Plädoyer für die Kurzgeschichte

Ich liebe Kurzgeschichten. Und weil Kurzgeschichten scheinbar eine zutiefst amerikanische Tugend sind, liebe ich Kurzgeschichten amerikanischer Autoren: Richard Ford, Ron Carlson, Raymond Chandler, Annie Proulx …
All diese Autoren haben gemein, dass sie – bis auf Annie Proulx – nie eine Kurzgeschichte mit, für oder über Schwule geschrieben haben.
Zurück in den deutschsprachigen Raum: Es gibt Anthologien verschiedener Verlage, die „schwule“ Kurzgeschichten herausbringen. Man trifft da immer die üblichen Verdächtigen, jedoch nur äußerst selten ein Buch mit Kurzgeschichten eines einzelnen Autoren. Dabei würde ich wirklich gerne öfters schwule Kurzgeschichten lesen. Wahrscheinlich hat jeder veröffentlichte Autor eine ganze Lade von Kurzgeschichten, die er oder sie hin und wieder, wenn sich die Chance ergibt, bei einem Wettbewerb oder für eine Anthologie einreicht. Interessanterweise scheint es leichter zu sein, eine schwule Geschichte bei nicht schwul orientierten Kleinverlagen im Rahmen einer Anthologie unterzubringen, als bei schwulen Verlagen. Beispielsweise bei Lerato.

Kurzgeschichten sind eine großartige Sache: Man kann schmökern, flippt von einer Welt in die nächste und genießt häppchenweise. Warum also ist der Tenor der Verleger, wenn man Kurzgeschichten einreichen möchte: „Das verkauft sich nicht! Geht nicht. Will keiner.“
Gerade bei Kurzgeschichten kann man ein weites Spektrum abdecken: Von der tragischen Liebesgeschichte über Splatterpunk, Horror und Utopie – wieso eigentlich nicht? Schwule Jungs in einem Geisterschloss? Ein türkischer Death Metal Gitarrist, der von uralten Dämonen vergewaltigt wird? Der Weltuntergang aus der Sicht eines schwulen Paares? Peter Pan, der schlussendlich auf unserer Welt strandet, nicht mehr fliegen kann und sich als Stricher verdingt?

Meiner Meinung nach müssten solche Geschichten nicht einmal homoerotische Inhalte haben – genügt doch schon der schwule Fokus, der Blickwinkel auf eine bestimmte Thematik. Nicht in jeder Geschichte muss geküsst, gelutscht und Brustwarzen geleckt werden.

Könnten wir das Für und Wider diskutieren? Warum keine Kurzgeschichtensammlungen einzelner Autoren?


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10 Gedanken zu „Plädoyer für die Kurzgeschichte

  1. Wenn Verleger bei Kurzgeschichten skeptisch sind, sprechen sie ja vielleicht manchmal aus Erfahrung. Vielleicht ist es gerade das „weite Spektrum“, das die Käufer verunsichert, die bei ihrem Buchkauf gerade nur ein Interesse verfolgen, in einer Stimmung sind, beispielsweise eine Liebesgeschichte (und dann etwas ausufernder – im Roman) lesen zu wollen und keinen „Potpourri“.
    Wenn Kurzgeschichtenbände sich gut verkaufen ließen – welcher Verleger würde davor zurückschrecken?

  2. Das sehe ich grundsätzlich ähnlich. Aber: Es scheint ja einen markt für Kurzgeschichten zu geben, denn sonst würden ja nicht so viele Bände diverser Autoren erscheinen. Ich vermute, dass es speziell am schwulen Markt Vorbehalte gegen Kurzgeschichten gibt. Wobei für mich wiederum schwer nachzuvollziehen ist, ob niemand schwule Kurzgeschichten eines bestimmten Autoren liest, weil es sie schlicht und einfach nicht gibt, oder ob sie nicht gedruckt werden, weil sich kein Markt dafür finden würde.

