Pädo und Verlegermut

Tony Duverts Roman „Als Jonathan starb“ (Quand mourut Jonathan) ist sicher eine der wichtigsten literarischen Beiträge zur schwulen Kultur, erschienen 1978 und vergriffen 2010. Eine Neuauflage liegt zunächst einmal nah, aber vorher habe ich den Roman noch einmal gelesen, um mein dreißig Jahre altes Urteil zu überprüfen. Das Ergebnis ist eine Katastrophe.
Beim neuen Lesen nimmt die Begeisterung noch zu (die Mängel der unredigierten Übersetzung ließen sich beheben), aber es ist völlig klar: dieses Buch kann heute nicht mehr gedruckt werden – und das ist eine verlegerische Bankrotterklärung im Zeitalter hysterischer Kindheitsverklärung. Wer als Verlag erneut Aufmerksamkeit für diesen Roman weckt, muss damit rechnen, der vollen Wucht eines Volkszorns ausgesetzt zu sein, von dem die Publizistin Katharina Rutschky sel. und der Soziologe Rüdiger Lautmann aus weit geringeren Anlässen angefallen wurden.
Der Roman beschreibt das Zusammenleben eines erwachsenen Mannes, des Malers Jonathan, mit dem achtjährigen Serge, dem Sohn einer Freundin, der für längere Zeiträume zu Besuch kommt. Der Autor thematisiert die großen Probleme eines solchen intergenerationellen Zusammenlebens, aber auch die enorme Faszination, die jeder der beiden durch den anderen ausgesetzt ist. Diese altersbedingten Verschiedenheiten von Jonathan und Serge und die Versuche, sie zu überwinden, werden mit souveräner literarischer Kraft gestaltet, und zu diesen Verschiedenheiten gehört von Anfang an auch die Sexualität. Beschrieben wird eine Liebesbeziehung, die nicht durch Machtverhältnisse verzerrt wird, und so etwas darf es den ungestützten Behauptungen der öffentlichen Meinung zufolge nicht geben. Ich füge hinzu: auch ich weiß nicht, ob eine solche Liebe möglich ist, nach der Lektüre des Romans kann ich es jedoch ebenso wenig für unmöglich erklären.
Strafrechtlich bestehen hier keine Probleme, von Pornografie ist Duvert weit entfernt. Sein Verbrechen besteht darin, Dimensionen der conditio humana zu erkunden und damit Möglichkeiten zu beschreiben, die ein wie immer schlecht informierter Mainstream nicht einmal als Möglichkeit dulden will. Damit wird der Literatur die Grundlage ihrer Existenz entzogen, die Freiheit in der Wahl ihrer Stoffe und das Recht zur Mitwirkung bei der Ausgestaltung der kulturellen Selbstveräußerung der Menschen. Ein Publikum, das Kunst und Wissenschaft mit Fantasie- und Denkverboten belegt, ist ein Alptraum.

Wir haben diesen Blog begonnen mit dem Programm, einige der Fachgespräche, die hier im Verlag über den Schreibtisch hinweg geführt werden, einem interessierten Publikum zugänglich zu machen. Das trifft hier voll zu, dieser Text ist gewissermaßen eine Diskussionsvorlage für eine entgültige Entscheidung im Verlag. Falls irgend jemand da draußen eine Idee hat, wie man mutig sein und ungelyncht davonkommen kann, soll er sich bitte äußern!


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22 Gedanken zu „Pädo und Verlegermut

  1. Zunächst wäre hier ein literaturtheoretisches Problem zu lösen: In welchem Verhältnis stehen fiktionale und nonfiktionale (d.h. realitätsberichtende) Texte zueinander? Inwieweit lesen wir einen Roman, um etwas über die Wirklichkeit zu erfahren? Welche Wirklichkeit ist es, die ein Text heraufruft?

    Das Problem ist, gerade im sexualmoralischen Raum, dass die öffentliche Empörung jeden Diskurs unterbindet. Bereits die Publikation des Duvert-Buchs würde als Verharmlosung eines Verbrechens, als Verhöhnung des Opfers gewertet werden. Es ist heute ein Axiom (d.h. unhintergehbare Voraussetzung des Denkens), dass ein Achtjähriger lebenslang aufs Tiefste geschädigt ist, wenn ein Erwachsener sich ihm sexuell genähert hat.

    Was tun als Verleger? Vielleicht markiert Duverts Buch die >AusnahmeRegel< bestätigt?

  2. In der neuen „Männer“ bespricht Paul Schulz den Roman „Retro“ des Franzosen (immer diese Franzosen!) Olivier Bouillère, der bei Matthes & Seitz erschienen ist und in dem ein erwachsener Mann in die 70er Jahre zurückkehrt, wo er dann nur noch zehn Jahre alt ist und Erfahrungen mit Pädosexualität macht. Resumee der Besprechung: „Sowas darf nicht mal Kunst.“ Warum eigentlich nicht? Rüdiger Lautmann hat vollkommen recht: den Diskurs zu verbieten ist das Ende unserer Kultur. Sowas darf nicht mal Paul Schulz!

  3. Ich möchte kurz auf eine Neuerscheinung (Frühjahr 2010) aufmerksam machen: Tony Duvert, l’enfant silencieux, von Gilles Sebhan, erschienen bei Denoël. Es geht darin um Duverts (einsames) Leben und Sterben.

