unterstellen ist jedoch sehr blind und kurz gedacht. (siehe 1). Natürlich könnte Hinnerk sich kritisch damit auseinandersetzen, aber er muss es nicht – und man darf einem schwulen Magazin zugestehen, dass es für seine schwule Leserschaft wichtigere Bücher vorstellenswert findet, als Romane über pädosexuelle Beziehungen.

  19. @ Günter:; nur soviel – ich konnte auf die Schnelle (1) und (4) nicht trennschärfer formulieren, sorry. Ich will auch unter (4) das Recht auf „Nichtrezension“ nicht bestreiten, statt dessen den Diskussionsbedarf betonen, der sich in diesem Fall daraus ergibt, der sich aber natürlich nur bei Kenntnis des Buchs erschließt. (Ein Mitarbeiter von queer.de hat übrigens NACH der Veröffentlichung der dümmlichen Besprechung das Buch selbst gelesen und war davon beeindruckt. Aber Pöbeln schafft natürlich Aufmerksamkeit.)

  20. Pädophilie habe mit Homosexualität nichts zu tun, schreibt Günter. Ganz ehrlich, den Satz verstehe ich nicht — es sei denn als beschwörende Abwehrgeste. Soll das heißen, ein Schwuler, der sein Begehren nicht an irgendeiner von wem auch immer festgelegten Altersgrenze ausrichtet, ist eigentlich gar nicht richtig schwul?
    Wir müssen gewiss nicht darüber streiten, dass Gewalt gegen Kinder, sei sie nun körperlich, seelisch oder geistig, abscheulich ist, mag sie nun sexuell motiviert sein oder anders. Aber wir sollten auch nicht hinter die Einsicht zurückfallen, dass Begehren prinzipiell „polymorph-pervers“ ist (wie Freud das nannte). Das Vermögen, Menschen jeden Alters begehrenswert zu finden, ist eigentlich jedem gegeben und wird wohl eher durch soziale Konvention als durch persönliche Vorliebe eingeschränkt.
    Darf man denn, um ein „richtiger“ Schwuler zu sein, zwar einen 18-Jährigen attraktiv finden, einen 17-Jährigen aber nicht? Oder zwar gerade noch einen 16-Jährigen, aber einen 15-Jährigen auf keinen Fall? Und einen 14-Jährigen oder gar noch Jüngeren? Gott bewahre!
    Es ist schon erstaunlich, mit welcher Bereitwilligkeit und welch abwehrender Wut Schwule, kaum dass sie als identifizierbare Quasi-Spezies halbwegs geduldet sind, Front machen gegen eine (phantasierte oder reale) Minderheit in der Minderheit. Die historische Erfahrung, welch bizarre Pathologisierung und Kriminalisierung die herrschende Mehrheit nach Belieben verhängen kann, scheint völlig aus dem Bewusstsein geschwunden. Solidarität mit Abweichlern wird dann schon darum völlig undenkbar.
    Ich für meinen Teil meine, dass man keineswegs „pädophil“ sein muss (was auch immer das wirklich heißt, der Begriff wird ja völlig diffus benützt), um sich nicht moralisch kastrieren lassen zu wollen von irgendwelchen Spießern, die sich offensichtlich dem mainstream als besonders brave Hexenjäger andienen möchten. Gewiss, nicht jedes Tun ist erlaubt. Aber jedes Liebesvermögen ist zunächst einmal gut. Sich ein bestimmtes Begehren zu verbieten oder tatsächlich unfähig geworden zu sein, es zu erleben, ist kein Gewinn an „Reife“, sondern eine eine Verarmung und Verirrung und im Grunde selbstzerstörerisch. Wer also beispielsweise als Mann Jungs nicht mag, mag in Wahrheit auch keine Männer, die ja alle mal Jungs waren — und sich selbst mag er dann wohl erst recht nicht.
    Mögen ist nicht gleich Ficken. Es gibt unendlich viele Abstufungen und Ausprägungen des Mögens und Liebens und Begehrens, und nichts davon ist als solches böse oder krank oder gewalttätig. Es kommt darauf an, was man daraus macht. Und es gibt andererseits viel Abscheuliches und tatsächlich Böses, dass nichts mit „Pädophilie“ oder anderen „Perversionen“ zu tun hat, sondern schlicht mit Normalität. Gerade davon eben, von Normalität und dem Wunsch, ihr zu entkommen, handelt Duverts großartiges Buch. Und von der Schönheit und Tragik des Liebens. Die Frage, ob „Hinnerk“ gut daran getan hat, die Aufmerksamkeit seiner Leser nicht auf dieses Stück herausfordernder Literatur zu lenken oder wenigstens lenken zu lassen, ist keine juristische und keine der staatstragenden Schicklichkeit, sondern rührt an das Versagen dessen, was einmal emanzipatorische Schwulenbewegung sein wollte und in Kommerz, Klamauk und Konformismus erstarrt ist, und ist gerade darum nicht uninteressant.