    Eine Erleichterung wäre es schon mal, wenn Sammlungen mit Kurzgeschichten schwuler Autoren aus der rosa Plüschecke rausfinden würden.
    Aber autsch, da sind wir schon wieder bei der Gestaltungs- und Cover Frage … andere Baustelle, ok :-)

  3. Vielleicht muss man da nochmal sortieren:
    Es gibt Erzählungsbände in Form von Anthologien und solche von einzelnen Autoren:
    Männerschwarm hat viele Anthologien gemacht, die Sammelbände aus Einreichungen beim Literaturpreis der schwulen Buchläden, die immer so etwas wie eine literarische Bestandsaufnahme des aktuelle schwulen Feelings waren – literarisch dafür aber auch sehr unterschiedlich. Das Literarische stand bei der Auswahl zumindest gleichwertig dem Thematischen gegenüber. Wir konnten aber durchaus beobachten, dass da nach anfänglich guten Erfolgen (einzelne Titel haben sich sehr gut verkauft, einer wurde auch nachgedruckt) gewisse Ermüdungserscheinungen eingetreten sind. Ich vermute, dass es an der unterschiedlichen Qualität der Texte gelegen hat, die den „dokumentarischen“ Wert irgendwann an den Rand gedrängt haben. Und dass sie thematsich sehr inhomogen sind. Auch Liebesgeschichten-Anthologien haben wir gemacht – einmal klasse – der Band war schnell vergriffen. Der zweite Band ist noch lieferbar.

    Und schau den Querverlag an: Bisse und Küsse und Hiebe und Triebe: Themenanthologien am laufenden Band, auch andereThemen wie Beziehungen oder von ihren „Kultautorinnen“. Das scheint doch gut zu laufen – oder? Jim von Quer – bitte melde dich!

    Und das bestätigt doch das, was du über den Heteromarkt scrheibst: Da „beteilgen“ sich Schwule – aber es sind keine „Autoren-Bände“.

    Dann haben wir auch Erzählungsbände einzelner Autoren. Und da wird der Markt schon schwierig. Ist der Autor bekannt und hat eine Bestseller hingelegt (Marcus Brühl: erst der Roman „Henningstadt“, dann die Erzählungen „Lars“), dann funktioniert es. Wo das nicht der Fall ist, wird es schon schwieriger. Aber wir versuchen es, wie mit Tilman Janus („Magische Momente“) oder Gregorio Ortega Coto („Untaugliche Indianer“).

    Vielleicht ist es so, dass Themen wie Erotik (oder auch andere) funktionieren, die Zeit der Sammelsurien eher vorbei ist und wenn sich Leser für einen Autoren entscheiden, den sie mögen oder kennenlernen wollen, lieber einen Roman lesen?

    Aber aber wofür plädierst du nun angesichts dieser Fülle? Mehr Anthologien – thematisch oder als „Sammelsurium“? Mehr Erzählingsbände einzelner Autoren?

    Männerschwarm macht im Frühjahr 2007 übrigens eine ganz besondere Anthologie: „Schwule Nachbarn“. Kapp 20 Autorinnen und Autoren, die bislang bei schwulen Verlagen noch nicht in Erscheinung getreten sind (von Peter Stamm über Ingo Schulze, Bodo Kirchhoff zu Matthias Altenburg, von Judith Kuckart über Kerstin Hendel, Sabine Peters zu Regula Venske (und andere) schreiben aus ihren heterosexuellen Perspektiven über die Begegnung mit dem schwulen Leben oder seinen für sie manchmal merkwürdigen Vertretern.

    Das ist aber ein langer Kommentar geworden :-)))

  4. … und lange Kommentare finde ich gut :-)

    Ich meine eher Erzählbände einzelner Autoren. Für mich ist es meist die Sprache, wenn ich mich für einen Autoren entscheide. Wenn mir die Sprache eines Autoren gefällt, dann möchte ich mehr von seinem Zeugs. Und wenn er mich dann sozusagen an der Hand nimmt und mich durch sein weites Spektrum an gut erzählten Geschichten führt, dann war der Kauf des Buches für mich ein reiner Gewinn.
    Für mich sind Romane immer so etwas wie Hauptwerke, und die Kurzgeschichten sind wie Perlen, die zwischendurch entstehen und mitunter dazu beitragen, die Möglichkeiten und Ambitionen eines Autoren besser zu verstehen.

  5. Ja, besteht denn da wirklich ein Mangel? Detlef Grumbach hat schon einige Beispiele von Erzählbänden einzelner Autoren aufgeführt und noch nicht einmal alle bei Männerschwarm erschienenen genannt; da wären noch Michael Sollorz (drei Bände; u.a. „Herrendedeck“) oder James Purdy („Zärtliche Kannibalen“) listenfähig.
    Und wenn ich die Grenzen weiter ziehe – also außer der klassischen Short Story auch Kurzprosa einbeziehe -, dann gibt es Christoph Geiser („Wunschangst“), Thomas Böhme, Detlev Meyer („Teure Freunde“ u.a.) , Friedrich Kröhnke oder Mario Wirz („Umarmungen am Ende der Nacht“) zu entdecken.
    Und an jüngeren Veröffentlichungen? Wojciech Kuczoks „Im Kreis der Gespenster“, Murathan Mungans „Palast des Ostens“ oder Andre Gides „Ringeltaube“ (posthum veröffentlicht).

