DDR 1979: Dieter Nolls Roman „Kippenberg“

Beschäftige mich gerade noch mal mit der DDR, mit den Spuren, die schwules/homosexuelles Leben in der DDR-Literatur hinterlassen hat. Eigentlich wird hier erst ab den achtziger Jahren „gezählt“. Nun habe ich nochmal Dieter Nolls Roman „Kippenberg“ aus dem Jahr 1979 gelesen, der uns auf Ebene der Handlung ins Jahr 1966 führt …… Und Noll hatte ein Millionen-Publikum!

Olaf Brühls „subjektive Chronik“ unter dem Titel „Sozialistisch und schwul“ (in: Homosexualität in der DDR. Materialien und Meinungen, Biblothek rosa Winkel Bd. 42, 2006) verzeichnet für die 50er bis 70er Jahre lediglich einige Brecht-Aufführungen („Leben König Eduard des Zeiten von England“, Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar“, „Ballade von der Freundschaft“, „Baal“ u.a., auch Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“), Auflagen von Klaus Manns „Wendepunkt“, Werken James Baldwins oder André Gides und Ulrich Berkes Gedichtband „Ikarus über der Stadt“. „Aber wohin tragen wir tags alle Zärtlichkeiten?“, fragt der Lyriker in seinem 1976 erschienenen Gedicht „Orte der Liebe“, in dem er vorsichtig das nächtliche Treiben in den cruising areas andeutet. Sehr vorsichtig.
Bert Thinius nennt in seinem Essay „Erfahrungen schwuler Männer in der DDR und Deutschland-Ost“ (ebenfalls im oben genannten Materialienband) gerade einmal drei wissenschaftliche Titel, die vor 1989 erschienen sind. Er zitiert darüber hinaus Kurt Bachs Lehrbuch „Geschlechtserziehung in der sozialistischen Oberschule“ aus dem Jahr 1974, in dem Bach betont wissenschaftlich-aufklärend und ganz neutral argumentiert, wenn es um Konsequenzen im sozialen Leben geht, aber meint: „Man soll sich nicht mit Homosexuellen befreunden oder ihre Gesellschaft aufsuchen, aber man soll sie auch nicht verunglimpfen.“

Ganz auf der Ebene einer „wissenschaftlichen Weltanschauung“ bewegt sich auch der bislang in diesem Zusammenhang kaum erwähnte Roman „Kippenberg“ von Dieter Noll.

Noll, dessen Roman „Die Abenteuer des Werner Holt. Roman einer Jugend“ (2 Bde. 1960/1963) eine Millionenauflagen erreichte und zur Pflichtlektüre in den DDR-Schulen wurde, erzählt in „Kippenberg“ die Geschichte eines Chemikers (Schwiegersohn des Institutsleiters), der sich in einem System von persönlichen Abhängigkeiten, Parteiräson, Opportunismus und – vielleicht zuletzt – fachlicher Kompetenz bewegt und ein bereits verworfenes, aber wohl doch ganz gutes Produktionsverfahren durchsetzen will. Einer seiner Mitstreiter, Harras, hat ein „exzentrisches Wesen“, von dem niemand wusste, „wie weit es gespielt oder ihm eigen war“. Er nuschelt nur, hat dicke Brillengläser, ist „nicht mehr der Jüngste“, „klein, krumm und schief, als wäre er verwachsen“ und hat „struppiges graues Haar“.

Diese also durchaus wenig sympathisch gezeichnete Figur wird sogleich vom Erzähler (Kippenberg) erläutert: „Zum Verständnis von Harras Persönlichkeit muss hinzugefügt werden, dass er homosexuell ist, was seinen früheren Mangel an Selbstwertgefühl ebenso erklärt wie die menschliche Isolierung und Vereinsamung, in der ich ihn in seinem Kellerlabor aufgestöbert habe.“ Kippenberg will diesen Harras in sein Team integrieren, verweist auf Verfolgungen im Nationalsozialismus und erklärt auf erstaunlich offene Weise: „Der Sozialismus hatte ihm die längst fällige Entkriminalisierung, nicht aber ein Ende unwürdiger und unberechtigter Diskriminierung gebracht.“

Es folgt eine Darstellung von Vorurteilen über homosexuelles Leben („die ich selbst erst während meiner wissenschaftlichen Laufbahn überwand“), setzt die Erscheinungsformen dieses Lebens (Promiskuität, keine Beziehungen, Prostitution, …) jedoch in Beziehung zur Unterdrückung, erklärt sie als deren Folge. So können sie auch überwunden werden. Um ihn ins soziale Gefüge des Forschungsteams zu integrieren, so Kippenberg, mussten „wir die Problematik seiner Triebdeviation offen diskutieren, um jede Diskriminierung ein für alle Male zu unterbinden“. Und so geschieht es dann auch im Roman, wie Harras lebt, seine eigene Perspektive, bleibt jedoch bis auf telegrammstilhaft vorgetragene Basis-Informationen (lebt mit einem Bibliothekar zusammen, in fester, harmonischer Beziehung, also alles andere als die Vorurteile beinhalten) ausgeblendet.

Sensationell ist diese Entdeckung nicht. Aber der „Vollständigkeit“ halber doch ganz interessant. Und immerhin – auch ein paar deutliche Worte! Die im Text verborgene Kritik hätte ich dem Autor 1979 kaum zugetraut. Insgesamt unterstreicht Noll (wohl als Hetero – oder?) bis hin in die Figuren und die Sprache den von „wissenschaftlicher Weltanschauung“ geprägten Umgang mit dem Thema in der DDR (bis in die achtziger Jahre, wo die Tagungen „Psychosoziale Aspekte der Homosexualität“ von der Sektion Andrologie der Gesellschaft für Dermatologie und der Sektion Ehe und Familie der Gesellschaft für Sozialhygiene für einen emanzipatorischen Schub sorgen sollten): Zur Kenntnis nehmen, wie Schwule leben, persönliche Auseinandersetzung mit diesem Leben, Akzeptanz womöglich auf diese Ebene des konkreten Lebens: bei Noll bei allem Fortschritt noch Fehlanzeige.

Über Detlef Grumbach

Detlef Grumbach gehört zum Team von Männerschwarm und arbeitet obendrein als freier Kulturjournalist. Schwule Bücher machen, sie "verkaufen" und Literatur insgesamt beobachten - das soll sich hier niederschlagen.


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Ein Gedanke zu „DDR 1979: Dieter Nolls Roman „Kippenberg“

  1. Jetzt entdecke ich, dass Thinius den Roman doch erwähnt, als „für alle deutliche Aufforderung zur Toleranz“. Sorry.

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