    Hier liest der Autor die ersten Sätze:

    http://www.liberation.fr/livres/06011877-tony-duvert-l-enfant-silencieux-lu-par-gilles-sebhan

    Libé bringt das unkommentiert. Eine regelrechte Rezension erspart man sich, aber man macht immerhin ein klein wenig Werbung für das Buch, und erinnert damit gleichzeitig an Duvert, der – via Hocquenghem, Schérer und Lapassade – ja einmal sehr wichtig für das Blatt war, als es in den 70ern darum ging, eine sexualpolitische Linie zu definieren.
    Bei Duverts Tod wurde ein ausführliches Interview aus diesen 70ern wiederveröffentlicht. Äußerst interessant und willkommen, aber auch da hat man sich nicht besonders exponiert. Man beschränkte sich fast ausschließlich auf dieses „Zeitdokument“. Zur Gegenwart nur ein paar Allgemeinheiten, d.h. ein kurzer „atmosphärischer“ Nachruf, aber wenigstes das.

    Um auf Sebhans biograph. Essay zurückzukommen. Unten finden sich gerade mal 8 Leserkommentare:

    http://www.liberation.fr/livres/06021877-reaction-sur-tony-duvert-l-enfant-silencieux-lu-par-gilles-sebhan

    Normalerweise melden sich in solchen Fällen – Duvert war ja einmal eine Berühmtheit – sehr viel mehr Leser zu Wort. Zumindest eines mag man daraus schließen: selbst das Heer französischer Sexualstalinisten traut sich nicht so recht, ihn „als Schriftsteller“ anzugreifen, und hält sich deshalb insgesamt etwas zurück. Bitteschön.

    Im Folgenden eine Rezension von René de Ceccaty, in Le Monde:

    http://www.lemonde.fr/livres/article/2010/07/08/tony-duvert-l-enfant-silencieux-de-gilles-sebhan_1385008_3260.html

    1 Leserkommentar.

    Selbstverständlich geht es immer nur um Duvert, und nicht etwa Herrn Sebhan.

    Also hierzulande definitiv eher Totschweigen als hysterische Reaktionen.

    Mal sehen, wie oft sich dieser Titel verkauft. Vielleicht wird das ja noch ein kleiner Überraschungserfolg, gefolgt von Neuauflagen des Duvert’schen Werks. „Le bon sexe illustré“ natürlich ohne die Illustrationen…

  4. wenn das ein gutes Buch ist und einer literarischen Bewertung standhält, nicht nur wichtig als Zeitdokument (ich kenne es leider nicht), finde ich die Idee, dass man das heute nicht mehr veröffentlichen dürfte, so zutiefst absurd, dass ich richtig überlegen muss, wo das Problem ist. Ein Roman (ein fiktionaler Einzelfall) darf ALLES, und das ist ja nun wirklich keine abwegige Theorie! Man kann ja wohl auch noch Lolita lesen oder was? Seit wann dürfen Romane nur von Sachen handeln, die man moralisch gutheißen kann? Was für eine schreckliche Vorstellung.

  5. Joachim Bartholomae hat das Problem mit dem zweiten Begriff auf den Punkt gebracht: Verlegermut. Der wäre, ja der ist gefragt. Wenn man anfängt, den „Volkszorn“ zu fürchten, ist man ihm schon erlegen. Bücher sollten gemacht werden, weil sie gut sind und Leser haben sollen. Was die Polizei (in jedem Sinne, auch der der selbsternannten Sittenwächter) davon hält, ist ein juristisches, kein literarisches Problem, auch kein verlegerisches. Die Frage kann immer nur sein: Lohnt sich der Aufwand, lohnt sich die Mühe? Und da hilft vielleicht diese Perspektive: Nur mutige Verleger kommen in die Literaturgeschichte.
    Das ist, mit Verlaub, meine Meinung als Leser. Und als Bücherezensent. Als Verlagsmensch mag man andere Bedenken haben. Aber immer noch gilt: Verleger sind um der Bücher willen da, nicht Bücher um der Verleger willen.
    Nur Mut! Der Rest ergibt sich.

  6. Ich stelle nachträglich fest, dass der Universitätsverlag MIT Press im November 2007 (!) eine erste englische, bzw. amerikanische, Übersetzung des Essays „Le bon sexe illustré“ – und zwar mit allen fünf Illustrationen – herausgebracht hat.
    Für September 2010 ist „Le journal d’un innocent“ angekündigt.
    Es geht offenbar doch, und sogar in den USA.

    http://mitpress.mit.edu/catalog/item/default.asp?ttype=2&tid=11136

    http://mitpress.mit.edu/catalog/item/default.asp?ttype=2&tid=12355

    In der Verlagsankündigung des „Diary of an Innocent“ wird beiläufig Abdellah Taïa zitiert (Endorsements). Der lebte und lehrte eine Zeitlang in New York und hatte möglicherweise seine Hände mit im Spiel.

