Geheime Elemente

Also gut. Ich gebe es zu. Ich gehöre auch zu den Autoren, die unverlangt Manuskripte (Inhaltsangaben und verkorkste Exposes) an Verlage schicken.
Mit meinem neuen Roman, der sich gerade in der Korrekturphase befindet, wollte ich ganz bewusst mit der Vergangenheit brechen. Einerseits in dem ich auf exotische Schauplätze verzichtete, und die Geschichte in Österreich – in der südlichen Steiermark ansiedelte, andererseits, in dem ich auf explizite Sex- und Gewaltszenen weitgehend verzichtete.

Ich schickte die von mir irrtümlich als Expose bezeichnete Inhaltsangabe an Männerschwarm. Hier also zunächst einmal meine Inhaltsangabe:

Expose zu: Geheime Elemente
Gattung: Roman
Autor: Peter Nathschläger

Seit Anbeginn der Zeit begleiten die Elementals für Erde, Feuer, Luft und Wasser die Menschen auf ihren letzten Weg, um ihnen Angst und Schmerz zu nehmen.
Eines Tages erscheint der Elemental Abris, der die tiefempfundene Trauer eines Jungen irrtümlich als Todesangst interpretierte, in unsere Welt – und strandet am Ufer eines kleinen Waldsees in der Steiermark. Elementals können nur in ihre Halbwelt zurückkehren, wenn sie einen Menschen auf seinem letzten Weg begleiten. Doch Abris findet niemand im Waldsee, den es zu begleiten gilt. So freundet er sich mit Martin Stolz an, dessen Trauer er für Todesangst hielt. Martin erfährt, dass Abris seinen Bruder begleitete, als der vor einem Jahr im Waldsee ertrank. Abris, der es nicht gewohnt ist, so lange in einem menschlichen Körper zu leben, muss sich mit Kälte und Hunger arrangieren, mit der Vergänglichkeit des Leibes – und für ihn ganz neu: Mit Angst.
Martin beschließt, diesem Wesen aus der Zwischenwelt zu helfen. Er versorgt ihn mit Decken und Lebensmittel – Aber Abris wird immer schwächer; sein Immunsystem spielt verrückt. Er bekommt eine Lungenentzündung, kann aber das Wasser nie vollständig verlassen, da es sein Element ist. Jetzt liegt es an Martin, dem Elemental zu helfen, seiner Bestimmung zu folgen um in seine Welt zurückkehren zu können.

Fast ein Jahr nach dem tragischen Tod seines Bruders Thomas findet Martin Stolz, achtzehn Jahre alt, einen merkwürdig bleichen Jungen, der nackt im Waldsee schwimmt – in jenem See, in dem Martins Bruder ums Leben kam.
Der Junge hat grüne Augen und blaugrüne Haare, über seine fast weiße Haut bewegen sich ständig „lebendige“ Tätowierungen. Eine Art männliche Nixe.
Martin erfährt, dass der Junge das Wasser nicht verlassen kann – er muss in ständigem Kontakt mit „seinem“ Element sein.

Martin ist der Sohn eines Ehepaars, dass eine kleine Pension in der Ortschaft Königsberg betreibt, mehr schlecht als Recht wegen der letzten, verregneten Sommer. Dazu kommt auch der erhöhte Konkurrenzdruck durch eine bayrische Familie, die einen Hof am Rande der Ortschaft gekauft und dort eine Art Sport- und Wellnesspension eingerichtet haben. Der Sohn des bayrischen Ehepaar, Kai, ist das genaue Gegenteil zum musisch veranlagten, sanften und sich als „Emopunk“ gebenden Martin: Ein zorniger Junge, verletzt von der Ablehnung und Härte seines wütenden Vaters – in Martin glaubt er einerseits ein Opfer gefunden zu haben, an den er die Ablehnung und Kälte seines Vaters weitergeben kann, andererseits hat er auch Angst vor zuviel Nähe zu Martin, weil er in sich spürt, dass er ihn nicht nur mögen, sondern sogar lieben könnte.
Obwohl die beiden Teenager, die beide die Tourismusschule in Bad Gleichenberg besuchen, im Unterricht gut miteinander auskommen, kommt es doch immer wieder zwischen ihnen zu Gehässigkeiten, die oft in Rangeleien ausarten. Die Gehässigkeiten gehen grundsätzlich von Kai aus – Martin nimmt jedoch den Ball immer auf und schafft es meist, Kai mit seinem Zynismus den Wind aus den Segeln zu nehmen. Kais Wunsch ist es, Martin zum weinen zu bringen – nicht, wie er oberflächlich glaubt, um ihn endgültig zu besiegen, sondern um eine Situation zu schaffen, in der er sich ihm nähern und ihn trösten kann.

