Mehr oder weniger Besinnliches

Wir wollten in diesem Blog neben Einzelbesprechungen auch immer wieder Geschichten aus der Welt der Bücher und des Büchermachens erzählen, aber es hat sich gezeigt, dass letztlich nur Kuriosa wie die Absage amerikanischer Verlage an Bilderbücher, auf denen ein millimeterlanger bzw. -kleiner Schniepel zu sehen ist, sich gerade mal kurz berichten lassen. Viele andere Ereignisse gewinnen für mich als Verlagsmenschen dadurch Bedeutung, dass sie für umfassende Tendenzen symptomatisch sind, man müsste also schon sehr weit ausholen, um das jeweils Besondere zu vermitteln, und dafür fehlt im Tagesgeschäft oft die Zeit. Ich möchte an dieser Stelle deshalb noch einmal dazu einladen, sich als Blogschreiber an dieser Seite zu beteiligen, eine kurze Anmeldung beim Webmaster Detlef Grumbach genügt. Wir hoffen weiterhin, dass diese Seite für ganz verschiedene Menschen, die sich für Literatur interessieren, ein lebendiges Forum wird, aber offenbar schaffen wir das nicht alleine.
Bei Männerschwarm erscheint im Frühjahr ein Roman des Engländers Ronald Firbank, und bei unseren Recherchen fanden wir heraus, dass ein anderes Buch dieses Autors im Jahr 1970 bei Hanser erschienen ist. Wir besorgten uns das Buch und baten die Kollegen bei Hanser, uns die Pressemappe zu ihrem Firbank-Titel zu schicken. Heute würde weder Hanser ein solches Orchideen-Buch verlegen, noch würde so ausführlich im Feuilleton darüber berichtet werden; ein solcher Rückblick über fast 40 Jahre hinweg ist schon sehr lehrreich – die Lust am Entdecken, am Besonderen ist in großen Teilen der Branche der Lust auf das sichere Geschäft gewichen, was sich auch an manchen Erfahrungen im Vertrieb festmachen lässt. Wer mit Begeisterung von einem Buch erzählt, bekommt heute in der Regel ganz einfach zu hören: Das ist ja alles sehr schön, aber verkauft sich das denn auch? Man könnte erwidern, dass diese Frage von dem- oder derjenigen zu beantworten ist, der sie stellt, dem Buchhändler/ der Buchhändlerin nämlich, die über viele Jahrzehnte hinweg mit ihrem Engagement Bestseller gemacht haben.
Aber vielleicht lassen sich zeitgenössische Autoren auch ganz einfach nicht mehr gut verkaufen, weil sie nie gelernt haben, wie man eine Geschichte erzählt. Mein Kollege Detlef Grumbach bereitet gerade zusammen mit der Literaturwerkstatt Berlin ein Kolloquium vor, auf dem Autoren, Verleger und Kritiker darüber nachdenken sollen, wie es eigentlich dazu kommt, dass bestimmte Themen sehr oft, andere dagegen so gut wie nie von der Literatur unserer Tage aufgegriffen werden. Um für diese Veranstaltung sinnvolle Fragestellungen zu entwickeln, haben wir die Themen und Stoffe lebender deutschsprachiger Autoren revuepassieren lassen, und es ist schon verwunderlich, wie wenig Welt heutzutage genügt, um daraus einen Roman zu machen. Ein Aspekt dieser Weltarmut ist das weitgehende Fehlen sozialer Gemeinschaften, egal, ob es nun Familien, Freundeskreise oder Arbeitszusammenhänge sind. (Die Abrechnung mit der Herkunftsfamilie zählt hier nicht, diese Bücher kennen wir und wollen sie nicht mehr lesen!) Selbst Dostojewskis verzweifelte Einzelgänger Raskolnikov oder Fürst Myschkin sind von einem engen Netz anderer Menschen umgeben, Isherwoods „Single Man“ bezieht sich unausgesetzt auf sehr viele andere Menschen, die ihrerseits handeln, und auch Musils „Mann ohne Eigenschaften“ kann ja nur als solcher gezeigt werden, indem der Autor Ulrich mit sehr vielen Menschen mit sehr vielen Eigenschaften konfrontiert. Wenn Hape Kerkeling zum Stift greift und schreibt, sagt er: „Ich bin dann mal weg“, und folglich schreibt er nur über sich selbst.
Durch mehrere, eigenständige Perspektiven gewinnt jede Geschichte enorm an Plastizität und damit nicht zuletzt auch an Unterhaltungswert. Andererseits mag sich der Autor fragen: warum so viel Energie investieren? Mit widerspenstigen Gegenfiguren bin ich im Leben oft genug konfrontiert, hier soll doch endlich einmal „meine“ Figur ungeschmälert zum Zuge kommen (ob nun autobiografisch oder nicht). Leider ist das Ergebnis einer solchen ökonomischen Arbeitsweise fast immer unbefriedigend, und der Autor erreicht gerade das nicht, was ihm am wichtigsten sein wird: einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Der größere Erfolg des illustrierten Teils der Literatur, seien es Comics, seien es Spielfilme, liegt m.E. zum großen Teil gerade darin begründet, dass viele handelnde Figuren mit eigenen Motiven geschildert werden, was hier formal weniger schwierig zu bewerkstelligen ist als im Roman. Über Filme redet man, über Bücher kaum – und das ist nicht einer gern vorausgesetzten Lesefaulheit geschuldet, die durch den Erfolg von „Harry Potter“ und Konsorten Lügen gestraft wird. Niemand soll sich darauf herausreden, seine Geschichte habe schließlich eine solche Brisanz, dass er sich die Mühe sparen könne oder es gar unseriös sei, sich erzählerischer Kunstgriffe zu bedienen. Das Gegenteil ist der Fall: die Brisanz erhält ein Text erst durch den Eindruck, den er beim Leser zu erzielen vermag, und dafür haben sich die großen Autoren im Klassikerhimmel alle Mühe gegeben. Wer seine Hauptfigur nur mit matten Spiegeln umgibt, wird dieses Ergebnis nicht erreichen.
Unter den vielen Romanen unseres Verlags, von denen jeder mir sehr lieb ist, freue ich mich deshalb besonders über Arthur Knebels „Loswerden“ mit gleich vier unabhängig voneinander angelegten Schicksalen, die sich in der Handlung kreuzen; über Ola Klingbergs „Der Ring“ mit drei eigenständigen Charakteren, über Anneke Scholtens‘ „Abel“, wo die Hauptfigur gegenüber seinem verstorbenen Freund und der lebenden Freundin geradezu zurücktritt, und über Marcus Brühl, der sowohl in seinem Roman „Henningstadt“ wie auch in den Erzählungen („Lars“) das frustrierende Aneinandervorbei der Kommunikation gekonnt inszeniert. Michael Sollorz, ebenso wie PP Hartnett oder Lutz Büge, präsentieren ein großes Personal, entwickeln die Dramaturgie der Handlung jedoch nicht aus diesen Konstellationen heraus, wodurch zumeist eher ein Panoptikum als ein turbulentes Mit- und Gegeneinander entsteht. Detlev Meyer, Walter Foelske, Victor Aadlon, Thomas Soxberger und Peter Rehberg sind die Virtuosen des lyrischen Ich, das jedoch stets nur dann verstanden wird, wenn der Leser einen Zugang zu genau dieser Einzelperspektive findet. (Christine Wunnicke konfrontiert in „Missouri“ zwei „Ichs“, die verschiedenen Welten entstammen, wodurch Kommunikation im eigentlichen Sinn nicht zustande kommt – so erzählt sie von einer Liebe ohne Grund.)
Autoren, die das Fortspinnen ihres Fadens dadurch komplizieren, dass sie Gegenfiguren und das Hin und Her der Kommunikation zwischen zwei eigenständigen Köpfen erst einmal zu verstehen versuchen, werden diesen Faden evtl. verlieren oder einen ganz anderen erzeugen, als sie ursprünglich geplant hatten, aber auf diese Weise wird es ihnen gelingen, jene Art von Film im Kopf des Lesers zu erzeugen, an die man sich lange erinnert. Allerdings muss ich einräumen: Thomas Mann hat den Antagonisten ebenfalls nicht gekannt (nur Naphta-Settembrini im „Zauberberg“, zwei Nebenfiguren – sonst selbst im „Tod in Venedig“ lediglich zwei „Wunnicke-Ichs“, s.o.). Stets steht ein Mensch gegen den Rest der Welt, wobei dieser „Rest“ jedoch so plastisch ausgearbeitet ist, dass die vielen Versuche des Helden, in dieser Vielfalt ein Gegenüber zu finden, als dramaturgisches Äquivalent bestens funktionieren.
Da haben sich die schweifenden Gedankengänge zum Jahresende also zu einer kleinen Poetologie der Verlegerinmutter verstiegen – aber im Blog darf man das wohl, oder?