  7. Ich erinnere an den Schriftsteller Guido Bachmann! Ich habe 1990 mit ihm ein zweistündiges Interview mit Musik aufgenommen und übers alternative Radio gesendet. Kürzlich habe ich mir das wieder angehört, weil ich es in seinen Nachlass auf der Universitätsbibliothek Basel zur Konservierung gegeben habe. Das gleiche Problem. Er las daraus noch eine explizite Szene vor einem Schaufenster mit einem Buben…

    Ich denke, dass die Schwulen voll in die „Pädo-Phalle“ gefallen sind und da sie eh ein gebrochenes Verhältnis zu ihrer Kindheit und Biografie haben, dazu noch ein schlechtes Gewissen aufgebaut haben. Dabei verkauften sich Kinder- und Jugendbücher aus allen Verlagen – mit coming out – immer sehr gut an erwachsene Schwule…

    Wir dürfen die Spuren unserer Kindheit nicht unter Schweigen begraben und sie von der Moral zum zweitenmal missbrauchen lassen! Howgh

  8. Gerade bekomme ich eine Werbung des Gmünder Verlages. Dabei ist auch der Bestseller „Das knallrosa Tagebuch“, in welchem sich ein minderjähriger Schüler in seinen Lehrer verliebt und ihm nachsteigt. Da hat bis jetzt auch niefrau aufgeheult.
    Allerdings habe ich vor Jahren eine Textpassage als Werbung in meinem damaligen Blatt nachgedruckt, was auch zur Information regelmässig an die Staatsanwaltschaft Basel ging. Da erhielt ich dann doch eine telefonische Nachfrage, woher der Text denn gekommen sei! 😉

  9. Das Problem, das die Damen- und Herrschaften heutzutage mit Duvert haben, liegt meines Erachtens weniger darin begründet, dass der in seinen Erzählungen und Romanen Ereignisse pädoerotischen Charakters schildert, sondern hängt vielmehr mit der lästigen Stringenz seiner Essays zusammen. Denn darin gelingt es ihm, das Zustandekommen solcher Ereignisse derart überzeugend zu rechtfertigen, dass es den unvoreingenommenen Leser, der selbst nicht pädophil ist, dazu bringen mag, sein eigenes beschränkteres Empfinden bald vage zu bedauern. Die Welt ist sicherlich nicht weniger snobistisch geworden, doch eine leichtes Bedauern, fast ein Beschämtsein darüber, als Schwuler, als geistig an sich Arbeitender, wie auch immer, dennoch nicht überall einer „absoluten Speerspitze“ folgen zu können, hat man in diesen Jahren des Aufbruchs verspürt und ausgehalten, aber heute verspürt und hält so etwas offenbar niemand mehr aus; heute erträgt man, so als wären wir alle hedonistische Besserverdiener, ja nicht einmal mehr ein schlechtes Gewissen, das vollkommen berechtigt wäre. Deshalb darf es eine Speerspitze, der man tatsächlich nicht folgen kann, ganz einfach nicht mehr geben. Ob nun Sein oder Bewusstsein – es muss einfach wieder alles seine Ordnung haben. Man denke nur an diese vom Spiegel losgetretene Kampagne „Odenwaldschule“. Wie dort auch immer die realen Machtverhältnisse gewesen sein mögen, jedenfalls hört man die ehemaligen Gymnasiasten bis hin zu Cohn-Bendit allesamt sinngemäß klagen: Und das Schlimmste ist ja, dass wir das damals ganz toll fanden und so überaus glücklich an dieser Anstalt waren…

  10. Vorweg (1): Nachdem wir die mit Sicherheit unpornografische, statt dessen sehr problembewusste Erzählung „Anmache“ von Reinhard Knoppka veröffentlicht hatten, verlor der Autor aufgrund einer Denunziation durch einen homosexuellen Arbeitskollegen seinen Job.
    Vorweg (2): In Amerika war (und regionsweise: ist) Nabokows „Lolita“ natürlich verboten.
    Aber eigentlich will ich ein kleines Zitat bekanntmachen, das ich zufällig gerade gefunden habe, Adorno aus dem Jahre 1964:
    Das stärkste Tabu von allen jedoch ist im Augenblick jenes, dessen Stichwort „minderjährig“ lautet und das schon sich austobte, als Freud die infantile Sexualität entdeckte. Das universale und begründete Schuldgefühl der Erwachsenenwelt kann, als seines Gegenbildes und Refugiums, dessen nicht entraten, was sie die Unschuld der Kinder nennen, und diese zu verteidigen, ist ihnen jedes Mittel recht. Allbekannt, dass Tabus um so stärker werden, je mehr der ihnen Hörige unbewusst selber begeht, worauf die Strafe gesetzt ist. Der Grund für den Minderjährigenkomplex dürfte in ungemein mächtigen Triebregungen liegen, die er abwehrt. Man muss ihn zusammendenken damit, dass im zwanzigsten Jahrhundert , möglicherweise aus einer unbewussten Homosexualisierung der Gesellschaft heraus, das erotische Ideal infantil wurde …
    (T.W. Adorno, Sexualtabus und Recht heute, in: Eingriffe – Neun kritische Modelle, Frankfurt /M 1964, S. 112 f)
    Erstaunlich ist daran, dass Adorno schon damals diesen Komplex als so mächtig wahrnahm, obwohl er von den heutigen Zuständen nun wirklich meilenweit entfernt ist.