Als sich Kai eines Tages über einen Weblogeintrag Martins lustig macht, in dem er sein Trauma bezüglich seines verstorbenen Bruders thematisiert, brechen die mühsam verheilten Wunden auf und Martin bricht auf dem Schulhof mit einem Weinkrampf zusammen. Martin ist zutiefst verletzt, weil Kai ihm und seinem toten Bruder vor Publikum Inzucht vorwirft. Kai manövriert sich mit dieser eher unbedachten Gehässigkeit unter den Mitschülern ins Aus.
Zutiefst verletzt, beschließt er, dem Begleiter den Rückweg zu in seine Halbwelt zu ermöglichen, in dem er Kai zum Waldsee lockt, dort niederschlägt und in den See stößt. Der Mordplan ist wenig durchdacht und entsteht aus purem Zorn.

Es kommt zu einer schrecklichen Prügelei, in der der schwächere Martin siegt. Kai gibt seinen Widerstand und gesteht Martin, ihn nur deshalb so mies behandelt zu haben, weil er in Wirklichkeit in ihn verliebt ist und sich das nicht eingestehen konnte. Völlig verwirrt lässt Martin von Kai ab, der einige stark blutende Verletzungen davon getragen hat, und begleitet ihn ins Krankenhaus. Dort erfinden die Mütter der Jungs eine Geschichte: Kai sei beim Joggen im Wald schwer gestürzt und mit dem Kopf auf einen Stein geschlagen.
Im Krankenhaus kommt es zum ersten Kuss, der beide verwirrt und zutiefst bewegt.

Als Martin Kai am nächsten Tag mit dem Motorrad aus dem Krankenhaus abholen will, kommt es zu einer Begegnung mit Kais Vater, die Martin die Augen öffnet: Kai leidet unter der kalten und abweisenden Dominanz seines herrschsüchtigen und stets wütenden Vaters, Leid, dass er seiner Meinung nach nur lindern kann, wenn er es ungefiltert weitergibt – und zwar an den Sohn des Ehepaars, dass im Brennpunkt von Rüdiger Brenners Zorn steht.
Kai gesteht Martin seine Liebe erneut. Und Martin, seit über einem Jahr sehnsüchtig auf der Suche nach Liebe, erwidert sie.

Der Begleiter, sein Name ist Abris, muss inzwischen lernen, mit seinem menschlichen Körper, den er sonst nie länger als knapp eine Minute nutzt, umzugehen. Er leidet an Hunger und Durst, ihm ist kalt. Er bitte Martin um Hilfe.
Abris muss in ständigem Kontakt mit dem Wasser sein – andernfalls würde er sich auflösen. Abris, der schon Millionen von Menschen den Weg ins Jenseits gezeigt hat, ihnen Angst und Schmerzen nahm, hat selbst Angst vor dem Tod, weil ihm seine Aufgabe als Begleiter viel zu wichtig ist, um selbst den Wunsch zu verspüren, ins Jenseits zu gehen.

Der Sommer kommt. Abris stirbt beinahe, als er bei einem Wolkenbruch den See verlässt und sich dem Dorf nähert. Er schafft es, nach dem Wolkenbruch gerade noch zurück zum See, wo ihn später Kai findet und Martin zu Hilfe holt. Im Beisein von Kais Eltern und seinem Vater rettet Martin Abris das Leben, in dem er ihm seine ganze Trauer schenkt – und auch seine Schuldgefühle, am Tod des Bruders mit Schuld zu sein. Diese Taufeähnliche Szene läutet den zweiten Teil des Buches ein.

Nachdem Abris einen betrunkenen Bergbauarbeiter erschreckt hat und seine Kumpels jetzt aus Langeweile Jagd auf den grünhaarigen „Ökopunk“ machen, überlegen Martin und Kai, wie sie Abris helfen können. Abris muss auf jeden Fall vom See weggebracht werden, ohne das Wasser verlassen zu müssen. Das schaffen die Jugendlichen mit einer aberwitzigen Aktion – sie tragen in einer Prozession eine Badewanne hinauf zum See, laden Abris in die Wanne und bringen ihn zum Haus von Martins Familie, um ihm dort im Warmwasser der Wanne das Überleben zu ermöglichen.

Schließlich findet sich in dem alten Niederländer Jorden de Schuil jene Seele, die Abris die Rückkehr ermöglichen kann. Der alte Mann reist nach dem Tod seiner Frau zum ersten Mal allein nach Königsberg, um sich dort seinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen: Einmal noch in seinem Leben nachts in einem See zu schwimmen. Vor allem eine Kindheitserinnerung treibt ihn dazu: Als er neun Jahre alt war und beinahe in einem kleinen Weiher in Holland ertrunken wäre, hatte er eine Begegnung mit Lichtreflexen und schillernden Lichtern.
Er hat Angst vor den „leeren“ Jahren, die noch vor ihm liegen. Martin macht Jorden mit Abris bekannt. Jorden erkennt in Abris Wesenheit die gleiche Güte und Liebe, wie er sie damals im Weiher wahrgenommen hatte, und Abris erkennt in dem alten Mann das Kind, dass mehr durch Zufall denn aus Bestimmung überlebt hatte.
Es kommt zu einer berührenden Aussprache über Tod und Leben, über die Hoffnung, friedlich zu sterben und über Sterbehilfe. Abris willigt ein, Jordens Tod anzunehmen und ihn ins „große Blau“ zu begleiten.

