Sacha Baron Cohen scheitert an schwulen Dumpfbacken

Ralf König wurde von einer französischen Zeitschrift dafür gelobt, dass es endlich ein Deutscher schaffe, die Menschen zum lachen zu bringen – was im Grunde wirklich erstaunlich ist, denn so ordinär und brachial, wie sich internationale „Lustigkeit“ zumeist präsentiert, ist Ralf doch gar nicht. Deutschland und der Rest der Welt haben miteinander ein Humorproblem, das nur wenige Künstler zu lösen in der Lage sind. In dieser Situation kommt mit „Bruno“ ein Film in die deutschen Kinos, der ganz und gar auf plumpesten Klamauk setzt, und zwar inszeniert um die Figur des schwulen Modejournalisten Bruno. Das erstaunliche daran: auch Klamauk kann wirklich komisch sein. Und stell dir vor, es gibt mal gutes Kino, und keiner geht hin!
Der Verleih gibt bekannt, dass in Deutschland knapp 700 000 Menschen den Film gesehen haben, und die schwulen Stadtzeitschriften berichten zwar über die Dreharbeiten, aber nicht wirklich über den Film – mit Ausnahme des Hannover-Teils im „Hinnerk“. Warum Chefredakteur Mielchen seine durchaus positive Besprechung derart versteckt, wird wohl ein Rätsel bleiben.
Worum es eigentlich geht, ist sehr schwer zu sagen. Cohen bezeichnet seinen Film als „Mockumentary“, also eine Mischung aus Dokumentation und Verarschung. Angeblich sollen viele der Mitwirkenden über die „lustige“ Absicht im Unklaren geblieben sein. Der Film beschreibt den Versuch der Hauptfigur, nach seinem Rauswurf beim österreichischen Fernsehen in Los Angeles berühmt zu werden, zu welchem Zweck er schließlich auch dazu bereit ist, zur Heterosexualität zu „konvertieren“. Dieser Plot dient hauptsächlich dazu, Cohen in groteske und peinliche Situationen zu bringen, um so nach Art des britischen Humors Witze auf seine eigenen Kosten zu machen.
Falls der Film eine Message hat, so könnte die lauten: „Auch strunzdumme Homosexuelle haben das Recht zu leben“, und für die Vermittlung dieses Gedankens so viel Aufwand zu treiben ist nun wirklich ehrenwert. Verglichen mit den üblichen Topoi: „Homosexuelle, die ihre Mütter pflegen, dürfen leben“ oder „Homosexuelle, die tolle Künstler sind, dürfen leben“ oder „Homosexuelle, die nicht darüber reden, dürfen in Hamburg Bürgermeister werden“ sind wir mit diesem Film ein gehöriges Stück weiter gekommen. Warum also wird dieser erstaunlich „lustige“ Film beim schwulen Publikum kein Hit? Warum kein tobendes Kinopublikum wie bei „Rocky Horror“? Gehen Schwule wirklich nur dann ins Kino, wenn halb- oder ganznackte Schnuckelchen mitspielen? Oder anders gesagt: Bruno würde diesen Film ganz bestimmt nicht anschauen, denn Bruno ist dumm + völlig humorlos. Ob Sacha Cohen vielleicht der Wirklichkeit ein wenig zu nah gekommen ist?


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5 Gedanken zu „Sacha Baron Cohen scheitert an schwulen Dumpfbacken

  1. Und genau das hab ich mich auch die ganze Zeit gefragt. Warum wird dieser Streifen nicht wie die RHPS ebenso als Entertainment gewertet… als überzogene Persiflage auf alle die Vorurteile in beiden Welten… ick meine das man als Frankenfurter-Dragqueen heutzutage in die Trashecke gesteckt wird kann ich nachvollziehen aber der Spaß am Film ist nach wie vor ungebrochen. So gings mir auch bei Bruno.. ich hatte Spaß.

  2. Brüno en France.

    Hier ein kurzer Bericht, wie der Film von den Franzosen aufgenommen wurde.

