„ist das denn so wichtig?“ – Schwules in Biografien

Ich hoffe, die Kollegen bei „Klartext“ schämen sich gehörig für die Peinlichkeiten ihrer Lamm-Biografie, über die Detlef Grumbach mit so viel Verve gewettert hat! Vor einigen Jahren wurde mit dem norwegischen „Weltliteraten“ Jens Bjoerneboe allerdings noch eigenartiger verfahren: die Biografie von Wandrup ließ das Thema Homosexualität gleich ganz außen vor, was umso mehr erstaunt, als sie im Merlin-Verlag erschienen ist, der durch seine bahnbrechenden Ausgaben von Jean Genet und de Sade nun wirklich über den Vorwurf der Prüderie erhaben ist.
Bjoerneboe war lange Zeit mit dem jungen Autor Gudmund Vindland befreundet, dessen Kultroman „Der Irrläufer“ (in Norwegen wurde vor wenigen Monaten ein großes Fest zum 20. (25.?) Geburtstag dieses schönen Buches gefeiert!) B. gewidmet ist und die heikle Beziehung der beiden ausführlich beschreibt. B. wiederum hat seine Sicht auf das Verhältnis zu Vindland in seinem Roman „Haie“ beschrieben, in dem sich ein starker Kapitän um einen hilflosen Schiffsjungen kümmert, eine Sichtweise, die Vindland ziemlich auf die Palme gebracht hat.
Zumindest die Veröffentlichung des Romans „Haie“ lässt es als eine Frage intellektueller Redlichkeit erscheinen, die biografischen Hintergründe zu beleuchten, zumal das Verhältnis der beiden zueinander der literarischen Öffentlichkeit in Norwegen nun wirklich nicht verborgen geblieben sein kann. (B., zu deutsch: Bärentatze, heißt bei Vindland „Löwenherz“ und wird in vielen wiedererkennbaren Details beschrieben.) Allein: das Thema war für alle Beteiligten offenbar nicht von Interesse, bei großen Literaten sind die „Ausschweifungen ins Homosexuelle“ (dieses schöne Wort wurde von Verena Auffermann in der SZ geprägt) für das deutsche Feuilleton wohl kein Thema – während Hervé Guiberts Roman „Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat“ ohne den durchsichtigen Bezug zu Foucault („Muzil“) in Frankreich kaum diese sensationelle Beachtung gefunden hätte. Was sagt uns das?


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2 Gedanken zu „„ist das denn so wichtig?“ – Schwules in Biografien

  1. Naja, ist das nicht eine Tendenz, die sich durchzieht? Entweder die Homosexualität wird zum Aufhänger oder sie wird totgeschwiegen. Ein nettes Beispiel dafür ist eine Biografie über Friedrich den Großen, in der trotz größter Ausführlichkeit kein Wort über Sexualität verloren wird, auch wenn natürlich die „Verbannung“ seiner Gattin ebenso nach einer Erklärung schreit wie der ausschließlich männliche Freundeskreis und die Inhalte der Briefe. Als schwuler Mann finde ich diesen Spießrutenlauf des Autors ja fast lustig, gleichzeitig teile ich natürlich den Ärger darüber, dass zu diesen Thema Klartext so schwierig ist.

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