  21. Ja, es besteht für mich ein eklatanter Unterschied zwischen Pädophilie und Homosexualität, nachzulesen in sexualwissenschaftlichen und anderen Nachschlagewerken. Das Problem mit Duvert ist doch: Dies ist die Fantasie eines Pädosexuellen. Natürlich hat dieser Liebeswünsche und Empfindungen, und sie seien ihm auch zugestanden. Niemand hat hier die Kastration von Pädophilen gefordert. Aber es geht bei Duvert, um in Stefan Broniowskis Worten zu bleiben,ums Mögen und auch ums Ficken. Perfiderweise aber schiebt Duvert die Verantwortung dem 6-/8-jährigen Jungen zu: Der hat mich ja verführt, der wollte das ja! Das mag der Traum eines jeden Pädophilen sein – eine sexuelle und emotional erfüllte Beziehung mit einem Kind. Aber die Wirklichkeit ist das nicht. Ein solcher Roman rekapituliert lediglich die Argumentationsweise, wie sexueller Missbrauch von den Tätern häufig umgedeutet, schön geredet und gerechtfertigt wird. Und genauso nämlich liest sich auch der Werbetext des Verlages. (siehe oben)
    Zeigen Sie mir einen erwachsenen Mann, der heute geradeheraus sagen kann: Ja ich finde es immer noch toll und gut, dass mich damals als Achtjähriger mein Onkel in den Arsch gefickt hat! Warum hat keiner von den Schülern der Odenwaldschule (die laut Männerschwarm-Werbetext ungerechtfertigterweise „gebasht“ wird) sie je zu Wort gemeldet und gesagt: Ich hatte gerne Sex mit meinem Lehrer Becker! Warum gibt es noch keine einzige Autobiografie eines ehemaligen Jungen, der über seine kindliche (Sex)Beziehung zu einem Erwachsenen schreibt – oder nicht auch über psychische Schäden oder die lebenslangen Traumata zu berichten?
    Unter dem Deckmantel der schwulen Emanzipation wurde in den 70er bis in die 90er Jahren der sexuelle Missbrauch in der westdeutschen Homobewegung blind geduldet. Es ging ja nur um das Recht des Pädos, seine Sexualität frei zu entfalten. Was mit den Kindern dabei passiert, hat niemanden interessiert.
    Eine Mitverantwortung trifft hier auch die schwulen Buchläden. In deren Pädo-Regalen standen zwar auch ein paar Bücher über sexuellen Missbrauch und natürlich die ganzen Pädo-Kampfschriften, es fanden sich aber auch jede Menge Foto-Aktbände. Jedem war klar: diese Aktaufnahmen kleiner Kinder, zum Teil keine 5 oder 6 Jahre alt, waren nicht legal entstanden. Manchmal heimlich aufgenommen in Freibädern oder Stränden wurden Kinder unfreiwillig zu Wixvorlagen gemacht. Auf anderen Aufnahmen räkelten sich Jungs im gleichen Alter lasziv und nackt auf Betten.(Ma will sich nicht ausmalen, was nach diesen Fotos mit ihnen geschah). Auch das ist sexueller Missbrauch! Missbrauch, an dem die ach so aufgeklärten, schwulenbewegten Buchhändler bei Männerschwarm in Hamburg, oder Prinz Eisenherz in Berlin sehr gut verdient haben. Da wurde den Pädos für dünne Fotoheftchen ordentlich Geld aus der Tasche gezogen und der Umsatz gesteigert. Auch das war einmal diese „emanazipatorische Schwulenbewegung“, der Sie hier so nachtrauern. Gab es jemals einen kritischen Rückblick der schwulen Buchhändler über dieses Kapitel? Vielleicht sogar ein Eingeständnis, dass man da Fehler gemacht hat? Wenn ich die Argumentationen hier im Blog lese, muss ich annehmen, dass man bei Männerschwarm auch heute noch gerne diese Heftchen verkaufen würde, wäre nicht diese unerträglichen „Hexenjäger“.
    Ich hatte erst spät mein Coming-out und als ich mit Ende 20 bei einem meiner ersten Besuche eines schwulen Buchladens dieses Pädo-Regal sah, war ich völlig entsetzt. Später traute ich mich, weil ich es nicht glauben konnte, mir die Sachen dort näher anzuschauen. Ich sprach damals einen der Händler an, ob er mir sagen könne, woher denn die Aufnahmen stammten. „Die sind süß, nicht?“ Mehr sagte er nicht. Diese Antwort habe ich mein Lebtag nicht vergessen und ist mir beim Lesen dieses Blogs wieder in den Sinn gekommen. All dieses ach so aufgeklärte herumtheoretisieren über sexuelle Freiheit, dieses spitzfindige Unterscheiden zwischen „Mögen und Ficken“, zwischen „unschuldiger Liebe“ (Werbetext) und „tatsächlich Bösem“ (Broniowski) ist und bleibt Augenwischerei.
    Wenn aus Pädophilie (dem Begehren) Pädosexualität (ausgelebte Sexualität) wird, gibt es immer ein Opfer. Denn auch wenn ein 6- oder 8-jähriger Junge bereits sexuelle Empfindungen haben sollte, diese werden nie mit denen eines Erwachsenen gleichzusetzen sein. Wer’s genauer nachlesen will, soll auch hier in der wissenschaftlichen Literatur nachlesen.