    Das gleich vorweg: Ich selbst hab das Werk nicht gesehen, d. h. ich hab es nicht wirklich gesehen, ich hab auch „Borat“ schon nicht wirklich gesehen. Jede bessere Metrostation war wochenlang mit Brüno-Plakaten vollgeflastert, von jeder zweiten Bushaltestestelle und sogar jedem zweiten Bus lächelte (oder schmollte) einem Sacha Cohen entgegen, und wenn man sich einen anderen Film anschauen wollte, bekam man im Kino zuerst einmal den Brüno-Trailer aufgedrückt. So etwas führt bei mir dazu, dass ich unweigerlich den Eindruck bekomme, den Film schon gesehen zu haben, und es schließlich für völlig überflüssig halte, noch einmal extra Geld dafür auszugeben. Tatsächlich entschied ich irgendwann: Wenn mir vom nächsten Bus schon wieder Brüno entgegenlächelt (oder -schmollt), dann stimmt das mit dem Déjà-vu, basta. Und so war es dann auch.
    Ich verstieß in den letzten Jahren nur ein einziges Mal gegen meine innere Logik, das war im Fall von „Brokeback Mountain“. Ich nehme an, dass sich, trotz allem, die beiden Cowboyhüte einfach unauffälliger ins pariser Stadtbild einfügten als dieses gelbe Strickhöschen. Der Western war in der Kategorie „Tearjerker“ dann auch ganz nett, ich hatte irgendwann feuchte Augen, und man findet ja sonst kaum mehr was zum Heulen.

    Zurück zu „Brüno“. Die Fragen, die man sich auch hierzulande stellte, waren:

    1. Ist Brüno lustig?
    2. Ist Brüno schwulenfeindlich?

    Auf die erste Frage antworteten mir die Franzosen, die den Film in ganzer Länge gesehen hatten: Da ich ja schon mehrmals in den Genuss des Trailers gekommen sei, solle ich mir bitte selbst eine Meinung bilden, denn sämtliche Gags befänden sich im Trailer.

    Die in ihren Konsequenzen etwas komplizierte Antwort auf die zweite Frage lautete: „Brüno“ sei eindeutig NICHT schwulenfeindlich, sobald nur genug Schwule im Saal versammelt seien. Allerdings sei „Brüno“ DURCHAUS schwulenfeindlich, wenn man das Gefühl habe, der einzige Schwule im Publikum zu sein. Man kann Homosexuellen, die sich verdient machen möchten, aus diesem Grund wohl nur raten, die Kinokassen zu stürmen, um dem Werk seinen potentiell gefährlichen Charakter zu nehmen.

    Ich möchte beiläufig noch eine frankokanadische Low-Budget-Produktion erwähnen, die hoffentlich auch in deutsche Kinos kommt: „J’ai tué ma mère“ von Xavier Dolan. Der Hauptdarsteller ist leider auch etwas schnuckelig, doch das ist in diesem Fall unvermeidlich, denn er ist ebenfalls Drehbuchautor und Regisseur. Der 1989 geborene Dolan spielt in seinem offenbar stark autobiographischen Erstling einen sechzehnjährigen Oberschüler, der zwar keine Probleme mit seinem Schwulsein hat, jedoch noch mit seiner geschiedenen Mama zusammenleben muss. Und die lässt er das bitter büssen. Es wird dem Klischee des gequälten Coming-outers hier ein narzisstischer Kotzbrocken entgegengesetzt, der einen aber nicht minder zu rühren vermag. Ich nehme an, Dolan, der inzwischen wohl nicht mehr bei seinen Eltern wohnt, möchte sich mit diesem Werk nachträglich bei ihnen entschuldigen.