  11. Es gab da ja mindestens zwei Phasen: Im 19. Jh. und vom viktorianischen Bürgertum ausgehend die Erfindung des naiven jungen Gänschens, das, lange über die Pubertät hinaus, möglichst bis zur Ehe auch psychisch seine Unschuld behielt, und nun, seit etwa einem Vierteljahrhundert, die Reaktualisierung dieses Konzepts – allerdings nicht mehr auf die besseren Töchter beschränkt, sondern globalisiert, sogar die Straßenkinder der dritten Welt – ungeachtet ihrer alltäglichen Erfahrungen – mit einbeziehend. Gleichzeitig werden zum ersten Mal in der Geschichte sämtliche Formen von Pornographie frei Haus bis in die Kinderzimmer geliefert und mithin namentlich einem Publikum ansonsten durchaus lückenlos behüteter, teilweise noch nicht geschlechtsreifer, Mittelstandskinder, zugänglich gemacht. Es mag den Kontrollinstanzen in naher Zukunft gelingen, kinderpornographisches Material weitestgehend aus dem Internet zu entfernen und die daran interessierten Erwachsenen ihrer Wichsvorlagen zu berauben, es wird diesen Instanzen aber wohl kaum gelingen, dem abgeschotteten, sich zwischen vier Wänden ennuyierenden Nachwuchs neuerlich den Zugang zu Erwachsenenpornographie zu verwehren. Das Kind als neugieriger Konsument wird wohl oder übel erhalten bleiben. Vermutlich deshalb das Erwachseneninteresse an Studien, die sich bemühen, nachzuweisen, dass noch der pornosüchtigste Teenager doch im tiefsten Innern Vorstellungen über die Liebe habe, die so romantisch seien wie die seiner Eltern oder Großeltern in demselben Alter.

    Zu Amerika. Die amerikan. Verhältnisse sind ausgesprochen uneinheitlich.
    Bruce Benderson, Duverts amerikan. Übersetzer, auf dessen ausgezeichneten Roman „The Romanian“, Jeremy Tarcher 2006, frz. „Autobiographie érotique“, Rivages 2004, ich kurz hinweisen möchte, analysiert diese Verhältnisse übrigens ausführlich in einem seiner Essays: „Sexe et solitude“, Payot, 1999, bzw. im amerikan Original „Sex and Isolation“, University of Wisconsin Press, 2007. Wie man ersieht, erscheinen Bendersons Werke zuerst in französischer Übersetzung in recht großen Verlagen, und erst danach in den USA bei eher kleinen, meist akademischen, Verlagen. Auch das spricht Bände. Der in New York lebende Autor – speziell auch ein Chronist der entschwundenen schwulen Gegenkultur – ist ist hier in Frankreich weitaus bekannter als in seinem Heimatland.

  12. Im Hinblick auf die Frage nach „Verlegermut“ verstehe ich, mit Verlaub, den Hinweis auf den Fall Knoppka (Jobverlust nach Denunziation auf Grund Veröffentlichung einer Erzählung) nicht. Der Fall ist erschreckend und empörend, gewiss, aber wer, außer vielleicht der „Gartenlaube“, hätte Autoren je versprochen, Publizieren sei ein harmloses Vergnügen? Dass ein Verlag die Veröffentlichung eines Textes ablehnt, weil ihm Schaden daraus erwachsen könnte, mag weise sein oder feige. Dass ein Verlag jedoch ablehnen wollte, weil das dem Autor schaden könnte, fände ich ungehörig. Sicherlich können und sollen Erfahrene Unerfahrenen raten. Ob er aber einen Text angesichts möglicher Folgen publiziert haben möchte, muss jeder Autor selbst entscheiden. (In Duverts Fall erübrigen sich solche Bedenken ohnedies, der muss sich, soweit ich weiß, um keinen Job mehr sorgen.)
    Die Beantwortung Ihrer Ausgangsfrage, Herr Bartholomae, wie man mutig sein und ungelyncht davonkommen könne, sollte also (nach ausreichender Aufklärung der sich mit ihren Texte preisgebenden Textproduzenten) von Rücksichten auf Autoren
    frei bleiben. (Das behaupte ich als ein oft genug, zum Glück nur verbal, geprügelter Schreiberling.)

    Lernen wir von den Cowboys: Nicht gelyncht wird nur, wer (a) sich versteckt oder (b) rechtzeitig gerettet wird oder aber (c) dem Mob mutig entgegen tritt und ihm den Schneid abkauft. Für einen Verleger kommt (a) wohl nicht in Frage, und sich auf (b) zu verlassen, wäre tollkühn. Bleibt also (c). Und siehe da: Mutig sein und nicht gelyncht werden ist dasselbe!

    Wie die ebenso fundierten wie inhaltlich vielfältigen anderen Postings in dieser kleinen Debatte zeigen, gäbe es viel Wichtiges und Richtiges zu sagen, um bei Bedarf Verlegermut in Pädo-Dingen zu „rechtfertigen“, sozusagen von Adorno aufwärts. Es schadet ja zudem nichts, wenn ein Verlag eine Publikation vorbereitet, indem er besonders solche Rezensenten zur Beurteilung auffordert, von denen, bei aller unvoreingenommenen Unabhängigkeit des unbestechlichen Urteils, nicht zu erwarten steht, dass sie zum Lynchmord aufrufen werden. – Oder bin ich da zu naiv, weil ich dabei unterstelle, dass derartige Rezensionen überhaupt an relevanter Stelle veröffentlicht werden könnten? Muss sich also schwuler Verlegermut von Mainstreamverlegerfeigheit schon im voraus ins Bockshorn jagen lassen?