  22. zu Nr. 20 von Stefan Broniowski:
    Was hat Homosexualität mit Pädophilie zu tun? Ausser den Umstand, dass beides
    mit Sexualität zu tun hat, äußerst wenig.
    Homosexualität ist nicht krankhaft, Pädophilie hingegen
    zunächst eine Persönlichkeits- und Verhaltensstörung
    (F 60 – F69). Wer es genau wissen will: ICD-10-Code:
    F65.4 und DSM-IV-Code: 302.2.

  23. Es ist nicht so lange her, dass die WHO Homosexualität noch als Krankheit definierte – ich erinnere mich an eine lustige Aktion schwedischer Lehrer, die sich deshalb allesamt krank gemeldet haben; was irgendwelche Lehrbücher verkünden, ist Ausdruck des Zeitgeists, mehr nicht.

  24. Ich schlage zur Lektüre vor:

    Pierre Vidal-Naquet, Le chasseur noir. Formes de pensée et formes de société dans le monde grec.

    Ein streng wissenschaftliches Werk zum Thema „Initiationsriten des antiken Griechenland“.

  25. Dieses Buch gibt es offenbar auch in dt. Übersetzung:

    Der schwarze Jäger. Denkformen und Gesellschaftsformen in der griechischen Antike. Lang, Frankfurt 1989 ISBN 3-593-33965-X

  26. @22: Mit dieser Argumentation lasst uns doch gleich z.B. noch die Nekrophilen mit ins Boot holen. Die hält man auch für krank und haben ein Recht darauf, ihre Sexualität frei zu entfalten.

    Ja, Homosexualität war lt.WHO auch mal als Krankheit eingestuft worden. Der Unterschied aber ist: bei Pädosex bleibt immer ein (minderjähriges) Opfer zurück.

    @23: Wenn Sie tatsächlich als letztes Geschütz die alten Griechen aus dem Sack holen müssen, sehen Ihre Argumente wirklich düftig aus. Ich kenne die genannte Studie nicht, aber glauben Sie tatsächlich, dass sie diese antike Lebenswirklichkeit auf unsere Gegenwart übertragen können?

  27. Der Administrator gibt bekannt:

    Zensur gibt es hier nicht.

    Einige Beiträge sind im Spam bzw. in einer Vorstufe zum Spam gelandet, auch nachdem sie schon online waren: Zur Vorlage bei mir zwecks Freigabe oder nicht.
    Warum? Ich habe bislang noch nicht nachvollziehen können, wann, wie und worauf der automatische Filter reagiert.

    Weil ich nicht dauernd und vor allem nicht nächtens am Rechner sitze, habe ich erst jetzt ein bisschen aufgeräumt, freigegeben und dabei Doppelungen gelöscht.

