Noch einmal: Littell: Les Bienveillantes / Die Wohlwollenden

Hajü hat im Oktober (ganz weit unten hier, deshalb kein Kommentar, würde ja kaum jemand finden) schon auf das Buch des in Frankreich aufgewachsenen Amerikaners hingewiesen, auch auf die tolle Resonanz, den dieser Roman in den Feuilletons hervorgerufen hat: Endlich ein Roman über den Nationalsozialismus und seine Verbrechen – aus Sicht der Täter. Und dass der Täter schwul ist, na klar, das wissen wir doch.
Inzwischen hat Littell den Prix Concourt erhalten – die Pressereaktionen sind durchaus vielfältig. (Heute Interview mit dem Autor in der Süddeutschen.) Es lohnt sich, mal zu googlen! Immerhin gibt es jetzt auch Stimmen, die die Verbindung von „Nazi“ und „schwul“ problematisieren. Tilman Krause schreibt in der Welt über den „Nazikitsch“: „Das Stereotyp vom schwulen Nazi wiederum ist gleichfalls aus der Trivial- und Poppkultur bestens bekannt. Attribute wie Ästhetizismus, Libertinage, emotionale Kälte sollen Max Aue (der Held des Romans) zum Nazi-Dandy stempeln – allein, ein solches Dandytum ist unhistorisch.“
Aber trifft das den Kern der Debatte? Kennt man das Stereotyp des schwulen Nazis nur aus der Popp- und Trivialkultur? Oder auch von Weltliteraten von Bert Brecht über Heinrich Böll zu Günter Grass, vor allem aber aus der Politik? Krause will Littell in sensationslüsterne Gefilde, raus aus der Literatur drängen, so mein Eindruck, um den zu banalisieren. Interessanter und eine Analyse wert ist doch die Frage, wieso diese Verbindung „schwul“ und „Nazi“ immer wieder funktioniert, warum sie in den meisten Feuilletons überhaupt nicht in Frage gestellt wird. Die Taz immerhin zitiert einen französischen Kritiker, der diesen Max Aue als „Bauchredner der Geschichtsbücher“ bezeichnet und hält es für „unnötige Fiktion“, dass Littell versucht hat, seine Hauptperson „mit Kotzen, Durchfall, sexueller Perversion und metaphysischen Überlegungen glaubwürdig zu machen“. Aber auch das bedeutet ja: unnötig vielleicht, aber die Mittel, ihn glaubwürdig zu machen, werden ja nicht in Zweifel gezogen.

Und ganz nebenbei: Endlich mal ein Roman aus der Täter-Perspektive? Erinnert sich noch jemand an das Geheul des Feuilletons um und über Thor Kunkels Roman „Endstufe“, diese Art Thriller über die „Sachsenwald-Pornos“, über von Nazis gedrehte Pornofilme zum Zweck der Kriegsfinanzierung? Der bei Rowohlt angekündigt war und dort nicht erscheinen durfte, dann bei Eichborn`kam. Da wurde nicht gejubelt, da überboten sich die Verlage nicht mit Vorschüssen. Kunkel wurde niedergeschrieben. Aber was hat er gemacht. Aus der Perspektive seiner „Nazi-Helden“ hat er die Verbindung von ökonomischer Macht und „biologischer“ Macht (Rassenlehre, Schaffung des neuen „Herrenmenschen“ – eine der Figuren forscht am Hygieneinstitut) und deren zerstörerische Wirkung fokussiert im Bild des heterosexuellen Pornos. Das ging natürlich zu weit!

Ich bin mir nicht sicher. Littell müsste man erst mal lesen (erscheint 2007 auf Deutsch). Frage, schreibe hier sozusagen in Kladde: Sollte man die Reaktionen auf Littell und Kunkel mal vergleichend analysieren?

Über Detlef Grumbach

Detlef Grumbach gehört zum Team von Männerschwarm und arbeitet obendrein als freier Kulturjournalist. Schwule Bücher machen, sie "verkaufen" und Literatur insgesamt beobachten - das soll sich hier niederschlagen.


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2 Gedanken zu „Noch einmal: Littell: Les Bienveillantes / Die Wohlwollenden

  1. Wollen wir eine „Täterperspektive“ als Roman überhaupt lesen?? Siehe auch die Diskussion um das Buch „Wenn ich es getan hätte..“ in den USA! Die Frage des Voyeurismus und er eigenen voyeuristischen Befriedigung stellt sich schon bei Kriminalromanen! 😉

    Homosexuelle Nazis sind genauso Klemmschwestern wie alle andern Klemmschwestern, die „hetero, normal, CDU, SPD, FDP, NPD, Skins“ etc. sind!

    Schwul ist für mich ein Begriff des Bewusstseins, nicht der Fremdzuschreibung, insofern sollten Schwule in solche Diskussionen eingreifen und nicht warten, bis Heterosexuelle neue Bedeutungen über diesen Begriff stülpen! (> Pädophilie = sexueller Kindesmissbrauch)

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