Murathan Mungan und die Sehnsucht nach Philologie

Mungan, Palast des Ostens: Fünf Erzählungen über Liebe und Freundschaft vor dem Hintergrund Osttürkischer Natur und Stammeskultur sowie der dortigen Legenden und Märchen. Dem deutschen Leser bleibt manches unklar. Hinsichtlich etwaiger Zitate oder Bezüge zu volkstümlichen Überlieferungen ist er auf philologische Erschließung angewiesen, die das kurze Nachwort einer Turkistin leider nicht beisteuert. Er ist deshalb, auch bezüglich der durchweg sehr stilisierten und hochintensiven Männerfreundschaften auf die Sichtweise des Autors angewiesen, etwaige Spannungsverhältnisse zwischen Realität und Literatur geraten nicht in den Blick. Genau darin scheint jedoch der besondere Reiz von Mungans Literatur zu liegen. Die Übersetzung scheint zudem oft nicht adäquat und es entsteht schnell verwirrende Unsicherheit darüber, welche Eigenheiten vom Autor beabsichtigt und welche von der Übersetzung zu verantworten sind. Wie kommen Banalitäten wie „Die Sonne geht im Osten auf und im Westen unter“ oder die immerwährenden Wiederholungen im Text zustande? Ich fühle mich nach der Lektüre wohl über den Plot, nicht jedoch über die literarische Gestalt informiert.
In seinen geradezu beschwörend vorgetragenen Liebes-/ Freundschaftsmythen inmitten einer hochgradig symbolisch aufgeladenen, artifiziellen Realität fühlt man sich beim Lesen schnell an George erinnert: Herzen voller Kraft und oft auch Überschwang begegnen Versuchung oder Erfüllung, in jedem Stein und jedem Baum wohnt ein Lied. Das wird schnell anstrengend. Dass Mungan eigentlich keine Geschichte erzählt, sondern die dürre und unwichtige Handlung nur zum Anlass für ausufernde Beschreibungen und Analysen der handelnden Charaktere nimmt, macht es noch schwieriger: Hier denkt man an die totlangweilige Ideenprosa der deutschen Klassik, die zu recht vergessenen Werke Goethes, Hölderlins und Stifters. Das mag seine Gründe haben und zu Aussagen über den Entwicklungsstand der türkischen Literatur und/ oder Gesellschaft führen, und Mungan schreibt bei aller Georgeschen Betulichkeit so kraftvoll und im türkischen Volkstum geerdet (zumindest scheint des dem unkundigen Leser so), dass der erste Eindruck ganz von diesem zupackenden Erzählton geprägt ist.
Die Geschichten:
(1) „Ökkes und Cengâver“
Wie lassen sich Stammesriten der Männlichkeit mit inniger Freundschaft vereinbaren?
(2) „Dumrul und Azrael“
Gerade in seiner Unfähigkeit zu lieben, in seiner naiven Selbstbezogenheit vermag der Mensch einen bezwingenden Eindruck selbst auf unsterbliche Geister auszuüben. (Hier scheint allerdings ein Pasolinischer Masochismus des Autors gegenüber schönen Jungs eine Rolle zu spielen!)
(3) „Binali und Temir“
Aufeinandertreffen, Faszination und Identitätskrise zweier legendärer Figuren: junger, wilder Hirte und erwachsener Banditenkönig, metaphorisch als Gazelle und Falke dargestellt. Ein unglaublich wortreicher und redundanter Text, in dem alle tendenziell schönen Bilder (selbst Gazelle und Falke) mindestens dreimal erklärt und totgequatscht werden.
(4) „Muradhan und Selvihan“
Die unstandesgemäße Liebe zwischen Nomade und Prinzessin kulminiert im gleichzeitigen (nicht: gemeinsamen!) Selbstmord. Mungan stülpt diesem literarisch sehr geläufigem Thema Berge von Naturschilderungen und Märchenhandlungen über, ohne dass der Stoff dadurch eine andere Färbung bekäme.
(5) „Der Großwesir und seine Bote“
In der Geschichte des Großwesirs und seines hingebungsvollen Boten (der allerdings nur ganz kurz gegen Ende auftritt) schmeißt Mungan allzu ekstatisch mit Anspielungen und Metaphern aller Art um sich, die für mich als nordeuropäischen Leser unverständlich sind. Dahinter steckt eine sehr dünne Polit-Intrige.

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