6 Gedanken zu „Mehr oder weniger Besinnliches

  1. als ich klein war, habe ich mir immer gewünscht, dass eine Insel, ein Stern oder ein Softdrink in einer dreieckigen Packung nach mir benannt wird – dass ich für einen Topos im Mann-Kanon Pate stehen darf, so hoch strebte ich nie! Kratzfuß!

    ich schreibe übrigens gerade an etwas, wo sich ca. 10 fast gleichwichtige Ekelpakete die Köppe einschlagen: Ich kann jeden verstehen, der das lyrische Ich im Walde vorzieht! echt ey!

    guten Rutsch!

  2. Es scheint wirklich so zu sein: Es gibt wesentlich mehr Leute, die unbedingt etwas erzählen wollen als Leute, die auch etwas zu erzählen haben.
    Nicht jeder, der genug Seiten zusammenbringt um sie als Buch anbieten zu können, hat auch einen wahrhaftigen Grund zu schreiben. Zu viele Autoren schreiben heute nur noch, weil sie sich selbst gerne reden hören, weil sie sich über sich selbst schwadronieren hören wollen. Das geschieht durchaus stilvoll, ist aber wie die Sache mit der tollen Verpackung, die nur Nebelbomben beinhaltet. Stilistisch durchaus ansprechend, inhaltlich fade, abgeschmackt und banal.

    Ist das jetzt so, weil die Leute nicht mehr anders schreiben können, oder weil Verlage nichts mehr anderes suchen als gediegene Belanglosigkeit?

  3. Die Leuten wollen unterhalten werden. Doch jede Unterhaltung hat einmal ein Ende. Die Leute wollen also immer eine neue Unterhaltung… Nur selten möchten Leser, dass das Buch nicht aufhören solle.. Und einige Soap-Operas im Fernsehen hören niemals auf, weil sie sich mit der Realität vermischen – dann dürfen sie gar nicht mehr aufhören, sonst ist auch das Leben der Zuschauer am Ende! 😉

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