  13. Ich kann Joachim die Entscheidung nicht abnehmen. Aber im Vergleich zu den vielen Fantasy- und Kriminalroman-Inhalten scheint mir die „sträfliche Fantasie oder Biografie“ über Kindersexualität im allgemeinen Vergleich geradezu harmlos. Ich erinnere mich zufällig gerade noch an das Buch „Babyficker“, das sogar eine literarische Auszeichnung erhielt. Ich habe das Buch später nachträglich gelesen. Ausser dem Wort ficken, war darin nichts von Sexualität zu lesen… Eben.

  14. Lieber Stefan Broniowski,

    nun muss ich wohl doch antworten; die Frage nach meinem Mut auf diese Weise selbst zu kommentieren, erschien mir zunächst als unpassend, aber sei’s drum.
    Der Hinweis auf Reinhard Knoppka sollte nur verdeutlichen, wie gefährlich es sein kann, Mut zu beweisen. Ich würde allerdings tatsächlich Autoren auf solche Gefahren hinweisen, soweit sie mir bekannt sind – im Fall von „Anmache“ hätte ich nie vermutet, dass das Probleme machen könnte. Man lernt dazu.

    Zu mir: als verbreitender Buchhändler, womit meine Arbeit auf dem deutschen Buchmarkt begonnen hat, habe ich zehntausende Euro an Busgeld gezahlt, weil meine Kollegen und ich Mut bewiesen haben, und es hat niemanden geschert, niemand hat sich solidarisch erwiesen, niemand hat es positiv zur Kenntnis genommen, im Gegenteil, linke Buchhändler hier in Hamburg haben sich demonstrativ entsolidarisiert. Daraus habe ich gelernt, dass Mutigsein, um sich selbst dafür auf die Schulter klopfen zu können, ein wenig kindisch ist. Mir ist bewusst, dass die laufenden Ereignisse es immer wieder verlangen, dass jemand nach vorn tritt und demonstrativ handelt, und ich hätte keinerlei Problem das zu tun, soweit ich mich dafür als der richtige Mensch erweisen sollte, was ich in Sachen Duvert zweifellos bin. Nur: nach vorn treten impoliziert, dass andere dahinterstehen. Wolf Biermann hat ein wunderschönes Lied über einen Briefträger im rassistischen Süden der USA geschrieben, der ganz allein gegen Rassendiskriminierung kämpft und erschlagen wird – ganz allein zu kämpfen ist blöd.
    Wir sind im Grunde in der Situation wie die katholische Kirche im Nationalsozialismus: die Aufgabe der Kirche ist es, Sakramente zu spenden, und sie muss sich fragen, ob sie ihre Existenz aufs Spiel setzt, um sich anständig zu verhalten. Unser Verlag leistet eine Arbeit, die derzeit wohl kein anderer tun würde, und insofern müssen wir uns fragen, ob wir unsere Existenz für ein einzelnes Buch aufs Spiel setzen sollten, das zudem schon für längere Zeit lieferbar war.

    Mutig, lieber Stefan Broniowski, sind wir als Kleinverlag jeden Tag, in dieser Hinsicht brauchen wir uns und anderen nichts zu beweisen. Mir hängt es ganz einfach kreuzweise zum Hals heraus, mich wieder und wieder und wieder mit einer juristisch und kulturpolitisch völlig inkompetenten Justiz und mit dämlichen Journalisten etc. herumzuschlagen, und aus der schwulen Ecke nur zu hören, dass Pädos schlimmer sind als Nazis undsoweiter. Die Pädos selbst können und dürfen sich ja nicht äußern, weil sie sich sonst selbst gefährden. Ich habe das so oft getan, zuletzt wegen „Murats Traum“, ich habe einfach die Faxen dicke. Und ich dachte mir, es könnte vielleicht interessant sein, diese Zermürbung und Ermüdung ein wenig öffentlich zu machen. Anscheinend kennen Sie uns nicht, aber gute Ratschläge im Stil von „wer nicht kämpft hat schon verloren“ brauchen wir wohl eher nicht. Manchmal sieht es so aus, dass man, obwohl man kämpft, zu verlieren scheint, und dann braucht man Zuspruch.
    Das macht es auch nicht klarer, oder? Ein weites Feld …

  15. Lieber Joachim Bartholomae,

    nein, klarer macht es das – mir zumindest – nun wirklich nicht. Es lag mir wirklich fern, Ihnen „gute Ratschläge im Stil von ‚wer nicht kämpft hat schon verloren'“ zu geben oder Ihnen zuzumuten, sich selbst auf den Rücken zu klopfen. Ich hatte lediglich, mich als Teil des von Ihnen eingangs (26.7.) angesprochenen „interessierten Publikums“ verstehend, Ihren Vorschlag aufgegriffen, Ideen zu äußern. Das mag misslungen sein. Zumindest kam es falsch an.

    Ihr Eingangsposting wirkte auf mich etwas verzagt und unentschieden, und ich wollte Sie darum bloß darin bestärken, eine Entscheidung, zu der ich Ihnen den Mut sowieso zutraue, tatsächlich zu treffen. Also gerade um den gewünschten Zuspruch war es mir zu tun, nicht darum, etwas einzufordern, was Sie, wie auch ich weiß, schon bewiesen haben. Denn selbstverständlich kenne ich den Verlag und die Buchhandlung „Männerschwarm“, als Leser und Rezensent. (Mit einer Zeile aus einer meiner Besprechungen bewerben Sie sogar immer noch eines Ihrer Produkte …) Auch über Inkompetenz, Dämlichkeit und mangelnde Solidarität erzählen Sie mir leider nichts grundsätzlich Neues.