    Ich möchte aber hier jetzt alle Beteiligten bitten, das einmal Gesagte nicht immer wieder in neuen Wendungen zu wiederholen und auch beim Thema zu bleiben. Hier geht es um Literatur und den Umgang mit Literatur, was den Markt, die Covergestaltung, die Werbung und all solche Dinge einbezieht. Es ist kein Blog über das Sexualstrafrecht, die WHO oder sonstige Angelegenheiten.

    Es ist vor allem ein Blog, in dem an der Sache argumentiert werden sollte von Leuten, die zur Sache etwas zu sagen haben. Außerdem wäre es nett, wenn die Anonymität des Netzes weder für Unverschämtheiten und Beleidigungen genutzt wird noch dafür, dass einzelne Diskutanten sich gleich mehrere Namen zulegen, unter denen sie hier in Erscheinung treten. E-Mail-Adressen kann man faken, die IP-Adresse des PCs, von dem aus man arbeitet, nicht. Es bleibt dem Administrator also nicht verborgen, wenn verschiedene Absender vom selben Internetzugang aus agieren.

    Außerdem haben Beiträge wie: Ich habe das Buch zwar nicht gelesen, möchte aber mal meine Meinung zum Thema Pädophilie verkündigen, oder: Ich kenne die Studie zwar nicht, … hier nichts verloren.

    Ab jetzt behalte ich mir vor, im Sinne der Qualität dieses Blogs sachfremde Beiträge zu löschen.

  28. Weder in dem elendslangen Thread zum Buch bei queer noch hier wird mit einem Wort, einem Satz oder gar einem Absatz darauf eingegangen, ob das Buch gut geschrieben wurde. Ob es ein gutes Buch ist. Bei einer rezension würde ich mir schon erwarten, dass nicht nur besprochen wird, ob man denn sowas überhaupt schreiben kann/darf/soll/muss, ob so etwas publiziert werden kann/darf/soll/muss und all der andere moralische Quatsch, an dem man sich wochenlang hochziehen kann (Augenscheinlich haben eh schon die werbefinanzierten Privatsender die Desensibilisierung unseres moralischen Wertekatalogs vorgenommen (Tatort Internet)).

    Da tät´s mich doch vielmehr reizen mal zu lesen, ob das Buch gut geschrieben wurde? Ist es literarisch interessant, aufregend?

  29. @Peter: endlich fragt mal jemand danach! Klar, wenn es kein wirklich tolles, nervenzerfetzendes Buch wäre, würden wir uns nicht den ganzen Ärger darum einhandeln. Ganz abgesehen von der Liebesgeschichte: die alte Nachbarin stirbt, diese Schilderung ist der Wahnsinn. Oder die Beschreibung eines heterosexuellen „Beischlafs“ (grusel), oder Serge verschreckt im Schrank hinter einem Wäschestapel, oder das Grillen des Regenwurms, oder oder oder …

  30. Zu „Peter“: Nun gut, zugegeben, mein hier mal geäußerter Satz (von wegen „kein Wort“ zur literarischen Qualität) „‚Als Jonathan starb‘ ist ein gutes Buch“ , macht vielleicht nicht deutlich genug, dass es ein sehr gut geschriebenes und sehr lesbar übersetztes Buch ist. Das kommt leider davon, wenn man sich von Leuten, die es nicht gelesen oder nicht verstanden haben vom Wesentlichen ablenken lässt … Sowohl in den Details — von denen Joachim Bartholomae ja schon einige genannt hat — wie in der Gesamtkomposition ist der Roman hervorragend gemacht. Ohne Sentimentalität und mit scharfem Blick beschreibt Duvert die Liebe zweier Menschen zueinander, ihren vorübergehenden Alltag, der Ausnahmecharakter hat, aber nicht idealisiert wird, und den Rahmen, das heißt, die gesellschaftlichen Verhältnisse, die die Bedingungen des Liebens vorzuschreiben versuchen. Weit entfernt davon, irgendetwas mit Pornographie zu tun zu haben (wie es die schmutzige Phantasie mancher Leser und vor allem Nichtleser zu fordern scheint), rührt das Buch, statt aufzugeilen, und bestürzt, denn es endet tragisch.
    Besonders beeindruckt hat mich am zweiten Teil das literarische Mittel, eine von Serge, dem dann achtjährigen Jungen, gezeichnete und nacherzählte Geschichte zum roten Faden zu machen. Selten oder nie habe ich einen Text eines erwachsenen Autors gelesen, der einem Kind, auch wenn es „nur“ seine literarische Figur ist, so viel Aufmerksamkeit und Respekt entgegenbringt. Die Figur des neurotischen Malers Jonathan hingegen lädt keineswegs immer zu Sympathie oder Identifizierung ein (zumindest nicht jeden, nicht mich), zu weich, zu nachgiebig, zu passiv wird er gezeigt, was aber wiederum auf Duverts literarische Kunstfertigkeit verweist, denn damit schließt er ja auch die Möglichkeit aus, Jonathans Begehren heroisieren. Immerhin aber ist die Figur durch große Aufrichtigkeit charakterisiert. Wenn etwa schonungslos erzählt wird, wie Jonathan in der Zeit ohne Serge einige Jungen zu „vergewaltigen“ versucht (eine bewusst übertreibende Vokabel), dann hätte der Autor das seiner Figur und sich selbst ja auch ersparen können. Dass er es nicht tat, spricht für ihn, seinen Text und gegen jedes angebliche „Plädoyer für Pädophilie“.
    Die Lektüre von „Als Jonathan starb“ hat mich begeistert, traurig und wütend zurückgelassen. Begeistert, weil ich einen literarischen Genuss erleben durfte, und traurig und wütend, weil Duverts Darstellung der Dummheit und Bosheit der kinderverachtenden, kinderverbiegenden, kinderzerstörenden Gesellschaft — genial in seiner naiven Niedertracht: der Monolog der Mutter! — so treffend ist und unvermeidlich zu einem tödlichen Ende hinführt. Dem allenfalls mythisch ein Fünkchen Hoffnung eingeschrieben sein könnte. (Siehe „Duvert und Lindgren und der Sprung in ein besseres Leben“.) Lesen!