  6. Verdammt, schon wieder so viel Geld ausgeben für Bücher *grml* Ich wusste nicht, dass es so viele Kurzgeschichtenbände einzelner Autoren gibt.
    Besten Dank für die Infos…

  7. Anfang nächsten Jahres werden bei dead soft zwei Kurzgeschichten-Anthologien von zwei Autoren erscheinen. Die eine ist „Dämonenlust“ von Martin Skerhut. Ich bin gespannt, wie das ganze ankommt, aber die Geschichten sind gut und kurzweilig – also habe ich den Versuch gewagt. Grundsätzlich glaube ich, in Romane kann man sich besser vertiefen, die Charaktere sind ausgefeilter und vielschichtiger. Das mag der Grund sein, warum Verleger Romane vorziehen.

  8. Lieber Peter,
    wenn uns Autoren Bände mit Kurzgeschichten anbieten, frage ich sie als erstes, wann sie selbst zuletzt einen Erzählband gekauft haben. Das klappt bei Gedichtbänden übrigens auch prima. Goldene Regel: wenn alle Leute, die schreiben wollen, auch lesen würden, ginge es den Verlagen deutlich besser! Was Hürryet Dir an Titeln genannt hat, hätte Dir bestimmt auch Dein Wiener Buchhändler präsentieren können, WENN DU IHN GEFRAGT HÄTTEST. Bei uns gibt es übrigens NOCH mehr: Felix Rexhausen, „Berührungen“, Peter Rehberg, „Play“, Walter Foelske, „Wahnsinn und Wut“ + „Das innere Zimmer“. Und für diese Bücher gilt das gleiche wie für die von den Kollegen genannten: sie verkaufen sich hundsmiserabel. Tja.

  9. Hallo Peter,

    auch ich mag Kurzgeschichten. Vielleicht müssen sie kurz sein weil ich Bücher oft zu dick finde und nie schaffe 😉

    Habe auch einige Kurzgeschichten selbst geschrieben und veröffentlicht auf gay-friendly.de.

    Lg.
    Michael

  10. Das ist so eine Sache mit kurzen Geschichten. Ich schreibe extra nicht Kurzgeschichten, weil sie bestimmten Kriterien folgen, die zu erfüllen sind. Besser wäre, von Erzählungen und Kurzgeschichten zu reden. Ja, das stimmt, Erzählungen sind schwer verkäuflich, oder sie müssen im Vorab Preise erhalten haben wie Lutz Seiler mit Zeitwaage oder aus dem Amerikanischen stammen, Neil Smith, Bang Crunch z.B. Auch hat Männerschwarm jetzt Piratenherz herausgegeben. Warum Erzählungen/Kurzgeschichten so schlecht verkauft werden, kann ich nicht sagen. Sie enthalten oft keinen Sex, nur frage ich mich, ob Homosexuelle tatsächlich nur Coming-Out-Geschichten oder Sexromane lesen wollen oder ob sie nicht auch gern in besserer Literatur – eben auch in unserer Welt – herumblättern möchten? Eigentlich ist diese so abwechslungsreich, genauso wie die heterosexuelle, so spannend oder auch langweilig, je nach dem. Unser Kreuz besteht darin, dass man in herkömmlichen Buchläden keine rein homosexuellen Bücher anbietet, so dass der Leserkreis begrenzt ist. Man muss sich diese Diskriminierung vor Augen halten, um deren Tragweite zu erkennen. Wenn 5 % der Bevölkerung homosexuell sind und von diesen vielleicht 10 % Bücher lesen, wie das bei Heteros ist, bleibt nur eine geringe Menge von Lesern übrig, und die in den paar Buchläden zum Kauf zu animieren, das klappt kaum. Ich schreibe ich kurze Geschichten, Erzählungen und Kurzgeschichten, lese sie ab und zu in Freundeskreisen vor, meistens sind es ganz normale Leute wie du und ich, und die Geschichten gefallen. Veröffentliche sie, sagt man mir, sie sind spannend ung gut geschrieben. Was nützt es, wenn kein Verlag bereit ist. Ich gebe P. Nathschläger Recht, diese Art der Prosa ist aufregend, weil abwechslungsreich, nicht langatmig wie es oft Romane sind, macht jedenmal nachdenklich und erfreut, wenn die Sprache gekonnt ist. Grüße J. T

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