    Ich wundere mich ja immer, dass es überhaupt noch Verleger und Buchhändler gibt, die es auf sich nehmen, abseits (oder inmitten) konsumistischer Oberflächlichkeit intelligente Angebote zu machen. Aber dann fällt mir ein, dass es denen wohl eben einfach so geht wie mir, einem Gelegenheitsschreiberling, der auch trotz allem noch Texte produziert und veröffentlicht: Es geht nicht anders. Man muss, um Ihre Formulierung aufzugreifen, kämpfen, obwohl man zu verlieren scheint. Nicht deshalb, weil nicht zu kämpfen hieße usw. Sondern weil man das, wofür man kämpft, für richtig, wichtig, notwendig hält. Trotz Niederlagen. Trotz Enttäuschung. Trotz Überdruss. Trotz gelegentlicher Mutlosigkeit.

    Hätten Sie aus meinen Postings nicht nur die nicht beabsichtige Belehrung, sondern auch den beabsichtigten Zuspruch herausgelesen, hätten Sie vielleicht meinen Gedanken aufgegriffen, sich schon im Vorfeld möglicherweise „problematischer“ Veröffentlichungen der Kompetenz und Solidarität zu vergewissern, deren Mangel im Nachhinein zu beklagen ja nur unbefriedigend sein kann. Wie immer solche Vergewisserung im Einzelnen vonstatten gehen soll, das werden andere besser wissen als ich.

    Nein, um Himmwels willen, für die Neuauflage eines erst jüngst vergriffenen Buches soll selbstverständlich keine Existenz auf Spiel gesetzt werden! Aber ich hatte Ihre Frage – wie veröffentlichen und nicht gelyncht werden – ja auch viel allgemeiner aufgefasst. Wäre nämlich bloß das die Alternative: Untergehen oder nicht publizieren, wäre die Entscheidung ja auch schon gefallen, oder? Darum kann es also nicht gehen.

    Worum dann? Um Kompetenz und Solidarität? Hielten Sie wirklich alle Journalisten für dämlich und Schwule für samt und sonders unpolitisch (und beispielsweise pädophob), hätten Sie den Wunsch, Bücher unters Volk zu bringen, doch wohl längst aufgegeben.

    Lassen Sie also ruhig Ihren Frust heraus. Je lauter und öffentlicher, desto besser. Aber übersehen Sie nicht, dass es außerhalb des Zirkels der „Fachgespräche (…) über den Schreibtisch hinweg“ immer auch noch andere Leute gibt, für die Sie Ihre Bücher machen. Das heißt ja nicht, dass ich alle Bücher von „Männerschwarm“ gut finden muss, aber als Leser darf ich mir doch wünschen, dass gewisse Verleger gewisser unverzichtbarer Verlage – den üblichen Widrigkeiten zum Trotz – immer mal wieder von Neuem so mutig sind, wie sie es bereits früher schon immer mal wieder waren …

  16. @Johanna und Joachim, doch, genau das darf Paul Schulz in seiner Eigenschaft als Kritiker. „Retro“ ist meiner Meinung nach ein absolut entgrenzter Text, der sich, würde man simple Genre-Regeln anwenden, auch schlicht „Pornografie“ nennen lassen könnte. Sprachlich interessant aber sonst katastrophal. Der Text ist eindeutig dazu gebaut, dem Leser Lust an der Bemächtigung des Kinderkörpers durch Erwachsene zu machen und schildert das Unbehagen des Kindes als Teil eben jener Lust. Und ich finde, das geht so nicht. Wenn ich den „…Catherine M.“ und „Feuchtgebiete“ Viagrianern in den deutschen Feuilltons damit widerspreche, seis drum, damit kann ich ganz gut Leben.
    Aber es liegt mir dabei selbstverständlich fern, den Diskurs verbieten zu wollen. Ich hätte ihn nur gern mit und an Hand von Texten geführt, die besser und klüger sind als „Retro“. „The End of Alice“ ist immer noch nicht in deutscher zu Übersetzung zu haben, weil sich keiner traut, was mich wahnsinnig ärgert, weil sich hier mal ne Frau des Themas annimmt und dabei ein so großartiges Buch rauskommt, dass ich es selbst verlegen würde, könnte ich.

  17. Lieber Paul,
    schön, Du hast es mitgekriegt. Ich habe „Retro“ nicht gelesen, nur Deine Kurzkritik. Mit dieser Ergänzung sieht die ganz anders aus, durch das Weglassen des Pornovorwurfs war Deine Argumentation entstellt.
    Das Ende von Alice schaue ich mir an – Buchtipps werden übrigens immer gern angenommen!

    Und lieber Stefan Broniowski,
    auch hier besten Dank für die Erläuterung, ich hatte den Tenor des ersten Kommentars offenbar falsch verstanden.