  31. Die geplante Anzeige des Männerschwarm war exakt so aufgemacht, wie eine hinnerk Buchrezension (Layout, Typografie, Bildanordnung und -größe usw.). Damit wurde versucht, den Eindruck zu erwecken, als handele es sich um eine redaktionelle Leistung des hinnerk und genau dagegen habe ich mich verwehrt. Dieser Sachverhalt wurde in der Anmoderation dieses Blogs geflissentlich nicht erwähnt.
    Man kann zum Thema Pädophilie stehen wie man will. Nur sollte man nicht versuchen, den hinnerk durch eine Anzeigen-Gestaltung im hinnerk-Layout in die Mithaftung für eine Debatte zu nehmen, die der hinnerk-Verlag für gestrig und vor dem Hintergrund der Mißbrauchsfälle der letzten Monate für meist unreflektiert hält (s. Odenwaldschul-Bashing).
    Unsere allgemeinen Geschäftsbedingungen sehen vor, dass der Verlag sich das Recht vorbehält, Anzeigen abzulehnen, die mit geltendem Gesetz in Konflikt stehen oder dem Verlag nicht zumutbar sind. Und genau darauf habe ich mich berufen. That‘s it.

  32. Ich kann den Hinnerk verstehen. Aus redaktioneller Sicht musste Sie diese Anzeige ablehnen. Wenn hier der Schein erweckt werden sollte diese Anzeige sie eine Buchbesprechung, ohne das ersichtlich ist es ist nur eine Anzeige. Der Ruf der Zeitschrift steht auf dem Spiel, wenn erweckt werden würde die Redaktion würde dieses Buch gut finden, lesenswert finden.
    Das Buch ist ein schreckliches Buch, ich musste es damals in meiner Ausbildung zum Erzieher lesen und fand es nur schrecklich. Was Kindern angetan wird von Pädophilen ist grausam. Die Kinder können diese Taten ihr Leben nicht vergessen und leiden extrem darunter. Sie haben kein Vertrauen mehr in andere Menschen und lassen sich nur schwer auf Andere ein und bauen selten gute funktionierende Beziehungen auf.
    Dieses Buch ist ein Loblied auf die Pädophilie, das sich der Männerschwarm dafür hergibt finde ich skandalös. Ich werde vorerst keine Bücher mehr aus diesem Verlag kaufen, bis sich der Verlag hierzu erklärt, warum er solches Gedankengut publiziert und diese großen Menschen die den kleinen Menschen diesen immensen Schaden zufügt ein Forum bietet und offenbar diese sexuelle Vergewaltigung an Kindern unterstütz und gut heißt.