  3. Nach Dolans Film werde ich bestimmt Ausschau halten!
    Was die Publikumsreaktionen auf Bruno betrifft, so zeigt der Film in der gigantischen „Straight Dave“-Veranstaltung am Schluss den größten anzunehmenden Unfall. Schlimmer kann es auch in einem komplett von Heterosexuellen okkupierten Kino nicht werden, jedes tobende Publikum wäre zudem automatisch Teil der Performance.
    Meine gesamt Wahrnehmung des Film wurde in der Tat vom Puublikum der Aufführung geprägt, die ich gesehen habe – OmU am späten Nachmittag, denn leider war der Film ja sehr schnell wieder aus den großen Sälen verschwunden. Ich saß als vermutlich einziger Schwuler zwischen Mädchengruppen und älteren bis alten Ehepaaren, die – erstaunlich genug – allesamt nur an den richtigen Stellen gelacht haben. Ich habe ganz bestimmt nicht begriffen, wie dieser Film es schafft, diesen Leuten eine so rundum gute Zeit zu bescheren, aber ich habe großen Respekt davor! Ich befürchte, dass einem viele dämliche Homos die Vorführung eher hätten vergällen können.

  4. Warum sollte ich mir „Brüno“ ansehen? Ich hab doch „Ein Käfig voller Narren“ dreimal im Kino gesehen und besitze obendrein die DVD. Reicht das nicht?
    Bemerkenswert finde ich die Überlegung in einem der vorhergehenden Beiträge, dass es vom Publikum abhinge, wie man sich in dem Film fühlt. Das hat mich an zwei Situationen erinnert, in denen ich im Kino blanke Angst hatte.

    In Situation 1 geriet ich, als ich vor Jahren (Jahrzehnten?) in einem Hamburger Schachtelkino den Van-Damme-Film „Time Cop“ in der Erstaufführung sah. Ja, ja, ich gebe zu: Ich bin ein Van-Damme-Fan. Na und? Wir saßen in der dritten Reihe und mir schien, dass gesamte Kino hinter uns sei mit jungen, höchst aggressiven Migranten besetzt. Der Filmplot stellt erhöhte Anforderungen an die intellektuelle Leistungsfähigkeit des Zuschauers, denn die Handlung springt ständig zwischen verschiedenen Zeitebenen. Das vermochten die jungen Migranten nicht nachzuvollziehen (Migrantinnen waren keine dabei). Sie machten ihrem Unverständnis lauthals Luft und als Resultat erlitt ich einen schweren Anfall von Xenophobie. Als politisch korrekter Mensch ist mir das heute noch peinlich.

    Situation 2 begab sich im Hamburger Cinemaxx. Mein Freund und ich hatten beschlossen, „Brokeback Mountain“ aus Zeitmangel am späten Nachmittag, direkt nach Feierabend anzusehen. Und was passierte? Das ganze Kino voller Frauen! Im Ernst. Zwei Männer und einhundert Weiber. Nein, sie hatten keine Scheren dabei, jedenfalls drohten sie uns nicht damit. Aber sie zückten Taschentücher. Und kaum hatte der Film zu Flimmern angefangen, ging das Geheule schon los. Hemmungslos! Als das Licht wieder anging, waren mein Freund und ich akut Suizid-gefährdet.

    So kann es einem gehen, wenn man unüberlegt ins Kino geht!

  5. In „Käfig voller Narren“ geht es um einen Damendarsteller als radikale schwule Lebensform, damit hat „Brüno“ überhaut nichts zu tun. Bruno demonstriert, dass Schwulsein die letzten Reste emanzipatorischer Ziele oder Gedanken verloren hat, aber, zumindest in den USA, im Vergleich zu vielen Heterosexuellen dennoch die überlegene Lebensform ist.
    Die Publikumsfrage ist allerdings sehr ernst zu nehmen. Ich habe mir längerer Zeit im Ernst-Deutsch-Theater hier in Hamburg das Theaterstück „Das normale Herz“ (The normal heart) von Larry Kramer gesehen, in dem die Anfäge der Aidskrise erzählt werden. Das mittelalte heterosexuelle Abonnementspublikum fing beim ersten Männerkuss an zu kichern, es war eine Zumutung, dieses Thema in einem solchen Umfeld zu Präsentieren.

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