  18. Es gibt auch Bücher, die sich mit Frauen als Täterinnen befassen, sowohl in fiction, als auch in non-fiction. Diese Titel aber waren und sind NIE Objekte öffentlicher Empörung. Auch eine Südafrikanische Studie über sexuelle Übergriffe, bei der ein hoher Anteil an Frauen sichtbar wurde, wurde zB im deutschen Sprachraum nie vollständig rezipiert…
    Da es bei Kindern nicht um Fortpflanzung geht, sondern um Identität und Identifikation, wären sexuelle Handlungen im gleichgeschlechtlichen Bereich eh anders zu werten, als alle heterosexuelle Penetrationsübungen. Aber das haben wir nun von der „Gleichstellung“ > Gleichbewertung von Knaben als Mädchen. (Die sich Frauen wohl nie so gefallen lassen würden)
    Wenn Homosexualität in der Heterosexualität einfach „aufgeht“, also Knaben unter dem Begriff Kinder einfach zu Mädchen werden, dann sind wir wieder bei den Verführungstheorien der 60er Jahre. Über Männerhäuser in alten Kulturen wurde auch nie gross diskutiert.
    Wenn das „Kindeswohl“ denn im Zentrum stehen würde, würde auch der Diskurs nicht verbotenl. Aber vieles von der öffentlich in Gratiszeitungen verbreiteten/zitierten Pornografie über sexuelle Übergriffe an Kindern, wird auch von diesen selber gelesen. zB Fritzl ohne Zensur in der Gratiszeitung an der Strassenbahnhaltestelle. (Eigenbeobachtung von Schülern)
    Wenn wir die Kindheit und Jugend einer später homosexuell/bisexuell orientierten Person tabuisieren, dann gibt es auch keine homosexuelle Kindheit und Jugend, so wie es sich die Heterosexuellen ja immer noch moralisch wünschen.
    Ich habe noch zwei Bücher im Kopf, die ich leider zurzeit nicht korrekt zitieren kann, weil sie – wegen Sanierungsbau – ausgelagert sind. 1. Was Mütter ihren Kindern antun (aus Österreich – 2. Den Bericht einer Amerikanerin über sexuelle Kontakte von/mit Knaben auf Englisch (würde sich eine Übersetzung wohl lohnen!)
    Letztlich wird klar, dass es nicht einzelne Handlungen sind, die irgendjemanden schädigen können, sondern das „Totschweigeprinzip“, das sich dann eben selbst erfüllt und politisch korrekt bleibt!

  19. „Als Jonathan starb“ ist wirklich ein großartiges Buch.
    Jawohl, es erzählt von einer Beziehung, die es nach dem Strafgesetzbuch so nicht geben dürfte und die es sogar so (meiner Meinung nach) nicht geben sollte. Aber weder das wirkliche Leben noch die Literatur richten sich immer nach dem Strafgesetzbuch – und die Literatur sollte das auch gar nicht tun. Denn sie ist doch wohl gerade der „Ort“, in dem wirklich alles verhandelt werden können muss. Mord und Totschlag sowieso, aber eben auch unmögliche Lieben.

    Und darin liegt die Qualität dieses Romans:
    Er schildert das Verhältnis zwischen Jonathan und Serge als „unmögliche Liebe“. Duvert stellt keine Behauptung auf über kindliche Sexualität und eine gleichberechtigte Liebe zwischen Kind und Erwachsenem, er wirbt nicht für irgendetwas (was Literatur ja sowieso nicht tun sollte!). Er entfaltet zwei Welten:

    Die Welt des Pädos Jonathan, der vor seine Liebe zu Serge sogar flieht, weil er weiß, dass sie nicht geht, der zwar alles Mögliche mit Serge anstellt, der dabei aber genau begreift, dass dieselben Dinge für Serge etwas ganz anderes bedeuten. Jonathan weiß, dass Serge ihn nicht liebt.

    Und die Welt von Serge, der ein Kind ist ohne Moral und Werte, der Regenwürmer brät und sein Kaninchen laufen lässt – mal sehen, ob es überlebt – , der mit Schnecken und Kröten experimentiert und eben auch mit seinem Schwanz. Und mit von Jonathan. Serge probiert alles aus, nichts hat von vornherein einen Schrecken. Er ist ein „unerzogenes“, „unzivilisiertes“ Kind, das bei Jonathan den Raum findet, sich, frei nach „Jugend forscht“, „frei“ zu entfalten. Ob es dabei im Rousseau’schen Sinn auch erzogen wird?

    Der Roman erzählt davon, wie diese beiden Welten aufeinandertreffen, stellt sie in einen größeren Kontext der Gesellschaft, der Erziehung, auch der Kunst (die Jonathan als Maler betreibt, in einem Umfeld, das aber gnadenlos kunstfeindlich ist, vor allem gefälligen Moden und dem schnöden Mammons folgt).

    Der Junge hat auch eine Mutter und einen Vater. Wie gehen die denn mit dem Kind um? Lieben sie es, kümmern sie sich, haben sie so etwas wie Moral oder Werte? Sie benutzen es und stellen es irgendwo ab, wenn es stört. Sie schicken es zu Jonathan (obwohl sie ahnen, was da läuft, warum es Serge zu ihm zieht). Weil die Großmutter aber eifersüchtig wird und die Mutter sich deren Druck beugt, wollen sie es am Ende zu ihr schicken, Serge und Jonathan endgültig trennen …

    Duverts Roman ist ein Gesellschaftsroman, ein Erziehungsroman, die Geschichte eines Pädos und eines Kindes in einem komplexen Geflecht gesellschaftlicher Realitäten. Ich fühlte mich in Sachen „Amoralität“ auch an „Die schlimmen Engel“ Jourdans erinnert. Ich wüsste nicht, warum man dieses Buch nicht wieder auflegen sollte. Nur die Übersetzung muss neu gemacht werden. Die vorliegende ist von einem Franzosen, der sich, was die Feinheiten der deutschen Sprache betrifft, leider allzu oft ziemlich verhauen hat.