  33. Oben beschreibt einer die Ekelgefühle, die er empfand, als er das Buch, um das es hier geht, aus Ausbildungsgründen lesen musste – offenbar als warnendes Beispiel, oder bei dem löblichen Versuch seiner Ausbilder, vermittels literar. Zwangsnahrung gewisse Elemente frühzeitig zu erkennen und von der angestrebten Laufbahn auszuschließen. Ich kann mich noch gut an meine eigenen Ekelgefühle erinnern, als ich seinerzeit aus Abitursgründen z. B. die Anabasis, aber auch sonst plötzlich so alles mögliche an obligatorischem Schriftgut lesen musste, denn die Jahre zuvor hatte ich mich meistens darum gedrückt, nur verschlungen, was mir Spaß machte, denn Lehrer, die man kennt, lassen sich leicht ablenken und bluffen. Nun, das war endlich auch so eine Art von Rorschachtest, was die Wahl eines zukünftigen Berufs anging. Etwas nur im weitesten Sinn „Pädagogisches“ war bei mir seither ausgeschlossen; später einmal jungen, unverdorbenen Menschen die Lektüre aufdrängen zu müssen, erschien mir geradezu verbrecherisch als Perspektive. Mit Max Frisch habe ich mich mittlerweile wieder so mehr oder weniger ausgesöhnt, jedoch beim Namen Xenophon würgt es mich noch heute, und dabei schrieb dieser alte Grieche noch nicht einmal Zweideutigkeiten. Gut, es gab vor tausend Jahren einmal eine Ausstellung, die „Entartete Kunst“ hieß und die man anscheinend auch besuchen musste, wobei das für viele das letzte Mal für lange Zeit war, dass sie etwas anderes als die damalige Staatskunst zu Gesicht bekamen. Diese Menschen waren sicherlich dankbar. Aber sei es wie es will, man sollte Bücher jedenfalls nicht lesen müssen. Man sollte auch Bücher eines bestimmten Verlags nicht lesen müssen. Man sollte Bücher allenfalls lesen DÜRFEN. Wer Bücher lesen MUSS, wird auf die Dauer zum Feind aller Literatur. Denn es geht mit dem Lesen wie mit dem Nachdenken. Man sollte auch nur nachdenken DÜRFEN, nicht MÜSSEN. Wer das MUSS, wird auf die Dauer zum Feind allen eigenständigen Denkens. Ich kann nur jedem raten, in geistigen Dingen so früh wie möglich mit dem Müssen aufzuhören.

