Partystimmung mit schwulem Massenmörder

Ungebrochen virulent ist das Klischee des schwulen Nazis. Konnte man vor kurzem in den Feuiletons hierzulande erleben, dass die Mitgliedschaft in der Waffen-SS zur Promotion eines Bestsellers ein wunderbar taugliches Mittel ist, so toppt ein Phänomen in Frankreich diese (Werbe-)Kampagne noch: Jonathan Littell schrieb mit „Les bienveillantes“ (erschienen bei Gallimard) einen Mega-Bestseller, den der Verlag jeweils 100.000-fach nachdruckt. Protagonist und Erzähler in Littells Roman ist ein SS-Einsatzgruppenleiter, Max Aue: Stalingrad, Massaker an jüdischen Ukrainern, Verehrer Ernst Jüngers, Muttermörder – und stockschwul! Endlich ein Bericht aus der Täterperspektive, jubelt das Feuilleton,die „erregende Geschichte eines SS-Offiziers, der aus der Ich-Perspektive den Massenmord der Nazis erzählt“ sieht das Nachrichtenmagazin focus in dem Roman und titelt gleich: „Verleger in Partystimmung“ – anlässlich des Verkaufs der deutschen Rechte an den Berlin Verlag.

Die Welt findet es bemerkenswert, dass der Erzähler im Gegensatz zu Grass seine SS-Mitgliedschaft nicht bedauert, sondern „mit sachlicher Kühle von seinem Beitrag zur ‚Endlösung'“ berichtet – und suhlt sich sodann im Schwulen: Er „heiratet, was ihn nicht hindert, weiterhin seinen homosexuellen Vorlieben zu frönen: ‚Den Hintern voll Sperma‘, erinnert er sich nostalgisch, ‚entschloss ich mich, in den Sicherheitsdienst einzutreten‘.“

Ähnlich wird der Roman in Frankreich aufgenommen. Der Figaro urteilt „ce livre est une révélation littéraire“ und der Nouvel Observateur psychologisiert: „il lutte pour cacher sa vraie nature : Max est homosexuel.“ Allein die NZZ spielt nicht mit:Jonathan Littells Bestseller ‚Les Bienveillantes‘ erzeugt einen üblen Nachgeschmack“; deren Autor Jürgen Ritter ist der einzige, dem die Verbindung schwul und SS unangenehm aufstößt: „… was aber nicht unbedingt mit seiner – auch dieser Zug fehlt nicht im Tableau – krampfhaft unterdrückten Homosexualität zu tun hat.“

Aber zum Glück handelt es sich im Fall der „Bienveillantes“ ja nur um Fiktion. Eine authentische Biografie eines SS-Einsatzleiters, der sich seiner Verbrechen rühmt, ist einfach (noch?) nicht zu vermarkten. Und was die Verbindung schwul und Nazi betrifft: Womit soll man schließlich noch Sensationen hervorkitzeln, wenn die bloße Waffen-SS-Mitgliedschaft schon ausgereizt ist.

Ein Gedanke zu „Partystimmung mit schwulem Massenmörder

  1. 400.000 Euro soll der Berlin Verlag für die deutschen Rechte bezahlt haben – ein anderer deutscher Verlag soll sogar 100.000 Euro mehr geboten haben.
    Angeblich war es Littell nicht unbedingt aufs Geld angekommen, sondern hatte die Verlage gebeten, sich mit Auskünften über das jeweilige Verlagshaus, die Verkaufsstrategien und anderen Titel und Autoren des Verlages zu bewerben.
    Ein Schnäppchen waren die Rechte für den Berlin Verlag dennoch nicht. Ich kann mir kauf vorstellen, dass das 1000-Seiten-Werk (so dick wird die deutsche Übersetzung werden) sich in solch hoher Stückzahl verkaufen wird, um die Kosten wieder einzuspielen.

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