  20. Lieber Detlef,
    ich finde dein engagiertes Eintreten für dieses Buch gebietet Respekt. Ich finde aber auch, dass der Verlag und speziell die arroganten Einlassungen eures Verleger auf queer.de. (ich weiss, ein Proll- und Trollforum aber immerhin ein wichtiges Nachrichtenportal für Schwule und Lesben) es sich ein wenig zu einfach macht mit dem Verweis: Das ist Literatur, die darf das. Gerade angesichts der Kenntnisse über Kindesmißbrauch, Ursachen und vor allem Ausmaß hätten m.E. eine einordnende Publikation bedurft, etwa durch ein Nachwort, dass erklärt in welcher Zeit, vor welchem gesellschaftlichen und ideologischen Hintergrund dieses Buch entstanden ist. Das Otto-Normal-Homo mit diesem Thema erstmal überfordert ist, dass es solche brüsken Abwehrreaktionen hervorruft, das alles müsste dem Verlag doch bekannt gewesen sein? Aber anstatt zu vermitteln geht ihr den Weg der Konfrontation. Wem nützt das?

  21. Lieber Fritzer,
    erstmal ein Hinweis für „Mitleser“: Fritzers Kommentar bezieht sich auf eine Debatte auf Queer.de eben nicht über das Buch, sondern in Unkenntnis des Buchs über die schändliche Verharmlosung der Pädophilie.

    Dann zur Sache: Bei Queer.de geht es nicht darum, dass Duverts Roman Otto-Normal-Homo überfordert. Das kann gar nicht sein, weil er es gar nicht liest. Zahlreiche der erregten Beiträger räumen ja von sich aus ein, dass sie das Buch zwar nicht gelesen haben, aber trotzdem gerne mal ihre Meinung dazu sagen. Und für alle anderen gilt dasselbe. Niemand dort hat das Buch gelesen – und die meisten würden sich ihrer Beiträge im Nachhinein schämen, wenn sie denn das Buch wirklich mal gelesen haben würden. (So viel Konjunktivus Irrealis und Futur 2. Das sagt schon alles über die Diskussion dort!)

    Aber es gibt ja Reaktionen auf das Buch von Leuten, die es gelesen haben: Andere Rezensionen zum Beispiel, oder Kundenwertungen bei Amazon. Das sind alles keine eindimensionalen unkritischen Jubelmeinungen. Es sind nachdenkliche, irritierte Meinungen von Lesern, sie zeugen davon, dass sich Leute sehr ernsthaft mit dem Buch beschäftigen. Wenn ein Buch so etwas erreicht, fordert es – und auch das soll Literatur schließlich!

    Eine Rezension zitieren wir auf der Startseite der Verlagswebsite. Andere werden jetzt schnell ausgewertet und publik gemacht.

  22. Hallo zusammen !

    Optimistisch gehe ich mal davon aus, dass auch ich hier als offen und wohl ziemlich bekannter Pädophiler meine Meinung dazu posten kann, oder….?

    Ich habe zwar die Neuauflage noch nicht gelesen, aber dafür die frühere Ausgabe im damaligen Rosa-Winkel-Verlag – das Wesentliche wird sich wohl nicht verändert haben, denke ich mal.

    Der sexuelle Anteil im Buch ist dermaßen gering, dass es eigentlich keiner großen Erwähnung bedarf. Im Vergleich zu homoerotischer schwuler Literatur ist die Umschreibung vollkommen harmlos. Wenn ein Schwuler also nun bei Queer.de ließt „Penetration eines 8-Jährigen“ und das auch noch als Überschrift, dann muss ER zwangsläufig total falsche Schlüsse ziehen. Das ist weder ein Homo- noch ein Pädo-Porno.

    Die Diskussionen bei Queer.de gehen nicht wirklich um das Buch, sondern einige wettern gegen Pädosexuelle/Pädosexualität insgesamt. Nun, dass ist erstmal nix besonders – geschied ja überall. Ich bekomme hier allerdings immer Magenkrämpfe, wenn sowas von Schwulen kommt. Denn ich bin nicht der Ansicht, dass Homosexuelle grundsätzlich besserer Menschen sind als Pädosexuelle. Jedenfalls lass ich mir hier keine Angriffe mit Bezeichnungen wie Perverser, Kinderschänder und psychisch Kranker usw… bieten. Und von Schwulen, denen es früher ähnlich ergangen ist, schon mal überhaupt nicht. Das nur mal so nebenbei bemerkt – sozusagen schon mal vorbeugend – präventiv.

    Ich wünsche dem Buch und dem Männerschwarm Verlag möglichst viel Erfolg mit dieser Neuauflage – und hoffe, dass es nicht nur viele Pädos kaufen werden, sondern auch andere Menschen…

    Gruß Dieter-K13

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