  34. Ob „Stephan“ und ich wirklich dasselbe Buch gelesen haben? Was haben Sätze wie „Was Kindern angetan wird von Pädophilen(,) ist grausam. Die Kinder können“ usw. usf. mit Duverts „Als Jonathan starb“ zu tun? Ich bestreite nicht „Stephans“ Recht, den Roman als „schrecklich“ zu beurteilen; wenn er ihn so erlebt hat, dann hat er ihn eben so erlebt. Problematisch, ja gefährlich, weil kunstfeindlich und damit geistverachtend ist jedoch, das, was man für Realität hält, mit dem umstandslos mit dem zu vermengen, was ein Autor geschrieben hat. Selbst wenn es sich mit „Pädophilie“ so verhielte, wie „Stephan“ und andere behaupten — was allerdings nicht der Fall ist (hier aber jetzt nicht erörtert werden muss, weil es mit Literatur nichts zu tun hat) —, was hat das mit dem zur Rede stehenden Text zu tun?
    Es ist immer bedenklich, ein literarisches Werk nur im Hinblick auf seinen Stoff zu betrachten, aber lassen wir uns für einen Moment darauf ein und berücksichtigen nur das Was des Erzählens und nicht das Wie: Duvert erzählt von der Begegnung eines sechs- bzw. achtjährigen Jungen mit eine mehr als zwanzig Jahre älteren Mann. Diese Begegnung ist freundschaftlich, ja liebevoll und schließt ganz selbstverständlich und zwanglos Sexuelles mit ein. (Sex steht freilich weder im Vordergrund, noch nimmt er übermäßig viel Platz ein.) Die (keineswegs nur sexuellen) Erlebnisse des Jüngeren mit dem Älteren traumatisieren jenen nicht, eher scheint das Gegenteil der Fall zu sein, sie machen ihn zu einem freieren und schöpferischen Kind, als es das unter den Bedingungen einer herkömmlichen Familiensituation sein könnte. (Die Familie, verkörpert in der Mutter, wird sogar ganz deutlich als repressiv und destruktiv vorgeführt.)
    Nun kann man, wenn man will, sagen: Das gibt es nicht, noch nie hatte ein Kind eine sexuelle Beziehung mit einem Erwachsenen, in der es nicht ein Opfer gewesen wäre und schwere Schäden davon getragen hätte! (Woher man das wissen will, ob es das nicht doch gibt, wird von mir hier nicht erörtert, siehe oben.) Selbst wenn dem so wäre, ist das schwerlich ein Kriterium für einen fiktionalen Text. Ein Autor hat das Recht über Einhörner zu schreiben oder darüber, das die Nazis den Krieg gewonnen haben. Dass die Realität eine andere ist, taugt nicht zur Beurteilung eines Textes, der nicht beansprucht, bloß Realität zu dokumentieren. Und wo erhöbe der Roman diesen Anspruch?
    Seltsam genug, nebenbei bemerkt, dass die Darstellung kindlicher Sexualität mehr aufregt als die tagtägliche Darstellung von Mord und Totschlag. Kaum ein Fernsekrimi ohne blutüberströmte Leiche — aber Kindergenitalien werden auch in harmlosesten Zusammenhängen verpixelt! Was ist das los?
    Moral und Recht sind eine Sache (oft gar keine schlechte), Kunst eine andere. Schriebe beispielsweise einer einen Roman über jemanden, der gerne von einem anderen aufgegessen werden möchte, muss das die Leser nicht an ihrem Ekel und ihrem moralischen Urteil in den Fällen, in denen derlei wirklich passiert, zweifeln lassen. Aber es ist sinnvoll, sich zu fragen, warum derlei überhaupt zum Gegenstand künstlerischer Auseinandersetzung gemacht wird. Dabei verwechsle man bitte nicht ohne Weiteres die eigenen Lesegewohnheiten mit dem, was Verfasser, Verleger, Händler, Kritiker usw. bei ihrer Beschäftigung mit Literatur umtreibt. Nicht jeder Roman ist eine Wichsvorlage und sollte darum auch nicht so behandelt werden.
    Ich habe es schon mehrfach gesagt und sage es wieder: Meiner Meinung nach ist „Pädophilie“ überhaupt nicht das Thema von Duverts Roman. (Einmal abgesehen davon, dass eine psychiatrische Diagnose bei einer Romanfigur schwer zu stellen ist, deren Lebensgeschichte nur sehr ausschnittweise dargestellt wird; ist Jonathan wirklich „pädophil“ oder hat er bloß Sex mit einem Jungen?) Thema des Textes ist meiner Meinung nach die bedrohte Liebe zweier Jungen zueinander, und dass der eine ein Kind, der andere ein Erwachsener ist, ist nicht besonders wichtig, wenn es auch in der von Erwachsenen beherrschten Welt die Bedingung dafür ist, sich vorübergehend Freiräume für nicht vom heterosexuellen Kleinfamilienideal terrorisiertes Leben zu schaffen.
    Im Übrigen sollte man nicht übersehen, dass der Roman den Tod bereits im Titel trägt und tatsächlich mit einem grauenvollen Tod endet! Von wegen also, hier werde etwas verklärt oder verharmlost, von wegen „Loblied auf die Pädophilie“! Der Roman ist kein Idyll, sondern eine Tragödie, gerade darum ist er ja auch so stark.
    Was manchen Lesenden (oder solchen, die es zu sein beanspruchen, weil sie „hingelesen“ haben) nicht passt, ist, dass der Roman seine Werturteile und Realitätsvorstellungen nicht bestätigt. Ich finde das gut. Erstens, weil mir das eine mögliche Funktion von Literatur zu sein scheint, mit Ungewohntem, Unerwartetem, Unerlaubtem zu konfrontieren. Und zweitens, weil ich bestimmte hier geäußerte Werturteile und Realitätsvorstellungen zum Kotzen finde.
    Mich ekelt es, wenn ich die Beschreibung von „Günter“ lese, wie er sich in einem Buchladen halb panisch, halb geil an ein Regal heranschlich, um sich dort „die Sachen“ (also Bücher mit nackigen Kindern) „mal näher anzuschauen“ und sich dann noch in der Erinnerung lüstern ausmalt, „was nach diesen Fotos“ mit den Kindern „geschah“. Der Satz „Man will sich nicht ausmalen“ usw. müsste jeden Psychologen zum Lachen bringen, wenn es nicht so traurig-ernst wäre.
    Niemand leugnet, dass es Opfer sexuell motivierter Gewalt gibt. Ob es aber davon unabhängig Möglichkeiten für Kinder gibt, geben darf, geben soll, ihre sexuellen Wünsche — oder ist deren Existenz ohnehin nur noch ein zu Leugnendes? — anders als schuldhaft zu erleben und sie sich unter Umständen sogar zu erfüllen, ist eine ganz anderes Thema. Noch niemand ist meines Wissens auf die Idee gekommen, Sex von Erwachsenen mit Erwachsenen zu verbieten, weil es Fälle gibt, in denen Erwachsene Erwachsene vergewaltigen. Oder Liebesroman zu verbieten, weil die meisten Menschen beziehungsunfähig sind. Selbst wenn es in der Realität so wäre, wie „Stephan“ und andere immer wieder behaupten, dass nämlich Kinder körperliche Lust mit Nichtkindern immer nur als Beschädigung erleben können, so besagt das nichts über die Möglichkeit und das Recht, es in der Literatur anders darzustellen. In der Realität lässt unsere Weltwirtschaftsordnung Tag für Tag Zehntausende Kinder verhungern. Ein Roman, in dem ein Kind nicht an Hunger stirbt, ist darum nicht unmoralisch.
    Wer also Duverts „Als Jonathan starb“ bloß als Dokument ihn bedrängender und beunruhigender pädophiler Phantasien wahrnehmen kann und nicht als das literarische und gesellschaftskritische Meisterwerk, das es ist, sollte sich vielleicht einmal fragen, was er verdrängt, um es bei anderen wiederzufinden … Mir machen die Anti-Pädo-Hetzer viel mehr Angst als die (Wieder-)Veröffentlichung eines angeblich „pädophilen“ Romans, zumal wenn er so gut geschrieben ist. Durch Duvert kommt garantiert niemand zu Schaden, durch ein gesellschaftliches Klima der Angst, der Verdrängung und der Denunziation aber schon.

