Im Restaurant: Schwule Tischnachbarn in der Literatur

ziegler.jpgWenn man erst mal sensibel geworden ist für eine Sache, begegnet man ihr plötzlich allerorten. So geht es mir mit den „schwulen Nachbarn“ aus der Perspektive der Heterosexuellen, den Begegnungen heterosexueller Figuren mit dem Schwulen in der – wie soll man sagen? – heterosexuellen Literatur. (Habe ich nicht eine Anthologie unter diesem Titel herausgegeben? :-)) Wenn im wirklichen Leben ein heterosexueller Mann zwei Männer innig umarmt sich küssen sieht, so meine These, löst das etwas bei ihm aus. Aber was? Was macht die Literatur aus solchen „Konfrontationen“? Wenn heterosexuelle Figuren einer „schwulen Situation“ begegnen, die sie also solche wahrnehmen – was sehen sie dann? Zwei jüngst gelesene Beispiele möchte ich anfügen, die sich unterscheiden wie Tag und Nacht.

HettcheThomas Hettches Roman „Woraus wir gemacht sind“ war eine der bemerkenswerten Neuerscheinungen des letzten Herbstes – nominiert für den deutschen Buchpreis. Ein deutscher Held kommt nach New York, fährt von dort aus nach Marfa in der texanischen Wüste und ist am Ende in Los Angeles. In Marfa, einer gottverlassenen Gegend, sitzt Niklas Kalf in einem Hotelrestaurant:

„Niemand blieb länger als eine Nacht. Verwundert betrachtete er das schwule Paar Ende Vierzig. Die asiatische Familie mit zwei Kindern, die in einem weißem Pontiac reiste.“

Ende der Durchsage. „Verwundert.“ Aber was sieht er? Warum wundert er sich? Knapp 200 Seiten weiter, Los Angeles, genauer: Ocean Boulevard in Santa Monika:

„Dort stehen dann schon das Pärchen in Flip-Flops und die Rothaarige mit dem verkniffenen Mund und der Rentner mit dem bunten Hemd und das schwule Paar.“

Wieder Ende der Durchsage. Da stehen sie eben. Einfach so. Eine Wahrnehmung, die nichts wahrnimmt. Belanglos, austauschbar, überflüssig. Sie sagt nichts über den Helden, nichts über die schwulen Paare – womöglich etwas über die Szenerie. Welche Freude bereitet dagegen eine Beobachtung, ebenfalls in einem Restaurant, die in Ulf Erdmann Zieglers Roman „Hamburger Hochbahn festgehalten ist – ohne dass das Wort schwul überhaupt fällt:

„Am selben Tisch saßen einige Minuten später zwei Männer in meinem Alter, der eine voll- und der andere schnurrbärtig, in Begleitung eines Mannes und einer Frau, beide übergewichtig, der nächstälteren Generation. Während die Männer, als sie eintraten, Lederjacken trugen, musste sich das ältere Paar aus Windjacken schälen, die mit gesteppten Karos aufgebläht waren. Sie hatten kreuzweise Platz genommen, die jungen Männer einander vis-á-vis, und die beiden anderen ebenfalls. Die jungen Männer mühten sich, aus der Wahl der Speisen und des Weins ein großes Thema zu machen, was um so mehr einleuchtete, als die Konversation danach schleppend wurde. Was auch immer einer der jungen Männer sagte, schien nur beim anderen anzukommen, und die einsilbigen Äußerungen der Älteren waren nahe am Selbstgespräch. Sie schienen auch die anderen im Saal gar nicht wahrzunehmen, während die jungen Männer es sich nicht entgehen ließen, die Blicke der latinischen Kellner einzufangen.“

Ich finde das großartig. Präziser lässt sich die Unsicherheit, die Peinlichkeit und die Sprachlosigkeit nicht einfangen, die in diesem gemeinsamen Ausflug eines schwulen Paares mit den provinziellen Schwiegereltern liegt. Wie mutig müssen beide Seiten sein – die jungen Männer und das ältere Paar – gemeinsam in die Öffentlichkeit zu gehen: auch das schwingt unausgesprochen mit. Thomas Schwarz, der Held dieses auch sonst grandiosen Romans, hat wirklich etwas gesehen!

Über Detlef Grumbach

Detlef Grumbach gehört zum Team von Männerschwarm und arbeitet obendrein als freier Kulturjournalist. Schwule Bücher machen, sie "verkaufen" und Literatur insgesamt beobachten - das soll sich hier niederschlagen.

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