Kai, Martin und die anderen bringen Abris Ende Juli zurück zum See – und zwar wieder in der Badewanne, Jorden de Schuil erfüllt sich seinen letzten Wunsch und ertrinkt dabei, Abris befreit ihn von Todesangst und Schmerz, führt ihn ins Jenseits, und bevor er noch einmal auftauchen kann, um sich von seinen neuen Freunden zu verabschieden, löst er sich in einem Lichtwirbel, knapp unter der Oberfläche auf.
Mit Abris, der noch einmal versucht aufzutauchen, um sich zu verabschieden, endet die Geschichte.

Am nächsten Tag bekam ich folgendes Mail von Joachim:

Lieber Peter!

Ich habe die Inhaltsangabe zu „Geheime Elemente“ gelesen. In einem Exposé würden auch das Thema und das Anliegen des Autors mit diesem Buch erörtert sowie Fragen der formalen Umsetzung behandelt. Darauf gehst Du nicht ein. Ich nehme einmal an, dass Du dem verstörenden Thema Tod und Sterben eine versöhnliche Perspektive gegenüberstellen willst, aber indem Du lediglich die Streitigkeiten der Realität mit einer gefährdeten guten Kraft kontrastierst, entsteht keine dramaturgische Spannung. Dazu bräuchte es den Gegensatz zu einer Realität des „unbegleiteten Sterbens“. Für die Protagonisten Martin und Kai spielte der Tod vor dem Auftauchen Abris‘ ja gar keine Rolle, und der Niederländer stellt sich den Tod ohnehin als Erlösung vor – Abris läuft also auf der ganzen Linie ins Leere. Insofern ist „Geheime Elemente“ offenbar ein harmonisches Märchen – selbst Märchen schaffen üblicher Weise sonst ja eine echte Bedrohung, die durch ein Wunder aufgehoben wird. Die Probleme, die Martin und Kai miteinander haben, geraten jedoch nicht in Bezug zu diesem Wunder, da die Stunde der Wahrheit durch eine Prügelei untereinander herbeigeführt wird, die auch sonst sicher irgendwann stattgefunden hätte.

Die Idee, dass eine gute Kraft in die Welt kommt, aber dabei einem Missverständnis zum Opfer fällt, ist wirklich hübsch. Indem Abris geholfen werden muss, kehren sich die Abhängigkeiten ja um. Ich fände es naheliegend, diese Umkehrung auch in der sonstigen Handlung anzulegen, so dass man insgesamt miterlebt, wie das Schöne und Gute das Banale und Hässliche braucht, um zu existieren – das könnte dann ein echtes modernes Märchen werden!

Ich habe Deine Inhaltsangabe so verstanden wie alles, was ich sonst an Prosatexten von Dir kenne: Du bist letztlich ein „Wichsvorlagen-Schreiber“ – nicht böse sein, ich meine damit, dass Du von bestimmten Vorstellungen besessen bist und dem Bedürfnis nachgibst, diese Vorstellung literarisch auszumalen. Das war bei Deinem russischen Stricher so und ist hier wieder so. Evtl. gibt es eine Leserschaft, die einem kulinarischen Bedürfnis nachgeht und sich an opulenten Gemälden ergötzt, egal, ob sie irgendwie Sinn machen oder nicht. Wenn Du zur Produktion von Literatur zurückkehren willst, musst Du die Herausforderung annehmen herauszufinden, welches literarische Potenzial in dieser Anfangsidee steckt. Die Frage muss ja lauten (ja: muss!), welche Hilfestellung bei dem Versuch, sich mit einer komplexen Welt auseinander zu setzen oder sie ein wenig zu verstehen ein Kunstgriff wie die Einführung von Elemantals leisten kann. Daraus folgt dann alles weitere.

Viele Grüße
Joachim

Ich möchte jetzt nicht vorwegnehmen, welche Gefühle und Überlegungen (Und in welcher Reihenfolge) diese Antwort bei mir ausgelöst hat, sondern zunächst einmal zur Diskussion stellen: Meine nhaltsangabe und Joachims Überlegungen dazu.
Ich setze mich dadurch natürlich der Gefahr aus, verrissen zu werden. Aber ich habe mir sagen lassen, dass selbst die boshaftesten Verrisse im Grunde genommen dem Autoren nur dienen können, in dem sie die Charakterbildung unterstützen :-)


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2 Gedanken zu „Geheime Elemente

  1. Ich kann in Joachims Mail keinen Verriss erkennen. Seine Antwort ist ausführlich, befasst sich mit dem Exposé und geht auf Deine Außenwirkung als Autor ein. Du erhältst eine ungeschminkte Meinung, das ist doch sehr wertvoll für einen Autor.

  2. Liebe Norma,

    Ich habe nicht geschrieben, dass ich Joachims Nachricht als Verriss sehe. Im Gegenteil, ich bin dankbar dafür, wie er sich mit meiner Inhaltsangabe auseinandersetzt. Ich schrieb, ich könnte mich hier, mit der Präsentation meiner Inhaltsangabe Verrissen aussetzen. Zumindest war es von mir so gemeint :-)

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