heute: der faule Rezensent

Alfred Biolek hat eine Art von Autobiografie veröffentlicht („Mein Leben“), aber er wollte sie nicht selbst schreiben. Das kommt öfters vor, nur ist in diesem Fall der Ghostwriter kein Geist, er wird auf dem Cover genannt: Veit Schmidinger. Mindestens zwei große Feuilletons prügeln nun den armen Veit (der zeitgleich in unserem Verlag einen biografischen Band zu Klaus Mann veröffentlicht hat), weil ihnen das Buch nicht gefällt. Dabei ist es eigentlich recht offensichtlich, dass ein Buch wie „Mein Leben“ im Verlag „produziert“ wird. Der Schreiberling denkt sich was aus, dann gibt der Autor seinen Senf dazu, dann gibt der Lektor seinen Senf dazu. Wer ist dann für das Ergebnis verantwortlich? Der Auftragsschreiber muss um den Auftrag fürchten, wenn er nicht spurt, andererseits gibt er seinen guten Namen.
Bei Bohlen und Konsorten hat sich niemand um den Ghostwriter geschert, das Buch war Schrott und niemand hat etwas anderes erwartet. Hier liegt der Fall anders, und das ist eigentlich ganz interessant: Offenbar hat Biolek selbst im Feuilleton einige Fans, die nicht glauben wollen, dass das Buch genau so geworden ist, wie er es wollte. In ihren Verrissen schonen sie Bio, aber irgendwer muss es dann ausbaden. Abgesehen davon, dass ich immer schon sehr unglücklich darüber gewesen bin, dass dieser Mensch eine solche Popularität erlangt hat, ist das ganz einfach ärgerlich. Wer als Rezensent ein solches Produkt in die Finger bekommt, könnte folgendes tun: nach dem Telefonhörer oder in die PC-Tasten greifen und sich erkundigen, wie das Buch eigentlich entstanden ist. Doch für die Kulturwächter im Feuilleton ist der Begriff „Recherche“ offensichtlich auch im übertragenen Sinn „ein Fremdwort“. Statt dessen bombardieren sie die Leserschaft mit Vermutungen. Natürlich würde sich niemand trauen zu „vermuten“, Thomas Manns „Buddenbrooks“ könne autobiografisch gefärbt sein, so etwas wird dann schon geklärt. Aber hier geht es ja nicht um den eigenen guten Ruf, sondern lediglich den eines Lohnschreibers, und da ist wohl jede Mühe zuviel.
Diese Haltung lässt sich an diesem Beispiel besonders deutlich ablesen, neu ist sie leider nicht. Sätze wie „der Verlag hat wohl nicht daran gedacht …“ etc. finden sich recht häufig in Fällen, in denen der Rezensent gern ein anderes Buch gehabt hätte. Das „wohl“ zeigt: er weiß es nicht, es macht ihm aber Freude, genau das zu unterstellen. Warum fragt er nicht? Schließlich gibt es in den meisten Fällen, bei denen eine seriöse Rezension überhaupt in Betracht kommt, eine Person im Verlag, die unendlich viel über dieses Buch weiß, zumindest jedoch deutlich mehr als der Rezensent. In der Jurisprudenz gibt es das Sprichwort: der Gutachter weiß alles über die Sache, versteht aber nichts vom Gesetz, das Richter weiß nichts von der Sache, kennt dafür die Rechtslage. Also müssen diese beiden sich verständigen. Viele Rezensenten maßen sich an, Gutachter und Richter in einer Person zu sein, aber das sind sie nicht.

3 Gedanken zu „heute: der faule Rezensent

  1. Ich tendiere zu der Ansicht, dass Leser und Leserinnen von Büchern im Normalfall nicht zum Telefon greifen oder eine E-Mail schreiben, um beim Lektor, beim Verleger oder bei wem auch immer im Verlag zu einem Buch recherchieren, welches sie sich gekauft haben. Weshalb also sollte der Rezensent es tun? Ein Buch gefällt, oder eben nicht.

    Alle Leser eines Buches spekulieren über dessen Inhalt, was das Zeug hält, jeder auf seine Art. Jeder Leser geht mit der Summe all seiner Erfahrungen und all seiner Gefühle an ein Buch oder eine Geschichte heran und interpretiert dementsprechend.

    Ein Buch sollte aus sich selbst heraus die Interpretationsergebnisse erzielen, die der Autor und/oder der Verlag sich wünscht. Wenn dies nicht gelingt, ist das doch nicht die Schuld des Rezensenten.