  35. Von Seiten des Verlags drei Nachträge:
    (1) Die Behauptung des Hinnerk-Herausgebers, die Gestaltung als Artikel sei der Grund der Ablehung gewesen, trifft nicht zu. Ich habe sowohl seinerzeit wie jetzt nach seinem Beitrag im Blog angeboten, die Gestaltung zu ändern, was beide Male an der Ablehnung nichts geändert hat.
    (2) „Stephans“ Kommentar zum Buch ist unzutreffend, evtl. verwechselt er das Buch, oder seine Erinnerung hat ihm einen Streich gespielt. Wir veröffentlichen grundsätzlich keine Zielgruppen-Literatur welcher Art auch immer. Duverts Roman behandelt Fragen von allgemeiner Bedeutung und ist von jeder Propaganda weit entfernt.
    (3) Wie schon der Rezensent von Le Monde sehr richtig festgestellt hat, erzählt Duvert von einer eigenartigen Notgemeinschaft. In Duverts Worten heißt das:
    „Serge und Jonathan waren nicht verliebt, da sie keine Narzisse waren. Sie hatten Besseres zu tun. Ihre Verbindung war eher biologisch. Gewisse Pflanzen ziehen die Substanzen, die sie brauchen, aus der Erde und reinigen so den Boden: Er wird fruchtbar für andere Pflanzen, die sonst sterben würden. Jede entnimmt ihm Nahrungsmittel und verteilt andere; jede macht auch Gifte unschädlich, die andere Pflanzen getötet hätten. So war die Freundschaft von Jonathan und Serge, ohne dass man hätte sagen können, wer wirklich für den anderen die Welt reinigte.“
    Serge ist ein schwer verwahrlostes Kind, das bei Jonathan ein wenig Trost findet, und Jonathan ist ein verzweifelter Pädophiler, der sich von der Welt zurückgezogen hat, weil er weiß, dass seine Sehnsucht niemals befriedigt werden kann. Daran ändert auch das Zusammensein mit Serge nichts. Beide spenden einander auf ihre Weise Trost, beide sind und bleiben verzweifelt. Ein für alle mal: dieser Roman behauptet nicht, dass eine erotische und sexuelle Beziehung zwischen einem Erwachsenen und einem Kind möglich oder gar erstrebenswert ist. Wer nach der Lektüre zu diesem Schluss kommt, muss als Opfer einer mehr als mangelhaften Schulausbildung angesehen werden.

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