    Rezensenten sind alles, was sie und/oder ihre Redaktionen wollen, Gutachter, Richter und sogar Henker. Der eine Rezensent äußert sich moderat und mit Blick auf die empfindliche Seele des Autors, der andere ironisch oder sogar bösartig. So war das schon immer, so ist es und so wird es immer sein.

  2. Eine (Auto)Biografie wie jene Alfred Bioleks ist, wie bereits von Joachim Bartholomae geschrieben, letztlich immer eine Auftragsarbeit: Der Kunde (Biolek/Verlag) bestellt, und der Handwerker (in diesem Falle der Autor) liefert.
    Im Falle eines Dieter Bohlen haben wir nicht über den Ghostwriter diskutiert, weil der uns im Zweifelsfalle nicht einmal bekannt gewesen ist. Der hat seine Arbeit abgeliefert wie bestellt, hat dafür den vereinbarten Lohn kassiert – und gut ist.
    Wenn sich aber Veit Schmidinger mit aufs Cover setzen läßt, zeigt er nach außen hin auch der Leserschaft an: „Hier, ich war’s. Dies ist mein Werk und ich steh dazu.“ Und er war sicherlich auch ein wenig Stolz auf seine Leistung und hat sich bestimmt gewünscht, dass man seine Arbeit und Leistung entsprechend auch würdigt und das Lob nicht allein Alfred Biolek zuspricht.
    Nun ist es aber anders gelaufen. Statt Lob gibt es Tadel.
    Wäre Schmidinger mit dem Ergebnis selbst nicht zufrieden gewesen (z.B. weil die Auftraggeber zu viel geändert haben wollten), wäre es doch für Schmidinger ein Leichtes gewesen, einfach seinen Namen zurückzuziehen – und das zu werden, was die meisten Autoren von Promi-Autobiografien sind: Ghostwriter.

  3. Beide Kommentare haben in gewisser Weise Recht; aber ich wollte darauf hinaus, an diesem Beispiel zu fragen, was eigentlich die Aufgabe eines sog. „professionellen Rezensenten“ ist – diese Berufsgruppe wehrt sich zurzeit mit vielen Unterstellungen gegen die Konkurrenz aus dem Internet (Amazon-Kundenrezensionen), also sollten sie auch mehr leisten als die Amateure.
    Wenn ich eine Rezension in einer Zeitschrift lese, erwarte ich (obwohl diese Erwartung in sehr vielen Fällen enttäuscht wird), dass ich mehr daraus erfahre, als wenn ich das Buch einfach selbst lesen würde. Sicher, viele Rezensionen sind einfach Inhaltsangaben und stellen sich nicht der Aufgabe, den Text zu erörtern, verschiedene Lesarten aufzuzeigen und ähnliches mehr. Aber man soll sich ja nicht am Mindeststandard orientieren.
    In diesem Fall finde ich als Leser einer sogenannten Autobiografie es interessant, wer da eigentlich was gewollt hat – wenn das Buch schon missglückt sein sollte (ich habe es nicht gelesen), und ich nur wenig Interessantes über Bio erfahre, kann ich vielleicht zumindest das erfahren: ist es Bio, der sich auf diese Weise präsentieren will, ist es der Verlag, der meint, auf diese Weise viele Bücher zu verkaufen (und Bio ist alles scheißegal), oder ist es ganz einfach ein unfähiger Autor. Vielleicht trifft ja das letzte zu, ich war nicht dabei und kann das nicht beurteilen. Was ich einfordern möchte ist also lediglich, dass über eine solche für den Leser wichtige Information nicht spekuliert wird, wenn es möglich ist, echte Informationen einzuholen.
    Wir haben schon erlebt, dass ein Rezensent der Übersetzerin Fehler vorwirft, dabei aber selbst offenbar nur über mangelhafte Sprachkenntnis verfügt – das wird gedruckt, und der Schaden kann nicht wieder gutgemacht werden. In einer Rundfunkbesprechung wurde in einem unserer Bücher ein einziger Grammatikfehler gefunden und genüsslich vorgeführt mit der Bemerkung, das Buch habe wohl keinen Lektor gesehen (abgesehen davon ist dem Rezensenten der Unterschied von Lektor und Korrektor nicht bekannt …). Es scheint so, als könnte ein Rezensent sich nur dadurch seiner Kompetenz versichern, dass er Fehler feststellt, egal, wie wichtig oder unwichtig sie für die Bedeutung des Werks im Ganzen sein mögen.
    N. Banzi hat deshalb meiner Meinung nach nicht recht, wenn die Anforderungen an einen Rezensenten daran gemessen werden, wie ein Leser sich einem Buch nähert. Wäre es so, könnten wir auf das Feuilleton ruhig verzichten. Ist es so?

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